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Tausend und eine Nacht. Band VIII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VIII - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VIII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages194
created20180131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Liebhaber aus den Banū Ozra.

Nach anderer Schreibweise Usra oder Osra, auch Odhra, Udhra &c. Vgl. hierzu die Heineschen Verse:
    Und mein Stamm sind jene Asra,
    Welche sterben, wenn sie lieben.

Ferner erzählt man, daß unter den Banū Ozra einmal ein feiner Mann lebte, der keinen einzigen Tag ohne Liebe war. Da traf es sich, daß er sich in ein schönes Weib aus seinem eigenen Stamm verliebte und ihr eine Zeitlang Tag für Tag Liebesbriefe schickte, während sie ihn grausam behandelte und sich spröde von ihm abkehrte, bis er, von Sehnsucht, Leidenschaft und Tollheit zerquält, sich schwer krank zu Bett legte und den Schlaf vergewaltigte, so daß den Leuten sein Fall bekannt wurde, und man von seiner Liebe sprach.

Dreihundertundvierundachtzigste Nacht.

Seine Krankheit wurde immer schlimmer und seine Schmerzen vermehrten sich so sehr, daß er dem Tode nahe kam, während sie sich trotz aller Bitten seiner und ihrer Familie ihn zu besuchen weigerte, bis sie endlich, als man ihr mitteilte, daß er im Sterben läge, mit ihm Mitleid verspürte und ihm einen Besuch gewährte. Bei ihrem Anblick schwammen seine Augen in Thränen, und aus gebrochenem Herzen sprach er die Verse:

»Bei deinem Leben, wenn meine Bahre an dir vorüberzieht,
Auf dem Nacken von vier Männern getragen,
Willst du dem Zuge nicht folgen und den Frieden sprechen
Über das Grab eines Toten, der dort in die Grube versenkt wird?«

Als sie seine Worte vernahm, weinte sie bitterlich und sagte zu ihm: »Bei Gott, ich ahnte nicht, daß dich die Liebe in die Arme des Todes werfen würde; hätte ich das gewußt, 35 so wäre ich dir entgegengekommen und hätte dir Gehör geschenkt.« Bei diesen Worten strömten seine Thränen wie ein Regenschauer aus einer Wolke, und er sprach das Dichterwort:

»Sie nahte, als der Tod zwischen uns beide trat,
Und verhieß Erhörung, als es zu spät war.«

Hierauf stöhnte er einmal auf und starb; sie aber warf sich über ihn und küßte ihn weinend und hörte nicht eher auf zu weinen als bis sie ohnmächtig neben ihm lag. Als sie dann wieder zu sich kam, trug sie ihren Angehörigen auf sie in seinem Grabe zu bestatten, wenn sie gestorben wäre, und sprach, während die Thränen ihren Augen entströmten, die beiden Verse:

»Wir lebten auf dem Rücken der Erde ein Leben in Reichtum und Glück,
Und Stamm und Haus und Heimat war stolz auf uns.
Doch des Schicksals Wechsel trennte uns beide,
Bis uns das Leichentuch im Schoß der Erde vereinigt.«

Nachdem sie die Verse gesprochen hatte, weinte sie bitterlich und hörte nicht eher auf zu weinen und klagen bis sie in Ohnmacht sank. Drei Tage lang verharrte sie in derselben, worauf sie starb und in seinem Grabe bestattet wurde. Dies ist einer der wunderbaren Zufälle in der Liebe.

 

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