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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 27
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
projectidbbb389ae
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Der Prinz und die Kaufmannsfrau

»Glückseliger König, mir kam zu Ohren, daß einmal ein sehr eifersüchtiger Kaufmann lebte, der eine schöne und anmutige Frau hatte, mit welcher er in seiner großen Furcht und Eifersucht außerhalb der Stadt lebte; dort hatte er ihr eine einsame abgelegene Villa mit hohen und festen Mauern und starken Thüren erbaut und dieselben mit kunstreichen Schlössern versichert, und wenn er in die Stadt ging, so verschloß er die Thüren und nahm ihre Schlüssel mit sich, dieselben um seinen Hals hängend. Als er eines Tages wiederum in der Stadt war, traf es sich, daß der Sohn des Königs jener Stadt ausgezogen war, um sich außerhalb der Stadt zu erholen und im freien Feld zu vergnügen. Wie er nun in jene Gegend kam und dieselbe geraume Zeit mit seinen Blicken musterte, gewahrte er plötzlich jene Villa und sah ein feines Fräulein aus einem der Fenster hinausschauen. Bezaubert von ihrer Schönheit und Anmut, suchte er zu ihr zu gelangen; da ihm dies jedoch nicht möglich war, rief er einen seiner Pagen, der ihm Tinte und ein Blatt Papier reichte, und schilderte ihr seinen verliebten Zustand, worauf er das Blatt auf die Spitze eines Pfeiles steckte und den Pfeil in die Villa schoß, daß er gerade vor ihr niederfiel, wie sie im Garten spazierte. Da sagte sie zu einer ihrer Sklavinnen: »Lauf und hol' mir jenes Blatt,« – sie konnte nämlich Geschriebenes lesen. Als sie nun den Brief gelesen und alles vernommen hatte, was er ihr von seiner Liebe, seiner Sehnsucht und seinem Verlangen klagte, schrieb sie ihm als Antwort auf seinen Brief, daß sie noch viel verliebter in ihn wäre, wie er in sie, worauf sie von einem Fenster der Villa nach ihm ausschaute und ihm, als sie ihn sah, in wachsender Leidenschaft die Antwort zuwarf. Als er sie gewahrte, trat er unter die Villa und rief ihr zu: »Wirf mir einen Faden zu, daß ich diesen Schlüssel für dich daranbinden kann.« Da warf sie ihm einen Faden zu, und er band den Schlüssel daran. Hierauf zog er ab und klagte seinen Wesiren, daß er jenes Mädchen liebe und es ohne sie nicht mehr aushalten könne. Da fragte ihn einer derselben: »Und was befiehlst du mir zu thun?« Der Prinz erwiderte: »Ich wünsche, daß du mich in eine Kiste packst und sie jenem Kaufmann zur Aufbewahrung in seiner Villa giebst, indem du dich so stellst, als wäre es deine Kiste; habe ich dann mein Begehr an jenem Mädchen eine Reihe von Tagen gestillt, so verlange die Kiste wieder zurück.« Der Wesir erwiderte hierauf: »Freut mich und ehrt mich;« der Prinz aber legte sich in seiner Wohnung in eine Kiste, die er dort hatte, worauf der Wesir dieselbe über ihm verschloß und zur Villa des Kaufmanns bringen ließ, welcher zum Wesir herauskam und ihn, nachdem er die Erde vor ihm geküßt hatte, fragte: »Vielleicht hat unser Gebieter, der Wesir, einen Dienst nötig oder ein Anliegen, dessen Erfüllung uns glücklich machen würde?« Der Wesir versetzte: »Ich möchte dich bitten, diese Kiste bei dir in deinem teuersten Raum aufzubewahren;« worauf der Kaufmann den Lastträgern befahl: »Ladet sie auf,« und sie in seine Villa tragen und in seinem Schatzraum niedersetzen ließ. Als er dann eines Geschäftes halber ausging, ging das Mädchen zur Kiste und öffnete sie mit dem Schlüssel, den sie bei sich hatte, worauf derselben ein Jüngling, schön wie der Mond, entstieg. Sobald sie ihn erblickte, zog sie ihre feinsten Sachen an und führte ihn in das Wohnzimmer, wo sie während einer Reihe von sieben Tagen mit ihm schmauste und trank, indem sie ihn stets, wenn ihr Gatte nach Hause kam, in die Kiste steckte und dieselbe hinter ihm verschloß. Da begab es sich nun eines Tages, daß der König nach seinem Sohne fragte, worauf sich der Wesir eiligst zur Wohnung des Kaufmanns auf den Weg machte, um die Kiste von ihm zurückzuverlangen.

Fünfhundertundzweiundneunzigste Nacht

Der Kaufmann eilte deshalb zu einer ganz ungewöhnlichen Zeit zu seiner Villa und pochte an die Thür, worauf das Mädchen, das ihn erkannte, den Prinzen in die Kiste steckte; doch vergaß sie in der Eile dieselbe zuzuschließen. Wie nun der Kaufmann mit den Trägern eintrat, hoben die Träger die Kiste am Deckel hoch, so daß sie aufging, und sie nun beim Hineinschauen den Prinzen darin liegen sahen. Als der Kaufmann ihn sah und erkannte, ging er zum Wesir hinaus und sagte zu ihm: »Komm selber herein und nimm den Prinzen in Empfang, von uns mag keiner Hand an ihn legen.« Da ging der Wesir hinein und holte ihn, worauf alle ihres Weges gingen, während der Kaufmann das Mädchen laufen ließ und sich gelobte nie wieder zu heiraten.

 

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