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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 41
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Fünfhundertundsechsundsiebzigste Nacht.

Als der Emir Mûsa dieses Mädchen sah, verwunderte er sich höchlichst über ihre Anmut und war ganz verwirrt von ihrer Schönheit, ihren roten Wangen und ihrem schwarzen Haar, wodurch der Beschauer sie für lebend und nicht tot halten mußte; und die Leute begrüßten sie und sprachen zu ihr: »Frieden sei auf dir, o Mädchen!« Da sagte jedoch Tâlib bin Sahl: »Gott helfe dir! Wisse, dieses Mädchen ist tot und ohne Leben; wie sollte sie also den Salâm erwidern? Dies ist nur ein kunstvoll präparierter Leichnam, dessen Augen nach dem Tode herausgenommen und nach Füllung der Höhlen mit Quecksilber wieder eingesetzt wurden, so daß sie blitzen und blinken und es dem Beschauer vorkommt, als blinzle sie mit den Lidern.« Da rief der Emir Mûsa: »Preis sei Gott, welcher die Menschen dem Tode unterworfen hat!« Das Sofa aber, auf welchem das Mädchen lag, hatte Stufen, auf welchen zwei Sklaven, ein weißer und ein schwarzer, standen, von denen der eine eine Keule aus Stahl und der andere ein edelsteinbesetztes Schwert hielt, das den Blick blendete. Zwischen beiden stand eine goldene Tafel mit folgender Inschrift: Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen! Gelobt sei Gott, der Schöpfer der Menschen, der da ist der Herr der Herren, der Ursachen Verursacher. Im Namen Gottes, des Unvergänglichen, Ewigen! Im Namen Gottes, des Vorausbestimmers des Schicksals und Verhängnisses! O Menschenkind, was hat dich bethört in deinem langen Hoffen, und was hat dich deines Lebens Ende vergessen lassen? Weißt du nicht, daß der Tod dich in Bälde ruft und herbeieilt deine Seele zu packen? Darum rüste dich zur Fahrt und versorge dich mit Proviant aus der Welt, die du binnen kurzem verlassen mußt. Wo ist Adam, der Vater der Menschen? Wo Noah mit seinen Sprossen? Wo sind die Chosroenkönige und wo die Cäsaren? Wo sind die Könige von Indien und vom Irâk? Wo sind die Könige der Welt, wo die Amalekiter und die alten Recken? Ihre Wohnungen stehen leer, und verlassen haben sie ihre Sippen und Heimstätten. Wo sind die Könige von Adschamland und von Arabien? Gestorben sind sie allzumal und verfault und verwest. Wo sind die hochmögenden Herren? Alle sind sie tot. Wo ist Kârûn und Hâmân? Kârûn ist der Korah der Bibel. Vgl. Sure 28, wo Haman ebenfalls zum Zeitgenossen Pharaos gemacht wird. Wo Schaddâd, der Sohn Ads, wo Kanaan und Zul-Autâd? Zul-Autâd, der Herr der Zeltpflöcke, ist Pharao, Sure 38, 11; so genannt, sei es wegen seines Starrsinns oder weil er die Leute zu foltern pflegte, indem er ihnen Hände und Füße an Pfähle band. Bei Gott, der Schnitter des Lebens zerschnitt ihren Odem und vereinsamte ihr Haus. Und ob sie sich wohl Proviant verschafften für den Tag der Heimkehr und sich die Antwort bereiteten für den Herrn der Menschen? O du, so du mich nicht kennest, so will ich dir nennen meinen Namen, ich bin Tadmura, So die Breslauer Ausgabe. Nach der Kalkuttaer und Bûlâker: Tarmus, Sohn der Tochter der Amalekiterkönige. Tadmura, Erbauerin der Stadt Tadmor (Palmyra). die Tochter der Amalekiterkönige, jener Könige, welche die Lande in Gerechtigkeit beherrschten. Ich nannte mein, was kein König sein eigen nannte, und herrschte in Gerechtigkeit und Unparteilichkeit über die Unterthanen; ich gab den Sklavinnen und Sklaven die Freiheit, bis mich plötzlich der Tod überfiel und das Verderben mich heimsuchte. Und also geschah's: Sieben Jahre hintereinander fiel kein Regen vom Himmel und kein Grün sproßte auf der Erde, so daß wir uns, nachdem wir alle unsere Vorräte aufgebraucht hatten, an unser Vieh machten und es verzehrten, bis uns nichts mehr übrig geblieben war. Alsdann ließ ich all meine Schätze vor mich bringen und mit Maßen messen, worauf ich zuverlässige Leute mit dem Geld nach Lebensmitteln ausschickte. Doch wiewohl sie alle Länder durchzogen und alle Städte aufsuchten, fanden sie nichts und kehrten nach langer Abwesenheit wieder zu uns zurück. Da breiteten wir all unser Geld und unsere Schätze aus und verriegelten die Thore der Burgen unserer Stadt, uns dem Beschluß unsers Herrn anheimgebend und unser Schicksal unserm König überlassend. So starben wir allzumal, wie du uns hier schaust, und ließen zurück, was wir bauten und aufspeicherten. Solches ist unsere Geschichte, und von dem Wesen blieb nur die Spur.

Unten am Fußende der Tafel fanden sie dann noch folgende Verse geschrieben:

O Menschenkind, laß dich nicht von deiner Hoffnung verspotten,
Denn alle Schätze, die deine Hände zusammengescharrt, mußt du verlassen.
Ich schaue dich hängen an der Welt und ihrem eitlen Tand,
Doch so wie du thaten Völker und Völker von dir.
Schätze erwarben sie zu Recht und durch Raub und Gewalt,
Doch hemmten sie nicht das Schicksal, als ihre Stunde schlug.
Truppen führten sie an in Scharen und häuften Reichtümer an,
Doch mußten sie die Schätze verlassen und aus ihren Häusern ziehn.
Zu den engen Gräbern mußten sie fahren und sich im Staube betten.
In dem sie nun ruhen als Pfand für all ihre Werke.
Einer Karawane gleich, die ihr Gepäck ablud zur Nacht
In einem Haus, das keine Gäste beherbergt,
Und dessen Herr zu ihnen spricht: Ihr Leute, hier ist kein Platz für euch;
So packten sie wieder auf, nachdem sie erst eben abgestiegen waren,
Und wurden alle furchtsam und verzagt
Und hatten weder Freude am Einkehren noch am Aufbrechen.
Drum verschaffe dir guten Proviant, der dich kommenden Tages erfreut.
Und lebe nur in der Furcht deines Herrn.

Der Emir Mûsâ weinte als er diese Worte vernahm. Dann las er weiter: »Bei Gott, Gottesfurcht ist aller Dinge bestes, die Gewähr und der festeste Pfeiler. Und der Tod ist die offenkundige Wahrheit und die gewisse Verheißung, und in ihm, o du, ist das Asyl und letzte Ziel. Nimm dir daher eine Lehre an denen, die vor dir in den Staub fuhren und die Straße der Heimkehr eilig zogen. Siehst du nicht, daß dich die grauen Haare zur Grube rufen, und daß deine weißen Locken deines Lebens Los betrauern? Darum wache und sei bereit zur Fahrt und zur Rechenschaft. O Menschenkind, was hat dein Herz verhärtet und dich bethört, daß du deinen Herrn vergissest? Wo sind die Völker alter Zeiten? Sie sind eine Lehre für alle, die sich belehren lassen. Wo sind Chinas Könige und die mächtigen und gewaltigen Herren? Wo ist Ad, der Sohn Schaddâds, und all seine Bauten? Wo ist Nimrod, der Rebell und Gottesverächter? Wo ist Pharao, der Verleugner und Gottesverwerfer? Allen folgte der Tod auf der Spur und rang sie nieder, weder Groß noch Klein verschonend, weder Mann noch Weib. Der Schnitter des Lebens schnitt ihnen den Odem ab, so wahr der Herr lebt, der die Nacht folgen lässet dem Tag! Wisse, der du kommst an diesen Ort, und mich hier schaust, nicht ließ ich mich verführen von der Welt und ihren eitlen Freuden, denn sie ist voll Trug und Falsch, ein Haus der Zerstörung und Verblendung; und Heil dem Menschen, der seiner Sünde gedenkt, der seinen Herrn fürchtet, der rechtschaffen ist in seinem Treiben und Thun und sich Proviant bereitet für den Tag der Heimkehr! Wer nun zu unserer Stadt kommt und sie mit Gottes Hilfe betritt, der nehme so viel Gut mit sich als er nur vermag, doch rühre er nichts an meinem Leibe an, denn es ist die Hülle meiner Scham und meine Ausstattung für meine Fahrt aus der Welt; darum fürchte er Gott und raube nichts davon, daß er sich nicht selber verderbe. Dies habe ich als eine Warnung für ihn aufgestellt, und als ein Unterpfand ihm anvertraut. Frieden auf euch, und ich bitte Gott euch vor Unheil und Krankheit zu schützen.

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