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Tausend und eine Nacht. Band VIII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VIII - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VIII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages194
created20180131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Wesir von El-Jemen und sein junger Bruder.

Ferner erzählt man, daß der Sâhib Bedr ed-Dîn, der Wesir von El-Jemen, einen Bruder von wunderbarer Schönheit hatte, welchen er eifersüchtig hütete. Er suchte ihm deshalb einen Lehrer aus, und da er einen Scheich von respektvollem und würdigem Aussehen und keuschem und gottesfürchtigem Verhalten fand, ließ er ihn in einem Hause neben dem seinigen wohnen. Dies währte geraume Zeit, während welcher der Scheich täglich von seinem Hause zum Hause des Sâhibs Bedr ed-Dîn zum Unterricht seines Bruders zu gehen und dann wieder nach seiner Wohnung zurückzukehren pflegte, bis sich das Herz des Scheichs an den Knaben hing, und er 36 ihm, von Liebe gequält, eines Tages seinen Zustand klagte, worauf derselbe ihm entgegnete: »Was kann ich thun, wo ich weder bei Nacht noch am Tage meinen Bruder zu verlassen vermag, und du selber es siehst, wie er mich eifersüchtig hütet?« Der Scheich erwiderte ihm hierauf: »Siehe, meine Wohnung liegt neben der eurigen; es ist dir leicht möglich, wenn sich dein Bruder schlafen legt, aufzustehen und dich in das Kabinett zu begeben als wolltest du dich ebenfalls schlafen legen. Komm' dann zur Brustwehr der Dachterrasse, wo ich dich auf der andern Seite der Mauer empfangen will, und sitz' einen Augenblick bei mir. Dann magst du wieder zurückkehren, ohne daß dein Bruder es merkt.« Der Jüngling entgegnete: »Ich höre und gehorche,« und der Scheich machte sich nun daran, Geschenke, wie sie seinem Range geziemten, zu besorgen. Der Jüngling aber suchte sein Zimmer auf und wartete, bis sich sein Bruder zu Bett gelegt hatte, und eine Nachtstunde verstrichen war. Als nun sein Bruder in tiefem Schlaf dalag, erhob er sich und ging zur Brustwehr der Dachterrasse, wo er den Scheich auf ihn wartend antraf, der ihm die Hand reichte und ihn in das Gesellschaftszimmer führte. In jener Nacht aber war gerade Vollmond, und der Vollmond warf seine Strahlen auf sie, als sie beim Mahle saßen und die Becher unter ihnen kreisten, wobei der Scheich ein Lied anstimmte. Während sie nun in Freude und Fröhlichkeit und Frohsinn und Seligkeit dasaßen, daß sich Kopf und Auge davon verwirren konnte, und wie es sich nicht beschreiben läßt, siehe, da erwachte mit einem Male der Sâhib Bedr ed-Dîn aus dem Schlaf. Als er seinen Bruder nicht fand, erhob er sich erschrocken und da er die Thür offen fand, stieg er aufs Dach und hörte nun undeutliche Laute von Stimmen. Da stieg er über die Brustwehr aufs andere Dach und blickte, als er von dort im andern Haus ein helles Licht gewahrte, hinter die Mauer, wo er die beiden beim kreisenden Becher gewahrte. Der Scheich aber, der gerade den Becher in der Hand hielt, 37 gewahrte ihn ebenfalls und trug deshalb in entzückender Weise die Verse vor:

»Er gab mir den Wein des Seimes seines Mundes zu trinken,
Und ließ mich leben mit seiner Wange und ihrem Schmuck.
Dann verbrachte er, Wange an Wange, in meinen Armen die Nacht,
Ein hübscher Gesell, wie keiner von allen Menschen ihm gleicht.
Nun der nächtige Vollmond über uns leuchtend einherzieht,
Betet, daß er uns nicht bei dem Bruder verleumdet.«

Als der Sâhib Bedr ed-Dîn diese Verse vernahm, bewies er seine Güte darin, daß er sprach: »Bei Gott, ich will nicht Verrat an ihnen üben!« und fortging, die beiden ihrer hellsten Fröhlichkeit überlassend.

 

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