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Tausend und eine Nacht. Band X

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band X - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band X
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
projectidbbb389ae
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Der König und das Weib seines Wesirs

Es lebte einmal unter den Königen der Zeit ein König, welcher in die Weiber verliebt war. Als dieser König eines Tages in stiller Einsamkeit in seinem Schlosse saß, fiel sein Auge mit einem Male auf eine schöne, liebreizende Frau, welche sich auf dem Dach ihres Hauses befand. Sie sehen und lieben war eins, und so erkundigte er sich nach jenem Hause, worauf man ihm sagte: »Das ist das Haus deines Wesirs N. N.« Da erhob er sich sofort und ließ den Wesir zu sich entbieten. Als der Wesir vor ihm erschien, befahl er ihm nach einer der Provinzen des Königsreichs zu verreisen, um dieselbe zu inspizieren und dann wieder zurückzukehren. Der Wesir machte sich nach des Königs Geheiß auf den Weg, und als er abgereist war, betrat der König unter einem Vorwand das Haus des Wesirs. Sobald die Frau ihn erblickte, erkannte sie ihn und, schnell auf die Füße springend, küßte sie ihm Hände und Füße und hieß ihn willkommen. Dann stellte sie sich fern von ihm hin, sich mit seiner Bedienung zu schaffen machend, und sagte zu ihm: »O mein Gebieter, was ist die Ursache deines gesegneten Kommens, einer für mich zu hohen Ehre?« Er erwiderte: »Liebe und Sehnsucht haben mich zu dir getrieben.« Da küßte sie zum andernmal die Erde vor ihm und sagte: »O unser Gebieter, ich bin nicht wert die Magd eines der Diener des Königs zu sein, woher sollte mir da solch großes Glück zuteil werden, daß ich so hohen Rang bei dir einnähme?« Wie nun der König die Hand nach ihr ausstreckte, versetzte sie: »Das entgeht uns nicht; gedulde dich daher, o König, und verweile den ganzen Tag über bei mir, daß ich dir etwas zum Essen zubereite.« Da setzte sich der König auf das Polster seines Wesirs, während die Frau fortging und ihm ein Buch brachte, damit er darin läse, bis sie ihm das Mahl zurecht gemacht hätte. Wie nun aber der König das Buch nahm und darin las, fand er in ihm Ermahnungen und Sittenregeln, die ihn vom Ehebruch abhielten und sein Gelüst nach der Sünde dämpften. Als sie ihm die Speisen bereitet hatte, trug sie ihm dieselben auf, und die Anzahl der Schüsseln betrug ihrer neunzig. Der König aß von jeder Schüssel einen Löffel voll, doch fand er, daß alle Speisen, wiewohl von verschiedener Art, doch denselben Geschmack hatten. Aufs äußerste hierüber verwundert, sagte er zu ihr: »O Frau, ich sehe so viel verschiedene Gerichte, doch haben sie alle einen und denselben Geschmack.« Die Frau erwiderte: »Gott beglücke den König! Dies ist ein Gleichnis, das ich für den König zur Belehrung gemacht habe.« – »Und was bedeutet es?« fragte der König. Sie versetzte: »Gott helfe unsern Herrn dem König wieder zum Rechten! Siehe, in deinem Schlosse leben neunzig Beischläferinnen von verschiedener Farbe, doch ist ihr Geschmack ein und derselbe.« Als der König diese Worte von ihr vernahm, erhob er sich beschämt und verließ sofort, ohne ihr irgend welchen Schimpf anzuthun, das Haus in solcher Verwirrung, daß er seinen Siegelring bei ihr unter dem Kissen, auf dem er gesessen hatte, vergaß. Wie er nun wieder in seinem Schlosse saß, traf der Wesir auch schon ein und begab sich zum König. Nachdem er die Erde vor ihm geküßt und ihm Bericht erstattet hatte, ging er heim und setzte sich auf sein Polster, wobei er die Hand unter das Kissen steckte und den Siegelring des Königs darunter fand. Da betrübte er sich schwer und enthielt sich seines Weibes ein ganzes Jahr, indem er nicht einmal mit ihr sprach, ohne daß sie seines Zornes Ursache kannte.

Fünfhundertundneunundsiebzigste Nacht

Schließlich, als ihr die Zeit lang wurde, schickte sie zu ihrem Vater und teilte ihm mit, wie ihr Mann sie ein volles Jahr gemieden hätte, worauf ihr Vater zu ihr sagte: »Ich will mich bei Gelegenheit über ihn vor dem König beklagen.« Eines Tages begab er sich deshalb zum König, und da er ihn und den Kadi der Armee vor dem König antraf, erhob er Klage gegen ihn und sprach: »Gott, der Erhabene, helfe dem König! Siehe, ich hatte einen schönen Garten, welchen ich mit eigener Hand gepflanzt hatte, und für den ich mein Geld verwendete, bis er Früchte trug; als nun die Früchte reif zur Lese waren, schenkte ich ihn diesem deinem Wesir, welcher sich, nachdem er von ihm, was ihm gefiel, gegessen hatte, nicht mehr um ihn bekümmerte und ihn nicht wässerte, so daß seine Blumen welkten, sein Glanz verblich und sein Zustand sich gänzlich änderte.« Da sprach der Wesir: »O König, dieser da hat die Wahrheit gesprochen; ich hütete allerdings den Garten und aß von ihm, bis ich eines Tages, als ich wieder zu ihm ging, die Spuren des Löwen in ihm fand; da fürchtete ich für mein Leben und mied den Garten hinfort.« Der König, welcher sehr wohl merkte, daß der Wesir mit der Spur des Löwen seinen Siegelring meinte, welchen er in seinem Hause vergessen hatte, sprach infolgedessen zum Wesir: »O Wesir, kehre nur zu deinem Garten sicher und unbesorgt zurück, denn siehe, der Löwe kam ihm nicht zu nahe; ich vernahm wohl davon, daß er zu ihm kam, jedoch, bei der Ehre meiner Väter und Ahnen, er that ihm nichts zuleide.« Da sagte der Wesir: »Ich höre und gehorche;« und, wieder in sein Haus zurückkehrend, schickte er zu seinem Weibe und machte Frieden mit ihr, indem er nunmehr an ihre Keuschheit glaubte.Vgl. zu dieser Erzählung die Erzählung »Der König und das tugendhafte Weib«, 440. Nacht.

 

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