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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 43
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Fünfhundertundachtundsiebzigste Nacht.

Hierauf ließ der Fürst der Gläubigen die Schätze vor sich bringen und verteilte sie unter die Moslems, wobei er sprach: »Keinem verlieh Gott, was er Salomo, dem Sohne Davids, verlieh.« Der Emir Mûsa aber bat den Fürsten der Gläubigen seinen Sohn an seiner Statt als Statthalter über seine Provinz einzusetzen, damit er sich selber nach der heiligen Stadt Jerusalem begeben könne, um daselbst Gott anzubeten; und der Fürst der Gläubigen setzte ihn ein, worauf er sich auf den Weg nach der heiligen Stadt machte, in der er starb.

Das ist alles, was von der Geschichte der messingnen Stadt auf uns gekommen ist, und Gott weiß es besser.

Von der argen Weiberlist. Diese Gruppe Geschichten geht auf ein sehr altes persisches Werk zurück, welches unabhängig von Tausend und einer Nacht unter dem Titel Sindibâd-nâmeh existierte. Dasselbe wurde bereits im 11. Jahrhundert unter dem Titel Syntipas aus dem Syrischen ins Griechische und im 12. Jahrhundert als Mischlê Sandebar ins Hebräische übersetzt.

Ferner kam uns zu Ohren, daß in alten Zeiten und längst entschwundenen Tagen unter den Königen der Zeit ein König lebte, der zahlreiche Truppen und Trabanten hatte und reich an Geld und Gut war, jedoch schon beträchtliche Jahre zählte, ohne daß ihm ein Sohn zu teil geworden wäre. Beunruhigt hierüber, wendete er sich an des Propheten – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – Fürsprache bei Gott, dem Erhabenen, und flehte Ihn bei dem Ruhm der Propheten und der Heiligen und Märtyrer von Seinen erhöhten Dienern an, daß er ihm einen Sohn schenkte, der das Reich nach seinem Tode erbte und seines Auges Kühlung sei. Alsdann erhob er sich zur selbigen Zeit und Stunde und begab sich in sein Wohnzimmer, worauf er nach seiner Base schickte und bei ihr ruhte. Sie aber ward mit Gottes, des Erhabenen, Erlaubnis schwanger und verbrachte die Monde, bis daß die Zeit ihrer Niederkunft nahte und sie ein Knäblein gebar mit einem Antlitz gleich der Scheibe des Mondes in der vierzehnten Nacht. Nachdem der Knabe bis zu seinem fünften Lebensjahr auferzogen war, übergab ihn der König einem kundigen Weisen, Namens Sindbad, welcher ihn nach vollendetem zehnten Jahre in den Wissenschaften und der Litteratur unterrichtete, bis der Knabe in seiner Zeit seinesgleichen nicht fand an Kenntnissen, Bildung und Geist. Hierauf ließ er ihm eine Anzahl arabischer Ritter kommen, die ihn in der Reitkunst unterwiesen, bis er sein Roß meisterlich auf der Rennbahn tummelte und jegliches Volk seiner Zeit und alle Altersgespielen übertraf. Da begab es sich eines Tages, daß jener Weise dem Jüngling das Horoskop stellte und in den Sternen geschrieben fand, daß er sterben müßte, wenn er während sieben Tagen ein einziges Wort redete. Da begab sich der Weise zu seinem Vater dem König und teilte ihm den Fall mit, worauf der König ihn fragte: »Was ist zu raten und zu thun, o Weiser?« Der Weise erwiderte: »O König, mein Rat und meine Meinung gehen dahin, daß du ihn für die sieben Tage an einem Ort unterbringst, wo er sich vergnügen kann und allerlei Musik zu hören bekommt.« Die Breslauer Ausgabe spinnt die Einleitung viel weiter aus. Nach ihr bleibt der Prinz für sieben Tage stumm, ohne daß der König den Grund ahnt, was besser zum folgenden paßt. Da schickte der König nach einer seiner vertrautesten Sklavinnen, welche die Schönste aller Sklavinnen war, und sagte zu ihr, indem er ihr seinen Sohn übergab: »Nimm deinen Herrn ins Schloß, bring ihn bei dir unter und laß ihn erst nach Verlauf von sieben Tagen heraus.« Und so nahm denn die Sklavin den Knaben bei der Hand und führte ihn in das betreffende Schloß, welches vierzig Gemächer hatte, in deren jedem zehn Sklavinnen wohnten, von denen eine jede ein Musikinstrument so schön zu spielen verstand, daß das ganze Schloß von ihren süßen Weisen tanzte. Ringsum das Schloß aber lief ein Fluß, dessen Ufer mit allerlei Obstbäumen und duftigen Blumen bepflanzt waren. Nun war jener Knabe von unbeschreiblicher Schönheit und Anmut, und es begab sich eines Nachts, daß ihn die Lieblingsbeischläferin seines Vaters erblickte und sich so heftig in ihn verliebte, daß sie die Herrschaft über sich verlor und sich auf ihn warf. Der Knabe sagte jedoch: »So Gott will, der Erhabene, werde ich dies, wenn ich diesen Ort verlasse, meinem Vater mitteilen, daß er dich tötet.« Da begab sich die Sklavin zum König und warf sich weinend und schluchzend auf ihn, so daß er sie fragte: »Was giebt's, Sklavin? Was macht dein Herr? Ist er gesund?« Sie versetzte: »O mein Gebieter, siehe, mein Herr stellte mir nach und wollte mich umbringen, als ich ihn abwies. Ich floh vor ihm und will nie wieder zu ihm in das Schloß zurückkehren.« Als sein Vater diese Worte vernahm, ließ er in heftigem Zorn seine Wesire zu sich entbieten und befahl ihnen, seinen Sohn zu töten. Da sprachen sie zu einander: »Der König verlangt wohl jetzt den Tod seines Sohnes, hat er ihn aber töten lassen, so wird er es ganz gewiß bereuen, da er ihn sehr lieb hat, und er ihm erst, nachdem er bereits alle Hoffnung aufgegeben hatte, geschenkt wurde. Und er wird euch dann tadeln und wird zu euch sagen: Warum habt ihr mir nicht abgeraten ihn zu töten?« So kamen sie überein, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, und der erste Wesir sprach: »Ich will heute für euch gegen des Königs Zorn einstehen.« Hierauf erhob er sich und trat zum König ein, den er, nachdem er sich vor ihn gestellt hatte, um Erlaubnis zum Reden bat. Als der König ihm die Erlaubnis hierzu erteilt hatte, sprach er zu ihm: »O König, wären dir auch tausend Söhne verliehen, so würdest du doch nicht deiner Leidenschaft folgen und einen von ihnen auf die Worte einer Sklavin hin, sei es, daß sie die Wahrheit gesprochen oder gelogen hätten, töten. Vielleicht ist dies nur eine List, die sie gegen deinen Sohn geschmiedet hat.« Da fragte der König: »Ist dir etwas von der Arglist der Weiber zu Ohren gekommen, o Wesir?« Der Wesir erwiderte: »Jawohl, o König.

 

Der König und das Weib seines Wesirs.

Es lebte einmal unter den Königen der Zeit ein König, welcher in die Weiber verliebt war. Als dieser König eines Tages in stiller Einsamkeit in seinem Schlosse saß, fiel sein Auge mit einem Male auf eine schöne, liebreizende Frau, welche sich auf dem Dach ihres Hauses befand. Sie sehen und lieben war eins, und so erkundigte er sich nach jenem Hause, worauf man ihm sagte: »Das ist das Haus deines Wesirs N. N.« Da erhob er sich sofort und ließ den Wesir zu sich entbieten. Als der Wesir vor ihm erschien, befahl er ihm nach einer der Provinzen des Königsreichs zu verreisen, um dieselbe zu inspizieren und dann wieder zurückzukehren. Der Wesir machte sich nach des Königs Geheiß auf den Weg, und, als er abgereist war, betrat der König unter einem Vorwand das Haus des Wesirs. Sobald die Frau ihn erblickte, erkannte sie ihn und, schnell auf die Füße springend, küßte sie ihm Hände und Füße und hieß ihn willkommen. Dann stellte sie sich fern von ihm hin, sich mit seiner Bedienung zu schaffen machend, und sagte zu ihm: »O mein Gebieter, was ist die Ursache deines gesegneten Kommens, einer für mich zu hohen Ehre?« Er erwiderte: »Liebe und Sehnsucht haben mich zu dir getrieben.« Da küßte sie zum andernmal die Erde vor ihm und sagte: »O unser Gebieter, ich bin nicht wert die Magd eines der Diener des Königs zu sein, woher sollte mir da solch großes Glück zu teil werden, daß ich so hohen Rang bei dir einnähme?« Wie nun der König die Hand nach ihr ausstreckte, versetzte sie: »Das entgeht uns nicht; gedulde dich daher, o König, und verweile den ganzen Tag über bei mir, daß ich dir etwas zum Essen zubereite.« Da setzte sich der König auf das Polster seines Wesirs, während die Frau fortging und ihm ein Buch brachte, damit er darin läse, bis sie ihm das Mahl zurecht gemacht hätte. Wie nun aber der König das Buch nahm und darin las, fand er in ihm Ermahnungen und Sittenregeln, die ihn vom Ehebruch abhielten und sein Gelüst nach der Sünde dämpften. Als sie ihm die Speisen bereitet hatte, trug sie ihm dieselben auf, und die Anzahl der Schüsseln betrug ihrer neunzig. Der König aß von jeder Schüssel einen Löffel voll, doch fand er, daß alle Speisen, wiewohl von verschiedener Art, doch denselben Geschmack hatten. Aufs äußerste hierüber verwundert, sagte er zu ihr: »O Frau, ich sehe so viel verschiedene Gerichte, doch haben sie alle einen und denselben Geschmack.« Die Frau erwiderte: »Gott beglücke den König! Dies ist ein Gleichnis, das ich für den König zur Belehrung gemacht habe.« – »Und was bedeutet es?« fragte der König. Sie versetzte: »Gott helfe unsern Herrn dem König wieder zum Rechten! Siehe, in deinem Schlosse leben neunzig Beischläferinnen von verschiedener Farbe, doch ist ihr Geschmack ein und derselbe.« Als der König diese Worte von ihr vernahm, erhob er sich beschämt und verließ sofort, ohne ihr irgend welchen Schimpf anzuthun, das Haus in solcher Verwirrung, daß er seinen Siegelring bei ihr unter dem Kissen, auf dem er gesessen hatte, vergaß. Wie er nun wieder in seinem Schlosse saß, traf der Wesir auch schon ein und begab sich zum König. Nachdem er die Erde vor ihm geküßt und ihm Bericht erstattet hatte, ging er heim und setzte sich auf sein Polster, wobei er die Hand unter das Kissen steckte und den Siegelring des Königs darunter fand. Da betrübte er sich schwer und enthielt sich seines Weibes ein ganzes Jahr, indem er nicht einmal mit ihr sprach, ohne daß sie seines Zornes Ursache kannte.

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