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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 35
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
projectidbbb389ae
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Der Prinz und die Geliebte des Ifrîten.

Diese Geschichte ist weiter nichts als eine andere Version des Abenteuers der beiden Könige in der Einleitung des gesamten Werkes.

Ferner vernahm ich, o König, daß einmal ein Prinz ganz allein auszog, um sich zu vergnügen, als er an einer grünen, blumen- und früchtereichen, von Vögeln belebten und von Bächen durchschnittenen Wiese vorüberkam. Entzückt von der Schönheit dieser Stätte, setzte er sich dort nieder und holte einige getrocknete Früchte hervor, die er mit sich genommen hatte, um sie zu verspeisen. Mit einem Male aber gewahrte er eine hohe Rauchsäule, welche von der Wiese zum Himmel aufstieg, so daß er erschreckt aufsprang und auf einen der Bäume kletterte, auf dem er sich verbarg. Wie er nun dort oben saß, sah er mitten aus dem Fluß einen Ifrîten steigen, welcher auf seinem Haupte eine marmorne Kiste mit einem Vorlegeschloß trug. Dann setzte er die Kiste auf der Wiese nieder und öffnete sie, worauf derselben ein Mädchen gleich der lachenden Sonne am leuchtenden Himmel entstieg. Nachdem er das Mädchen vor sich gesetzt und sich eine Weile an ihrem Anblick geweidet hatte, legte er sein Haupt in ihren Schoß und entschlief. Da nahm sie sein Haupt und legte es auf die Kiste, worauf sie sich erhob und umherspazierte, als ihr Blick zufällig auf jenen Baum, auf welchem der Prinz saß, fiel. Als sie ihn gewahrte, winkte sie ihm zu herabzukommen, und als er sich dessen weigerte, schwur sie ihm zu: »Wenn du nicht heruntersteigst und das thust, was ich dir sagen werde, so erwecke ich den Ifrîten aus dem Schlaf und verrate dich ihm, daß er dich sofort umbringt.« Da fürchtete sich der Jüngling und stieg zu ihr herunter, worauf sie ihm die Hände und Füße küßte und ihn bat ihr zu Willen zu sein. Alsdann sagte sie zu ihm: »Gieb mir den Siegelring, den du an der Hand hast.« Als er ihr den Ring gegeben hatte, knüpfte sie ihn in ein seidenes Tuch, das sie bei sich hatte, in welchem sich mehr als achtzig Ringe befanden. Da fragte sie der Prinz: »Was machst du mit diesen Ringen?« Und sie erwiderte ihm: »Siehe, der Ifrît da hat mich aus dem Schloß meines Vaters entführt, hat mich in diese Kiste gesperrt, hat die Kiste mit einem Schloß versichert und trägt mich, wohin er auch immer gehen mag, mit sich auf seinem Kopfe mit; vor Eifersucht kann er es kaum eine Stunde ohne mich aushalten und hindert mich so an dem, wonach ich begehre. Als ich dies sah, schwor ich, mich jedem einzigen hinzugeben, und jeder dieser Ringe, die ich bei mir habe, zählt für einen Mann, da ich von jedem, der mich hatte, den Siegelring nehme und ihn in dieses Tuch thue. Nun aber geh deines Weges, damit ich mir einen zweiten aufsuche, denn der Ifrît steht jetzt noch nicht auf.« Der Prinz, der dieses Erlebnis kaum glauben konnte, kehrte nun wieder zu seinem Vater zurück; als aber der König hörte, daß seines Sohnes Siegelring abhanden gekommen war, befahl er ihn hinzurichten, da er nichts von der Arglist jenes Mädchens gegen seinen Sohn wußte, während sie selber dies nicht befürchtet und sich auch nicht darum bekümmert hatte. Als der König sich aber von seinem Platz erhob und in seinen Palast ging, erschienen die Wesire vor ihm und brachten ihn von der Hinrichtung seines Sohnes ab. Eines Nachts ließ dann der König seine Wesire vor sich kommen, und, als alle erschienen, erhob er sich vor ihnen und empfing sie voll Dankbezeugungen dafür, daß sie ihm von der Hinrichtung seines Sohnes abgeraten hatten; desgleichen dankte ihnen der Prinz und sagte zu ihnen: »Vortrefflich handeltet ihr darin, daß ihr meinem Vater rietet, mich am Leben zu lassen, und, so Gott, der Erhabene, will, werde ich es euch bald mit Gutem lohnen.« Alsdann erzählte ihnen der Jüngling, auf welche Weise er um seinen Ring gekommen war, worauf die Wesire ihn unter Gebeten für seines Lebens Dauer und wachsenden Ruhm verließen.

Betrachte demnach, o König, die Arglist der Weiber, und ihr Verfahren mit den Männern.« Da gab der König von neuem die Hinrichtung seines Sohnes auf. Als aber der Morgen des achten Tages anbrach und der König sich gesetzt hatte, trat sein Sohn Hand in Hand mit seinem Erzieher Sindbad bei ihm ein, küßte die Erde vor ihm und rühmte seinen Vater, die Wesire und die Großen des Reiches, dankte ihnen und pries sie in den beredtesten Worten, so daß sich alle Anwesenden, unter denen sich die Ulemā, die Emire, die Truppen und die Vornehmen vom Volk befanden, über die Beredsamkeit und die Gewandtheit und Eleganz seines Ausdrucks verwunderten. Sein Vater, der hierüber mächtig und über die Maßen erfreut war, rief ihn zu sich heran und küßte ihn zwischen die Augen, worauf er seinen Erzieher Sindbad zu sich rief und ihn fragte, weshalb sein Sohn sieben Tage lang stumm gewesen wäre. Der Erzieher erwiderte ihm: »O unser Herr, ich selber war die Veranlassung dazu, daß er nicht redete, da ich während dieser Tage seinen Tod befürchtete; und, mein Herr, ich wußte dies bereits am Tage seiner Geburt; als ich ihm nämlich das Horoskop stellte, erkannte ich alles dies, doch nun ist das Schlimme durch des Königs Glück abgewendet.« Hierüber erfreut, fragte der König seine Wesire: »Wenn ich meinen Sohn hätte hinrichten lassen, wen hätte die Schuld getroffen, mich, das Mädchen oder den Erzieher Sindbad?« Da schwiegen die Anwesenden und hatten keine Antwort; Sindbad aber, der Erzieher des Knaben, sprach zum Prinzen: »Gieb Antwort, mein Sohn.«

Sechshundertunddritte Nacht

Da versetzte der Prinz: »Ich hörte, daß einmal ein Kaufmann, in dessen Wohnung ein Gast eingekehrt war, seine Sklavin ausschickte, ihm auf dem Bazar einen Krug Sauermilch zu kaufen. Wie nun die Sklavin die Milch nahm und mit ihr zu ihres Herrn Wohnung heimkehrte, flog ein Habicht an ihr vorüber, der in seinen Krallen eine Schlange gefangen hielt und fest zusammenpreßte; und ein Tropfen vom Gift der Schlange fiel in den Krug, ohne daß die Sklavin es merkte. Als sie nun zu ihrem Herrn zurückgekehrt war, nahm derselbe den Krug, und er und seine Gäste tranken von ihm. Kaum war jedoch die Milch in ihren Magen gelangt, da starben alle miteinander. Nun schau, o König, wer an diesem Unfall schuld hatte.« Einer der Anwesenden versetzte: »Alle haben schuld, weil sie von dem Kruge tranken;« ein anderer wieder meinte: »Die Sklavin hat schuld, weil sie den Krug nicht mit einem Deckel zudeckte;« Sindbad, der Erzieher des Jünglings, aber fragte ihn: »Was sagst du hierzu, mein Sohn?« Da sagte der Prinz: »Ich sage, die Leute irren; weder die Sklavin noch sie allesamt haben schuld, sondern der Termin der Leute war abgelaufen mit ihrem von Gott verliehenen Unterhalt, und ihr Geschick war auf solche Weise beschlossen.« Als die Anwesenden dies Urteil vernahmen, verwunderten sie sich höchlichst und erhoben ihre Stimmen, indem sie den Prinzen segneten und zu ihm sagten: »O unser Herr, du hast eine Antwort ohnegleichen erteilt und du bist der weiseste Mann deiner Zeit.« Der Prinz entgegnete jedoch: »Ich bin kein Weiser, denn der blinde Scheich, der dreijährige und der fünfjährige Bube waren weiser als ich.« Da baten ihn alle Anwesenden: »Erzähle uns doch, o Jüngling, die Geschichte dieser drei, die weiser als du waren.« Und der Prinz erzählte:

 

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