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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 36
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
projectidbbb389ae
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Der Sandelholzhändler und die Spitzbuben

»Mir kam zu Ohren, daß einmal ein sehr reicher Kaufmann lebte, welcher viel reiste und alle Städte aufsuchte. Einmal wollte er wieder nach einer Stadt reisen und fragte deshalb die Leute, die von dort kamen: »Welche Ware bringt dort guten Gewinn ein?« Die Leute antworteten ihm: »Sandelholz, denn es hat dort einen hohen Preis.« Da kaufte er für all sein Geld Sandelholz ein und reiste nach jener Stadt, bei welcher er, als er gegen Abend dort eintraf, einer Frau begegnete, welche ihre Schafe vor sich hertrieb. Als die Frau den Kaufmann erblickte, fragte sie ihn: »Wer bist du, Mann?« Er antwortete: »Ich bin ein fremder Kaufmann.« Da sagte sie zu ihm: »Nimm dich vor den Leuten dieser Stadt in acht, denn es sind verschlagene Spitzbuben, die den Fremdling begaunern, um ihn in ihre Finger zu bekommen und sein Gut zu fressen. Mein Rat ist gut.« Mit diesen Worten verließ sie ihn.

Am nächsten Morgen begegnete er einem Mann aus der Stadt, der ihn begrüßte und fragte: »Mein Herr, woher kommst du?« Er versetzte: »Ich komme aus der und der Stadt.« – »Und was für Waren hast du mitgebracht?« Der Kaufmann erwiderte: »Sandelholz, denn ich vernahm, daß es bei euch Wert hat.« Der Mann entgegnete ihm jedoch: »Wer dir dies riet, irrte sich, denn wir brennen unter unsern Kochtöpfen kein anderes Holz als Sandelholz, und es hat denselben Wert bei uns als ganz gewöhnliches Brennholz.« Als der Kaufmann den Städter so reden hörte, seufzte er voll Reue und schwankte zwischen Glauben und Unglauben. Hierauf kehrte er in einem der Chane der Stadt ein und machte zur Nacht unter seinem Topf ein Feuer von Sandelholz an. Als jener Mann dies sah, fragte er ihn: »Willst du mir dein Sandelholz verkaufen und für jedes Maß nehmen, was deine Seele verlangt?« Da versetzte der Kaufmann: »Ich verkaufe es dafür,« worauf der Mann alles Sandelholz, das er mit sich gebracht hatte, nach seiner Wohnung schaffte, während der Verkäufer von dem Käufer dieselbe Quantität Gold zu fordern beabsichtigte. Am nächsten Morgen wanderte der Kaufmann durch die Stadt und traf hierbei einen blauäugigen Menschen an, der ebenfalls zu den Bewohnern jener Stadt gehörte und nur ein Auge hatte. Da hängte sich derselbe an den Kaufmann und rief: »Du bist's, der mir mein Auge gestohlen hat, nun laß ich dich nicht mehr los.« Der Kaufmann leugnete es und sagte: »Das ist unmöglich,« während sich die Leute um den Einäugigen versammelten und ihn baten, sich bis morgen mit der Entschädigung für sein Auge zu gedulden, worauf der Kaufmann ihm einen Bürgen stellte, damit sie ihn losließen. Hierauf schritt der Kaufmann weiter; da aber seine Sandalen in dem Handgemenge mit dem Einäugigen zerrissen waren, blieb er bei dem Laden eines Schuhflickers stehen und gab sie ihm mit den Worten: »Flicke sie, du sollst dafür von mir einen dich zufriedenstellenden Lohn erhalten.« Hierauf ging er wieder weiter, als er mit einem Male auf Leute stieß, welche dasaßen und spielten. Da setzte er sich aus Gram und Kummer zu ihnen und spielte auf ihre Einladung hin mit ihnen, bis sie ihn überkamen und ihm die Wahl ließen entweder den Strom auszusaufen oder all sein Geld herauszurücken.Man denke hierbei an ein Pfänderspiel mit ähnlichen scherzhaften Pfänderauslösungen wie bei uns, welche von den Schelmen jedoch für Ernst genommen werden. Da bat der Kaufmann sie, ihm bis morgen Frist zu gewähren, und ging bekümmert, ohne zu wissen, was mit ihm werden sollte, weiter. In Gedanken versunken, vergrämt und bekümmert, setzte er sich an einem Platz nieder, als mit einem Male wieder die Alte an ihm vorüberkam. Als sie den Kaufmann erblickte, sagte sie zu ihm: »Es scheint, die Leute hier in der Stadt haben dich doch unter ihre Finger bekommen, denn ich sehe dich bekümmert über dein Mißgeschick.« Da erzählte er ihr alle seine Erlebnisse von Anfang bis zu Ende, worauf sie versetzte: »Was den anlangt, der dich mit dem Sandelholz geprellt hat, so wisse, daß jedes Pfund Sandelholz bei uns zehn Dinare Wert hat; ich will dir jedoch einen Rat geben, durch den du dich, wie ich hoffe, wieder befreien kannst; begieb dich zu dem und dem Thor, dort sitzt ein blinder Scheich, der klug und weise, reich an Jahren und erfahren ist, und den alle Leute aufsuchen und in ihren Angelegenheiten um Rat fragen, worauf er ihnen vortrefflichen Rat erteilt, da er in Listen, Zauberei und Betrügerei wohl bewandert ist. Er ist ein Spitzbube, bei dem sich die Spitzbuben des Nachts zu versammeln pflegen. Geh deshalb zu ihm und verbirg dich vor deinen Gegnern, daß du sie unbemerkt belauschen kannst, denn er wird ihnen sagen, wer der Preller und der Geprellte ist, und so hörst du vielleicht einen Vorwand, mit Hilfe dessen du dich von deinen Gegnern befreien kannst.«

Sechshundertundvierte Nacht

Da begab sich der Kaufmann zu dem Ort, den sie ihm genannt hatte, und verbarg sich dort in der Nähe des Scheichs. Nicht lange währte es, da kamen auch schon die Leute, die ihn zu ihrem Richter zu nehmen pflegten, begrüßten ihn und setzten sich rings um ihn, während der Scheich ebenfalls einen nach den andern begrüßte; der Kaufmann aber fand unter der Schar der Anwesenden auch seine vier Gegner heraus. Nachdem der Scheich ihnen etwas zum Essen vorgesetzt hatte und sie gegessen hatten, hob jeder von ihnen an, ihm seine Erlebnisse vom Tage vorzutragen; und so trat denn auch der Sandelholzkäufer vor und erzählte dem Scheich, wie er an diesem Tage von einem Manne Sandelholz unter seinem Preis gekauft hätte und mit ihm übereingekommen sei dafür ein MaßSolche Ungenauigkeiten wie hier wiederholen sich vielfach in den Nächten. voll irgend etwas, was er nur begehren würde, zu zahlen. Da versetzte der Scheich: »Dein Kontrahent hat dich geprellt.« – »Wie ist das möglich?« fragte der Schelm. Der Scheich erwiderte: »Wenn er zu dir sagt: Ich will das Maß voll Gold oder Silber, wirst du es ihm dann geben?« – »Gewiß,« versetzte der andere, »denn ich gewinne trotzdem noch.« – »Wie aber, wenn er zu dir sagt: Ich will das Maß voll Flöhe haben, zur Hälfte Männchen und zur Hälfte Weibchen; was willst du dann thun?« Da erkannte er, daß er der Hereingefallene war. Hierauf trat der Einäugige vor und sprach: »O Scheich, ich traf heute einen Mann mit blauen Augen, der in unserer Stadt fremd war; da fing ich einen Streit mit ihm an, und sagte zu ihm, indem ich ihn festhielt: »Du hast mir mein Auge gestohlen;« und ließ ihn nicht eher los, als bis sich eine Anzahl für ihn verbürgte, daß er zu mir zurückkehren und mich für mein Auge entschädigen würde.« Da versetzte der Scheich: »Wenn er will, bist du der Hereingefallene.« – »Wie ist das möglich?« fragte der Einäugige. Der Scheich erwiderte: »Er könnte zu dir sagen: Reiß dein Auge aus, dann will ich auch mein Auge ausreißen; wir wollen dann beide Augen wiegen, und wenn mein Auge ebenso schwer wie das deinige ist, so hast du recht. Auf diese Weise schuldetest du ihm das Sühngeld für sein Auge und du wärest ganz blind, während er wenigstens noch auf seinem andern Auge sehen könnte.« Da sah der Einäugige, daß der Kaufmann ihn durch diese Ausrede hereinlegen konnte. Nun trat der Schuhflicker vor und sprach: »O Scheich, ich sah heute einen Mann, der mir seine Sandalen gab und zu mir sagte: Flicke sie mir. Da fragte ich ihn: Wirst du auch zahlen? Er versetzte: »Flicke sie nur, ich will dir schon so viel geben, daß du zufrieden sein sollst; nun aber will ich mich nur mit all seinem Geld zufrieden geben.« Der Scheich versetzte jedoch: »Wenn er will, nimmt er seine Sandalen von dir, ohne dir das Geringste zu bezahlen.« Da fragte ihn der Schuhflicker: »Wie wäre das möglich?« Und der Scheich erwiderte: »Er wird zu dir sprechen: Des Sultans Feinde sind in die Flucht geschlagen, seine Widersacher sind schwach geworden und seine Kinder und Helfer haben sich vermehrt. Wirst du damit zufrieden sein oder nicht? Sagst du: »Ich bin zufrieden,« so nimmt er seine Sandalen und geht fort; sagst du aber »Nein,« – so nimmt er seine Sandalen und schlägt dir damit ins Gesicht und auf den Kopf.« Da merkte der Schuhflicker, daß er hereingefallen war. Schließlich trat der Mann vor, der mit ihm das Pfänderspiel gespielt hatte und sprach: »O Scheich, ich traf einen Mann und legte ihn beim Spiel herein, worauf ich zu ihm sagte: »Entweder trinkst du den Strom hier aus, und ich gebe dir all mein Geld, oder du thust es nicht und giebst mir all das deinige.« Der Scheich versetzte: »Wenn er dich hereinlegen will, so ist er dazu imstande.« Da fragte der Spieler: »Wie wäre das möglich?« Und der Scheich erwiderte: »Er wird zu dir sagen: Halt' für mich seine Mündung mit der Hand und reiche sie mir, dann will ich ihn austrinken; da du dies aber nicht vermagst, so legt er dich durch diese Ausrede herein.« Als der Kaufmann dies vernahm, wußte er, wessen er gegen seine Widersacher bedurfte und ging zugleich mit den andern nach Hause. Am nächsten Morgen erschien zuerst der Spieler bei ihm, der ihn verpflichtet hatte, den Strom auszutrinken; der Kaufmann aber sagte zu ihm: »Reiche mir die Mündung des Stroms, dann will ich ihn austrinken;« da er dies nicht vermochte, sah er sich vom Kaufmann übertrumpft und mußte nun sich selber mit hundert Dinaren auslösen. Als er fortgegangen war, kam der Schuhflicker an und verlangte von ihm zufriedengestellt zu werden. Da sprach der Kaufmann: »Der Sultan hat seine Feinde besiegt und seine Widersacher vernichtet, und seine Kinder sind zahlreich geworden. Bist du zufrieden oder nicht?« Der Schuhflicker versetzte: »Jawohl, ich bin zufrieden,« worauf der Kaufmann seine Sandalen nahm, ohne etwas dafür zu bezahlen. Nachdem der Schuhflicker fortgegangen war, kam der Einäugige und verlangte von ihm das Sühngeld für sein Auge, worauf der Kaufmann versetzte: »Reiß dein Auge aus, dann will ich auch das meinige ausreißen; wir wollen dann beide wiegen, und so beide Augen gleich schwer sind, hast du die Wahrheit gesprochen und sollst du das Sühngeld für dein Auge empfangen.« Da sagte der Einäugige: »Laß mir Zeit,« und verglich sich mit dem Kaufmann für hundert Dinare. Nach seinem Fortgang kam der Sandelholzkäufer und sagte zu ihm: »Nimm den Preis für dein Sandelholz.« Da fragte ihn der Kaufmann: »Was willst du mir dafür geben?« Der andere versetzte: »Wir sind übereingekommen pro Maß Sandelholz ein Maß, was du verlangst. Verlangst du Gold oder Silber?« Der Kaufmann versetzte jedoch: »Ich nehme nichts als Flöhe, zur Hälfte Männchen und zur Hälfte Weibchen;« worauf der andere erwiderte: »Dazu bin ich nicht imstande.« So legte der Kaufmann auch den Käufer des Sandelholzes herein, der ihm nicht nur das Sandelholz zurückschaffen sondern obendrein sich selber mit hundert Dinaren auslösen mußte. Alsdann verkaufte der Kaufmann das Sandelholz nach eigenem Ermessen und kehrte, nachdem er das Geld dafür in Empfang genommen hatte, von jener Stadt heim.

 

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