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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 33
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
projectidbbb389ae
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Geschichte des Prinzen Bahrâm und der Prinzessin Ed-Datmā

»Wisse, o König, es lebte einmal eine Prinzessin, wie es zu ihrer Zeit keine gab, die ihr in Schönheit und Anmut, in Wuchs und Ebenmaß und in Glanz und verführerischem Liebreiz gleichgekommen wäre, und die wie sie die Männer um ihren Verstand bringen konnte, so daß sie sich zu rühmen pflegte: »Ich bin einzig in meiner Zeit.« Alle Prinzen bewarben sich um sie, sie aber wollte keinen von ihnen nehmen sondern erklärte: »Mich soll nur der heiraten, welcher mich auf offenem Plan mit Schwerteshieb und Lanzenstoß bezwingt. Überwindet mich einer, so will ich ihn herzensgern heiraten, überwinde ich ihn aber, so nehme ich sein Roß, seine Waffen und seine Kleider und brenne auf seine Stirn ein: Dies ist Ed-Datmās Freigelassener.« So nämlich war ihr Name. Alle Prinzen kamen von fern und nah aus allen Orten zu ihr, sie aber überwältigte alle und warf sie nieder, worauf sie ihnen die Waffen abnahm und sie brandmarkte. Da traf es sich, daß ein persischer Prinz, Namens Bahrâm, von ihr vernahm und sich mit Geld und Gut, mit Rossen, Mannen und königlichen Schätzen aus ferner Gegend zu ihr aufmachte. Als er bei ihr anlangte, schickte er an ihren Vater ein kostbares Geschenk, worauf der König ihm entgegenzog und ihn mit den höchsten Ehrenbezeugungen aufnahm. Alsdann schickte der Prinz durch seine Wesire eine Botschaft an ihn, daß er sich um seine Tochter bewürbe. Da aber ließ ihm ihr Vater die Antwort überbringen: »Mein Sohn, was meine Tochter Ed-Datmā anlangt, so habe ich keine Macht über sie, da sie bei ihrer Seele geschworen hat nur den zu heiraten, der sie auf offenem Plan bezwingen würde.« Der Prinz ließ ihm hierauf sagen: »Ich kam von meiner Stadt nur zu diesem Zwecke hierher;« und nun erwiderte der König: »Morgen sollst du dich mit ihr messen.«

Am andern Tage schickte der König zu ihr, worauf sie sich zum Kampf rüstete und in Wehr und Waffen auf dem Plan antrat, während der Prinz, zum Kampf entschlossen, ihr entgegenritt. Wie nun das Volk, das hiervon gehört hatte, von allen Orten herbeigeströmt kam, erschien mit einem Male Ed-Datmā, gepanzert, gegürtet und mit niedergelassenem Visier, und von der andern Seite ritt der Prinz in schönstem, wehrhaftestem und untadeligstem Waffenschmuck ihr entgegen. Beide griffen ihren Gegner an und tummelten sich geraume Zeit umher, sich lange hin und her drängend, bis die Prinzessin, als sie von ihm größere Tapferkeit und Ritterschaft als von irgend einem andern zuvor erschaute und deshalb vor den Anwesenden beschämt zu werden fürchtete, da sie merkte, daß er sie sicherlich bezwingen würde, zu einer List griff und das Visier von ihrem Gesicht hob, das nun plötzlich heller wie der Vollmond erstrahlte. Als der Prinz ihr Gesicht sah, wurde er verwirrt; seine Kraft erlahmte und sein Feuer erlosch, während sie ihn aus dem Sattel riß und ihn in ihrer Hand hielt wie ein Adler einen Spatz in seinen Krallen, ohne daß er, ganz von ihrem Bild geblendet, wußte, was mit ihm geschah. Hierauf nahm sie sein Roß, seine Waffen und seine Sachen und ließ ihn, nachdem sie ihn gebrandmarkt hatte, laufen. Als er aus seiner Betäubung wieder zu sich kam, aß und trank er weder noch schlief er Tage lang aus Ärger, und die Liebe zu jenem Mädchen nahm sein Herz erst recht in Besitz. Dann schickte er seine Knechte mit einem Brief zu seinem Vater, in dem er ihm schrieb, daß er nicht eher in sein Land heimkehren könne als bis er seinen Wunsch erreicht hätte oder gestorben sei. Als das Schreiben seinem Vater zu Händen kam, betrübte er sich und wollte ihm seine Reisigen und Mannen zu Hilfe schicken, doch hinderten ihn die Wesire daran und ermahnten ihn zur Geduld. Inzwischen aber bediente sich der Prinz, um sein Ziel zu erreichen, einer List und verkleidete sich als hinfälligen Scheich, worauf er zu einem Garten der Prinzessin ging, den sie die Mehrzahl der Tage aufzusuchen pflegte. Nachdem er den Gärtner aufgesucht hatte, sagte er zu ihm: »Ich bin ein fremder Mann aus fernem Land, und von meiner Jugend an war ich der beste Ackerbauer und Gewächs- und Blumenpfleger, so daß mir niemand darin gleichkommt.« Als der Gärtner dies vernahm, führte er ihn hocherfreut in den Garten, wo er ihn seinen Leuten anempfahl, und der Prinz machte sich sofort an die Pflege und Wartung der Bäume und die Verbesserung ihrer Früchte. Als er nun eines Tages hiermit beschäftigt war, betraten mit einem Male Sklaven mit Maultieren, die mit Teppichen und Gefäßen beladen waren, den Garten; auf seine Frage, was das zu bedeuten hätte, erwiderten sie ihm: »Die Prinzessin will sich im Garten vergnügen.« Da ging er fort und nahm den Schmuck und die Gewänder, die er aus seinem Lande mitgebracht hatte, an sich, worauf er sich wieder in den Garten begab, sich niedersetzte und etwas von den Schätzen vor sich ausbreitete, indem er dabei zitterte und so that, als ob dies von Altersschwäche herrühre.

Fünfhundertundachtundneunzigste Nacht

Nach einer Weile kamen die Sklavinnen und Eunuchen an, in deren Mitte die Prinzessin gleich dem Mond unter den Sternen einherschritt, und lustwandelten rings im Garten umher, die Früchte pflückend und sich vergnügend, bis sie mit einem Male einen Mann unter einem der Bäume sitzen sahen; da gingen sie auf ihn zu und sahen sich ihn an, und siehe, da war es ein alter an Händen und Füßen zitternder Scheich, vor welchem Schmucksachen und königliche Schätze ausgebreitet lagen. Als sie die Sachen bei ihm sahen, verwunderten sie sich über ihn und fragten ihn, was er mit dem Schmuck machen wolle, worauf er ihnen erwiderte: »Für diese Schmuckstücke will ich eine von euch heiraten.« Da lachten sie ihn aus und sagten zu ihm: »Wenn du sie geheiratet hast, was willst du dann mit ihr anfangen?« Er versetzte: »Ich will ihr einen Kuß geben und sie dann freilassen.« Da sagte die Prinzessin: »So verheirate ich dich mit diesem Mädchen;« worauf er, sich auf einen Stab stützend, zitternd und stolpernd zu ihr kam, ihr einen Kuß gab und ihr dann zu ihrer Freude den Schmuck und die Gewänder überreichte, während ihn die andern Mädchen auslachten und dann nach Hause gingen. Am nächsten Tage kamen sie wieder in den Garten und gingen auf die Stelle zu, auf welcher er tags zuvor gesessen hatte. Als sie ihn dort wieder mit noch mehr Schmucksachen und Gewändern als zuvor sitzen sahen, setzten sie sich neben ihn und fragten ihn: »O Scheich, was willst du mit diesen Schmucksachen thun?« Er erwiderte: »Ich will wie gestern wieder eine von euch heiraten.« Da sagte die Prinzessin zu ihm: »So verheirate ich dich mit jenem Mädchen.« Da trat er an sie heran, küßte sie und gab ihr die Schmucksachen und Gewänder, worauf sie nach Hause gingen. Als aber die Prinzessin sah, was für Schmucksachen und Gewänder er den Mädchen geschenkt hatte, sprach sie bei sich: »Ich verdiene sie mehr, und es kann mir nichts schaden.« Am nächsten Morgen ging sie dann heimlich allein, wie eins ihrer Mädchen gekleidet, aus ihrem Zimmer in den Garten zum Scheich und sagte zu ihm: »Scheich, ich bin die Prinzessin; willst du mich heiraten?« Er versetzte: »Freut mich und ehrt mich;« alsdann holte er für sie die teuersten und wertvollsten Schmuckstücke und Gewänder hervor und übergab sie ihr, worauf er sich erhob, um sie zu küssen, während sie ganz unbesorgt und ohne Furcht dastand. Als er aber nahe herangekommen war, packte er sie fest an, warf sie zu Boden und nahm ihr die Mädchenschaft. Dann fragte er sie: »Kennst du mich nicht?« Sie versetzte: »Wer bist du?« Er erwiderte ihr: »Ich bin Bahrâm, der Prinz von Persien, der sein Aussehen veränderte und seine Angehörigen und sein Reich um deinetwillen verließ.« Da erhob sie sich schweigend unter ihm, ohne ihm Gegenrede zu geben oder Antwort zu erteilen, da sie über ihr Widerfahrnis zu betroffen war und bei sich sprach: »Töte ich ihn, so nutzt mir sein Tod nichts.« Hierauf ging sie mit sich zu Rate und sprach bei sich: »Mir hilft hier nichts anderes als daß ich mit ihm in sein Land fliehe.« Dann packte sie ihr Geld und ihre Schätze zusammen und schickte ihm einen Boten, der ihm hiervon Mitteilung machte, damit er sich ebenfalls rüstete und sein Gut packte. Nachdem sie dann eine Nacht zur Flucht verabredet hatten, bestiegen sie edle Rosse und ritten unter dem Dunkel der Nacht fort, so daß sie bereits vor Anbruch des Morgens weite Strecken durchmessen hatten; auch rasteten sie nicht eher als bis sie nach Persien in die Nähe der Stadt seines Vaters gekommen waren. Als sein Vater von seiner Ankunft vernahm, zog er ihm mit seinen Mannen und Reisigen entgegen und freute sich höchlichst. Einige Tage später schickte er an Ed-Datmās Vater ein kostbares Geschenk und schrieb ihm einen Brief, in dem er ihm die Ankunft seiner Tochter mitteilte und ihn um ihre Ausstattung bat. Als die Geschenke bei ihrem Vater eintrafen, zog er den Boten entgegen und empfing sie hocherfreut mit den höchsten Ehrenbezeugungen. Dann veranstaltete er Bankette, ließ den Richter und die Zeugen kommen, ihren Ehekontrakt mit dem Prinzen auszufertigen, und beschenkte die Boten, welche ihm den Brief des Prinzen von Persien überbracht hatten. Hierauf schickte er seiner Tochter die Ausstattung, und der Prinz von Persien lebte mit ihr zusammen, bis der Tod sie trennte.

»Betrachte demnach, o König, die Arglist der Männer gegen die Frauen. Ich aber will mein Recht bis zum Tode nicht aufgeben.«

Da befahl der König wiederum seinen Sohn hinzurichten; aber nun trat der siebente Wesir zu ihm ein und sprach zu ihm, als er vor ihm stand und die Erde vor ihm geküßt hatte: »O König, verzieh so lange, bis ich dir diesen guten Rat erteilt habe: Geduld und Vorbedacht führen Wunsch und Hoffnung zum Ziel, doch Hast und Unbedacht bringen der Reue viel. Gesehen hab ich, wie dieses Mädchen den König zu schrecklichen Verbrechen zu verführen trachtete; der Mamluk jedoch, der von deiner Güte und Huld überhäuft ist, ratet dir gut und treu; und ich weiß, o König, von der Weiberlist, was kein anderer weiß. So kam mir unter anderm auch die Geschichte von einem alten Weibe und einem Kaufmannssohn zu Ohren.« Da fragte ihn der König: »Wie ist die Geschichte der beiden, o Wesir?« Und der Wesir erzählte:

 

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