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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
projectidbbb389ae
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Es-Sindibâds Geschichte.

Im folgenden geben wir den Namen, wie er sich in aller Welt als Sindbad eingebürgert hat, wieder. Nach Benfey käme der Name vom sanskrit. »Siddhapati« = Herr der Weisen.

Ferner vernahm ich, daß in der Zeit des Chalifen, des Fürsten der Gläubigen Hārûn er-Raschîd, in der Stadt Bagdad ein Mann, Namens Sindbad der Lastträger, lebte, welcher in seiner ärmlichen Lage Lasten für Lohn auf seinem Kopfe trug. Da traf es sich, daß er an einem der Tage eine schwere Last trug; jener Tag aber war sehr heiß, und er schwitzte, von der Last und der Hitze bedrückt. Auf seinem Wege kam er auch an der Thür eines Kaufmanns vorüber, vor welcher gekehrt und gesprengt war, und vor der ein laues Lüftchen wehte; da aber neben der Thür auch eine breite Bank stand, setzte er seine Last auf die Bank nieder, um sich auszuruhen und Luft zu schöpfen.

Fünfhundertundsiebenunddreißigste Nacht

Wie er nun dort rastete, kam ein wohliger Hauch und ein würziger Duft aus der Thür gezogen, der ihm wohlthat; und, als er sich deshalb auf den Rand der Bank setzte, hörte er im Hause süßes Saiten- und Lautenspiel, entzückenden Gesang und berückenden Vortrag, zu alledem die Vögel, lustig schmetternd und Gott, den Erhabenen, in allerlei Stimmen und Weisen lobpreisend, flöteten und girrten, wie Turteltauben, Sprosser, Amseln, Nachtigallen, Ringeltauben und Steinwälzer. Verwundert hierüber und von mächtigem Entzücken gepackt, trat er an die Thür heran und gewahrte nun in dem Hause einen großen Garten, in welchem er Pagen, Sklaven, Eunuchen, Diener und Dinge, wie man sie sonst nur bei Königen und Sultanen findet, erblickte; und der Brodem von allerlei köstlichen und würzigen Speisen, und der Duft von feinen Weinen kam ihm entgegengezogen. Da erhob er seinen Blick gen Himmel und rief: »Preis dir, o Herr, o Schöpfer und Versorger, der du, wen du willst, ohne zu rechnen versorgst! O Gott, ich flehe dich an um Verzeihung für alle meine Sünden und kehre mich reuig zu dir von all meinen Vergehen! O Herr, keinen Widerspruch giebt's gegen deinen Spruch und deine Allmacht, denn nicht hast du Rede und Antwort zu stehen für dein Thun, und du hast Macht über alle Dinge! Preis dir, du machst reich, wen du willst, und machst arm, wen du willst, und es giebt keinen Gott außer dir! Wie hoch und hehr ist deine Majestät, wie kraftvoll deine Herrschaft und wie schön dein Walten! Deine Huld gewährst du, wem du willst von deinen Dienern, und so führt der Herr dieser Stätte ein Leben herrlich und in Freuden und ergötzt sich an lieblichen Wohlgerüchen, an köstlichen Speisen und herrlichen Weinen aller Art. Denn, fürwahr, für deine Geschöpfe bestimmst du, was du willst, und was du für sie im voraus verhängt hast; so kommt es, daß die einen von ihnen müde sind, während sich die anderen ruhen, und daß die einen im Glück leben, während die andern, wie ich, von Mühsal und Niedrigkeit schwer bedrückt sind.« Alsdann sprach er die Verse:

»Wie viele Elende sind ohne Ruhe,
Und wie viele, die im Glück leben, ruhen sich im Schatten!Dieser Halbvers ist nach der Breslauer Ausgabe übersetzt.
Ich selber bin übermäßig geplagt,
Meine Lage ist seltsam und allzuschwer meine Last.
Andere leben im Glück und kennen das Elend nicht,
Und nie ladet das Schicksal ihnen Lasten wie die meinige auf.
Reichbeglückt leben sie ihr ganzes Leben lang
Und sind fröhlich und geehrt und sitzen bei Speise und Trank.
Wohl entstehen alle Wesen aus einem Samentröpflein,
Ich bin wie er, und er ist wie ich,
Und doch ist ein großer Unterschied zwischen uns,
So wie der Wein vom Essig verschieden ist.
Doch tadle ich dich nicht mit diesen Worten, o Gott,
Denn du bist weise und waltest in Gerechtigkeit.«

Als Sindbad der Lastträger seine Verse gesprochen hatte und nun wieder seine Last aufladen und fortgehen wollte, kam mit einem Male ein junger Page mit hübschem Gesicht, von schönem Wuchs und in prächtigen Kleidern aus der Thür auf ihn zu, faßte ihn bei der Hand und sprach zu ihm: »Komm herein und entsprich meines Herrn Befehl, denn er läßt dich rufen.« Der Lastträger hätte es gern abgelehnt; da er es jedoch nicht vermochte, setzte er seine Last bei dem Pförtner im Flur ab und folgte dem Pagen ins Haus, wobei er bemerkte, daß es ein hübsches, freundliches und doch vornehmes Haus war. In einen großen Saal blickend, gewahrte er daselbst eine Gesellschaft edler und vornehmer Herren; daneben befanden sich allerlei Blumen und wohlriechende Kräuter, frisches und getrocknetes Obst, eine Menge kostbarer Gerichte allerlei Art und Weine von den erlesensten Reben in dem Raum, und allerlei schöne Mädchen sangen und musizierten. Jeder der Gäste saß, nach seinem Rang geordnet, auf seinem Platz, und auf dem Ehrenplatz saß ein edler und verehrungswürdiger Mann von hübscher Gestalt und schöner, majestätischer, würde- und hoheitsvoller Erscheinung, dessen Bart an den Wangen bereits ergraut war. Als Sindbad der Lastträger alles dies erschaute, sprach er verwirrt bei sich: »Bei Gott, diese Stätte ist ein Stück vom Paradiese oder wenigstens das Schloß eines Königs oder Sultans.« Alsdann grüßte er die Anwesenden höflich, wünschte ihnen Segen und küßte die Erde vor ihnen, worauf er demütig und zu Boden gesenkten Hauptes dastand.

Fünfhundertundachtunddreißigste Nacht

Der Hausherr ließ ihn näher treten und gab ihm Erlaubnis sich zu setzen; und, als er sich gesetzt hatte, sprach er freundlich zu ihm, hieß ihn willkommen und setzte ihm prächtige, wohlschmeckende und köstliche Speisen aller Art vor, worauf der Lastträger sich an dieselben machte und nach dem Bismillāh aß, bis er genug hatte und satt geworden war; dann sprach er die Worte: »Gelobt sei Gott in jedem Fall!« wusch sich die Hände und bedankte sich bei ihnen. Der Hausherr erwiderte ihm: »Es ist gern geschehen, und gesegnet ist dein Tag; doch sag' mir, wie du heißest, und was für ein Handwerk du treibst.« Er antwortete ihm: »Mein Herr, mein Name ist Sindbad der Lastträger, und ich trage die Sachen der Leute auf meinem Kopf für Lohn.« Da lächelte der Hausherr und sagte zu ihm: »Wisse, o Lastträger, dein Name lautet wie der meinige, denn ich bin Sindbad der Seemann; jedoch wünsche ich, o Lastträger, daß du mich die Verse, die du draußen vor der Thür sprachst, hören lässest.« Verlegen antwortete der Lastträger: »Um Gott, ich beschwöre dich, nimm mir's nicht übel, denn Müdigkeit, Plackerei und leere Hände lehren den Menschen unziemliches Benehmen und Unverschämtheit.« Der Hausherr erwiderte ihm jedoch: »Schäme dich nicht, denn du bist mein Bruder geworden; sprich getrost die Verse, da sie mir gefielen, als ich sie von dir vernahm, wie du sie draußen vor der Thür hersagtest.« So trug denn der Lastträger die Verse vor, und der Hausherr, dem sie gefielen, sagte entzückt zu ihm: »O Lastträger, wisse, meine Geschichte ist wunderbar, und ich will dir erzählen, was ich alles erlebte, und was mir widerfuhr, bis ich zu diesem Glück gelangte und an dieser Stätte, an der du mich hier siehst, sitzen durfte. Denn siehe, zu diesem Reichtume gelangte ich erst nach schweren Plagen und Drangsalen und nach vielen Schrecknissen, und wie viel Plage und Kummer hab' ich in frühern Tagen erduldet! Sieben Reisen machte ich, und jede Reise hat ihre wunderbare Geschichte, die wohl des Menschen Gedanken verwirren kann; doch alles dies geschah nach dem Schicksal und Verhängnis, denn vor dem, was einmal geschrieben steht, giebt's kein Asyl und kein Entkommen.

 

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