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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
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Die verzauberte Quelle

»Ich vernahm, o König, daß einer der verflossenen Könige einen Sohn und weiter keinen hatte. Als dieser Sohn erwachsen war, verheiratete ihn sein Vater mit der Tochter eines andern Königs, welche ein schönes und liebreizendes Mädchen war; doch hatte sie einen Vetter, der sich bei ihrem Vater um sie beworben hatte, von ihr jedoch abgewiesen war. Wie nun ihr Vetter vernahm, daß sie mit einem andern verheiratet werden sollte, wurde er von Eifersucht gepackt, und er beschloß, den Wesir des Königs, dessen Sohn die Prinzessin heiraten sollte, zu bestechen. Infolgedessen schickte er ihm ein kostbares Geschenk und eine große Geldsumme und bat ihn den Prinzen durch einen listigen Anschlag umzubringen oder ihn durch Überredungskünste von der Heirat mit jenem Mädchen abzubringen, indem er hinzufügte: »O Wesir, Eifersucht auf meine Base ist's allein, die mich hierzu antreibt.« Wie nun das Geschenk bei dem Wesir eintraf, nahm dieser es an und schickte dem Prinzen die Botschaft zurück: »Sei guten Mutes und kühlen Auges; ich werde alles, was du begehrst, ausrichten.« Bald darauf entbot der Vater des Mädchens den Prinzen zu sich, um das Brautlager mit seiner Tochter bei ihm abzuhalten. Als der Brief bei dem Prinzen anlangte, erlaubte ihm sein Vater die Reise und schickte den bestochenen Wesir, zugleich mit einem Trupp von tausend Reisigen nebst Geschenken, Sänften, Baldachinen und Zelten mit. Unterwegs schmiedete nun der Wesir fortwährend Pläne zum Verderben des Prinzen, und als sie in die Wüste gelangten, fiel ihm ein, daß sich in der Nähe im Gebirge eine Quelle befand, die Quelle Es-Sahrā geheißen, deren Wasser jeden Mann, der aus ihr trank, in ein Weib verwandelte. Da ließ er die Truppen sich nahe bei der Quelle lagern und, sein Pferd besteigend, fragte er den Prinzen: »Hast du Lust mit mir mitzureiten und dir hier in der Nähe eine Quelle zu besehen?« Der Prinz, der nicht ahnte, welches Schicksal im Verborgenen auf ihn lauerte, setzte sich auf und ritt mit dem Wesir allein, ohne jegliches Geleit, mit, bis sie zu jener Quelle kamen, wo er von seinem Roß abstieg und sich in der Quelle die Hände wusch und von ihr trank. Und siehe, da war er ein Weib geworden. Als er dies merkte, schrie er laut und weinte, bis er in Ohnmacht sank, worauf der Wesir an ihn herantrat, um ihm sein Bedauern für seinen Unfall auszusprechen, und ihn fragte: »Was ist dir zugestoßen?« Da erzählte es ihm der Prinz, und als der Wesir sein Mißgeschick vernommen hatte, kondolierte er ihm weinend und rief: »Gott, der Erhabene, sei deine Zuflucht in diesem Leid! Wie konnte dich auch nur dieses Unglück treffen und dieses große Mißgeschick befallen, wo wir so vergnügt die Brautfahrt angetreten haben! Jetzt aber weiß ich nicht, ob wir zu ihr ziehen sollen oder nicht; doch dein ist der Beschluß. Was also befiehlst du mir?« Da sagte der Prinz zu ihm: »Kehre zu meinem Vater zurück und teile ihm mit, was mich betroffen hat; denn siehe, ich will nicht eher von hier fort, als bis diese Sache von mir gewichen ist, und sollte ich auch vor Leid hier sterben.« Hierauf schrieb der Prinz einen Brief an seinen Vater, in welchem er ihm sein Mißgeschick mitteilte, und der Wesir nahm den Brief und kehrte zur Residenz des Königs zurück, die Truppen, den Prinzen und alle seine Geleitsmannen zurücklassend und innerlich erfreut über den gelungenen Streich, den er dem Prinzen gespielt hatte. Als der Wesir bei dem König eintrat, teilte er ihm seines Sohnes Unfall mit und überreichte ihm den Brief, worauf der König in tiefer Betrübnis über seinen Sohn zu den Weisen und Occultisten schickte, ihnen die Sache, die seinen Sohn betroffen hatte, zu erklären, doch gab ihm keiner eine Antwort. Der Wesir aber schickte zu dem Vetter der Prinzessin einen Boten, der ihm die gute Nachricht von des Prinzen Mißgeschick überbrachte, und der Vetter der Prinzessin freute sich mächtig, als er den Brief empfangen hatte, da er sich nun von neuem auf seine Base Hoffnung machte, und schickte dem Wesir reiche Geschenke und viel Geld und dankte ihm in überschwänglichster Weise. Was nun den Prinzen anlangt, so blieb er drei Tage und Nächte bei jener Quelle, ohne etwas zu essen oder zu trinken, und stellte sich in seinem Leid ganz Gott – Preis Ihm, dem Erhabenen! – anheim, der keinen, der auf ihn baut, im Stich läßt. In der vierten Nacht aber erschien plötzlich ein Reiter mit einer Krone auf dem Haupt, als wäre er ein Prinz, und fragte ihn: »Jüngling, wer hat dich hierher geführt?« Da erzählte ihm der junge Prinz unter fortwährendem Schluchzen, was ihm widerfahren war, wie er auf seiner Brautfahrt vom Wesir zu einer Quelle geführt war und von ihr getrunken hatte, worauf ihn dann sein Mißgeschick betroffen hatte. Als der Reitersmann seine Erzählung vernommen hatte, empfand er Mitleid mit seinem Zustand und sagte zu ihm: »Der Wesir deines Vaters ist's, der dich in dieses Unglück gestürzt hat, da um diese Quelle nur ein einziger Mensch weiß.« Dann forderte er ihn auf aufzusitzen und sagte zu ihm: »Komm mit in meine Wohnung, du bist heute Nacht mein Gast.« Da stieg der Prinz aufs Pferd, doch sagte er zu ihm: »Sag' mir, ehe ich dich begleite, wer du bist?« Der Reitersmann antwortete: »Ich bin der Sohn eines Königs der Dschinn wie du der Sohn eines Menschenkönigs bist; drum sei guten Mutes und kühlen Auges, mir fällt es leicht deinen Kummer und Gram zu heben.« So ritt denn der Prinz, seine Truppen sich selbst überlassend, in der Morgenfrühe mit dem Reitersmann fort und ritt den ganzen Tag über bis zur Mitternacht, als der Dschinnenprinz ihn fragte: »Weißt du, wie viel Weges wir in dieser Zeit zurückgelegt haben?« Der Jüngling antwortete: »Ich weiß es nicht.« Da versetzte der Dschinnenprinz: »Wir haben die gleiche Strecke durchmessen wie ein rüstiger Reisender in einem Jahre;« worauf der Prinz verwundert fragte: »Wie soll ich es denn anstellen, um zu meinen Angehörigen heimzukehren?« Der andere erwiderte: »Das ist nicht deine Sache, dafür hab' ich allein zu sorgen. Wenn du von deinem Schaden kuriert bist, sollst du schneller als ein Augenblick zu deinen Angehörigen heimkehren, denn das fällt mir leicht.« Als der Jüngling diese Worte von dem Dschinnī vernahm, flog er vor Freude und glaubte es wäre nur ein Traumspuk; dann rief er in seiner mächtigen Freude: »Preis dem Allmächtigen, der den Elenden glückselig machen kann!«

Fünfhundertunddreiundachtzigste Nacht

Hierauf ritten sie wieder weiter, bis sie gegen Tagesanbruch in ein grünes, strahlendes Gelände kamen, darinnen die Bäume ragten, die Vögel sangen, die Gärten in herrlichster Pracht blühten und viele stolze Schlösser standen. Hier stieg der Dschinnenprinz von seinem Roß, und befahl dem Jüngling ebenfalls abzusteigen, worauf er ihn bei der Hand nahm und ihn in eines der Schlösser führte, in welchem er einen erhabenen König und stolzen Sultan erblickte. Nachdem er den ganzen Tag über bis zum Anbruch der Nacht bei ihm verweilt und gegessen und getrunken hatte, erhob sich der Dschinnenprinz wieder und bestieg sein Roß, den Menschenprinzen hinter sich nehmend, worauf sie unter dem Dunkel der Nacht bis zum Morgen hurtig dahertrabten, bis sie gegen Tagesanbruch zu einem schwarzen, unbewohnten, mit schwarzen Steinen und Felsen besäeten Gelände gelangten, als wäre es ein Stück von Dschehannam. Da fragte der Menschenprinz: »Wie heißt dieses Land?« Der Dschinnenprinz erwiderte: »Es heißt das schwarze Land und gehört einem Dschinnenkönig, Namens Zul-Dschanâhein,Der Herr der beiden Schwingen. den keiner der andern Könige zu bezwingen vermag, und ohne dessen Erlaubnis es keiner betreten darf. Bleib daher auf deinem Fleck stehen, bis ich seine Erlaubnis eingeholt habe.« Während nun der Jüngling stehen blieb, ging der Dschinnenprinz fort und kehrte nach einer Weile zurück, worauf sie weiter ritten, bis sie zu einer Quelle gelangten, die aus schwarzen Bergen hervorströmte. Hier sagte der Dschinnenprinz zum Jüngling: »Steig ab.« Da stieg der Jüngling von seinem Roß ab, und der Dschinnenprinz sprach: »Trink von dieser Quelle.« Und zu derselbigen Zeit und Stunde, zu welcher der Jüngling aus der Quelle trank, ward er wieder wie zuvor durch Gottes, des Erhabenen, Allmacht eine Mannsperson. Da freute sich der Jüngling maßlos und fragte: »O mein Bruder, wie heißt diese Quelle?« Der Dschinnenprinz versetzte: »Sie heißt die Frauenquelle, weil jede Frau, die aus ihr trinkt, zum Manne wird. Lobe Gott, dank' ihm für deine Genesung und besteig' dein Pferd.« Da warf sich der Prinz, Gott, dem Erhabenen, dankend, nieder, worauf er sein Pferd bestieg, und nun beide den Rest des Tages über hurtig einhertrabten, bis sie jenes Dschinnīs Land wieder erreicht hatten, bei dem der Prinz die Nacht herrlich und in Freuden verbrachte. Den ganzen folgenden Tag über schmausten und zechten sie, bis die Nacht hereinbrach, worauf der Dschinnenprinz den Jüngling fragte: »Wünschest du heute Nacht zu deinen Angehörigen heimzukehren?« Der Jüngling erwiderte: »Ja, ich möchte es gern, ich sehne mich danach.« Da rief der Dschinnenprinz einen von seines Vaters Sklaven, Namens Râdschis, und sagte zu ihm: »Nimm diesen jungen Mann von mir fort, lad ihn auf deine Schulter und laß den Morgen nicht über ihn anbrechen, bevor er bei seinem Schwiegervater und seiner Gattin angelangt ist.« Der Sklave erwiderte: »Ich höre und gehorche; freut mich und ehrt mich!« Hierauf ging er fort und kehrte nach einer Weile in Ifrîtengestalt wieder, so daß der junge Mann bei seinem Anblick vor Entsetzen seinen Verstand verlor, der Dschinnenprinz aber sagte zu ihm: »Sei ohne Furcht, steig auf dein Pferd und setz' mit ihm auf seine Schulter.« Der Jüngling versetzte jedoch: »Nein, ich will mein Pferd bei dir lassen und mich selber auf seine Schulter setzen.« Hierauf stieg er von seinem Pferd herunter und stieg auf die Schulter des Ifrîten, worauf der Dschinnenprinz zu ihm sagte: »Schließe deine Augen.« Da schloß er seine Augen, und der Ifrît erhob sich und entschwebte mit ihm zwischen Himmel und Erde, ohne daß der Jüngling etwas von sich wußte. Ehe aber noch das letzte Drittel der Nacht anbrach, befand er sich auf dem Dach des Palastes seines Schwiegervaters, und der Ifrît sagte zu ihm: »Steig' ab.« Da stieg er ab, und nun sagte der Ifrît: »Öffne deine Augen, denn dies ist das Schloß deines Schwiegervaters und seiner Tochter.« Hierauf verließ er ihn und verschwand. Als es nun lichter Tag geworden war, und der Jüngling seine Angst überstanden hatte, stieg er vom Schloßdach zu seinem Schwiegervater herunter, der sich bei seinem Anblick vor ihm erhob, ihm entgegenging und, verwundert darüber, ihn vom Schloßdach herabsteigen zu sehen, zu ihm sagte: »Sonst sehen wir die Leute durch die Thüren kommen, du aber steigst vom Himmel herab.« Der Prinz erwiderte ihm darauf: »Was Gott – Preis Ihm, dem Erhabenen! – will, das geschieht.« Verwundert hierüber und zugleich über seine Rettung erfreut, befahl der König nach Sonnenaufgang seinem Wesir prächtige Bankette anzurichten, und als dieselben fertig waren, wurde die Hochzeit gefeiert, worauf der Prinz seine Gattin heimsuchte und zwei Monate lang bei seinem Schwiegervater verweilte. Alsdann reiste er mit ihr zur Residenz seines Vaters, während ihr Vetter aus Eifersucht und Neid darüber, daß der Prinz sie heimgeführt und Gott – Preis Ihm, dem Erhabenen! – ihm über ihn und den Wesir seines Vaters den Sieg gegeben hatte, starb. In vollkommenstem Glück und in höchster Freude langte der Prinz mit seiner Gattin bei seinem Vater an, der ihn mit seinen Truppen und seinen Wesiren einholte.

So hoffe auch ich zu Gott, dem Erhabenen, daß er dir gegen deine Wesire beistehen wird, o König, und ich bitte dich, daß du mir mein Recht an deinem Sohne verschaffst.« Als der König dies vernahm, befahl er seinen Sohn hinzurichten.

Fünfhundertundvierundachtzigste Nacht

Dies war aber der vierte Tag, weshalb nun der vierte Wesir zum König eintrat, die Erde vor ihm küßte und sprach: »Gott befestige und stärke den König! O König, sei bedachtsam in diesem deinem Vorhaben, dieweil der Kluge kein Werk thut, ohne den Ausgang zu bedenken; sagt doch auch das Sprichwort: Wer die Folgen nicht bedenkt, der hat an dem Schicksal keinen Freund, – und wer ohne Überlegung handelt, dem ergeht's wie es dem Badhalter mit seiner Frau erging.« Da fragte ihn der König: »Wie erging es dem Badhalter mit seiner Frau?« Und der Wesir erzählte:

 

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