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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
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Die Frau und ihre fünf Anbeter

»O König, mir kam zu Ohren, daß einmal eine Frau von den Kaufmannstöchtern einen Mann hatte, der viel auf Reisen war. Wie nun ihr Mann einmal in ein fernes Land reiste und lange ausblieb, verliebte sie sich in ihrer Einsamkeit in einen feinen jungen Kaufmannssohn, und beide gewannen einander leidenschaftlich lieb. Eines Tages aber bekam der Jüngling einen Streit mit einem Mann, und der Mann führte Klage über ihn beim Wâlī jener Stadt, worauf der Wâlī ihn einsperren ließ. Als seine Geliebte, die Kaufmannsfrau, dies vernahm, flog ihr fast der Verstand fort; dann aber erhob sie sich, legte ihre prächtigsten Kleider an und begab sich zum Hause des Wâlīs, dem sie nach dem Salâm ein Schreiben überreichte, in welchem sie folgendes geschrieben hatte: Der, den du einsperrst und eingekerkert hast, ist mein Bruder, Namens So und So, welcher mit dem und dem Streit gehabt hat; die Leute, welche als Zeugen vernommen wurden, haben falsches Zeugnis wider ihn abgelegt, so daß er ungerechterweise in deinem Gefängnis eingesperrt ist. Da ich nun weiter keinen als ihn habe, mich zu besuchen und für meinen Unterhalt zu sorgen, so erbitte ich von der Güte unsers Herrn seine Entlassung aus dem Gefängnis.

Als der Wâlī das Schreiben gelesen hatte und sie daraufhin anblickte, verliebte er sich auf den ersten Blick in sie und sagte zu ihr: »Tritt ins Haus, bis ich ihn mir vorführen lasse; dann will ich nach dir schicken, und du magst ihn mitnehmen.« Die Frau versetzte darauf: »O unser Herr, ich habe keinen weiter als Gott, den Erhabenen, denn ich bin eine fremde Frau und kann niemandes Wohnung betreten.« Der Wâlī entgegnete ihr jedoch: »Ich lasse ihn nicht eher los als bis du in meine Wohnung getreten bist, und ich meinen Willen an dir gehabt habe.« Da sagte sie zu ihm: »Wenn du dies willst, so mußt du zu meiner Wohnung kommen und den ganzen Tag bei mir sitzen und schlafen und dich ausruhen.« – »Und wo ist deine Wohnung?« fragte der Wâlī. Sie erwiderte: »In der und der Straße.« Hierauf ging sie fort, den Wâlī mit verliebtem Herzen zurücklassend, und begab sich zum Kadi jener Stadt, zu dem sie sprach: »O unser Herr Kadi!« Der Kadi versetzte: »Jawohl.« Da sagte sie: »Erwäge meinen Fall, und Gott wird dir's lohnen.« Nun fragte er: »Wer hat dir Unrecht zugefügt?« Sie entgegnete: »Mein Herr, ich habe einen Bruder und sonst niemand, und um seinetwillen mußte ich zu dir kommen, weil der Wâlī ihn auf Grund falschen Zeugnisses als Delinquenten eingesperrt hat. Nun bitte ich dich bei dem Wâlī in meinem Interesse für ihn Fürsprache einzulegen.« Als aber der Kadi sie angeschaut hatte, hatte er sich sofort in sie verliebt, so daß er zu ihr sagte: »Tritt ins Haus zu den Mädchen ein und ruhe dich aus, derweil wir zum Wâlī schicken, daß er deinen Bruder losläßt. Wüßten wir die Geldstrafe, die er zu zahlen hat, so würden wir sie selber zahlen, um unsern Willen an dir zu haben, da wir von deiner gefälligen Rede entzückt sind.« Die Frau entgegnete ihm hierauf: »Wenn du, o unser Herr, solches thust, dann dürfen wir niemand anders tadeln.« Der Kadi erwiderte ihr jedoch: »Wenn du nicht unsere Wohnung betrittst, so geh deines Weges.« Da versetzte sie: »Wenn du dies verlangst, o unser Herr, so geschieht es bei mir in meiner Wohnung sicherer und besser als bei dir, wo Sklavinnen und Eunuchen sind und die Leute aus- und eingehen, und wo ich ein Weib bin, das von solchen Dingen nichts weiß; jedoch zwingt die Not.« Nun fragte sie der Kadi: »Wo ist deine Wohnung?« Und sie versetzte: »In der und der Straße,« und bestellte ihn für denselben Tag, für den sie den Wâlī bestellt hatte. Hierauf begab sie sich vom Kadi zur Wohnung des Wesirs und appellierte an ihn, ihren Bruder, den der Wâlī eingesperrt hatte, loszulassen, indem sie ihm klagte, daß sie gänzlich auf ihn angewiesen sei. Der Wesir wollte jedoch ebenfalls seinen Willen an ihr haben und sagte zu ihr: »Wir wollen deinen Bruder freilassen, wenn du dich uns ergiebst.« Da versetzte die Frau: »Wenn du dies begehrst, so geschieht es sicherer für dich und mich bei mir in meiner Wohnung. Sie ist nicht fern, und du weißt, wie wir Frauen der Sauberkeit und Wohlanständigkeit bedürfen.« Nun fragte der Wesir: »Wo ist deine Wohnung?« Und sie versetzte: »In der und der Straße,« und bestellte ihn auf denselben Tag wie die beiden andern. Hierauf verließ sie ihn und begab sich zum König jener Stadt, vor den sie ihre Sache brachte, mit der Bitte, ihren Bruder freizulassen. Der König fragte sie: »Wer hat ihn eingesperrt?« Sie erwiderte: »Der Wâlī hat's gethan.« Als aber der König ihre Worte vernahm, ward sein Herz von den Pfeilen der Liebe getroffen, und er befahl ihr mit ihm ins Schloß zu treten, bis er zum Wâlī geschickt und ihren Bruder befreit hätte. Die Frau entgegnete ihm jedoch: »O König, dies ist ein leichtes Ding für dich, sei es mit meinem Willen oder wider meinen Willen; wenn der König wirklich solches von mir begehrt, so ist es ein großes Glück für mich, will er jedoch in meine Wohnung kommen, so wird er mich dadurch, daß er seine geehrten Tritte in dieselbe setzt, auszeichnen; wie auch der Dichter sagt:

»Ihr Freunde, habt ihr geschaut oder vernommen,
Daß er mich besuchte, dessen Tugenden mir so wert?«

Der König versetzte auf ihre Worte: »Wir wollen dir hierin nicht widersprechen;« worauf sie ihm angab, wo sich ihr Haus befand, und ihn für denselben Tag wie den Wesir, den Kadi und den Wâlī bestellte.

Fünfhundertundvierundneunzigste Nacht

Von dem König begab sie sich nun zu einem Schreiner und sagte zu ihm: »Ich wünsche, daß du mir einen Schrank mit vier übereinanderliegenden Fächern machst und jedes Fach mit einer Thür zum Verschließen versiehst. Sag' mir, was du verlangst, und ich will es dir geben.« Da versetzte er: »Vier Dinare; wolltest du mir aber, o wohlbeschützte Herrin, deine Huld gewähren, so wäre dies mein Lohn, und würde ich nichts von dir verlangen.« Da sagte sie: »Wenn es nicht anders geht, nun so mache mir fünf Fächer mit den dazugehörigen Schlössern.« Er erwiderte: »Freut mich und ehrt mich;« worauf sie ihm befahl den Schrank an eben demselben Tage zu bringen. Der Schreiner sagte jedoch: »Bleib hier, daß du das Verlangte sofort mitnehmen kannst; hernach will ich dann in Muße zu dir kommen.« Da blieb sie bei ihm, bis er ihr den Schrank mit den fünf Fächern gemacht hatte, worauf sie nach Hause ging und den Schrank in dem Wohnzimmer aufstellte. Alsdann nahm sie vier Gewänder und trug sie zum Färber, welcher jedes Gewand mit einer andern Farbe färbte; hierauf machte sie sich daran, Speise und Trank und die Blumen, Früchte und Wohlgerüche zu besorgen. Als nun der verabredete Tag kam, legte sie ihre prächtigsten Sachen an, schmückte und parfümierte sich und belegte das Wohnzimmer mit mancherlei kostbaren Teppichen, worauf sie sich setzte und wartete, wer da kommen würde. Und siehe, der erste von allen, der bei ihr erschien, war der Kadi. Als sie ihn erblickte, erhob sie sich auf ihre Füße, küßte die Erde vor ihm und geleitete ihn zu dem Lager, wo sie ihn sitzen ließ und sich mit ihm niederlegte und mit ihm tändelte. Wie er nun aber seinen Willen an ihr haben wollte, sagte sie zu ihm: »Mein Herr, leg deine Sachen und deinen Turban ab, zieh dieses gelbe Unterkleid an und binde diesen Schleier um deinen Kopf, daß ich Speise und Trank auftrage; hernach magst du deinen Willen haben.« Darauf nahm sie seine Sachen und seinen Turban, während er das Unterkleid und den Kopfschleier anlegte, als mit einem Male jemand an die Thür klopfte. Da fragte sie der Kadi: »Wer klopft da an die Thür?« Sie erwiderte: »Es ist mein Gatte.« Da fragte er: »Was thun? Wohin soll ich gehen?« Sie versetzte: »Fürchte dich nicht, ich will dich in diesen Schrank sperren.« Da sagte er: »Thu, was dir gut dünkt;« und nun nahm sie ihn bei den Händen und steckte ihn in das unterste Fach, worauf sie hinter ihm zuschloß. Dann ging sie zur Thür hinaus und öffnete sie, und siehe, da war's der Wâlī. Als sie ihn sah, küßte sie die Erde vor ihm, faßte ihn bei der Hand und geleitete ihn zu demselben Lager, indem sie zu ihm sprach: »Mein Herr, die Stätte ist deine Stätte, das Zimmer ist dein Zimmer, und ich bin deine Magd und eine deiner Dienerinnen; du sollst den ganzen Tag über bei mir zubringen, lege daher deine Sachen ab und ziehe dieses rote Gewand an, das ein Schlafhemd ist.« Dann band sie ihm einen zerfetzten Lappen, den sie bei sich hatte, um den Kopf, und als sie seine Sachen genommen hatte, kam sie zu ihm aufs Lager, worauf beide miteinander tändelten; als er aber die Hand nach ihr ausstreckte, sagte sie zu ihm: »Ach, unser Herr, der heutige Tag gehört dir, und keiner teilt ihn mit dir; jedoch bescheinige mir in deiner Güte und Huld zuerst meines Bruders Entlassung aus der Haft, damit sich mein Gemüt beruhigt.« Der Wâlī antwortete ihr: »Ich höre und gehorche, auf Kopf und Auge!« und schrieb einen Schein an seinen Schatzmeister folgenden Inhalts: Zur Stunde, da dieses Schreiben in deine Hand gelangt, laß den und den ohne Frist und Verzug los und erwidere dem Überbringer kein Wort. Hierauf siegelte er das Schreiben, und sie nahm es an sich; als sie nun aber wieder auf dem Lager mit ihm tändelte, klopfte jemand an die Thür. Da fragte er sie: »Wer ist da?« Sie erwiderte: »Mein Mann.« Da fragte er: »Was soll ich thun?« Sie versetzte: »Geh in diesen Schrank, bis ich ihn fortgeschickt habe und wieder zu dir zurückgekehrt bin.« Alsdann nahm sie ihn, sperrte ihn in das zweite Fach ein und legte das Schloß vor, während der Kadi alle ihre Worte vernahm. Hierauf ging sie zur Thür und öffnete sie, und siehe, da trat der Wesir ein. Als sie ihn erblickte, küßte sie die Erde vor ihm, empfing ihn unterthänigst und sagte zu ihm: »Mein Herr, du beehrst uns durch dein Erscheinen in unserer Wohnung, und Gott beraube uns nicht deines Angesichtes!« Hierauf ließ sie ihn auf dem Pfühl Platz nehmen und sagte zu ihm: »Leg' deine Kleider und deinen Turban ab und zieh diese leichten Sachen an.« Da zog er seine Sachen aus, und sie kleidete ihn in ein blaues Unterkleid und setzte ihm eine rote Kappe auf, wobei sie zu ihm sagte: »Alles zu seiner Zeit, deine Wesiratstracht für ihre Zeit, und diese Zech-, Vergnügungs- und Schlaftracht für heut'.« Dann tändelten beide miteinander auf dem Pfühl, wobei sie stets dem Wesir wehrte, wenn er seinen Willen an ihr haben wollte, indem sie zu ihm sagte: »Mein Herr, das läuft uns nicht fort.« Während sie miteinander redeten, klopfte mit einem Male jemand an die Thür. Da fragte er sie: »Wer ist da?« Sie erwiderte: »Mein Gatte.« Da fragte er: »Was anstellen?« Sie versetzte: »Steh auf und versteck dich in diesen Schrank, bis ich meinen Gatten fortgeschickt habe und wieder zu dir zurückgekehrt bin; sei nur ganz ohne Furcht.« Hierauf sperrte sie ihn in das dritte Fach ein und verschloß es. Dann ging sie hinaus und öffnete die Thür, und siehe, da trat der König herein. Als sie ihn erblickte, küßte sie die Erde vor ihm, faßte ihn bei der Hand und führte ihn auf den Ehrenplatz des Zimmers, wo sie ihm den Pfühl zum Sitz anwies, indem sie zu ihm sagte: »Du beehrst uns, o König, und wollten wir dir auch die Welt mit allem, was in ihr ist, schenken, es würde nicht einem deiner Schritte, die du zu uns setztest, gleichkommen.

Fünfhundertundfünfundneunzigste Nacht

Als sich der König auf den Pfühl gesetzt hatte, sprach sie zu ihm: »Gieb mir Erlaubnis ein einziges Wort zu dir zu reden.« Der König erwiderte: »Sprich, was du zu sagen hast,« worauf sie zu ihm sagte: »Mach' es dir bequem, mein Herr, und leg' deine Sachen und deinen Turban ab.« Nun waren aber seine Sachen tausend Dinare wert; und als er sie ausgezogen hatte, kleidete sie ihn in ein zerschlissenes Gewand, das zehn Dirhem und nicht mehr wert war. Hierauf begann sie sich mit ihm zu unterhalten und mit ihm zu tändeln, während die andern, die in dem Schrank steckten, alles hörten, was zwischen ihnen vorging, ohne daß einer ein Wort zu sagen wagte. Als nun der König seine Hand nach ihrem Halse ausstreckte und seinen Willen an ihr haben wollte, sagte sie zu ihm: »Das läuft uns nicht fort, doch hatte ich mir zuvor vorgenommen, dich in diesem Zimmer zu bewirten, und ich hab auch etwas hier, was dich erfreuen soll.« Während sie aber noch miteinander redeten, klopfte jemand an die Thür. Da fragte sie der König: »Wer ist da?« Sie erwiderte: »Mein Gatte.« Da sagte er zu ihr: »Schick ihn in Güte fort, oder ich gehe hinaus und thue es mit Gewalt.« Sie versetzte jedoch: »Nicht doch, mein Herr, gedulde dich nur, bis ich ihn durch meine Klugheit fortgebracht habe.« – »Was aber,« fragte der König, »soll ich thun?« Da faßte sie ihn bei der Hand und steckte ihn in das vierte Fach, das sie hinter ihm verriegelte, worauf sie zur Thür hinausging und sie öffnete; und siehe, da trat der Schreiner herein. Als er ihr den Salâm geboten hatte, sagte sie zu ihm: »Was ist das für ein Schrank, den du mir gemacht hast?« Der Schreiner fragte: »Was ist's mit ihm, meine Herrin?« Sie erwiderte: »Das Fach da ist zu eng.« Er versetzte jedoch: »Nein, es ist weit genug.« Da sagte sie zu ihm: »Geh selber hinein und schau nach, daß du nicht Platz darin hast.« Mit den Worten: »Es hat Platz für vier,« kroch der Schreiner herein; als er aber drin saß, verriegelte sie das Fach hinter ihm und machte sich mit dem Schein des Wâlīs zum Schatzmeister auf, welcher ihren Geliebten sofort, nachdem er den Schein empfangen und gelesen hatte, aus der Haft entließ. Dann erzählte sie ihm, was sie gethan hatte, und, als er sie darauf fragte, was nun zu beginnen sei, sagte sie zu ihm: »Wir wollen aus dieser Stadt in eine andere ziehen, denn nach dieser Geschichte dürfen wir hier nicht mehr bleiben.« Hierauf packten sie all ihr Hab und Gut zusammen, luden es auf Kamele und zogen zur selbigen Stunde nach einer andern Stadt ab.

Was nun die andern anlangt, so saßen sie drei Tage lang in ihren Fächern im Schrank, ohne etwas zu essen und ihre Bedürfnisse während dieser ganzen Zeit verkneifend, bis sie es nicht mehr aushalten konnten und der Schreiner das Wasser auf den Kopf des Sultans, der Sultan auf den Kopf des Wesirs, der Wesir auf den Kopf des Wâlīs und der Wâlī auf den Kopf des Kadis laufen ließ, worauf der Kadi rief: »Was ist das für eine Schmutzerei? Haben wir noch nicht genug an unserer Lage, daß ihr uns auch noch vollmacht?« Da erhob der Wâlī seine Stimme und rief: »Gott vermehre deinen Lohn, o Kadi!« Als der Kadi seine Stimme vernahm, erkannte er, daß es der Wâlī war; der Wâlī aber rief von neuem: »Was bedeutet diese Schmutzerei? « Da erhob der Wesir seine Stimme und rief: »Gott vermehre deinen Lohn, o Wâlī!« Als der Wâlī seine Stimme vernahm, erkannte er, daß es der Wesir war; nun aber rief der Wesir: »Was bedeutet diese Schmutzerei?« Der König, der des Wesirs Stimme erkannte, schwieg jedoch, um sich nicht zu verraten, worauf der Wesir von neuem rief: »Gott verfluche das Weib für das, was sie uns angethan hat! Hat sie da alle Staatshäupter mit Ausnahme des Königs bei sich zusammengebracht.« Als der König dies vernahm, rief er ihnen zu: »Schweigt, denn ich war der erste, der in das Netz dieser gemeinen Dirne fiel.« Da fiel auch der Schreiner ein und rief: »Und was ist meine Schuld? Ich machte ihr einen Schrank für vier Golddinare, und, als ich zu ihr kam, mir mein Geld zu holen, sperrte sie mich durch List in dieses Fach ein und verriegelte es hinter mir.« Hierauf fingen sie an sich zu unterhalten und heiterten den König durch ihr Geplauder wieder auf. Wie nun aber die Nachbarn jenes Hauses kamen und es leer stehen sahen, sprachen sie zu einander: »Gestern war noch unsere Nachbarin, die Frau des und des darinnen, und heute hören wir in der Wohnung weder einen Laut noch sehen wir einen Menschen in ihr; laßt uns daher die Thüren aufbrechen und nachschauen, wie die Sachen stehen, damit nicht der Wâlī oder gar der König davon Kunde erhält und uns einsperrt, so daß wir es zu bereuen haben, daß wir dies nicht früher gethan haben.« Hierauf brachen die Nachbarn die Thüren ein und traten ins Haus, in dem sie nun einen hölzernen Schrank stehen sahen, in welchem vor Hunger und Durst wimmernde Menschen saßen. Da sagten einige von ihnen: »Ob ein Dschinnī in diesem Schrank sitzt?« worauf ein anderer versetzte: »Wir wollen Holz an den Schrank legen und ihn verbrennen.« Da schrie der Kadi ihnen zu: »Thut's nicht,« –

Fünfhundertundsechsundneunzigste Nacht

worauf die Nachbarn zu einander sagten: »Schaut, die Dschinn sind leibhaftig geworden und reden wie Menschen.« Als der Kadi dies vernahm, recitierte er etwas aus dem erhabenen Koran und sagte zu den Nachbarn: »Tretet an den Schrank, in dem wir sitzen, heran;« und, wie sie nun näher getreten waren, sagte er zu ihnen: »Ich bin der und der, und ihr seid der und der und der und der; wir sind hier eine ganze Gesellschaft.« Nun fragten die Nachbarn den Kadi: »Und wer hat dich hierher gebracht?« da teilte er ihnen die Geschichte mit und erzählte sie ihnen von Anfang bis Ende, worauf sie endlich einen Schreiner holten, welcher den Kadi, den Wâlī, den Wesir, den König und den Schreiner aus ihren Fächern herausließ, alle in ihrem Aufzug, so daß, als sie einander erblickten, einer den andern auslachte. Alsdann fragten sie nach der Frau, doch war nichts von ihr zu hören oder zu sehen, und alle Sachen, die sie angehabt hatten, hatte sie ebenfalls mitgenommen. So mußte denn ein jeder zu seinen Angehörigen nach Sachen schicken, und als man sie ihnen gebracht hatte, ging ein jeder, sich mit denselben vor den Leuten verhüllend, nach Hause. Betrachte daher, o unser Herr König, diesen Streich, den jenes Weib diesen Leuten spielte.«

 

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