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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
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Sindbads erste Reise

Wisset, ihr edeln Herren, mein Vater war ein Kaufmann, einer der Großen unter dem Volk und in seiner Zunft, und reich an Geld und Gut; er starb, als ich noch ein kleiner Bursche war, und hinterließ mir Geld, Grundstücke und Landgüter. Wie ich nun groß geworden war, legte ich meine Hand an all mein Gut, schmauste leckere Gerichte, zechte edle Weine, kleidete mich in die feinsten Sachen und spazierte mit meinen Freunden und Gefährten, im guten Glauben, es müsse immer so bleiben und mir zum besten dienen. In dieser Weise hatte ich bereits geraume Zeit gelebt, als ich wieder zur Besinnung kam und, aus meiner Sorglosigkeit zu mir kommend, fand, daß Geld und Glanz zerstoben und verblichen waren und daß all mein Gut in die weite Welt gewandert war. Erschrocken und bestürzt kam ich wieder zur Besinnung und gedachte hierbei eines Ausspruches unseres Herrn Salomo, des Sohnes Davids, – Frieden auf beide! – den ich zuvor einmal vernommen hatte, und der da lautet: Drei Dinge sind besser als drei andere Dinge: Der Todestag ist besser als der Geburtstag, ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe, und das Grab ist besser als der Palast.Prediger 7, 1 und 9, 4. Der dritte Spruch findet sich nicht in den sogenannten salomonischen Büchern des Alten Testaments. Alsdann erhob ich mich, packte all meinen Hausrat und meine Sachen zusammen und verkaufte sie; hierauf verkaufte ich meine Grundstücke und alles, was meine Hand besaß, und brachte dreitausend Dirhem zusammen, mit denen ich ins Land der Menschen zu reisen beschloß, indem ich mich des Dichterwortes erinnerte, das da lautet:

Wer Hohes erstrebt, muß sich mühen auf Erden;
Wer nach Ruhm verlangt, verbringt die Nächte ohne Schlaf;
Wer Perlen sucht, muß tauchen ins Meer,
Und Herrschaft und Gewinn belohnt seine Müh'.
Wer aber Ruhm begehrt und die Mühe scheut,
Der verthut sein Leben mit unerfüllbaren Wünschen.

So erhob ich mich denn mit festem Entschluß, kaufte mir Waren, Güter und Handelsartikel und mancherlei für die Reise notwendige Dinge und schiffte mich, da ich nach einer Seereise Verlangen trug, mit einer Gesellschaft Kaufleute nach der Stadt Basra ein. Von dort segelten wir Tage und Nächte lang übers Meer und zogen von einer Insel zur andern, von Meer zu Meer und von Land zu Land, überall, wo wir beilegten, kaufend, verkaufend und Tauschhandel treibend, bis wir auf unserer Fahrt zu einer Insel gelangten, die einem der Gärten des Paradieses glich. Der Kapitän ging hier mit uns vor Anker und warf, nachdem er das Schiff verankert hatte, die Landungsplanke aus, worauf alle Leute, die sich auf dem Schiff befanden, ans Land gingen und sich FeuerherdeSolche Feuerherde bestehen für gewöhnlich aus Töpfen mit Kohlen, die in die Erde gesenkt werden. machten, in denen sie Feuer anzündeten. Während sich nun alle in ihrer Weise zu schaffen machten, indem die einen kochten, die andern wuschen und wieder andere, zu denen auch ich gehörte, sich auf der Insel ergingen, und die Passagiere bereits beisammen saßen und aßen, tranken und allerlei Kurzweil trieben, da rief mit einem Male der Kapitän hoch vom Schiffsbord aus, so laut er konnte: »Ihr Passagiere, rettet euer Leben, kommt, so schnell ihr könnt, aufs Schiff, laßt all eure Sachen stehen und liegen und rettet euch in eiliger Flucht vor dem Verderben! Diese Insel hier, auf der ihr euch befindet, ist keine wirkliche Insel, sondern ein großer mitten im Meere feststehender Fisch, auf welchem sich der Sand abgelagert hat, so daß seit langer Zeit Bäume auf ihm gewachsen sind, und er einer Insel gleicht. Als ihr das Feuer anzündetet, spürte der Fisch die Hitze und rührte sich; und sogleich wird er mit euch ins Meer tauchen und ihr werdet allzumal ertrinken. Rettet euch daher, bevor es zu spät ist!«

Fünfhundertundneununddreißigste Nacht

Als die Passagiere die Worte des Kapitäns vernahmen, eilten sie um die Wette aufs Schiff und ließen ihre Waren, ihre Sachen, ihre Wäsche und ihre Feuertöpfe stehen und liegen; doch hatte erst ein Teil derselben das Schiff erreicht, als plötzlich die Insel wankte und mit allem, was sich darauf befand, in die Tiefe des Meeres versank, worauf die Wogen brandend und brausend über ihr zusammenschlugen. Ich hatte ebenfalls zu den auf der Insel Zurückgebliebenen gehört und war mit ihnen versunken, doch rettete mich Gott, der Erhabene, vor dem Ertrinken, indem er mir einen der großen Zuber, in denen sie gewaschen hatten, in den Weg warf. Um der Süßigkeit des Lebens willen packte ich ihn mit der Hand und setzte mich rittlings auf ihn, worauf ich mit meinen Füßen wie mit Rudern im Wasser arbeitete, während die Wogen mit mir ihr Spiel trieben und mich nach rechts und links schleuderten. Inzwischen aber hatte der Kapitän die Segel ausgespannt und zog mit denen, die sich aufs Schiff gerettet hatten, weiter, ohne sich um die Versunkenen zu bekümmern. Ich verfolgte das Schiff mit meinen Blicken so lange, bis es meinem Auge entschwand, und ich meines Untergangs gewiß war. In solcher Lage brach die Nacht über mich herein, und noch einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem Meer umher, bis mich Wind und Wellen gnädiglich an den Strand einer hohen Insel warfen, deren Bäume ihr Geäst übers Meer streckten. Da packte ich den Zweig eines hohen Baumes und zog mich an ihm ans Land, nachdem ich bereits den Untergang vor Augen gehabt hatte. Als ich nun aber den festen Boden der Insel unter mir hatte, fand ich, daß meine Füße erstarrt und an den Sohlen von den Fischen benagt waren, ohne daß ich es in dem Übermaß meiner Kümmernis und Ermattung gemerkt hatte. Wie ein Toter warf ich mich auf die Insel nieder und verlor, in Betäubung versinkend, das Bewußtsein; erst als die Sonne am andern Tage aufging, erwachte ich wieder und sah nun, daß meine Füße geschwollen waren, und daß ich mich selber in solcher elenden Lage befand. Da sich aber auf der Insel viele Früchte und süße Quellen befanden, bewegte ich mich zu denselben, bald kriechend, bald auf den Knieen rutschend, und lebte in dieser Weise eine geraume Zeit von Tagen und Nächten von den Früchten, bis sich meine Seele wieder erhob, meine Lebensgeister wiederkehrten, und ich mich wieder besser zu bewegen vermochte. Ich begann nun zu überlegen und durchwanderte die Insel, indem ich mich unter den Bäumen an allem, was Gott, der Erhabene, dort geschaffen hatte, ergötzte, wobei ich mich auf einen Stab, den ich mir von jenen Bäumen abgeschnitten hatte, stützte. In dieser Weise verbrachte ich die Zeit, bis ich eines Tages den Strand der Insel entlang ging und in der Ferne einen Gegenstand erblickte; im Glauben, es wäre ein wildes Tier oder eines der Meerungeheuer, schritt ich, den Gegenstand stets im Auge behaltend, auf ihn zu, und siehe, da war es ein prachtvolles Pferd, eine Stute, welche am Strand der Insel dicht am Meeresgestade angebunden war. Wie ich nun aber an sie herantrat, stieß sie einen so gewaltigen Schrei gegen mich aus, daß ich erschrocken umkehren wollte, als mit einem Male ein Mann aus der Erde hervortauchte und mir nachfolgte, indem er mich anschrie und rief: »Wer bist du, woher kommst du, und weshalb hast du diesen Ort aufgesucht?« Ich antwortete ihm: »Mein Herr, wisse, ich bin ein Fremdling, der zu Schiff reiste und mit mehreren anderen der Schiffspassagiere ins Wasser fiel; doch bescherte mir Gott einen Zuber, und ich setzte mich rittlings auf ihn und wurde von ihm getragen, bis mich die Wellen an diese Insel warfen.« Als er meine Worte vernommen hatte, faßte er mich bei der Hand und sagte zu mir: »Komm mit mir.« Da folgte ich ihm, worauf er mit mir zu einem unterirdischen Raum hinunterstieg und mich in einen großen Saal führte, wo er mir den Ehrenplatz anwies. Dann brachte er mir etwas zu essen, und, da ich hungrig war, aß ich so lange, bis ich mich gesättigt und gestärkt hatte. Alsdann erkundigte er sich nach mir und meinen Erlebnissen, und ich erzählte ihm alles, was mich anging, von Anfang bis zu Ende. Er verwunderte sich über meine Erzählung, ich aber sagte zu ihm, als ich meinen Bericht geendet hatte: »Um Gott, mein Herr, nichts für ungut! Nachdem ich dir der Wahrheit gemäß alles, was mich angeht und was mir widerfuhr, erzählt habe, möchte ich gern auch von dir hören, wer du bist, warum du hier in diesem Saal unter der Erde sitzest, und weshalb du jene Stute am Meeresstrand angebunden hast.« Er versetzte: »Wisse, ich gehöre zu einem ganzen Trupp, der über die Insel verteilt ist; wir sind die Stallknechte des Königs Mihrdschân, und unter unserer Hand stehen alle seine Pferde. Jeden Monat aber zur Zeit des Neumonds bringen wir unsere besten Stuten hierher, die noch nicht gedeckt sind, und binden sie am Strand dieser Insel fest, worauf wir uns in diesen unterirdischen Raum hier verstecken, damit uns niemand zu Gesicht bekommt. Die Seehengste wittern dann die Stuten und steigen ans Land, und wenn sie niemand erspähen, bespringen sie die Stuten und stillen ihr Begehr an ihnen. Wenn sie dann wieder heruntersteigen, versuchen sie die Stuten mit sich zu nehmen; da die Stuten aber wegen der Stricke nicht mit ihnen fortlaufen können, stoßen sie dieselben mit ihrem Kopf und schlagen sie mit den Füßen und schreien und wiehern laut. Sobald wir nun ihr Geschrei hören, wissen wir, daß sie von den Stuten heruntergestiegen sind, und eilen schreiend auf sie aus unserm unterirdischen Aufenthalt hervor, so daß sie sich erschreckt ins Meer stürzen; die Stuten aber werden von ihnen schwanger und bringen Füllen, Hengste und Stuten, zur Welt, die eine Chasne Geld wert sind, und derengleichen man auf dem ganzen Angesicht der Erde nicht wieder findet. Jetzt aber ist gerade der Zeitpunkt da, zu welchem die Hengste aus der See steigen, und so Gott will, der Erhabene, nehme ich dich mit mir mit zum König Mihrdschân –

Fünfhundertundvierzigste Nacht

und zeige dir unser Land. Und wisse, wärest du nicht mit uns zusammengetroffen, so hättest du hier niemand gesehen und wärest elendiglich umgekommen, ohne daß jemand etwas von dir gewußt hätte; ich will jedoch die Ursache deiner Rettung und Heimkehr sein.« Ich erflehte ihm Segen und dankte ihm für seine Güte und Freundlichkeit; während wir aber noch miteinander redeten, stieg ein Seehengst aus der Flut empor und sprang mit einem gewaltigen Schrei auf die Stute. Als er sein Begehr an ihr gestillt hatte, stieg er von ihr herunter und wollte sie mitnehmen, vermochte es jedoch nicht; und die Stute schlug nach ihm aus und schrie. Da nahm der Stallknecht ein Schwert und einen Schild in die Hand und eilte aus der Thür des unterirdischen Raumes heraus, indem er mit dem Schwert an den Schild schlug und seine Gefährten rief und schrie: »Vorwärts! über den Hengst her!« Da kam ein ganzer Trupp schreiend und die Lanzen schwingend hervor, worauf der Hengst erschreckt davonlief und sich wie ein Büffel ins Meer stürzte, worauf er unter dem Wasser verschwand. Alsdann setzte sich der Stallknecht ein wenig, bis seine Gefährten herangekommen waren, von denen ein jeder eine Stute führte. Als sie mich bei ihm gewahrten, fragten sie mich, wer ich wäre und was ich hier wollte, und ich erzählte ihnen noch einmal meine Geschichte. Da kamen sie nahe an mich heran und breiteten das Tischtuch aus, worauf sie aßen und mich zum Mahl einluden. Als ich nun mit ihnen gegessen hatte, erhoben sie sich, stiegen auf ihre Pferde und nahmen mich mit sich, indem sie mich gleichfalls auf einer der Stuten reiten ließen. So zogen wir fort und ritten ohne Aufenthalt, bis wir zur Stadt des Königs Mihrdschân gelangten, dem die Stallknechte meine Geschichte erzählten. Der König verlangte nach mir, und als sie mich zu ihm geführt und vor ihn gestellt hatten, begrüßte ich ihn, worauf er mir den Salâm erwiderte und mir mit dem Wunsche für ein langes Leben einen herzlichen Willkomm bot. Dann fragte er mich nach meiner Geschichte und, als ich ihm alles, was mir widerfahren war und was ich geschaut hatte, von Anfang bis zu Ende erzählt hatte, verwunderte er sich über meine Abenteuer und Erlebnisse, und sagte zu mir: »O mein Sohn, bei Gott, du bist wunderbarlich errettet; und wäre deine Lebenszeit nicht lange bemessen, du wärest aus diesen Drangsalen nicht entronnen; jedoch, gelobt sei Gott für deine Rettung!« Hierauf nahm er mich freundlich und ehrenvoll auf und zog mich mit huldreichen und gütigen Worten in seine Nähe; außerdem aber machte er mich zum Hafenmeister und Registrator aller einlaufenden Schiffe. Ich wartete ihm von nun an regelmäßig auf zur Erledigung seiner Anliegen, und er bezeugte mir seine Huld und that mir Gutes nach jeder Seite hin und kleidete mich auch in einen hübschen und kostbaren Anzug. So kam es, daß ich ihm die Anliegen des Volkes übermittelte und für ihre Bittgesuche Fürsprache einlegte. Lange Zeit lebte ich in dieser Weise bei ihm, so oft ich aber zum Hafen ging, erkundigte ich mich bei den reisenden Kaufleuten und den Schiffsleuten nach der Stadt Bagdad, ob mir vielleicht jemand von ihr Auskunft geben, und ich mit ihm heimziehen könnte; doch wußte niemand etwas von ihr, und keiner konnte mir auch einen nennen, der dorthin zöge. Dies hatte schon so lange gedauert, daß ich ganz niedergeschlagen und meiner Fremdlingschaft überdrüssig geworden war, als ich mich eines Tages wieder zum König Mihrdschân begab und beim Eintreten eine Anzahl Indier bei ihm fand. Nachdem wir den Salâm miteinander getauscht hatten, hießen sie mich willkommen und fragten mich nach meiner Heimat.

Fünfhundertundeinundvierzigste Nacht

Ich gab ihnen Auskunft und fragte sie dann nach ihrem Lande, worauf sie mir antworteten, daß sie zu verschiedenen Kasten gehörten, und daß die einen von ihnen SchākirîjeWahrscheinlich sind die Kschatrija, die Kriegerkaste der alten Indier, gemeint. hießen, welche die edelsten ihrer Kasten wären, die keinem, sei es durch Unterdrückung oder Gewalt, etwas zuleide thun; andere wiederum hießen Brahminen und wären Leute, die niemals Wein tränken und ganz in Freuden, Heiterkeit und Kurzweil lebten und Kamele, Pferde und Vieh besäßen. Ferner teilten sie mir mit, daß das Volk der IndierDer Text bietet jahûd, Juden, statt hunûd, Indier. in zweiundsiebzig Kasten zerfiele, worüber ich mich außerordentlich verwunderte. Außerdem sah ich im Reiche des Königs Mihrdschân unter den andern Inseln auch eine, Namens Kâbil, auf welcher man während der ganzen Nacht Trommeln und Tamburins hörte, doch erzählten uns die Bewohner der Inseln und die Reisenden, daß das Volk auf derselben fleißig und verständig wäre. In jenem Meere sah ich auch einen Fisch von zweihundert Ellen Länge und einen andern, der einen Eulenkopf hatte, nebst vielen anderen Wunderdingen und Merkwürdigkeiten, deren Erzählung zu lange Zeit in Anspruch nehmen würde. So hörte ich nicht auf, jene Inseln mit allem, was auf ihnen lebte und webte, zu besichtigen, bis ich eines Tages wieder wie gewöhnlich mit einem Stabe am Meeresstrande stand, als mit einem Male ein großes Schiff mit einer Menge Kaufleute angesegelt kam. Nachdem es in den Stadthafen eingelaufen und am Ankerplatz angelangt war, rollte der Kapitän die Segel zusammen, befestigte es am Strand und warf die Landungsplanke aus, worauf die Matrosen alle Güter, die sich auf dem Schiff befanden, ans Land schafften, während ich dabei stand und sie registrierte. Da sie aber lange Zeit hierzu brauchten, fragte ich den Schiffsherrn: »Ist noch etwas in deinem Schiff?« Er antwortete: »Ja, mein Herr; im Schiffsraum befinden sich noch Waren, deren Besitzer uns unterwegs bei einer der Inseln ertrank, so daß seine Waren bei uns als Depositum verblieben; wir wollen sie nun verkaufen und ihren Preis aufzeichnen, um den Erlös seinen Angehörigen nach der Stadt Bagdad, der Stätte des Friedens, zu bringen.« Nun fragte ich den Kapitän: »Wie ist der Name des Eigentümers der Waren?« Und er antwortete: »Er heißt Sindbad der Seemann und ertrank vor unsern Augen im Meer.« Als ich seine Worte vernahm, blickte ich ihn scharf an und, ihn erkennend, stieß ich einen lauten Schrei aus und rief: »O Kapitän, wisse, ich bin der Eigentümer der von dir erwähnten Waren; ich bin Sindbad der Seemann, der mit einer Anzahl anderer Kaufleute vom Schiff auf die Insel gestiegen war. Als sich der Fisch rührte, auf dem wir uns befanden, und als du uns riefst, da rettete sich, wer konnte, während die anderen, zu denen auch ich gehörte, versanken. Gott, der Erhabene, bewahrte mich jedoch und errettete mich von dem Ertrinken, indem er mir einen der großen Zuber, in denen die Passagiere gewaschen hatten, in den Weg trieb; ich setzte mich auf ihn und ruderte mit meinen Füßen, und Wind und Wellen halfen mir, bis ich an diese Insel gelangte und an ihren Strand stieg, wo ich mit Gottes, des Erhabenen, Beistand mit den Stallknechten des Königs Mihrdschân zusammentraf, die mich dann mitnahmen und mich nach dieser Stadt brachten. Von ihnen vor den König Mihrdschân geführt, erzählte ich ihm meine Geschichte, und der König war huldreich gegen mich und machte mich hier in dieser Stadt zum Hafenmeister, und ich fand ein gutes Fortkommen in seinem Dienst und fand Gnade vor ihm. Die Waren, die du bei dir hast, sind daher meine Waren und mein Eigentum.«

Fünfhundertundzweiundvierzigste Nacht

Als der Kapitän dies von mir vernahm, rief er: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen! Unter den Menschen ist weder Treu noch Glauben vorhanden.« Da sagte ich zu ihm: »Kapitän, was sollen diese Worte, wo du meine Geschichte von mir vernommen hast?« Der Kapitän erwiderte: »Du hörtest mich sagen, daß bei mir Waren sind, deren Eigentümer ertrunken ist, und nun willst du sie dir widerrechtlich aneignen; doch ist dir dies verwehrt, denn wir sahen ihn mit eigenen Augen nebst vielen anderen Passagieren ertrinken, von denen sich kein einziger rettete; wie also willst du behaupten, daß du der Eigentümer der Waren bist?« Ich versetzte nun: »O Kapitän, höre meine Geschichte und merke auf meine Worte, welche dir die Wahrheit beweisen werden; und die Lüge ist der Heuchler Merkzeichen.« Hierauf erzählte ich dem Kapitän alles, was ich gethan hatte, seitdem ich mit ihm von der Stadt Bagdad fortgezogen war bis zu unserer Ankunft bei jener vermeintlichen Insel, mit der wir versanken, und erwähnte auch einige Sachen, die zwischen uns beiden vorgefallen waren, so daß der Kapitän und die Kaufleute nunmehr von der Wahrheit meiner Worte überzeugt waren und, mich erkennend und mir zu meiner Rettung Glück wünschend, insgesamt sprachen: »Bei Gott, wir hätten nicht an deine Rettung geglaubt, doch hat dir Gott ein neues Leben geschenkt.« Hierauf übergaben sie mir die Ballen, die noch vollzählig vorhanden waren und meinen Namen trugen. Ich öffnete sie, nahm einige kostbare und teure Gegenstände heraus und ließ sie von den Matrosen dem König als Geschenk vorlegen, wobei ich ihm mitteilte, daß dies das Schiff wäre, auf dem ich mich befunden hätte, daß alle meine Waren vollzählig und unversehrt eingetroffen wären, und daß ich ihm diese Sachen als Geschenk aus den Waren auserlesen hätte. Der König verwunderte sich hierüber aufs äußerste und ersah, daß ich ihm in allem die Wahrheit berichtet hatte; seine Liebe zu mir wuchs noch mehr, und er ehrte mich über die Maßen und machte mir ein reiches Gegengeschenk. Hierauf verkaufte ich alle meine Lasten und sonstigen Waren mit großem Profit und kaufte mir neue Güter, Waren und Handelsartikel aus jener Stadt, und, als die Kaufleute mit dem Schiff wieder absegeln wollten, verschiffte ich all mein Gut und suchte den König auf, um ihn, nachdem ich mich bei ihm für seine Huld und Güte bedankt hatte, um Erlaubnis für die Fahrt nach meiner Heimat und zu meinen Angehörigen zu bitten. Der König verabschiedete sich von mir und schenkte mir bei der Abreise vielerlei von den Erzeugnissen seiner Stadt; dann nahm ich von ihm Abschied und stieg aufs Schiff, worauf wir mit der Erlaubnis Gottes, des Erhabenen, abreisten; Glück und Geschick waren uns günstig und dienten uns, und so segelten wir ununterbrochen Tag und Nacht, bis wir wohlbehalten nach der Stadt Basra gelangten, wo wir ans Land gingen und uns kurze Zeit verweilten, ich selber erfreut über meine Rettung und Heimkehr. Alsdann machte ich mich mit einer großen Menge von Lasten, Gütern und Waren von hohem Wert nach Bagdad, der Stätte des Friedens, auf und betrat, in meinem Viertel angelangt, mein Haus, wo alle meine Angehörigen und meine Freunde zur Begrüßung erschienen. Hierauf kaufte ich mir Eunuchen, Diener, Mamluken, Beischläferinnen und schwarze Sklaven, bis ich ein großes Wesen hatte; dann kaufte ich mir mehr Häuser, Grundstücke und Ländereien als ich zuvor besaß, pflegte wieder mit meinen Freunden und Gefährten noch lustigeren Umgang und Verkehr als zuvor und vergaß all der Mühsal, Fremdlingschaft, Drangsal und der Schrecken der Fahrt, indem ich herrlich und in Freuden und bei leckeren Speisen und köstlichen Weinen tagaus tagein meine Zeit verbrachte. Soviel, was meine erste Reise anlangt; morgen aber, so Gott will, der Erhabene, erzähle ich euch die Geschichte der zweiten von meinen sieben Reisen.«

Hierauf ließ Sindbad der Seemann Sindbad den Landmann bei sich zur Nacht essen und wies ihm hundert Goldmithkâl an, indem er zu ihm sprach: »Du hast uns am heutigen Tage mit deiner Gesellschaft erfreut.« Der Lastträger dankte ihm und ging, nachdem er sein Geschenk an sich genommen hatte, über all die Abenteuer und Erlebnisse der Menschen in Gedanken versunken und sich höchlichst verwundernd, seines Weges. Die Nacht über schlief er in seiner Wohnung, am nächsten Morgen aber in der Frühe begab er sich wieder zum Hause Sindbads des Seemanns. Bei seinem Eintreten hieß ihn dieser aufs beste willkommen und wies ihm den Platz an seiner Seite an; nachdem dann seine andern Freunde vollzählig erschienen waren, setzte er ihnen Speise und Trank vor, und, als sie sich nun zu guter Stunde und in heller Lust befanden, erhob Sindbad der Seemann das Wort und sprach:

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