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Tausend und eine Nacht. Band VIII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VIII - Kapitel 42
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VIII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages194
created20180131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Sklavin Tawaddud.

Ferner erzählt man, daß einst zu Bagdad ein ansehnlicher Mann lebte, der reich an Geld und Grundbesitz war und zu 137 den Großkaufleuten gehörte; doch, wiewohl ihn Gott mit reichem irdischem Gut gesegnet hatte, hatte er ihm nicht die ersehnte Nachkommenschaft gewährt, und lange Zeit war darüber hingestrichen, ohne daß ihm ein Mädchen oder ein Knabe geschenkt worden war. Schon waren seiner Jahre viel geworden, seine Gebeine wurden gebrechlich, sein Rücken neigte sich, und seine Schwäche und Sorge wuchs, so daß er, in der Besorgnis sein Geld und Gut zu verlieren, wo er keinen Erben hatte, der nach ihm genannt würde, sich Gott, dem Erhabenen, demütig nahte, bei Tag fastete, zur Nachtzeit betete und Gott, dem Erhabenen, dem Lebendigen und Ewigen, Gelübde gelobte und die Frommen besuchte und beständig zu Gott, dem Erhabenen, flehte. Und Gott, der Erhabene, erhörte ihn und nahm sein Gebet an und erbarmte sich seines Flehens und seiner Klage, so daß, als er kurz darauf eine seiner Frauen heimsuchte, dieselbe in derselben Nacht und zur selbigen Zeit und Stunde von ihm schwanger ward. Und da ihre Monde abgelaufen waren, und sie ihre Last ablegte, kam sie mit einem Knäblein nieder, das einem Stück vom Monde glich. Da erfüllte er sein Gelübde in seiner Dankbarkeit gegen Gott, den Mächtigen und Herrlichen, spendete Almosen und kleidete die Witwen und Waisen. In der siebenten Nacht nach der Geburt nannte er den Knaben Abul-Husn, und die Nährmütter stilleten ihn, die Pflegerinnen hegten ihn in ihren Armen, und die Mamluken und Eunuchen trugen ihn auf den Schultern, bis er wuchs und gedieh und sproßte und aufschoß, worauf er den erhabenen Koran, die Verordnungen des Islams und die Gebote des wahrhaften Glaubens, die Schreibkunst, Poesie, Arithmetik und die Bogenkunst lernte. So ward er die Perle seiner Zeit und der schönste Jüngling seiner Tage, mit hübschem Gesicht und beredter Zunge, ebenmäßig und schwank und stolz kokettierend im Gang, mit roten Wangen und blütenweißer Stirn und mit zartem Flaum, wie ein Dichter in seiner Beschreibung sagt: 138

Erschienen ist der Lenz seines Wangenflaums,
Und die Rose, wie soll sie dauern, wenn der Frühling wich?
Siehst du nicht, daß die Sprossen auf seiner Wange
Veilchen sind, aufblühend aus ihrem Grün?

Lange Zeit verlebte er die schönsten Tage bei seinem Vater, und sein Vater hatte seine Lust und Freude an ihm, bis er zur Mannesreife herangewachsen war. Da ließ ihn sein Vater eines Tages vor sich niedersitzen und sprach zu ihm: »Mein Sohn, siehe, nunmehr ist die Stunde genaht, die Zeit meines Heimgangs ist gekommen, und übrig bleibt nur noch die Begegnung mit Gott, dem Mächtigen und Herrlichen. Ich hinterlasse dir genug für Kind und Kindeskind an solidem Geld, an Äckern, Grundstücken und Gärten; so fürchte Gott, den Erhabenen, mein Sohn, in meiner Hinterlassenschaft und folge nur denen, so dir treue Helfer sind.«

Nicht lange Zeit nachher erkrankte der Mann und starb, und sein Sohn richtete ihn aufs beste her und bestattete ihn, worauf er in seine Wohnung heimkehrte und Tage und Nächte trauernd dasaß. Und siehe, da kamen seine Freunde zu ihm und sprachen: »Wer einen Sohn wie dich hinterlassen hat, ist nicht gestorben; was vergangen ist, ist vergangen, und Trauer geziemt sich nur für Mädchen und Weiber im Harem.« In dieser Weise ließen sie ihn nicht eher los, bis er ins Bad ging, und sie seine Trauer gebrochen hatten.

Vierhundertundsiebenunddreißigste Nacht.

Bald hernach hatte er seines Vaters Ermahnungen vergessen, sein Kopf verwirrte sich durch sein reiches Gut, und er glaubte, es müsse die Zeit ihm immer hold wie zur Stunde bleiben, und das Gut könnt nie ein Ende nehmen. So aß und trank er vergnügt und fröhlich und teilte Ehrenkleider und Gold mit offenen Händen aus und speiste Hühnchen und brach die Siegel der Flaschen und lauschte den glucksenden Tönen und den Liedchen der Schönen, bis sein Geld schließlich zur Neige ging, seine Lage übel ward, und all sein 139 Gut verthan war, so daß er die bitterste Reue empfand. Nichts war ihm, nachdem er alles verschwendet hatte, übrig geblieben, als eine junge Sklavin, welche ihm sein Vater unter allem Gut hinterlassen hatte; und diese Sklavin fand nicht ihresgleichen an Schönheit und Anmut, an strahlendem Liebreiz und jeglicher Vollkommenheit und an Wuchs und Ebenmaß. Sie war in allen Wissenschaften und allem, was zur feinen Bildung gehört, wohlunterrichtet und besaß die mannigfachsten Vorzüge, so daß sie alle Leute ihrer Zeit übertraf und in all ihren Fertigkeiten stolzer wie ein Banner ragte und sich vor den Schönen in Theorie und Praxis, und in gefällig sich wiegendem Gang auszeichnete. Obendrein war sie fünf Spannen lang und des Glückes schwesterlich Ebenbild; ihre Schläfen schimmerten wie die Mondsichel im Monat Schaabân, ihre Lider waren langbewimpert, ihre Augen glichen Gazellenaugen, ihre Nase war wie die Schneide des Schwertes, ihre Wangen leuchteten wie Noomânsanemonen, ihr Mund glich dem Siegel Salomonis, ihre Zähne schimmerten wie Perlenschnüre, ihre Taille war schlanker als eines Liebesverzehrten Leib, den seiner Liebe Verheimlichung siech gemacht hat, ihr Gesäß war schwerer als zwei Sandhaufen, kurz sie war der Inbegriff aller Schönheit und Anmut nach dem Ausspruche eines, der da sagt:

Kommt sie heran, so verführt sie durch ihres Wuchses Schönheit,
Und kehrt sie den Rücken, so tötet sie durch ihre Sprödigkeit.
Eine Sonne ist sie, ein Vollmond, ein biegsames Reis,
Und grausame Abkehr ist nicht ihres Wesens Art.
Die Gärten Edens schimmern aus dem Busen ihres Hemds,
Und der Vollmond zieht kreisend auf ihrem Halsring seine Bahn.

Sie glich dem aufgehenden Vollmond und einer auf üppiger Weide äsenden Gazelle und beschämte als Mägdlein von neun plus fünfErgänze: Jahren. den Mond und die Sonne. Ihre Haut war rein, ihr Atem süßduftend, und es schien, als wäre sie aus Feuer erschaffen und aus Krystall gebildet; rosenrot 140 war ihre Wange, voll Ebenmaß ihre Gestalt und ihr Wuchs, wie ein Dichter in ihrer Beschreibung sagt:

Mit Saffran gefärbt und goldig schimmernd schreitet sie stolz einher,
Silbern und rosig und duftend nach Sandelparfüm.
Einer Blume im Garten gleicht sie, oder der Perle in goldenem Rund,
Oder einem Bildnis im nazarenischen Gotteshaus.
Preis Ihm, der die Schönheit ihr als ihr Anteil gab
Doch ihren Verehrer der Tadler Reden erlosen ließ!

Sie nahm alle, die sie schauten, durch ihre Schönheit und Anmut und durch ihr süßes Lächeln gefangen und schoß sie nieder mit den Pfeilen ihrer Augen; und bei alledem war sie wohlberedt und in der Kunst der Verse gewandt.

Als nun Abul-Husn alles Geld verthan hatte, und ihm seine üble Lage zum Bewußtsein kam, und er nichts mehr besaß als allein dieses Mädchen, da verbrachte er drei Tage ohne Speise zu kosten und ohne sich am Schlaf zu erquicken, bis das Mädchen zu ihm sagte: »Mein Herr, führe mich zum Fürsten der Gläubigen Hārûn er-Raschîd, –

Vierhundertundachtunddreißigste Nacht.

dem fünften der Abbasiden, und fordere von ihm zehntausend Dinare als meinen Preis. Findet er mich teuer, so sprich zu ihm: »O Fürst der Gläubigen, sie ist mehr wert als dies; prüfe sie nur, und ihr Wert wird hochstehen in deinen Augen, denn dieses Mädchen ist ohnegleichen, und nur dir kommt sie zu.« Du aber, mein Herr, hüte dich mich unter diesem Preise zu verkaufen, denn für ein Mädchen wie ich es bin ist der Preis in der That gering.« Nun kannte ihr Herr allerdings nicht ihren Wert und wußte nicht, daß sie in ihrer Zeit ohne Gleichen war; doch führte er sie zum Fürsten der Gläubigen und stellte sie ihm vor, indem er ihm dabei ihre Worte wiederholte. Der Chalife fragte sie darauf: »Wie ist dein Name?« Sie erwiderte: »Tawaddud.« Da fragte er sie: »Tawaddud, in welchen Wissenschaften bist du bewandert?« Sie erwiderte: »Mein Herr, ich bin 141 bewandert in der Syntax, der Poesie, der Exegese und Lexikographie; bewandert bin ich auch in der Kunst der Musik, in der Kenntnis der göttlichen Gebote, in der Arithmetik, der Geodäsie und Geometrie und den Fabeln der Alten. Ich kenne den erhabenen Koran, habe ihn nach den sieben, den zehn und vierzehn Traditionen gelesen; ich kenne die Anzahl der Suren und Verse und der Abschnitte; seine Hälften, Viertel, Achtel und Zehntel; ferner die Anzahl der Prostrationen, die in ihm vorkommen, und seiner Buchstaben, ferner die aufhebenden und aufgehobenen Stellen in ihm, die medinensischen und mekkanischen Offenbarungen und die Veranlassungen der Offenbarung. Ich kenne die heilige Tradition von Mohammeds Aussprüchen nach Geschichte und Überlieferung, die festbeglaubigten und die auf zweifelhafter Autorität beruhenden. Ich habe die exakten Wissenschaften studiert, die Geometrie, Philosophie, Medizin, Logik, Rhetorik und umschreibende Beweisführung. Vieles Wissenswerte hab' ich auswendig gelernt, und ich liebe leidenschaftlich Poesie; ich schlage auch die Laute, und wenn ich singe und tanze, so bezaubere ich, und wenn ich mich schmücke und parfümiere, so töte ich; kurz, ich bin so vollkommen, daß es nur die Meister vom Fach beurteilen können.«

Als der Chalife Hārûn er-Raschîd sie trotz ihrer jungen Jahre also reden hörte, verwunderte er sich über die Beredsamkeit ihrer Zunge und sagte zu Abul-Husn, sich zu ihm wendend: »Ich will Gelehrte holen lassen, die sie in allen, von ihr in Anspruch genommenen Kenntnissen prüfen sollen, und so sie Rede und Antwort steht, gebe ich dir ihren Preis und noch mehr; steht sie aber nicht auf alles Rede und Antwort, so passest du besser für sie als ich.« Und ihr Herr erwiderte: »O Fürst der Gläubigen, freut mich und ehrt mich.« Hierauf schrieb der Fürst der Gläubigen an den Statthalter von Basra ihm Ibrāhîm bin Seijâr den Rhetoriker zu senden, welcher der berühmteste Mann seiner Zeit in der Argumentation, der Beredsamkeit, Poesie und Logik 142 war, und befahl ihm die Koranleser, die Doktoren der Jurisprudenz und Theologie, die Ärzte und Astrologen, die Gelehrten, Mathematiker und Philosophen mitzubringen; Ibrāhîm aber war gelehrter als alle andern. Und nicht lange währte es, da erschienen sie alle im Chalifenpalast, ohne daß sie wußten, um was es sich handelte, und der Fürst der Gläubigen lud sie zu sich in sein Empfangszimmer ein und befahl ihnen sich zu setzen. Nachdem sie Platz genommen hatten, ließ er die Sklavin Tawaddud rufen, die wie ein schimmernder Planet erstrahlte, als sie sich bei ihrem Erscheinen entschleierte. Der Chalife stellte ihr einen goldenen Stuhl hin; und sie sprach den Salâm und redete mit gewandter Zunge und sprach: »O Fürst der Gläubigen, gebiete allen anwesenden Doktoren, Koranlesern, Ärzten, Astrologen, Naturkundigen, Mathematikern und Philosophen, daß sie mit mir disputieren.« Da sagte der Fürst der Gläubigen zu ihnen: »Ich wünsche, daß ihr mit diesem Mädchen über alles, was ihren Glauben betrifft, disputiert, und daß ihr alle ihre Gründe in ihren Thesen entkräftet.« Sie antworteten: »Wir hören und gehorchen Gott und dir, o Fürst der Gläubigen.« Und nun senkte Tawaddud ihr Haupt und fragte: »Wer von euch ist der Doktor der Schrift, der Hochgelehrte, der Koranist und Traditionist?« worauf einer von ihnen erwiderte: »Ich bin der Mann, nach dem du fragst.« Sie entgegnete: »So frag', wonach du willst.« Und der Doktor der Schrift hub an und fragte: »Hast du das hochgeehrte Gottesbuch gelesen und kennst du die Stellen, die andere aufheben, und die durch sie aufgehoben sind? Und hast du die Verse und ihre Buchstaben wohl erwogen?« Sie erwiderte: »Jawohl.« Da versetzte er: »So frage ich dich denn hiermit nach den unerläßlichen Vorschriften und den ewigen Normen; gieb mir Auskunft hiervon, o Mädchen, und sprich, wer ist dein Herr, wer dein Prophet, was deine Richtschnur, was deine KiblaDie Kibla ist die Seite, nach welcher man sich beim Gebet zu richten hat., wer deine Brüder, welches 143 dein Weg und welches deine Heerstraße?« Sie erwiderte: »Gott ist mein Herr, und Mohammed, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – mein Prophet, der Koran meine Richtschnur, die Kaaba meine Kibla, die Gläubigen sind meine Brüder, das Gute ist mein Weg und die Sunna meine Heerstraße.«

Der Chalife verwunderte sich über ihre Antwort und ihre, trotz ihrer jungen Jahre so beredte Zunge, der Doktor der Schrift aber fuhr fort: »O Mädchen, nun sag' mir, wodurch erkennst du Gott, den Erhabenen?« Sie erwiderte: »Durch den Verstand.« – »Und was ist der Verstand?« – »Der Verstand ist ein doppelter, der geschenkte und der erworbene.

Vierhundertundneununddreißigste Nacht.

Der geschenkte Verstand ist der von Gott, dem Mächtigen und Herrlichen, anerschaffene Verstand, mit dem er seine Diener nach freier Wahl leitet; der erworbene Verstand aber ist der, den sich der Mann durch Bildung und schöne Kenntnisse erwirbt.« Da antwortete er: »Du hast brav geantwortet; wo ist nun aber der Sitz des Verstandes?« Sie erwiderte: »Gott wirft ihn ins Herz, von wannen seine Strahlen ins Hirn steigen, wo sie dann dauernd bleiben.« Er versetzte: »Brav geantwortet! Nun aber sag' mir, wodurch erkennst du den Propheten? – Gott segne ihn und spende ihm Heil. –« – »Durch die Lektüre des Buches Gottes, des Erhabenen, und aus den Zeichen und Beweisen, den deutlichen Erweisungen und Wundern.« – »Brav geantwortet! Nun aber gieb mir Auskunft über die unerläßlichen Gebote und die ewigen Normen.« Sie erwiderte: »Was die unerläßlichen Gebote anlangt, so giebt es ihrer fünf: das Bekenntnis, daß es keinen Gott giebt außer dem Einigen Gott, der keinen Gott neben sich hat, und daß Mohammed sein Diener und sein Gesandter ist, die Gebetsverrichtung, die Almosenspende, das Fasten im Ramadân und die Pilgerfahrt zum heiligen Gotteshaus für alle, denen die Fahrt 144 möglich ist. Die ewigen Normen sind vier an der Zahl: Nacht, Tag, Sonne und Mond. Sie sind es, welche das Leben und die Hoffnung aufbauen, und keiner der Söhne Adams weiß, ob sie am Endtermin vernichtet werden.« Er erwiderte: »Bravo! Nun sag' mir, welches des Glaubens Erfordernisse sind?« Sie versetzte: »Des Glaubens Erfordernisse sind Gebet, Almosen, Pilgerfahrt, Fasten, der heilige Krieg und das Vermeiden von Verbotenem.« Er antwortete: »Bravo! Nun aber sag' mir, weshalb stehst du auf zum Gebet?« – »Um durch Unterwürfigkeit die Gottheit anzuerkennen.« – »Was hat dir Gott alles vorgeschrieben, ehe du dich zum Gebet hinstellst?« – »Die Reinigung, die Verhüllung der Scham, das Vermeiden schmutziger Kleider, das Stehen auf einem reinen Platz, die Richtung nach der Kaaba, aufrechte Haltung, die Absichtserklärung und das Tekbîr der Verhinderung.Der Ruf »Gott ist groß«, nach welchem der Betende nicht eher mit andern sprechen darf, als bis das Gebet vorüber ist. – »Gut; doch nun sag' mir, womit du dein Haus zum Gebet verlassen sollst.« – »Mit der Absicht der Anbetung Gottes.« – »Und mit welcher Absicht sollst du die Moschee betreten?« – »Mit der Absicht Gott zu dienen.« – »Und weshalb kehrst du dich nach der Kaaba?« – »Auf Grund von drei göttlichen Verordnungen und einer Tradition.« – »Gut; doch sag' mir nun, was ist der Anfang des Gebets, was seine Weihe, was sein Abschluß?« – »Der Anfang des Gebets ist die Reinigung, seine Weihe das Tekbîr der Verhinderung und der Abschluß der Salâm.« – »Und was gebührt dem, der das Gebet außer acht läßt?« – »Nach authentischer Tradition sagt der Prophet: Wer das Gebet absichtlich und vorsätzlich ohne eine Entschuldigung außer acht läßt, der hat keinen Anteil am Islam.«

Vierhundertundvierzigste Nacht.

Da sagte der Doktor der Schrift zu ihr: »Bravo, nun aber sag' an, was ist das Gebet?« ^– »Das Gebet ist das 145 Band zwischen dem Diener und seinem Herrn, und zehn Vorzüge ruhen in ihm: Es erleuchtet das Herz, es verklärt das Gesicht, es erregt des Barmherzigen Wohlgefallen, es ärgert Satan, es wehrt die Prüfung ab, es schirmt vor dem Übel der Feinde, es vermehrt Gottes Barmherzigkeit, es wehrt der rächenden Strafe, es bringt den Diener seinem Herrn nahe und bewahrt vor schamlosem und verworfenem Thun. So ist es eine der unerläßlichen religiösen Pflichten und die Säule des Glaubens.« – »Gut, doch sag' mir nun, was der Schlüssel des Gebets ist.« – »Die Waschung.« – »Und was ist der Schlüssel der Waschung?« – »Das Bismillāh sagen.Das Sprechen der Worte »Im Namen Gottes«. – »Und was ist der Schlüssel des Bismillāhsagens?« – »Der zweifellose Glaube.« – »Und was ist der Schlüssel des zweifellosen Glaubens?« – »Das Vertrauen.« – »Und was ist der Schlüssel des Vertrauens?« – »Die Hoffnung.« – »Und was ist der Schlüssel der Hoffnung?« – »Der Gehorsam.« – »Und was ist der Schlüssel des Gehorsams?« – »Das Bekenntnis der Einheit Gottes, des Erhabenen, und die Anerkennung seiner Göttlichkeit.« – »Gut, doch sag' mir nun, was du von den göttlichen Verordnungen in betreff der Waschung weißt.« – »Sechs Dinge sind es nach der Schule des Imâms Esch-Schâfiī Mohammed bin Idrîs, – Gott hab' ihn selig! – Die Absicht beim Waschen des Gesichts, das Waschen des Gesichts, das Waschen der Hände bis hinauf zu den Ellbogen, das Abwischen eines Teiles vom Haupt, das Waschen der Füße bis hinauf zu den Knöcheln und die richtige Reihenfolge. Zehnerlei Dinge sind aber nach der Sunna zu beobachten: Das Bismillāh, das Waschen der Handflächen vor dem Eintauchen ins Gefäß, das Mundausspülen, das Wasserschnupfen, das Abwischen des ganzen Hauptes, das Abwischen der Ohren, sowohl außen als innen, mit frischem Wasser, das Kämmen eines dichten BartesMit den Fingern., das Spreizen der Finger und Zehen, 146 das Waschen der Rechten vor den Linken, und dreifältige Reinigung in ununterbrochener Folge. Ist die Waschung beendet, so hat dann der Gläubige zu sprechen: Ich bezeuge, daß es keinen Gott giebt außer Gott, dem Einigen, der keinen Gott neben sich hat, und ich bezeuge, daß Mohammed sein Diener ist und sein Gesandter. O Gott, mache, daß ich zu denen gehöre, so da bereuen, und mache, daß ich zu den Reinen gehöre. Preis dir, o Gott, und in deiner Lobpreisung bezeuge ich, daß es keinen Gott giebt außer dir; dich bitte ich um Vergebung und zu dir bereue ich. Denn in der heiligen Tradition wird berichtet, daß der Prophet, – Gott segne ihn und spende ihm Heil!– gesagt hat: Wer also am Ende jeder Waschung spricht, dem stehen die acht Pforten des Paradieses offen, und eintreten darf er, durch welche er will.« – »Gut geantwortet,« sagte der Doktor der Schrift; »nun aber sag' mir, so ein Mensch die Waschung verrichten will, was widerfährt ihm von den Engeln und Teufeln?« – »So sich der Mensch zur Waschung anschickt, treten die Engel zu seiner Rechten und die Teufel zu seiner Linken. Erwähnt er nun den Namen Gottes, des Erhabenen, zu Anfang der Waschung, so fliehen die Teufel, und die Engel spannen über ihn ein Zelt aus Licht mit vier Zeltstricken, an deren jedem ein Engel steht und Gott, den Erhabenen, lobpreist und Verzeihung für ihn erfleht, so lange er schweigt oder Gottes Namen anruft. Doch so er zu Beginn der Waschung Gottes, des Mächtigen und Herrlichen, Namen nicht anruft, und nicht schweigt, bekommen die Teufel Gewalt über ihn, die Engel verlassen ihn, und Satan flüstert ihm so lange böse Gedanken ein, bis er in Zweifel fällt und den Wert der Waschung aufhebt. Denn Er, Segen und Heil über ihn! – hat gesagt: die fehlerlose Waschung vertreibt den Satan und schützt vor des Sultans Härte. Ebenso sagt er auch: Wenn jemand, der die Waschung nicht verrichtet hat, von Unglück befallen wird, der soll niemand anders tadeln als sich selber.« – Da sagte der Doktor der 147 Schrift: »Gut, nun aber, was soll man thun, wenn man aus dem Schlaf erwacht?« – »Wenn man aus dem Schlaf erwacht, so soll man sich dreimal die Hände waschen, bevor man sie in den Wasserbehälter steckt.« – »Gut; wie sind nun aber die göttlichen und die traditionellen Vorschriften der religiösen Ganzwaschung?« – »Die göttlichen Vorschriften für die Ganzwaschung sind die Absicht und die Waschung des ganzen Leibes mit Wasser, so nämlich, daß das Wasser an alles Haar und die ganze Haut kommt. Nach den traditionellen Vorschriften soll nun die einfache Waschung vorausgehen, dann folgt das Reiben des Körpers, das Zerteilen des Haars und die Verschiebung der Waschung der beiden Füße in Worten bis zum Ende der Ganzwaschung.« – »Gut; –

Vierhundertundeinundvierzigste Nacht.

nun aber gieb mir die Gründe an, unter denen die Waschung mit Sand erlaubt ist, und die göttlichen und traditionellen Vorschriften für sie.« – »Was zunächst die Gründe für diese Waschung anlangt, so sind es ihrer sieben: Mangel an Wasser, Furcht davor, das Bedürfnis nach ihr, Verirrtsein auf der Reise, Krankheit, Knochenbrüche in Schienen und Wunden. Die Vorschriften sind vier an der Zahl: Absicht, Sand, Bewerfung des Gesichts und der Hände. Die Tradition schreibt zweierlei vor: Anrufung des Namens Gottes und Vorzug der Rechten vor der Linken.« – »Gut, nun sag' mir, welches sind die Bedingungen, die konstituierenden Elemente und die traditionellen Vorschriften des Gebets?« – »Was die Bedingungen anlangt, so sind es ihrer fünf: Reinigung der Glieder, Verhüllung der Scham, Beobachtung der Zeit nach Gewißheit oder bestem Glauben, die Richtung nach der Kaaba und ein sauberer Platz zum Stehen. Seine konstituierenden Elemente sind die Absicht, das Tekbîr der Verhinderung, das Stehen so weit es möglich ist, die Recitation der Eröffnungssure und das Sprechen 148 des Verses »Im Namen Gottes des Erbarmers, des Barmherzigen,« nach der Schule des Imâms Esch-Schâfiī, die Verbeugung und das Verharren in ihr, die Rückkehr in die aufrechte Haltung und das Verharren in ihr, die Prostration und das Verharren in derselben, das Sitzen zwischen den beiden Prostrationen und das Verharren in der sitzenden Haltung, das Aussprechen des letzten Teiles des Glaubensbekenntnisses und das Sitzen dabei, der Segenswunsch über den Propheten, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – der erste SalâmLautend: Und Friede sei auf uns und auf den Anbetern Gottes, so da fromm sind. und die Absicht das Gebet zu beendigen, ausgedrückt in Worten. Was nun die traditionellen Vorschriften fürs Gebet anlangt, so sind dieselben: Der Azân oder der Ruf zum Gebet, das Hintreten in aufrechter Haltung, das Erheben der Hände beim Tekbîr der Verhinderung, das einleitende Allāh Akbar, das Sprechen der Worte »Ich nehme meine Zuflucht zu Gott vor dem gesteinigten Satan«, das Amen, die Recitation der auf die Eröffnungssure folgenden Sure, die Lobpreisung Gottes durch mehrfaches Allāh Akbar, Gott ist groß; während des Wechsels der verschiedenen Körperhaltungen, das Sprechen der Worte: Gott erhöre die, so ihn preisen! O unser Herr, dein ist das Lob! ferner lautes und leises Beten an den vorgeschriebenen Stellen, das Aussprechen des ersten Satzes des Glaubensbekenntnisses und sitzende Haltung hierzu, der Segensspruch hierbei über den Propheten, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – der Segensspruch über sein Haus bei dem Aussprechen des zweiten Teiles des Glaubensbekenntnisses und der zweite Salâm.« – Da sagte der Doktor der Schrift: »Gut, nun aber sag' mir, wovon die Armenspende entrichtet werden muß.« – »Die Armenspende muß in Gold und Silber, in Kamelen, Rindern und Schafen, in Weizen, Gerste, Hirse, ZuraEine Art grober Hirse, Durra., in Bohnen, Kichererbsen, Reis, getrockneten Trauben und Datteln 149 entrichtet werden.« – »Gut, nun sag' mir, wie viel muß als Armenspende von Gold entrichtet werden?« – »Von einem Betrage unter zwanzig Mithkâl wird keine Armenspende entrichtet, von zwanzig Mithkâl ein halber Dinar und so von jedem höhern Betrage im gleichen Prozentsatz.« – »Und wie verhält es sich mit der Armenspende beim Silber?« – »Von einem Betrage unter zweihundert Dirhem ist keine Armentaxe zu entrichten, von zweihundert Dirhem fünf, und so von jedem höhern Betrage in demselben Prozentsatz.« – »Gut, wie aber verhält es sich mit ihr bei Kamelen?« – »Für je fünf ein Schaf bis hinauf zu fünfundzwanzig, und für je fünfundzwanzig eine trächtige Kamelstute.« – »Gut, und wie wird die Armenrate von Schafen erhoben?« – »Für je vierzig ein Schaf.« – »Gut, wie sind nun aber die Vorschriften fürs Fasten?« – »Die göttlichen Vorschriften sind: Die Absicht, Enthaltsamkeit von Speise, Trank, fleischlicher Gemeinschaft und absichtlichem Erbrechen. Es ist für alle, mit Ausnahme von Frauen während ihrer Reinigung und Kindbettzeit erforderlich, und zwar sobald der Neumond sichtbar wird oder sobald eine vertrauenswürdige Person die Nachricht von seinem Erscheinen überbringt; ferner gehört zu seinen Erfordernissen, daß die Absicht zum Fasten des Nachts gefaßt wird. Die traditionellen Vorschriften fürs Fasten sind: Schleuniges Brechen des Fastens, Verschiebung des FrühmahlsDas Fasten während des Monats Ramadân erstreckt sich vom ersten Morgengrauen an bis zum Anbruch der Nacht., Beobachtung strengen Schweigens, es sei denn um eines guten Zweckes willen oder um Gottes Namen auszusprechen und den Koran zu recitieren.« – »Gut; nun sag' mir was entheiligt das Fasten nicht?« – »Der Gebrauch von Salben und Augenschminken, der Staub der Straße, das Verschlucken des Speichels, Aderlaß und Schröpfen; alles dieses entheiligt nicht das Fasten.« – »Gut; nun sag' mir, welches ist das Gebet an den beiden großen Festen?« – »Zwei Verbeugungen ohne den Gebetsruf und 150 ohne sich dazu hinzustellen; doch soll man bei der ersten sprechen: Das Gebet versammelt, und soll siebenmal»Allāh Akbar!« rufen außer dem Tekbîr der Verhinderung, und bei der zweiten fünfmal außer dem Tekbîr des Aufstehens nach der Schule des Imâms Esch-Schâfiī – Gott hab' ihn selig!«

Vierhundertundzweiundvierzigste Nacht.

»Gut geantwortet; nun aber sag' mir, worin besteht das Gebet bei einer Sonnen- oder Mondfinsternis?« – »In zwei Verbeugungen ohne Gebetsruf und ohne sich dazu hinzustellen, indem der Betende sich bei jeder Verbeugung zweimal aufrichten, zweimal neigen und zweimal niederwerfen soll, worauf er sitzen und das Bekenntnis und den Salâm sprechen soll.« – »Gut; worin besteht nun aber das Gebet um Regen?« – »In zweimaliger Verbeugung ohne Gebetsruf und ohne sich dazu hinzustellen, im Glaubensbekenntnis und Salâm. Außerdem soll der Imâm eine Ansprache halten und Gott, den Erhabenen, anstatt des Tekbîrs um Verzeihung bitten, wie in den beiden Ansprachen an den beiden großen Festen, dann soll er seinen Mantel umkehren, das Oberste nach unten, und beten und zu Gott flehen.« – »Gut; wie steht es nun aber mit dem freiwilligen Gebet?« – »Zum geringsten soll es aus einer und höchstens aus elf Verbeugungen bestehen.« – »Gut; worin besteht das Vormittagsgebet?« – »Zum geringsten in zwei Verbeugungen und höchstens in zwölf.« – »Gut; was weißt du über die andächtige Zurückgezogenheit zu sagen?« – »Die andächtige Zurückgezogenheit ist ein traditioneller Brauch.« – »Welches sind die Bedingungen derselben?« – »Die Absicht, Verweilen in der Moschee, sofern nicht ein Bedürfnis zum Verlassen derselben zwingt, Vermeiden der Weibesgemeinschaft, Fasten und Schweigen.« – »Gut; unter welchen Voraussetzungen ist die Pilgerfahrt erforderlich?« – »Die Pilgerfahrt erfordert Mannbarkeit, Verstand, Islam, und die Möglichkeit sie auszuführen; sind diese Bedingungen vorhanden, 151 so muß sie einmal vor dem Tode stattfinden.« – »Welches sind die Vorschriften für die Pilgerfahrt?« – »Das Pilgerkleid, das Stehen am Berge Arafât, die Prozession um die Kaaba, der LaufDiese Ceremonie wird im Batn el-Wâdī, im »Bauch des Thals«, bei Mekka vollzogen., und das Rasieren oder Kürzen des Haars.« – »Welches sind die Verordnungen für die kleine Wallfahrt nach Mekka?« – »Das Pilgerkleid, die Rundprozession und der Lauf.« – »Welches sind die Vorschriften für das Pilgerkleid?« – »Ablegung genähter Kleider, Vermeiden von Parfüm, Unterlassung des Rasierens des Haupthaars und des Beschneidens der Nägel, des Tötens von Wild und des Beischlafs.« – »Welches sind die traditionellen Vorschriften für die Pilgerfahrt?« – »Der Ruf Lebbeik, »Hier bin ich,« beim Anblick Mekkas, die Rundprozession der Ankunft und des Abschieds um die Kaaba, das Übernachten bei der Moschee in Musdalife bei Mekka und im Thal von Minā und die Steinigung des Satans.« – »Gut; was ist nun der heilige Krieg, und worin bestehen seine Grundelemente?« – »Seine Grundbestandteile sind: Der Auszug der Heiden wider uns, die Anwesenheit des Imâms, die Rüstung und Festigkeit beim Zusammenstoßen mit dem Feind. Die traditionellen Vorschriften sind: Das Anfeuern zum Kampf, dieweil Gott, der Erhabene, im Koran spricht: O du, mein Prophet, feuere die Gläubigen zum Kampf an!« – »Gut; welches sind nun die heiligen Vorschriften und die traditionellen Bestimmungen für den Kauf?« – »Die heiligen Vorschriften sind Einwilligung und Annahme und, so der zu verkaufende Gegenstand ein Mamluk ist, durch den man Nutzen erzielt, sich nach Kräften zu bemühen ihn zum Islam zu bekehren; drittens sich des Wuchers zu entschlagen. Die traditionellen Verordnungen sind das Recht der Aufhebung des Kaufs und der Freiheit zu vorbehaltlicher Änderung vor der Trennung, nach dem Worte des Propheten, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! –: Käufer und Verkäufer 152 sollen, so lange sie sich noch nicht getrennt haben, ungebunden sein.« – »Gut; nun nennt mir eine Sache, die nicht für eine andere verkauft werden darf.« – »In betreff dieser Materie erinnere ich mich an eine authentische Tradition vom Gesandten Gottes, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – die uns Nâfi überliefert hat, und derzufolge es verboten ist getrocknete Datteln für frische und frische Feigen für getrocknete zu verkaufen, und ebenso gedörrtes Fleisch für frisches und frische Butter für zerlassene; kurz, der Verkauf jeglicher Nahrungsmittel derselben Art, unter Substitution des einen für das andere, ist verboten.«

Als nun der Doktor der Schrift ihre Worte vernahm und erkannte, daß sie voll Scharfsinn, Intelligenz und durchdringendem Verstand war, und daß sie in der Jurisprudenz und Theologie, in der Tradition vom Propheten, in der Exegese u. a. bewandert war, sprach er bei sich: »Ich muß ihr eine Falle stellen, daß ich sie in der Versammlung des Fürsten der Gläubigen überkomme.« Alsdann sagte er zu ihr: »O Mädchen, welches ist die lexikalische Bedeutung von Wudû oder Waschung?« – »Die lexikalische Bedeutung von Wudû ist Reinlichkeit und Freisein von Schmutz.« – »Welches ist die lexikalische Bedeutung von Salât oder Gebet?« – »Anrufung um Gutes.« – »Welches ist die lexikalische Bedeutung von Ghusl oder Ganzwaschung?« – »Reinigung.« – »Von Saum oder Fasten?« – »Enthaltsamkeit.« – »Von Sakât oder Armenspende?« – »Vermehrung.« – »Von Hadschdsch oder Pilgerfahrt?« – »Bewegung nach dem Ziel.« – »Von Dschihâd oder heiliger Krieg?« – »Abwehr.«

Hiermit waren des Doktors Argumente zu Ende, –

Vierhundertunddreiundvierzigste Nacht.

und, auf seine Füße sich erhebend, sagte er: »Sei Zeuge wider mich, o Fürst der Gläubigen, daß sie gelehrter im Recht und in der Theologie ist als ich.« Nun aber sagte 153 das Mädchen zu ihm: »Ich will dich noch etwas fragen und, so du gelehrt bist, gieb schnellen Bescheid.« Er versetzte: »Sprich,« und sie fragte ihn nun: »Welches sind die Pfeile des Glaubens?« Er antwortete »Es sind ihrer zehn; erstens: Bekenntnis d. i. Religion, zweitens: Gebet d. i. angeborene Anlage, drittens: Armenspende d. i. Reinigung, viertens: Fasten d. i. Schild, fünftens: Pilgerfahrt d. i. Gesetz, sechstens: heiliger Krieg d. i. allgemeine Pflicht, siebentes und achtens: Gebot guter und Verbot schlechter Werke, und beides ist Ehre, neuntens: Gemeinschaft der Gläubigen d. i. Brüderlichkeit, und zehntens: Streben nach Wissen d. i. der hochgelobte Weg.« Sie versetzte: »Du hast recht geantwortet, doch bleibt dir noch eine Frage zu beantworten übrig. Welches sind des Islams Wurzeln oder Grundprinzipien?« Er erwiderte: »Ihrer sind vier: Lauterkeit des Glaubens, Aufrichtigkeit der Absicht, Innehaltung der Grenze und Erfüllung des Gelöbnisses.« Sie versetzte hierauf: »Nun bleibt nur noch eine Frage übrig, beantwortest du sie, so ist's gut, wenn nicht, so nehme ich dir deine Sachen fort.« Er erwiderte: »Sprich, o Mädchen;« und nun fragte sie ihn: »Welches sind des Islams Äste oder abgeleiteten Sätze?« Da schwieg er eine Weile und gab keine Antwort; sie aber rief: »Zieh' deine Kleider aus, und dann will ich sie dir klarlegen.« Und der Fürst der Gläubigen rief: »Setz' sie ihm auseinander, und ich will ihm seine Sachen für dich ausziehen.« Darauf versetzte sie: »Es sind ihrer zweiundzwanzig an der Zahl: Festhalten am Buche Gottes, des Erhabenen, Nacheiferung des Gesandten, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – Abstehen vom Unrechtthun, Genuß von gesetzlich Erlaubtem, Vermeiden von Verbotenem, Zurückgabe von gewaltsam Entwendetem, Reue, Kenntnis des Rechts, Liebe zu Abraham, dem Gottesfreund, und den Befolgern der Offenbarung Glauben an die Gesandten, Furcht vor Apostasie, Vorbereitung zum Heimgang, Glaubensstärke, Vergebung, wo immer es möglich ist, Stärke in der Zeit der Schwachheit, Geduld 154 im Unglück, Kenntnis von Gott, dem Erhabenen, Kenntnis von dem, was uns der Prophet, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – offenbart hat, Widerstand gegen den verfluchten Iblîs, Kampf und Feindschaft wider das eigene Gelüst und aufrichtiger Gottesdienst.«

Als der Fürst der Gläubigen dies von ihr vernahm, befahl er dem Doktor die Kleider auszuziehen und den Turban abzunehmen; und der Doktor that es und verließ, von ihr geschlagen, beschämt des Fürsten der Gläubigen Gegenwart. Alsdann erhob sich ein anderer Mann und sagte zu ihr: »O Mädchen, höre von mir einige wenige Fragen an.« Sie erwiderte ihm: »Sprich;« und nun fragte er: »Was ist zum Kauf bei Vorausbezahlung erforderlich?« Sie erwiderte: »Angabe des Wertes, der Ware und des Lieferungstermins.« – »Gut; welches sind die von Gott gegebenen Verordnungen und die traditionellen Vorschriften fürs Essen?« – »Die von Gott gegebenen Vorschriften bestehen in dem Bekenntnis, daß Gott, der Erhabene, das tägliche Brot giebt und Speise und Trank gewährt, und in Danksagung hierfür.« – »Und was ist Danksagung?« – »Verwendung alles dessen, was Gott seinem Diener geschenkt hat, durch diesen seinen Diener, dieweil er es um seinetwillen erschaffen hat.« – »Welches sind nun die traditionellen Vorschriften fürs Essen?« – »Die Anrufung Gottes mit dem Bismillāh, d. h. »Im Namen Gottes«, das Waschen der Hände und das Sitzen auf dem linken Hinterbacken; dann das Essen mit drei Fingern und das Verschlucken nach gehörigem Kauen.« – »Gut; nun sag' mir die Anstandsregeln fürs Essen.« – »Man soll kleine Happen nehmen und wenig zum Tischnachbar sehen.« – »Gut; –

Vierhundertundvierundvierzigste Nacht.

nun sag' mir, welches sind die Grundgebote des Herzens und ihre Umkehrungen?« – »Es sind ihrer drei nebst ebenfalls drei Umkehrungen; das erste Grundgebot ist der Glaube 155 und seine Umkehrung das Vermeiden des Unglaubens; das zweite ist die Befolgung der Sunna und seine Umkehrung das Vermeiden von Neuerungen; das dritte ist der Gehorsam und seine Umkehrung das Vermeiden von Ungehorsam.« – »Gut; nun gieb mir die Bedingungen für die Waschung an.« – »Der Islam, Unterscheidungsvermögen, Reinheit des Wassers und Nichtvorhandensein von Sand oder religiösen Behinderungen.« – »Gut; nun sag' mir, was Glauben ist.« – »Der Glauben zerfällt in neun Teile; der Glauben an den Angebeteten, der Glauben an das Knechtschaftsverhältnis des Anbeters, der Glauben an die Eigenpersönlichkeit Gottes, der Glauben an die beiden »Handvoll«Sure 39, 67. Sie haben keine richtige Ansicht von Gott, dem die ganze Erde am Tage der Auferstehung nur eine Handvoll ist, und dessen Rechte die Himmel zusammenrollt., der Glauben an das göttliche Verhängnis, der Glauben an das Aufhebende, der Glauben an das Aufgehobene, der Glauben an Gott, seine Engel, seine Schriften und Gesandten, und der Glauben an das Schicksal und Verhängnis, was es bringt an Gutem und Schlimmem, an Süßem und Bitterm.« – »Gut; nun sag' mir, welche drei Dinge den Verlust von drei andern Dingen verursachen.« – »Nach der Überlieferung sagt Sofjân eth-Thaurī: Drei Dinge verursachen den Verlust von drei andern Dingen: Geringschätzung der Frommen kostet uns das Jenseits, Geringschätzung der Könige das Leben, Geringschätzung der Ausgaben unser Geld.« – »Gut; nun sag' mir, welches sind die Schlüssel der Himmel, und wie viele Himmelsthore giebt es?« – »Gott, der Erhabene, sagt: Der Himmel werde geöffnet und werde zu Thoren! Weiter sagt Er, auf den Segen und Heil komme! –: Niemand kennet die Zahl der Himmelsthore, es sei denn der Schöpfer des Himmels; und keinen der Söhne Adams giebt es, für den nicht zween Thore im Himmel bestimmt wären, das eine, aus welchem sein täglich Brot zu ihm hinabsteigt, und das andere, durch welches 156 seine Werke gen Himmel hinaufsteigen; und das Thor seines täglichen Brotes wird nicht eher verriegelt als bis sein Termin geendet hat, wie auch das Thor seiner guten Werke nicht eher verschlossen wird, bis seine Seele hinauffährt.« – »Gut; nenn' mir nun ein Ding, ein halbes Ding und ein Unding?« – »Das Ding ist der Gläubige; das halbe Ding ist der Scheingläubige, und das Unding ist der Ungläubige.« – »Gut; nenn' mir nun verschiedene Arten von Herzen?« – »Das gesunde Herz, das kranke Herz, das reuige Herz, das gottgeweihte Herz und das erleuchtete Herz. Das gesunde Herz ist das Herz Abrahams, des Gottesfreundes; das kranke Herz ist das Herz des Ungläubigen, das reuige Herz ist das Herz der Frommen und Gottesfürchtigen, das gottgeweihte Herz ist das Herz unsers Herrn Mohammed, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – und das erleuchtete Herz ist das Herz dessen, der ihm Nachfolge leistet. Ferner sind die Herzen der Ulemā, der Schriftgelehrten, dreifach geartet: Herzen, welche am Irdischen hängen, Herzen, welche am Jenseits hängen, und Herzen, welche an ihrem Herrn hängen. Ferner heißt es: Drei Herzen giebt es: Das unfreie Herz, welches das Herz des Ungläubigen ist; das nicht vorhandene Herz, welches das Herz des Scheingläubigen ist, und das feststehende Herz, welches das Herz des Gläubigen ist. Weiter heißt es: Das feststehende Herz ist dreifach geartet: Das Herz, das von Licht und Glauben selig erfüllt ist, das Herz, das wund ist vor Furcht von Gott abgewiesen zu werden, und das Herz, das fürchtet von Gott verlassen zu sein.«

Vierhundertundfünfundvierzigste Nacht.

Als nun der Doktor wieder sagte: »Gut geantwortet!« da wendete sie sich zum Fürsten der Gläubigen und sagte zu ihm: »O Fürst der Gläubigen, nachdem er sich nunmehr mit Fragen erschöpft hat, will ich zwei Fragen an ihn stellen; beantwortet er sie mir, so ist's gut, wenn aber nicht, so nehme ich seine Sachen, und er mag in Frieden von hinnen ziehen.« 157 Da versetzte der Doktor der Schrift: »Frag' mich, wonach du willst;« und nun fragte sie ihn: »Was ist Glauben?« – »Glauben ist das Bekenntnis mit der Zunge, die Bekräftigung mit dem Herzen und das Thun mit den Gliedern. Ferner spricht Er, – auf den Segen und Heil komme! –: Der Mann ist nicht vollkommen im Glauben, es sei denn er besitze fünf Eigenschaften in vollkommenem Maße: Vertrauen auf Gott, Anheimstellung seiner Angelegenheiten zu Gott, Ergebung in Gottes Befehl, Zufriedenheit mit Gottes Ratschluß, und daß all sein Thun um Gottes willen geschieht; so gehört er zu denen, die Gott angenehm sind, und Gott geben und um Gottes willen vermehren; und solcher Mann besitzt vollkommenen Glauben.« Hierauf fragte sie: »Welches ist aller göttlichen Verordnungen höchste Verordnung, welches ist die Verordnung zu Anfang aller andern Verordnungen, welcher Verordnung bedürfen alle andern Verordnungen, in welcher Verordnung ruhen alle andern, welche Sunna oder traditionelle Verordnung ist in die göttlichen oder koranischen Verordnungen eingedrungen, und welche Sunna oder Sitte macht erst alle göttlichen Verordnungen vollkommen?« – Als nun der Doktor hierauf schwieg und keine Antwort gab, befahl der Fürst der Gläubigen ihr sich darüber auszulassen und dem Doktor seine Sachen auszuziehen und sie ihr zu geben. Hierauf sagte sie: »O Doktor, aller göttlichen Verordnungen höchste Verordnung ist die Kenntnis von Gott, dem Erhabenen; die Verordnung, welche allen andern Verordnungen vorausgeht, ist das Bekenntnis, daß es keinen Gott giebt außer Gott, und daß Mohammed der Gesandte Gottes ist; die Verordnung, welcher alle andern Verordnungen bedürfen, ist die Waschung; die Verordnung, welche alle andern in sich beschließt, ist die Ganzwaschung zur Reinigung von Befleckung; die Sunna, welche in die göttlichen Verordnungen eingedrungen ist, ist das Spreizen der Finger und das Auskämmen eines dichten Bartes, und die Sunna, durch welche erst die göttlichen 158 Verordnungen vollkommen werden, ist die Beschneidung.« Nachdem hierdurch des Doktors Unvermögen klargestellt war, erhob er sich auf seine Füße und sprach: »Ich nehme Gott zum Zeugen, o Fürst der Gläubigen, daß dieses Mädchen in der Jurisprudenz und Theologie und andern Wissenszweigen gelehrter ist als ich.« Alsdann zog er seine Kleider aus und ging geschlagen von hinnen. Sie aber kehrte sich nun zu den übrigen anwesenden Gelehrten und rief: »Wer von euch ist der Meister der Leser des Korans, kundig der sieben Lesarten und der Syntax und Lexikographie?« Da erhob sich der Koranist, setzte sich vor sie und fragte sie: »Hast du das Buch Gottes, des Erhabenen, gelesen, und bist du wohl erfahren in seinen Versen, in den aushebenden und ausgehobenen Stellen, in den unzweideutigen und den dunkeln Versen und in den mekkanischen und medinensischen Suren? Kennst du auch seine Auslegung, und hast du ihn nach den verschiedenen Traditionen und dem Ursprung seiner Lesarten studiert?« Sie erwiderte: »Jawohl;« und er fragte nun: »So gieb mir die Anzahl der Koransuren, sowie der Dekaden und Verse an, und sag' mir wie viel Buchstaben im Koran stehen, wieviel Prostrationen in ihm erwähnt werden, wie viele Propheten genannt werden, wie viele medinensische und mekkanische Suren es giebt, und endlich, wie viele Vögel in ihm erwähnt werden.« Sie erwiderte: »O mein Herr, was die Suren im Koran anlangt, so sind ihrer einhundertundvierzehn an der Zahl, von denen siebzig mekkanische und vierundvierzig medinensische Suren sind. Die Anzahl seiner Dekaden beträgt sechshundertundeinundzwanzig, die Anzahl seiner Verse beläuft sich auf sechstausendzweihundertundsechsunddreißig, die Anzahl seiner Worte auf neunundsiebzigtausendvierhundertundneununddreißig und die Anzahl seiner Buchstaben auf dreihundertunddreiundzwanzigtausendsechshundertundsiebzig; und dem Leser werden für jeden Buchstaben zehn Segnungen zu teil. Was die Prostrationen anlangt, so sind es ihrer vierzehn, – 159

Vierhundertundsechsundvierzigste Nacht.

und von fünfundzwanzig Propheten werden im Koran die Namen genannt, nämlich Adam, Noah, Abraham, Ismael, Isaak, Jakob, Joseph, Elisa, Jonas, Lot, Sâlih, HûdSâlih, der Prophet des Stammes Thamûd in Arabia Petraea; Hûd, der Prophet des südarabischen Stammes Ad., SchoeibDer Jethro der Bibel., David, Salomo, Zul-KiflZul-Kifl, Nachkomme und Nachfolger Hiobs im damaszenischen Syrien; nach andern Josua, Elias, Zacharias oder gar Obadjah, I. Könige 18, 4. oder Ezechiel., IdrîsHenoch. Im ganzen zählen die Araber 29 Propheten nach dem Koran. Die hier fehlenden sind:26) Lokmân, der Sohn des Bāûr, Bileam, 27) Zul-Karnein, der Doppelhörnige, Alexander der Große, 28) El-Chidr, der grünende Prophet, eine mythische Gestalt, der erst beim ersten Trompetenstoß des jüngsten Tages sterben soll und in verschiedenen Personen aufgetreten ist, im Pineas 1. Sam. 1, 3; 2, 24; im Elias und im St. Georg. Er hat mit Alexander dem Großen aus dem Quell des Lebens getrunken und gilt als Beschützer der Reisenden. – Bekannt durch Rückerts Ballade »Chidher«. 29) Esra: Nach richtiger Reihenfolge kommt natürlich Mohammed als letzter und vollkommenster Prophet., Elias, Johannes, Zacharias, Hiob, Moses, Aaron, Jesus und Mohammed, – Gottes Segnungen und Heil über alle zumal! – Was schließlich die Vögel anlangt oder überhaupt geflügelte Geschöpfe, so werden neunerlei erwähnt: Die Mücke, die Biene, die Fliege, die Ameise, der Hudhud oder Wiedehopf, der Rabe, die Heuschrecke, die AbābîlvögelEin dunkles Wort. Nach Dozy Wiedehöpfe, nach Burton Schwalben. und der Vogel Isās oder Jesus, – Frieden sei auf ihm! – welches ist die Fledermaus.« – »Gut; nun sag' mir, welches ist die vorzüglichste Sure im Koran?« – »Die Sure: die Kuh.« – »Und welches ist der herrlichste Vers in ihr?« – »Der Vers des ThronsSure 2, 256: Gott! Es giebt keinen Gott außer ihm, dem Lebendigen, dem Ewigen. Ihn ergreifet nicht Schlaf noch Schlummer. Sein ist, was im Himmel, und sein, was auf Erden ist. Wer kann bei ihm Vermittler sein ohne seinen Willen? Er weiß, was da war und was da sein wird, und die Menschen begreifen seine Allwissenheit nur, so er will. Über Himmel und Erde ist sein Thron ausgebreitet, und ihm ist beider Hut keine Last; denn er ist der Erhabene und der Allmächtige.;« derselbe enthält fünfzig Wörter, 160 von denen jedes Wort fünfzig Segnungen bewirkt.« – »In welchem Vers sind neun Wunder enthalten?« – »In dem, in welchem Gott, der Erhabene, spricht: Wahrlich, in der Schöpfung der Himmel und der Erde, in dem Wechsel von Nacht und Tag, in dem Schiffe, welches das Meer durchfährt, beladen mit nützlichen Sachen für die Menschen, in dem Wasser, das Gott vom Himmel strömen läßt, die Erde nach ihrem Todesschlafe neu zu beleben, in den vielerlei Tiergattungen, in der Bewegung der Winde und Wolken, welche ohne Lohn zwischen Himmel und Erde dienen, giebt's für nachdenkende Menschen der Wunder genugSure 2, 159..« – »Gut; nun sag' mir, welcher Vers ist der gerechteste?« – »Jener Vers, in welchem Gott, der Erhabene, spricht: Wahrlich, Gott gebietet Gerechtigkeit und Güte und Gaben an Anverwandte; und er verbietet Schlechtigkeit, Übelthat und Unbill.« – »Welches ist der giererfüllteste Vers?« – »Der Vers, in welchem Gott, der Erhabene, spricht: Ist's, daß jedermann von ihnen giert einzutreten in einen Garten der Wonnen?« – »Welcher Vers ist der hoffnungsreichste?« – »Jener Vers, in welchem Gott, der Erhabene, spricht: Sprich: O ihr meine Diener, die ihr euch gegen euere eigenen Seelen versündigt habt, verzweifelt nicht an Gottes Barmherzigkeit, siehe, Gott vergiebt die Sünden allzumal; siehe, er ist der Verzeihende, der Barmherzige.« – »Gut; nun sag' mir nach welcher Lesart liesest du?« – »Nach der Lesart der Leute des Paradieses, nach der Lesart des Nâfi.« – »In welchem Verse läßt Gott die Propheten lügen?« – »In jenem Verse, in welchem Gott, der Erhabene, spricht: Und sie brachten sein Hemd mit fremdem Blut befleckt; sie, nämlich Josephs Brüder.« – »Sag' mir nun, in welchem Vers läßt Gott die Ungläubigen die Wahrheit reden?« – »In jenem Vers, 161 in welchem Gott, der Erhabene, spricht: Die Juden sagen: Die Christen haben keinen Glaubensgrund, und die Christen sprechen: Die Juden haben keinen Glaubensgrund; und doch lesen beide die Schrift, – und beide haben recht.« – »In welchem Verse spricht Gott von sich selber?« – »In jenem Verse, in welchem Gott, der Erhabene, spricht: Nicht habe ich die Dschinn und die Menschen erschaffen, außer sie dieneten mir.« – »In welchem Verse sprechen die Engel?« – »In jenem Verse, in welchem Gott, der Erhabene, spricht: Wir aber verkünden dein Lob und heiligen dich.« – »Nun gieb mir Auskunft über die Formel: Ich nehme meine Zuflucht zu Gott vor dem gesteinigten Satan.« – »Diese Formel muß jeder nach Gottes Gebet vor dem Lesen des Korans sprechen, was die Worte Gottes, des Erhabenen beweisen, so da lauten: So du den Koran liesest, nimm deine Zuflucht zu Gott vor dem gesteinigten Satan.« – »Wie lautet die Formel der Zuflucht, und welche Abweichungen in der Formel giebt es?« – »Einige sprechen: Ich nehme meine Zuflucht zu Gott, dem Allhörenden, Allwissenden, vor dem gesteinigten Satan; andere wiederum sprechen: Ich nehme meine Zuflucht zu Gott, dem Starken. Die beste Wendung ist jedoch die, welche der erhabene Koran gebraucht und welche von der Sunna überliefert worden ist. Und so der Prophet – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – den Koran öffnete, pflegte er zu sprechen: Ich nehme meine Zuflucht zu Gott vor dem gesteinigten Satan. Ebenso wird von Nâfi, der sich wiederum auf seines Vaters Überlieferung stützte, überliefert, daß der Gesandte Gottes, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – so er sich des Nachts zum Gebet erhob, also betete: Gott ist über alle Dinge groß. Lob Ihm ohne Unterlaß und Preis zur Morgenfrühe und zur Abendzeit! Hierauf pflegte er fortzufahren: Ich nehme meine Zuflucht zu Gott vor dem gesteinigten Satan und vor der Einflüsterung und Verführung der Teufel. Ferner sagt Ibn Abbâs – Gott hab' beide selig! – nach der Überlieferung: Als 162 GabrielDer Erzengel Gabriel ist der heilige Geist. zum erstenmal auf den Propheten, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – niederfuhr, lehrte er ihn seine Zuflucht zu Gott zu nehmen und sprach zu ihm: Sprich, o Mohammed: Ich nehme meine Zuflucht zu Gott, dem Allhörenden, Allwissenden; alsdann sprich: Im Namen Gottes des Erbarmers, des Barmherzigen! Alsdann lies im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, erschaffen hat den Menschen aus geronnenem Blut!« – Wie nun der Koranist ihre Worte vernahm, verwunderte er sich über ihren Ausdruck, ihre Beredsamkeit, ihre Gelehrsamkeit und ihre ausgezeichneten Kenntnisse, doch fragte er noch weiter und sagte zu ihr: »O Mädchen, was sagst du zu Gottes, des Erhabenen, Wort: Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen? Ist's einer der Verse im Koran?« Sie erwiderte: »Jawohl, die Worte sind ein Koranvers und stehen in der Sure »Die Ameise«; ferner stehen sie als Vers zwischen je zwei Suren, und viel Disput herrscht über sie unter den Gelehrten.« –

Vierhundertundsiebenundvierzigste Nacht.

»Nun sag' mir, warum steht die Formel »Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen, nicht zu Anfang der Sure »Die Befreiung?«« Sie erwiderte: »Als die Sure »Die Befreiung« zur Auflösung des Bundes, welcher zwischen dem Propheten – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – und den Polytheisten bestand, herabgesandt wurde, schickte er Alī, den Sohn des Abū Tâlib, – Gott ehre sein Angesicht! – mit der Sure »Die Befreiung«, an einem Festtage zu ihnen, und so las er ihnen dieselbe vor, ohne jedoch auch die Formel »Im Namen Gottes des Erbarmers, des Barmherzigen« zu verlesen.« – »Sag' mir nun, welcher Vorzug und welche Segnung dieser Formel innewohnt.« – »Es wird überliefert, daß der Prophet, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – gesagt hat: Nicht wird das 163 Bismillāh über einer Sache gesprochen, ohne daß es einen Segen bringt; und ferner: Geschworen hat der Herr der Herrlichkeit bei seiner Herrlichkeit, daß diese Formel niemals über einen Kranken gesprochen werden soll, ohne daß er von seiner Krankheit geheilt würde. Ferner heißt es, daß, als Gott seinen Himmelsthron erschuf, derselbe gewaltig hin und her schwankte; da schrieb er die Worte »Im Namen Gottes des Erbarmers, des Barmherzigen« auf ihn, und von Stund an hörte er auf zu schwanken. Und als das Bismillāh dem Gesandten Gottes, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – vom Himmel offenbart wurde, sprach er: Ich bin sicher vor drei Fährlichkeiten, vor dem Einsinken in die Erde, vor Verwandlung in Tiergestalt und vor dem Ertrinken. Und in der That sind die Vorzüge des Bismillāh groß und seiner Segnungen sind viel, so daß ihre Aufzählung lange Zeit währen würde. Vom Gesandten Gottes, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – wird überliefert, er habe auch folgendes gesprochen: So am Tage der Auferstehung ein Mann vor Gott gebracht wird, und er Rechenschaft mit ihm hält und keine schöne That bei ihm findet, und so er dann befiehlt ihn ins höllische Feuer zu werfen, und der Mann spricht: Mein Gott, du behandelst mich nicht nach Gerechtigkeit; und so dann Gott, der Mächtige und Herrliche, fragt: Weshalb nicht? und der Mann spricht: O Herr, darum daß du dich selbst den Erbarmer, den Barmherzigen nennest und mich trotzdem mit dem höllischen Feuer bestrafen willst, – alsdann wird Gott, der Hochherrliche, sprechen: Ich bin's, der ich mich nenne den Erbarmer, den Barmherzigen, gehet hin und führet meinen Knecht ins Paradies in meiner Barmherzigkeit, denn ich bin der Barmherzigen Barmherzigster.« – »Gut; nun sag' mir, wie der Ursprung des Gebrauchs des Bismillāh war.« – »Als Gott, der Erhabene, den Koran vom Himmel herabsandte, schrieben sie: In deinem Namen, o Gott; als dann Gott, der Erhabene, das Wort offenbarte: Sprich: rufet ihn Gott an oder rufet ihn den 164 Erbarmer an in den Tagen, so ihr betet, denn er hat die schönsten Namen, – da schrieben sie: Im Namen Gottes des Erbarmers. Als dann das Wort offenbart wurde: Euer Gott ist ein einiger Gott, es giebt keinen Gott außer ihm, dem Erbarmer, dem Barmherzigen, – da schrieben sie: Im Namen Gottes des Erbarmers, des Barmherzigen.« – Wie nun der Koranist ihre Worte vernahm, ließ er das Haupt niederhängen und sprach bei sich: »Fürwahr, das ist Wunder über Wunder! Wie dieses Mädchen über den Ursprung des Gebrauchs des Bismillāh sich ausgelassen hat! Bei Gott, es geht nicht anders, ich muß ihr eine Falle stellen, daß ich sie so vielleicht überkomme.« Hierauf sagte er zu ihr: »O Mädchen, hat Gott den ganzen Koran auf einmal vom Himmel niedergesandt oder offenbarte er ihn in Abschnitten?« Sie erwiderte: »Gabriel der Getreue, – Frieden sei auf ihm! – brachte ihn von dem Herrn der Welten auf seinen Propheten Mohammed, den Herrn der Gesandten und das Siegel der Propheten, nieder mit Befehl und Verbot, mit Verheißung und Drohung, mit Geschichten und Exempeln im Laufe von zwanzig Jahren in getrennten Versen, wie es gerade die Umstände erforderten.« – »Gut; nun sag' mir, welche Sure wurde zuerst auf den Gesandten Gottes – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – herniedergesandt?« – »Nach Ibn Abbâs die Sure »Das geronnene Blut«Sure 96., nach Dschâbir bin Abdallāh jedoch ist es die Sure »Der Bedeckte«Sure 74., welche allen andern Suren und Versen vorausging.« – »Welcher Vers wurde zuletzt offenbart?« – »Der letzte Vers, welcher auf ihn hinabgesandt wurde, ist der Vers, welcher über den Wucher handelt, nach andern jedoch der Vers: Wenn da kommt die Hilfe Gottes und der Sieg.«Sure 110, 1. –

Vierhundertundachtundvierzigste Nacht.

»Gut; nun nenn' mir die Zahl der Gefährten, welche den Koran zur Zeit des Gesandten Gottes – Gott segne 165 ihn und spende ihm Heil! – sammelten.« – »Es sind ihrer vier; Ubeij bin Kaab, Seid bin Thâbid, Abū Obeide Amir bin el-Dscharrâh und Othmân bin AffānLetzterer der vierte, nach den Schiiten der erste rechtmäßige Chalife., – Gott hab' sie insgesamt selig!« – »Gut; nun gieb mir die Leser an, von denen die Lesarten angenommen wurden.« – »Es sind ebenfalls ihrer vier: Abdallāh bin Masûd, Ubeij bin Kaab, Maâz bin Dschabal und Sâlim bin Abdallāh.« – »Was weißt du über die Worte des Erhabenen zu sagen: Und was aus Steinen geopfert wird.« – »Mit den Steinen sind Götzen gemeint, welche aufgestellt und an Stelle Gottes angebetet wurden, was Gott, der Erhabene, verhüte!« – »Was sagst du zu Gottes, des Erhabenen, Wort: Du weißt, was in meiner Seele ist, und ich weiß nicht, was in deiner Seele ist.« – »Die Worte besagen: Du kennest mein wahres Wesen und was in mir ist, ich aber weiß nicht, was in dir ist; und der Beweis hierfür ist dieses Sein Wort: Du bist's, der das Verborgene von Grund aus kennet; und es heißt auch: Du kennest mein Wesen, ich aber kenne dein Wesen nicht.« – »Was weißt du über Gottes, des Erhabenen, Wort: O ihr wahren Gläubigen, verwehret euch nicht selber die guten Dinge, welche euch Gott erlaubt hat.« – »Mein Scheich – Gott, der Erhabene erbarme sich sein! – erzählte mir, Ed-Dahhâk hätte berichtet: Es waren einmal Leute unter den Moslems, welche sagten: Wir wollen uns verstümmeln und uns in Sacktuch kleiden; worauf dieser Vers herabgesandt wäre. Kutâde behauptet jedoch, der Vers wäre wegen einer Anzahl Gefährten des Gesandten Gottes, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – geoffenbart; diese Gefährten aber wären Alī bin Abū Tâlib, Othmân bin Musab und einige andere gewesen, welche gesprochen hätten: Wir wollen uns verschneiden, wollen härene Kleider anlegen und ein mönchisches Leben führen; worauf dann dieser Vers offenbart sei.« –»Was weißt du über das Wort Gottes, des 166 Erhabenen: »Und Gott nahm Abraham zum Freund?« – »Der Freund Gottes ist der Bedürftige, der Arme, und nach einem andern Ausspruch ist er der Liebende, der sich ganz von der Welt zu Gott, dem Erhabenen, zurückgezogen hat und dessen Zurückgezogenheit von jeder Störung frei ist.« – Wie nun der Koranist sah, daß ihre Rede wie Wolken einherfuhr, und daß sie ohne Besinnen Antwort gab, erhob er sich auf seine Füße und sprach: »Ich nehme Gott zum Zeugen, o Fürst der Gläubigen, daß dieses Mädchen im Koran bewanderter als ich ist.« Nun aber sprach das Mädchen: »Ich will eine einzige Frage an dich stellen; beantwortest du sie mir, so ist es gut; wenn aber nicht, so ziehe ich dir deine Sachen aus;« und der Fürst der Gläubigen rief: »Frag' ihn.« Da fragte sie ihn: »Welcher Vers enthält dreiundzwanzig Kâf, welcher sechzehn Mîm, welcher einhundertundvierzig Ain, und in welchem Abschnitt fehlt die Glorifikation Gottes?« – Der Koranist vermochte hierauf nicht zu antworten, und sie rief: »Zieh' deine Kleider aus.« Da zog er seine Kleider aus, während sie sagte: »O Fürst der Gläubigen, der Vers mit sechzehn Mîm steht in der Sure »Hûd«Sure 11, 50., und die Worte Gottes, des Erhabenen, lauten: Es wurde gesprochen: O Noah, steige heraus mit unserm Frieden, und Segen sei aus dir! Der Vers mit den dreiundzwanzig Kâf steht in der Sure »Die Kuh« und ist der Vers des Glaubens, und der Vers mit den einhundertundvierzig Ain steht in der Sure »Die Zwischenmauer«Sure 7, 154. Es ist die Mauer zwischen Himmel und Hölle gemeint. Ain heißt Auge, bezeichnet aber auch den 18. Buchstaben des arabischen Alphabets, welcher ursprünglich die Gestalt eines Auges hatte., und lautet: Und Moses erwählte siebzig Mann aus seinem Volk für die von uns bestimmte Zeit; also zwei Augen auf jeden. Der Abschnitt endlich, in welchem die Glorifikation fehlt, das sind die drei Suren »Genaht ist die Stunde und gespalten der Mond,« »Der Erbarmer« und »Die EintreffendeSure 54. 55. 56.. – Als der 167 Koranist dies vernommen hatte, zog er beschämt ohne Sachen von dannen.

Vierhundertundneunundvierzigste Nacht.

Nun aber trat der kundige Arzt auf sie zu und sagte zu ihr: »Wir sind jetzt fertig mit Religion und kommen zur Physiologie. Sag' mir also, wie der Mensch erschaffen wurde, wie viele Adern, Knochen und Rückenwirbel sich in seinem Körper befinden, welches die Hauptader ist, und weshalb Adam Adam genannt wurde.« Sie erwiderte: »Adam wurde er nach seiner Udme, d. h. seiner rötlichen Farbe, genannt, und es heißt, daß er aus dem Adîm der Erde, d. h. aus der obersten Bodenschicht, geschaffen wurde. Seine Brust wurde aus der Erde der Kaaba, sein Haupt aus der Erde des Ostens, seine Beine aus der Erde des Westens erschaffen; und es erschuf ihn Gott mit sieben Pforten in seinem Haupt, den beiden Augen, den beiden Ohren, den beiden Nasenlöchern und dem Mund, zu denen er ihm noch zwei Auswege nach vorn und hinten hinzufügte. Die Augen schuf er ihm zum Sehen, die Ohren zum Hören, die Nüstern zum Riechen, den Mund zum Schmecken und die Zunge zum Ausdruck seines Innern. Erschaffen ward aber Adam aus einer Mischung von vier Elementen, dem Wasser, der Erde, dem Feuer und der Luft. Die gelbe Galle ist das Temperament des Feuers und ist heiß und trocken; die schwarze Galle ist das Temperament der Erde und ist kalt und trocken; das Phlegma ist das Temperament des Wassers und ist kalt und feucht, und das Blut ist das Temperament der Luft, warm und feucht. Dreihundertundsechzig Adern sind im Menschen geschaffen, zweihundertundvierzig Knochen und drei Seelen, die animalische, die vernünftige und die natürliche Seele, von denen einer jeden eine bestimmte Funktion zugewiesen ist. Ferner hat ihm Gott ein Herz, eine Milz, eine Lunge, sechs Eingeweide, eine Leber, zwei Nieren, zwei Hinterbacken, Hirn, Knochen, Haut und fünf Sinne, Gehör, 168 Gesicht, Geruch, Geschmack und Gefühl, geschaffen. Dem Herzen gab er seinen Platz auf der linken Seite der Brust, und den Magen machte er zum Führer des Herzens. Die Lunge machte er zum Fächer fürs Herz und gab der Leber den Platz auf der rechten Seite gegenüber vom Herzen. Außerdem schuf er das Zwerchfell und die Eingeweide und setzte die Brustknochen zusammen, die er mit den Rippen vergitterte.« – »Gut; nun sag' mir, wie viele Kammern im Haupte des Menschen sind.« – »Drei Kammern, welche fünf Vermögen enthalten, die sogenannten innern Sinne als den gesunden Menschenverstand, die Phantasie, das Denkvermögen, die Vorstellung und das Gedächtnis.« – »Gut; nun beschreib' mir das Knochengerüst.« –

Vierhundertundfünfzigste Nacht.

»Das Knochengerüst ist aus zweihundertundvierzig Knochen zusammengesetzt und zerfällt in drei Teile, den Kopf, den Rumpf und die Glieder. Der Kopf wiederum wird eingeteilt in den Schädel und in das Gesicht; der Schädel ist aus acht Knochen zusammengesetzt, zu denen die vier Knochen des Ohres hinzukommen; das Gesicht zerfällt in den Oberkiefer und den Unterkiefer, von denen der Oberkiefer aus elf und der Unterkiefer aus einem Knochen besteht, wozu die Zähne in der Zahl von zweiunddreißig hinzukommen nebst dem L-KnochenOs hyoidos. Was den Rumpf anlangt, so zerfällt derselbe in Rückgrat, Brust und Becken. Das Rückgrat ist aus vierundzwanzig Knochen, den sogenannten Rückenwirbeln, zusammengesetzt, die Brust aus dem Brustbein und den Rippen, deren es vierundzwanzig giebt, auf jeder Seite zwölf, und das Becken besteht aus den beiden Hüftknochen, dem Kreuzbein und dem Steißbein. Die Glieder zerfallen in die beiden oberen und die beiden unteren Gliedmaßen; die oberen Glieder der Arme zerfallen wiederum zunächst in die Schulter, 169 die aus dem Schulterblatt und dem Schlüsselbein zusammengesetzt ist; zweitens in den Oberarm, welcher nur aus einem Knochen besteht; drittens in den Unterarm, welcher wieder aus zwei Knochen zusammengesetzt ist, der Speiche und dem Ellenbein, und viertens in die Hand, welche aus der Handwurzel, der Mittelhand und den Fingern besteht. Die Handwurzel ist aus acht Knochen zusammengesetzt, welche in zwei Reihen zu je vier Knochen stehen. Die Mittelhand besteht aus fünf Knochen, und die Finger, fünf an der Zahl, zählen je drei Knochen, die Fingerglieder genannt, mit Ausnahme des Daumens, welcher nur aus zwei Gliedern besteht. Die untern Glieder oder Beine zerfallen erstens in Oberschenkel, welcher aus nur einem Knochen besteht, in Unterschenkel, welcher aus drei Knochen zusammengesetzt ist, dem Wadenbein, dem Schienbein und der Kniescheibe und drittens aus dem Fuß, welcher wie die Hand in Fußwurzel, Mittelfuß und Zehen zerfällt. Die Fußwurzel ist aus sieben Knochen zusammengesetzt, die in zwei Reihen zu zwei und fünf Knochen stehen; der Mittelfuß besteht aus fünf Knochen, und die Zehen, fünf an der Zahl, sind aus je drei Gliedern zusammengesetzt, mit Ausnahme der großen Zehe, die nur zwei Glieder hat.« – »Gut; nun sag' mir, welches die Wurzel der Adern ist.« – »Die Wurzel der Adern ist die Herzader, von welcher sich die Adern verästeln, und es sind ihrer so viele, daß nur ihr Schöpfer ihre Anzahl weiß; doch heißt es, wie obengesagt, daß ihre Anzahl dreihundertundsechzig beträgt. Ferner hat Gott die Zunge zum Dolmetsch erschaffen, die Augen zu zwei Laternen, die Nasenlöcher zum Riechen und die Hände zum Greifen. Die Leber schuf er zum Sitz der Barmherzigkeit, die Milz zum Sitz des Lachens und die Nieren zum Sitz der Verschlagenheit. Die Lunge dient als Fächer, der Magen als Magazin, und das Herz ist die Säule des Leibes. Ist das Herz gesund, so ist der ganze Leib gesund, ist es verdorben, so ist der ganze Leib verdorben.« – 170

»Sag' mir nun, welches die äußern Anzeichen und Merkmale der Krankheit sind, sei es, daß ihr Sitz in den äußeren oder inneren Körperteilen ist.« – »Schön; ist der Arzt verständig, so faßt er den Zustand des Körpers ins Auge und läßt sich durch das Gefühl der Hände leiten, je nachdem sie sich straff, heiß, trocken, kalt oder feucht anfassen lassen. Sinnlich wahrnehmbar sind auch die Merkmale innerer Krankheiten, wie z. B. die gelbe Farbe vom Weißen des Augapfels das Kennzeichen der Gelbsucht ist, oder wie ein gekrümmter Rücken auf Erkrankung der Lungen hinweist.« –

Vierhundertundeinundfünfzigste Nacht.

Welches sind nun die innern Anzeichen von Krankheit?« – »Die Erkenntnis der Krankheit durch innere Kennzeichen gewinnt man aus der Beobachtung von sechs Grundregeln: Erstens hat man die Handlungen des Patienten zu prüfen, zweitens die Ausscheidungen aus seinem Körper, drittens seine Schmerzen, viertens den Sitz derselben, fünftens etwaige Geschwulst und sechstens seine Ausdünstung.« – »Sag' mir, wodurch werden Kopfschmerzen verursacht?« – »Dadurch daß Speise auf Speise stößt, ehe noch die erste verdaut ist, und durch Sättigung auf Sättigung; das ist's, was Völker ruiniert. Wer daher lange leben will, der nehme des Morgens früh sein Mahl ein und nicht spät zur Nacht; ebenso gebe er sich nicht zu viel mit den Weibern ab und lasse sich nicht zu häufig Blut abzapfen oder schröpfen; vielmehr teile er seinen Bauch in drei Teile und bestimme einen Teil für Speisen, den andern für Wasser und den dritten für Luft; denn des Menschen Därme sind achtzehn Spannen lang, und ziemt es sich ihm deshalb sechs Spannen fürs Essen, sechs fürs Trinken und sechs fürs Atmen zu bestimmen. Wenn er geht, so schreite er sacht, denn das schickt sich für ihn besser, und ist auch für seinen Körper dienlicher, und entspricht mehr dem Worte Gottes, des Erhabenen, das da 171 lautet: Schreite nicht auf der Erde stolz einher.« – »Gut; nun sag' mir, welches das Kennzeichen der gelben Galle ist, und was für den, der an ihr leidet, zu befürchten steht.« – »Die gelbe Galle wird an der gelben Farbe, am bittern Geschmack im Munde, an trockner Zunge, an schwachem Appetit und schnellem Puls erkannt, und der Patient hat hitziges Fieber, Delirium, Karbunkeln, Gelbsucht, Geschwulst, Geschwüre in den Eingeweiden und starken Durst zu befürchten; das sind die Symptome der gelben Galle.« – »Gut; nun gieb mir die Anzeichen der schwarzen Galle an und was der Patient von ihr zu befürchten hat, wenn sie seinen Leib überkommen hat.« – »Ihre Symptome sind falscher Appetit, starke Unruhe, Sorge und Kummer; und es ist nötig, daß sie ausgeschieden wird, wofern sie nicht Melancholie, Aussatz, Krebs, Schmerzen in der Milz und Geschwüre in den Eingeweiden erzeugen soll.« – »Gut; nun sag' mir, in wie viel Teile die Medizin eingeteilt wird.« – »In zwei Teile; in die Wissenschaft von der Diagnose kranker Körper und in die Wissenschaft von den Heilmethoden.« – »Nun sag' mir, welches ist die geeignetste Zeit Medizinen zu trinken?« – »Wenn der Saft in dem Holz läuft, wenn die Beeren an den Trauben schwellen und des Glückes Glück am Himmel aufsteigtD. h. wenn die beiden glückbringenden Sterne Venus und Jupiter in Konjunktion stehen., dann ist die erfolgreiche Zeit gekommen Medizin zu trinken und Krankheit zu vertreiben.« – Wann ist der Trank, den man aus einem neuen Gefäß trinkt, bekömmlicher und verdaulicher als zu irgend einer andern Zeit, wobei dem Trinkenden zugleich ein süßer und starker Wohlgeruch aufsteigt?« – »Wenn man ihn erst eine Weile nach der Mahlzeit trinkt, wie auch der Dichter sagt:

»Trink' nicht zu hastig nach deinem Mahl
Und führ' deinen Leib nicht am Halfter zum Schaden;
Wart' eine Weile geduldig nach deinem Mahl,
So, mein Bruder, gewinnst du eher deinen Wunsch.« 172

»Nun sag' mir, welche Nahrung verursacht keine Krankheiten?« – »Das, was nur mit hungrigem Magen genossen wird, und was so genossen wird, daß die Rippen mit ihm nicht erfüllt werden, wie Galenus der Arzt sagt: Wer Nahrung zu sich nehmen will, der gehe langsam zu Werk; so wird er nicht fehl gehen. Und um mit seinen Worten abzuschließen, – Segen und Heil auf ihn! –: Der Magen ist das Haus der Krankheit und Diät der Heilung Anfang; denn aller Krankheit Wurzel ist Indigestion, d. h. unverdauliche Nahrung.« –

Vierhundertundzweiundfünfzigste Nacht.

»Was sagst du zum Warmbad?« – »Niemand soll mit vollem Magen baden; und der Prophet, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – sagt: Das Glück des Hauses ist das Bad, denn es reinigt den Leib und erinnert ans höllische Feuer.« – »Welches Bad ist das beste?« – »Das Bad, welches süßes Wasser, weiten Raum und reine Luft hat, so daß seine Lüfte Herbst, Sommer, Winter und Frühling in sich vereinen.« – »Nun sag' mir, welches ist die vorteilhafteste Speise?« – »Jene, welche Frauen zubereiten, welche wenig Mühe kosten und leicht verdaulich sind. Die prächtigsten Speisen sind Brotsuppen, wie denn auch der Prophet, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – sagt: Brotsuppe übertrifft alle andern Gerichte wie AïscheMohammeds Lieblingsfrau.alle andern Frauen.« – »Welches ist das vortrefflichste Essen?« – »Fleisch; wie der Prophet, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – sagt: Das vortrefflichste Essen ist Fleisch, denn es ist die Wonne dieser Welt und des Jenseits.« – »Welches Fleisch ist das beste?« – »Hammelfleisch; doch ist getrocknetes Fleisch zu vermeiden, da es von keinem Nutzen ist.« – »Wie steht es mit dem Obst?« – »Iß es, sobald seine Zeit gekommen ist, und laß es, wenn seine Zeit vorüber ist.« – »Was weißt du über das Wassertrinken zu sagen?« – »Trink' es nicht auf einen Zug und schluck' es nicht hastig hinunter, 173 daß es dir nicht Kopfschmerzen verursacht und dir sonst welchen Schaden zufügt; trink' es auch nicht gleich nach dem Verlassen des Bades und nach dem Essen; fünfzehn Minuten soll ein junger Mensch, ein alter dagegen fünfundvierzig Minuten warten; endlich nicht gleich nach dem Erwachen aus dem Schlaf.« – »Gut; nun gieb mir über das Weintrinken Auskunft.« – »Genügt dir nicht das Verbot im Buche Gottes, des Erhabenen, wo er spricht: Wein, Spiel, Götzenbilder und Pfeilauslosen sind ein ehrloses Satanswerk; vermeidet solches deshalb, auf daß es euch wohlergehe? Und wiederum spricht der Erhabene: Sie werden dich um Wein und Spiel angehen; sprich: In beidem liegt eine große Sünde und auch ein gewisser Nutzen fürs Volk, die Sünde in ihnen ist jedoch größer als ihr Nutzen. Sagt doch auch der Dichter:

Ich trank die Sünde, bis ich von Sinnen ward;
Welch übler Trank, der mich sinnlos gemacht!

Was aber die nützlichen Eigenschaften des Weins anlangen, so zerbröckelt er die Steine in den Nieren, stärkt die Eingeweide, verscheucht die Sorgen, feuert zur Großmut an, hütet die Gesundheit und befördert die Verdauung; er erhält den Leib gesund, scheucht die Krankheiten aus den Gelenken, reinigt den Leib von schlechten Säften, erzeugt Freude und Fröhlichkeit, stärkt die Natur, zieht die Blase zusammen, kräftigt die Leber, öffnet Verstopfungen, rötet das Gesicht, befreit den Kopf und das Hirn von Grillen und schiebt das Grauwerden hinaus. Ja, wenn Gott, der Mächtige und Herrliche den Wein nicht verwehrt hätte, so gäbe es auf dem Angesichte der Erde nichts, was ihn ersetzen könnte. Was dann ferner das SpielDas hier gemeinte Spiel ist ein Auslosen mit Pfeilen ohne Spitze. anlangt, so ist's Hasard.« – »Welcher Wein ist der beste?« – »Wein, der achtzig Tage und darüber alt ist und der aus weißen Trauben gepreßt wird; dieser Wein ist nicht gleich Wasser und ihm 174 gleich giebt's nichts auf dem Angesicht der Erde.« – »Was weißt du über das Schröpfen zu sagen?« – »Das Schröpfen ist für Vollblütige gut, die sonst keinen Defekt im Blut haben; wer sich aber schröpfen lassen will, der thue es bei abnehmendem Mond an einem wolkenlosen, windstillen und regenfreien Tag, und zwar am siebzehnten Tag im Monat. Trifft der Tag auf einen Dienstag, so ist es um so vorteilhafter, und nichts ist dienlicher fürs Hirn und für ein klares Gedächtnis als Schröpfen.« –

Vierhundertunddreiundfünfzigste Nacht.

»Sag' mir nun, wann das Schröpfen am vorteilhaftesten ist?« – »Am besten läßt man sich auf nüchternen Magen schröpfen, denn dies mehrt den Verstand und das Gedächtnis. So wird von dem Propheten – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – berichtet, daß, sobald sich jemand bei ihm über Schmerzen im Kopf und in den Beinen beklagte, er zu ihm sagte: Laß dich schröpfen, – und ihm riet nach dem Schröpfen auf nüchternen Magen nichts Gesalzenes zu essen, da dies Krätze verursache; ebenso aber auch unmittelbar darauf nichts Saures zu essen.« – »Wann soll man das Schröpfen unterlassen?« – »Am Sabbath oder am Mittwoch; wer sich an diesen Tagen schröpfen läßt, der hat sich selber zu tadeln. Ebenso soll man sich nicht an überheißen und an sehr kalten Tagen schröpfen lassen; vielmehr ist die beste Zeit dafür im Frühling.« – »Nun gieb mir über die Gemeinschaft von Mann und Weib Auskunft.« – Als Tawaddud dies vernahm, senkte sie das Haupt und ließ es beschämt vor der Majestät des Fürsten der Gläubigen niederhängen; alsdann aber sagte sie: »Bei Gott, o Fürst der Gläubigen, nicht, weil ich nicht zu antworten vermag, sondern aus Scham schweige ich, wiewohl die Antwort darauf auf meiner Zungenspitze ist.« Und der Fürst der Gläubigen sagte zu dem Arzt: »Frag' sie nach etwas anderm.« Da sagte er: »So gieb Antwort; welches ist das beste Obst?« – 175 »Granatäpfel und Citronen.« – »Welches ist das beste Gemüse?« – »Endivie.« – »Welche Blumen haben den schönsten Duft?« – »Rosen und Veilchen.« – »Gut; nun sag' mir, welcher Vogel bringt lebendige Junge zur Welt?« – »Die Fledermaus.« – »Was lebt von der Luft abgesperrt und stirbt, sobald es die Luft zu schmecken bekommt?« – »Der Fisch.« – »Welche Schlange legt Eier?« – »Der Drache.« –

Da ward der Arzt vom vielen Fragen erschöpft und schwieg; das Mädchen aber sagte: »O Fürst der Gläubigen, er hat mich so lange gefragt, bis er erlahmt ist, und nun will ich nur eine Frage an ihn richten, und so er sie mir nicht beantwortet, nehme ich seine Kleider als mir zu Recht zukommend.« –

Vierhundertundvierundfünfzigste Nacht.

Der Chalife antwortete ihr: »Frag' ihn;« und nun fragte sie ihn: »Was ist das für ein Ding, das an Rundung der Erde gleicht, und dessen Rückgrat und Ruhestätte den Augen verborgen ist? Es hat wenig Wert und Geltung, seine Brust ist eng und seine Kehle geschnürt, obwohl es kein entlaufener Sklav und kein Dieb ist; es ist durchbohrt, doch nicht im Kampf; verwundet, doch nicht im Gefecht; die Zeit frißt seine Kraft, und das Wasser trinkt seine Fülle; bald wird's geschlagen ohne Schuld und bald muß es dienen ohne Ende; vereint nach der Trennung, unterwürfig, doch nicht gegen den, der es liebkost; schwanger, ohne Kind im Leib; geneigt, ohne sich auf seine Seite zu lehnen; schmutzig geworden, reinigt es sich selbst; es hält fest und doch verändert es sich; es gewährt Ruhe und ruht sich selber aus; es wird gebissen und doch schreit es nicht; es ist werter als ein Gast und schlimmer als Sommersglut; zur Nacht verläßt es sein Weib und umarmt es am Tag und wohnt in den Winkeln in den Wohnungen der Edeln.« Als der Arzt dieses Rätsel vernahm, schwieg er eine Weile verwirrt und ließ, ohne ein 176 Wort zu reden und die Farbe wechselnd, das Haupt niederhängen. Das Mädchen aber rief: »O Arzt, sprich oder ich ziehe dir deine Sachen aus.« Da erhob er sich und sprach: »O Fürst der Gläubigen, sei Zeuge wider mich, daß dieses Mädchen in der Medizin und andern Kenntnissen gelehrter als ich ist, und daß ich ihr nicht gewachsen bin.« Darauf zog er seine Sachen aus und lief fort, während der Fürst der Gläubigen zu Tawaddud sagte: »Deute uns dein Rätsel.« Und sie erwiderte: »O Fürst der Gläubigen, es ist der Knopf und das Knopfloch.« Hierauf sagte sie: »Wer unter euch der Astrolog ist, der erhebe sich!« worauf der Astrolog aufstand und sich vor sie setzte. Als sie ihn erblickte, lachte sie und sagte: »Du bist der Astrolog, der Rechenmeister, der Schreiber?« Er antwortete: »Ja;« da sagte sie: »So frag', was du willst, und der Erfolg ist bei Gott;« und nun sagte er: »So gieb mir Auskunft über die Sonne, über ihren Aufgang und Untergang.« – »Wisse, die Sonne geht aus den Gegenden des Ostens auf und in den Gegenden des Westens unter, und beide werden in einhundertundachtzig Grade geteilt. Gott, der Erhabene, sagt: Ich schwöre bei dem Herrn des Ostens und des Westens. Ferner sagte er: Er ist's, welcher die Sonne erschaffen hat zu scheinen und den Mond zu leuchten; und er hat ihm Stationen zugewiesen, auf daß ihr die Zahl der Jahre kennet und die Zeitrechnung. – Der Mond ist der Sultan der Nacht und die Sonne der Sultan des Tages, und beide kreisen miteinander um die Wette, wie Gott, der Erhabene, spricht: Es ziemt sich nicht, daß die Sonne den Mond einholt, und daß die Nacht dem Tage vorangeht, vielmehr schwebe jedes in seiner Sphäre.« –»Nun sag' mir, wenn die Nacht kommt, was geschieht dann aus dem Tage, und umgekehrt, wenn der Tag kommt, was geschieht aus der Nacht?« – »Er läßt eintreten die Nacht in den Tag, und er läßt eintreten den Tag in die Nacht.«Ein Citat aus dem Koran.177 »Gieb mir nun über die Mondstationen Auskunft.« – »Es giebt achtundzwanzig MondstationenWir übergehen hier die Namen derselben., und es ruhen in ihnen tiefe Geheimnisse, welche Gott – Preis Ihm, dem Erhabenen! – allein kennt und die Wohlunterrichteten. Sie sind unter die zwölf Zeichen des Zodiakus in der Weise verteilt, daß zwei und eine drittel Station auf jedes Zeichen kommen.« –

Vierhundertundfünfundfünfzigste Nacht.

»Gut; nun gieb mir über die Planeten oder Wandelsterne Auskunft und über ihre Natur, über ihr Verweilen in den Zeichen des Zodiakus, über ihren heilbringenden und unheilbringenden Anblick, wo sich ihre Häuser befinden und wo sie in der Ascendenz und DescendenzD. h. in welchen Sternbildern sie den größten und den geringsten Einfluß auf das Geschick des Menschen ausüben. stehen.« – »Die Sitzung ist kurz bemessen, doch will ich dir Auskunft geben; es giebt sieben Planeten, und ihre Namen lauten: Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn. Die Sonne, heiß und trocken, unheilbringend in Konjunktion und von glücklicher Vorbedeutung in Opposition, verweilt drei Tage in jedem Zeichen. Der Mond, kalt und feucht und von guter Vorbedeutung, verweilt zwei und einen drittel Tag in jedem Zeichen. Der Merkur, von gemischter Natur, glückbringend in Konjunktion mit glückbringenden, unheilverkündend in Konjunktion mit unheilbringenden Gestirnen, verweilt in jedem Zeichen siebzehn und einen halben Tag. Venus, mild und glückbringend, verweilt in jedem Zeichen fünfundzwanzig Tage. Mars, unheilbringend, verweilt in jedem Zeichen zehn Monate. Jupiter, glückbringend, verweilt in jedem Zeichen ein Jahr, und Saturn, kalt, trocken und unheilbringend, verweilt in jedem Zeichen dreißig Monate. Das Haus der Sonne ist der Löwe, ihre Ascendenz im Widder, ihre Descendenz im Wassermann. Das Haus des Mondes ist das Zeichen des Krebses, seine Ascendenz im 178 Stier, seine Descendenz im Skorpion und sein unheilbringendes Zeichen der Steinbock. Das Haus des Saturn ist der Steinbock und Wassermann, seine Ascendenz in der Wage, seine Descendenz im Widder, seine unheilbringenden Gestirne sind Krebs und Löwe. Jupiters Haus sind Fische und Schütze, seine Ascendenz ist im Krebs, seine Descendenz im Steinbock und seine unheilbringenden Gestirne sind Zwillinge und Löwe. Das Haus der Venus ist der Stier, ihre Ascendenz in den Fischen, ihre Descendenz in der Wage, ihre unheilbringenden Gestirne sind Widder und Skorpion. Das Haus des Merkur sind Zwillinge und Jungfrau, seine Ascendenz ist in der Jungfrau, seine Descendenz in den Fischen, sein unheilbringendes Gestirn ist der Stier. Das Haus des Mars endlich ist Widder und Skorpion, seine Ascendenz ist im Steinbock, seine Descendenz im Krebs und sein unheilbringendes Gestirn ist die Wage.« – Wie nun der Astrolog ihren Verstand, ihre Kenntnisse, ihre trefflichen Antworten und ihre Einsicht sah, suchte er nach einer List, sie vor dem Fürsten der Gläubigen zu beschämen, und fragte sie: »O Mädchen, wird es in diesem Monat regnen?« Da senkte sie eine Weile das Haupt zu Boden und dachte lange nach, so daß der Fürst der Gläubigen bereits glaubte, sie wäre nicht imstande darauf zu antworten. Der Astrolog aber fragte sie: »Warum sprichst du nicht?« Sie entgegnete ihm hierauf: »Ich spreche nur, wenn mir der Fürst der Gläubigen die Erlaubnis hierzu erteilt.« Da fragte sie der Fürst der Gläubigen: »Wieso?« Und sie entgegnete: »Ich wünsche, daß du mir dein Schwert reichst, damit ich ihm den Kopf abschlagen kann, da er ein Ketzer ist.« Da lachte der Fürst der Gläubigen und es lachte mit ihm die ganze Runde, während sie selber sprach: »O Astrolog, fünf Dinge sind es, die Gott, der Erhabene, allein kennet;« alsdann citierte sie den Vers: Siehe, bei Gott ist das Wissen von der Stunde des Gerichts, er sendet den Regen hinab und weiß, was im Mutterschoß ist, keine Seele aber weiß, was sie morgen 179 gewinnen wird; noch weiß eine Seele in welchem Lande sie sterben wird; fürwahr, Gott ist allwissend und allweise.« – Der Astrolog versetzte: »Gut geantwortet; bei Gott, ich wollte dich nur auf die Probe stellen.« Sie entgegnete: »Wisse, die Kalendermacher haben gewisse Zeichen und Merkmale rücksichtlich der Planetenkonstellation bei Eintritt des neuen Jahres, und die Leute haben manche Erfahrungen daraus gesammelt.« Der Astrolog fragte nun: »Welches sind sie?« Und sie erwiderte: »Jeder Tag hat einen Planeten, der ihn regiert; wenn nun der erste Tag des Jahres auf den Sonntag fällt, welcher der Sonne gehört, so deutet dies, – doch Gott ist allwissend, – auf Tyrannei von Königen, Sultanen und Wâlīs, auf viel Miasmen in der Luft und wenig Regen; ferner, daß das Volk in große Anarchie gerät, daß die Kornfrüchte mit Ausnahme der Linsen, welche verderben, gut geraten werden, daß die Trauben umkommen, daß der Flachs hoch im Preise und der Weizen vom ersten des Monats Tûba bis zum Ende des Monats BarmahâtDer fünfte und siebente Monat (Januar und März) des koptischen Jahres. billig sein wird. Ferner werden viele Kriege unter den Königen stattfinden und das Jahr wird reich gesegnet sein; jedoch ist Gott allwissend.« – »Was geschieht, wenn das Jahr mit einem Montag beginnt?« – »Der Montag gehört dem Mond und dies weist auf Rechtschaffenheit in den Wâlīs und Gouverneuren; ferner wird es ein Jahr reich an Regen sein, und die Körnerfrüchte werden guten Ertrag geben, der Leinsamen wird verderben, und der Weizen wird im Monat KijahkDer vierte Monat des koptischen Jahres. billig sein. Außerdem wird viel Pestilenz sein, das halbe Vieh, nämlich Schafe und Ziegen, wird krepieren, Trauben wird's in Menge geben, Honig wird rar und Baumwolle billig sein; doch Gott weiß es besser.« – 180

Vierhundertundsechsundfünfzigste Nacht.

»Sag' mir nun, was geschieht, wenn das Jahr mit einem Dienstag beginnt.« – »Der Dienstag ist der Tag des Mars und verkündet den Tod großer Männer, viel Zerstörung, Blutvergießen, große Teuerung, was Korn anlangt, und wenig Regen. Ferner wird's wenig Fische geben, die bald in Menge vorhanden sein bald fehlen werden; Honig und Linsen werden in diesem Jahre billig sein, Leinsamen dagegen teuer, Gerste wird allein von allen Körnerfrüchten wohlgedeihen; ferner werden viele Kriege unter den Königen toben, blutiger Tod wird sein, und es werden besonders viel Esel krepieren; doch Gott weiß es besser.« – »Was wird geschehen, wenn das Neujahr auf einen Mittwoch trifft?« – »Der Mittwoch ist der Tag des Merkur, und dies deutet auf großen Aufruhr unter dem Volk und auf viele Feinde; ferner wird es Regen in richtigem Maße geben, doch werden einige Saaten verderben; unter dem Vieh und den kleinen Kindern wird großes Sterben sein, und zur See wird viel gekämpft werden; Weizen wird vom Barmûda bis zum MisraDer achte und zwölfte Monat des koptischen Jahres. teuer, andere Körnerfrucht dagegen billig sein. Ferner wird es viel donnern und blitzen, Honig wird teuer sein, die Palmen werden gut gedeihen, und Leinsamen und Baumwolle wird ebenfalls sehr gut geraten, während Rettiche und Zwiebeln teuer sein werden; doch Gott weiß es besser.« – »Was wird sein, wenn das Neujahr auf einen Donnerstag fällt?« – »Der Donnerstag ist der Tag des Jupiter, und dies deutet auf Gerechtigkeit in den Wesiren und Rechtschaffenheit in den Kadis, den Fakiren und den sonstigen Glaubensbeflissenen; es wird reichen Segen und Regen, Früchte, Bäume und Korn in Menge geben, Leinsamen, Baumwolle, Honig und Weintrauben werden billig sein, und es wird viel Fische geben; und Gott weiß es besser.« – »Wenn nun 181 Neujahr auf einen Freitag fällt?« – »Der Freitag ist der Tag der Venus, und dies deutet auf Härte in den Häuptern unter den Dschinn und auf Gerede voll Lüge und Verleumdung; ferner wird es viel Thau geben, die Aust wird gut im Lande sein, und in einer Gegend wird's billig in der andern teuer sein; Verderbtheit wird zu Land und Meer herrschen, Leinsamen wird teuer sein wie auch Weizen im Monat Hātûr, dagegen billig im Monat Amschîr; Honig wird teuer sein, und die Trauben und Melonen werden verderben; und Gott weiß es besser.« – »Was endlich wird eintreten, wenn Neujahr auf einen Sabbath fällt?« – »Der Sabbath ist der Tag des Saturn, und dies deutet auf Bevorzugung von Sklaven und Griechen und allen solchen, in denen nichts gutes ist noch auch in ihrer Nähe; ferner wird es große Teuerung und Dürre geben; Wolken werden dicht den Himmel bedecken, unter den Menschen wird großes Sterben einherfahren, und Wehgeschrei wird sich in Ägypten und Syrien überall erheben über des Sultans Tyrannei und über den kärglichen Segen der Saaten und das verdorbene Korn; und Gott weiß es besser.« – Als der Astrolog nunmehr seinen Kopf tief zu Boden hängen ließ, sagte sie: »O Astrolog, jetzt will ich nur eine Frage an dich richten, und, so du sie nicht beantwortest, nehme ich dir deine Sachen.« Er erwiderte: »Sprich;« und nun fragte sie ihn: »Wo ist Saturns Wohnung?« – »Im siebenten Himmel.« – »Wo Jupiters?« – »Im sechsten Himmel.« – »Wo ist die Wohnung des Mars?« – »Im fünften.« – »Wo die der Sonne?« – »Im vierten.« – »Wo die der Venus?« – »Im dritten Himmel.« – »Wo ist die Wohnung Merkurs?« – »Im zweiten.« – »Wo die des Monds?« – »Im ersten Himmel.« – »Gut; nun aber bleibt noch eine einzige Frage übrig.« Er erwiderte: »Frag';« und nun fragte sie ihn: »In wie viele Abteilungen zerfallen die Gestirne?« Da schwieg er und gab keine Antwort; und sie rief: »Zieh' deine Sachen aus.« Da zog er sie aus, und als sie dieselben an 182 sich genommen hatte, sagte der Fürst der Gläubigen zu ihr: »Gieb uns die Antwort auf deine Frage.« Sie versetzte: »O Fürst der Gläubigen, die Sterne werden in drei Klassen eingeteilt; erstens in solche, die am Erdenhimmel wie Lampen aufgehängt sind und die Erde erleuchten, zweitens in Sterne, mit denen die Satane geschossen werden, so sie die Gespräche im Himmel belauschen wollen, wie Gott, der Erhabene, spricht: »Fürwahr, wir haben den irdischen Himmel ausgeschmückt mit Leuchten, und haben sie zu Geschossen für die Satane bestimmt«;Sure 37, 5. drittens in solche Sterne, die am Himmel aufgehängt sind, die Meere und, was darinnen ist, zu erleuchten.« – Da sagte der Astrolog: »Ich habe noch eine Frage zu stellen und, so sie dieselbe beantwortet, will ich mich für überwunden erklären.

Vierhundertundsiebenundfünfzigste Nacht.

Sag' mir, welche vier Gegensätze sind auf vier andere Gegensätze gegründet?« – »Wärme, Kälte, Feuchtigkeit und Trockenheit; aus der Wärme hat Gott das Feuer erschaffen, dessen Natur heiß und trocken ist. Aus der Trockenheit erschuf er die Erde von kalter und trockener Beschaffenheit, aus der Kälte das Wasser von kalter und feuchter Natur, und aus der Feuchtigkeit die Luft von warmer und feuchter Natur. Alsdann erschuf Gott die zwölf Zeichen des Tierkreises, deren Namen lauten: Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Jungfrau, Wage, Skorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann und Fische, und gab ihnen vier Naturen in der Art, daß drei von ihnen feurig, drei erdig, drei luftig und drei wässerig sind; so ist Widder, Löwe und Schütz von feuriger, Stier, Jungfrau und Steinbock von erdiger, Zwillinge, Wage und Wassermann von luftiger, Krebs, Skorpion und Fische von wässeriger Natur.« – Da erhob sich der Astrolog und sagte: »Seid Zeugen wider mich, daß sie 183 gelehrter als ich ist;« alsdann ging er geschlagen von dannen. Sie aber sagte nun: »O Fürst der Gläubigen, wo ist der Philosoph?« worauf ein Mann aufsprang, auf sie zukam und sprach: »Sag' mir, was ist die Zeit, was ist ihre Grenze, was sind ihre Tage, und was bringt sie?« Tawaddud erwiderte: »Zeit ist ein Begriff, welcher auf die Stunden der Nacht und des Tages angewendet wird, welche ihrerseits nur die Maße des Laufes der Sonne und des Mondes in ihren Sphären sind, wie Gott, der Erhabene, es in den Worten kündet: Ein Zeichen ist ihnen auch die Nacht; wir entkleiden sie des Tages, und siehe, da ist es Finsternis um sie, und die Sonne eilt ihrem Rastort entgegen; solches ist die Bestimmung des Allmächtigen, AllweisenSure 36, 37, 38..« – »Nun sag' mir, wie kommt der Unglauben zum Menschen?« – »Es wird vom Gesandten Gottes – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – überliefert, daß er also sprach: Der Unglauben läuft in dem Menschen wie das Blut in seinen Adern rollt, wenn er die Welt und die Zeit, die Nacht und die Stunde schmäht. Ferner: Keiner von euch schmähe die Zeit, denn die Zeit ist Gott; und niemand von euch schmähe die Welt, denn sie spricht: Gott helfe keinem, der mich schmäht! und keiner von euch schmähe die Stunde, denn die StundeDie Stunde des Gerichts. naht, da ist kein Zweifel; und keiner von euch schmähe die Erde, denn ein Wunderzeichen ist sie nach dem Worte Gottes des Erhabenen, das da lautet: Von ihr haben wir euch erschaffen, und in sie werden wir euch heimkehren lassen, und aus ihr auferstehen sollt ihr ein ander Mal.«Sure 20, 58. – »Welches waren die fünf, welche aßen und tranken und doch aus keinem Rücken und Mutterschoß entsproßten?« – »Adam, Simeon, die Kamelin des SâlihDie Thamudäer verlangten vom Propheten Sâlih, er solle zum Beweis seiner göttlichen Sendung eine trächtige Kamelin aus einem Felsen herauskommen lassen. Nach den Arabern sollte Ismael nicht Isaak geopfert werden. Abū Bekr verbarg sich mit Mohammed auf der Flucht in einer Höhle, worauf ein Vogel vor dem Eingang sein Nest baute und so die Verfolger täuschte. Weshalb der alte Simeon (Luk. Kap. II.) hier genannt wird, ist nicht bekannt., Ismaels Widder und 184 der Vogel, den Abū Bekr der Wahrhaftige in der Höhle sah.« – »Nenn' mir nun fünf, die im Paradiese leben, obwohl sie weder Menschen noch Genien oder Engel sind.« – »Jakobs Wolf, der Hund der Höhlengefährten, Esras Esel, Sâlihs Kamelin und Duldul, das Maultier des Propheten, – Gott segne ihn und spende ihm Heil!« – »Welcher Mann betete ein Gebet weder auf der Erde noch im Himmel?« – »Das ist Salomon, wenn er auf seinem vom Winde getragenen Teppich betete.« – »Lös' mir folgendes Rätsel: Ein Mann betete das Frühgebet und schaute dabei nach einer Sklavin, die ihm verwehrt war. Um Mittag war sie ihm erlaubt, zur Zeit des Nachmittagsgebetes war sie ihm wieder verwehrt, zum Sonnenuntergang war sie ihm von neuem erlaubt, zur Zeit des Nachtmahls war sie ihm zum drittenmal verwehrt, und in der Morgenfrühe endlich zum drittenmal erlaubt.« – »Das ist ein Mann, der des Morgens eine fremde Sklavin anschaute, die ihm, weil sie ihm nicht gehörte, verwehrt war. Um die Mittagszeit kaufte er sie, und so war sie ihm erlaubt; zur Zeit des Nachmittagsgebets ließ er sie frei, wodurch sie ihm wieder verwehrt wurde; gegen Sonnenuntergang heiratete er sie, so daß sie ihm wieder erlaubt war; zum Nachtmahl gab er ihr den Scheidungsbrief, wodurch sie ihm zum drittenmal verwehrt wurde, und in der Morgenfrühe nahm er sie wieder zu sich, wodurch sie ihm zum drittenmal gesetzlich erlaubt war.« – »Welches Grab bewegte sich mit seinem Bewohner?« – »Der Fisch des Jonas, des Sohnes des Amitthai, als er ihn verschlungen hatte.« – »Auf welchen Niedergrund schaute die Sonne ein einziges Mal und nie wieder bis zum Tag der Auferstehung?« – »Auf den Boden des roten Meeres, als Moses es mit seinem Stabe schlug, und es sich in zwölf 185 Teile nach der Zahl der zwölf Stämme zerteilte; da schaute die Sonne auf seinen Grund und wird es hinfort nimmer thun bis zum Tag der Auferstehung.« –

Vierhundertundachtundfünfzigste Nacht.

»Welches war der erste Saum, welcher über das Angesicht der Erde schleifte?« – »Der Saum der Hagar aus Scham vor Sarah; und dies ward in der Folgezeit eine Sitte unter den Arabern.« – »Sag' mir, was ohne Leben atmet?« – »Gott, der Erhabene, spricht: Bei dem Morgen, wann er atmet.« – »Löse mir folgendes Exempel: Eine Taubenschar kam zu einem hohen Baum, und ein Teil setzte sich auf den Baum, ein anderer Teil unter denselben. Da sagten die Tauben auf dem Baume zu den Tauben, die unter ihm saßen: Wenn eine von euch zu uns auf den Baum kommt, so werdet ihr gerade ein Drittel von uns allen sein. Fliegt aber eine von uns zu euch herab, so werden wir beide gleich viel zählen.« – »Es waren im ganzen zwölf Tauben, sieben setzten sich auf den Baum und fünf darunter. Wenn nun eine hinauffliegt, so werden doppelt so viel auf dem Baume sitzen als unter demselben, und, wenn eine hinunterfliegt, so werden ebenso viele unter dem Baume als auf dem Baume sitzen; und Gott weiß es besser.« – Da entledigte sich der Philosoph seiner Kleider und flüchtete hinaus.

Hierauf wendete sich Tawaddud zu den anwesenden Ulemā und fragte: »Wer von euch disputiert über all die Künste und Wissenschaften?« Da trat der Rhetoriker Ibrāhîm auf sie zu und sagte zu ihr: »Denk' nicht, daß ich wie die andern bin.« Sie erwiderte ihm jedoch: »Um so sicherer giltst du mir für überwunden, da du anmaßend bist; Gott wird mir wider dich beistehen, daß ich dir deine Sachen ausziehen kann; es wäre daher besser für dich, du schicktest jemand fort, daß er dir etwas holt, was du anziehen kannst.« Er entgegnete: »Bei Gott, ich will dich besiegen und dich zu einem Sprichwort unter dem Volk von Geschlecht zu Geschlecht 186 machen!« worauf das Mädchen erwiderte: »Sühne deinen Meineid im voraus.« Nun sagte er: »Nenne mir fünf Dinge, welche Gott, der Erhabene, vor der Schöpfung der Kreaturen erschuf.« – »Das Wasser, die Erde, das Licht, die Finsternis und die Früchte der Erde.« – »Nenn' mir ein Ding, welches Gott mit der Hand der Allmacht erschuf.« – »Das ist sein Thron, der TûbābaumEin Baum im Paradiese, welcher alle Wünsche erfüllt., der Mensch und der Garten Eden. Alle diese erschuf Gott mit der Hand der Allmacht, während er zu all den andern erschaffenen Dingen sprach: Werdet! und da wurden sie.« – »Wer ist dein Vater im Islam?« – »Mohammed, – Gott segne ihn und spende ihm Heil!« – »Wer ist der Vater Mohammeds im Islam?« – »Abraham, der Freund Gottes.« – »Was ist der Glaube des Islams?« – »Das Bekenntnis, daß es keinen Gott außer Gott giebt, und daß Mohammed der Gesandte Gottes ist.« – »Sag' mir, was ist dein Anfang und dein Ende?« – »Mein Anfang ist ein Tropfen faulen Wassers und mein Ende schmutziges Aas; mein Anfang ist aus Staub und mein Ende ist Staub, wie der Dichter sagt:

Erschaffen ward ich aus Staub und ward ein Mensch
Und übt' in Frag' und Antwort der Rede Kunst;
Zurück dann kehrt' ich zum Staub und ward wie er,
Dieweil aus Staub ich einst erschaffen ward.«

»Was war zuerst Holz und bekam zum Schluß Leben?« – »Moses Stab, als er ihn im Wadi hinwarf; und, siehe, da ward er mit der Erlaubnis Gottes, des Erhabenen, eine huschende Schlange.« – »Was bedeutet das Wort Gottes, des Erhabenen: Er dienet mir noch zu andern Zwecken?« – »Moses pflegte seinen Stab in die Erde zu stecken, und dann blühte der Stab und trug Früchte und schützte ihn vor Hitze und Kälte. Wenn er müde wurde, so trug ihn der Stab und wenn er schlief, so hütete er die Herde vor den wilden Tieren.« – »Welches Weib ward allein von einem 187 Mann und welcher Mann allein von einem Weibe gezeugt?« – »Eva von Adam und Jesus von Maria.« – »Nenne mir vier Feuer, von denen das eine frißt und trinkt, das andre frißt und nicht trinkt, das dritte trinkt und nicht frißt und das vierte weder frißt noch trinkt.« – »Das Feuer, welches frißt und nicht trinkt, das ist das Feuer der Welt; das Feuer, welches frißt und trinkt, das ist das Feuer der Hölle; das Feuer, welches trinkt und nicht frißt, das ist das Feuer der Sonne; endlich das Feuer, das weder frißt noch trinkt, das ist das Feuer des Monds.« – »Was ist das offene und was das verschlossene Thor?« – »Das offene Thor, o Rhetoriker, das sind die traditionellen und das verschlossene Thor die koranischen oder göttlichen Verordnungen.« – »Deute mir die Worte des Dichters:

Er haust im Grab und hat zu Häupten seine Kost,
Und schmeckt er sie, so führt er Rede frank und frei.
Dann steht er auf und schreitet stumm beredt einher
Und kehrt zurück zum Grab, aus dem er auferstand.
Lebendig ist er nicht, doch wird er hoch geehrt,
Und auch nicht tot, verdient er doch Barmherzigkeit.«

»Das ist der KalamDie Rohrfeder..« – »Was meint der Dichter in folgenden Versen:

Zwei Taschen hat es vereint und rosiges Blut,
Rote Ohren und weit geöffneten Mund;
Wie ein Hahn sieht es aus doch hackt's mit dem Bauch,
Und schätzest du's, so ist's einen halben Dirhem wert.« –

»Das Tintenfaß.« – »Was aber meint der Dichter mit folgenden Versen:

Auf und sprich zu dem Volke des Wissens, der Klugheit und Bildung,
Frag' die Doktoren der Schrift, so reich an Einsicht und Würden:
Auf und kündet mir an, welch' Ding vom Vogel ihr schautet,
Sei es im Adschamerland, sei's in Arabiens Fluren:
Fleisch hat es nicht, nicht Blut, nicht Federn noch Daunen,
Kalt und gekocht wird's gespeist und tief in der Flamme gebraten.
Weiß wie Silber ist es gefärbt, doch gülden gleißt es im Innern,
Lebend sah man es nicht und nicht tot; nun ratet das Wunder.« 188

»Du machst viel Worte um ein Ei, das gerade einen Pfennig wert ist.« – »Nun sag' mir, wie viele Worte hat Gott zu Moses geredet?« – »Man berichtet, daß der Prophet – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – sagte: Gott hat zu Moses eintausendfünfhundertundfünfzehn Worte geredet.« – »Nenne mir vierzehn Dinge, welche zu dem Herrn der Welten redeten.« – »Die sieben Himmel und die sieben Erden, als sie sprachen: Wir nahen gehorsam.« –

Vierhundertundneunundfünfzigste Nacht.

»Nun sag' mir, in welcher Weise Adam erschaffen wurde.« – »Gott erschuf Adam aus Lehm; den Lehm erschuf er aus Schaum, den Schaum aus dem Meer, das Meer aus Finsternis, die Finsternis aus Licht, das Licht aus einem Fisch, den Fisch aus einem Felsen, den Felsen aus einem Hyazinthen, den Hyazinthen aus Wasser und das Wasser aus seiner Allmacht nach seinem Wort: So er ein Ding will, so ist sein Befehl nur, daß er zu ihm spricht »Werde« und es ist.« – »Was meint der Dichter in den Versen:

Ein Fresser ist es ohne Mund und Leib
Und Baum und Tier sind dennoch seine Speise.
Durch Speise nur erhebt es sich und lebt,
Und reichst du Wasser ihm zu trinken, stirbt's?« –

»Das Feuer.« – »Was meint der Dichter in folgenden Versen:

Ein treues Paar, dem jede Lust versagt,
Ruht's Arm in Arm die lange liebe Nacht.
Vor Schaden hütet's treulich alles Volk,
Doch trennt es sich, sobald die Sonne tagt.« –

»Das sind die beiden Thürflügel.« – »Nun gieb mir DschehannamsGehenna, die Hölle. Thore an.« – »Es sind ihrer sieben, und ihre Namen sind in folgenden beiden Versen enthalten:

Dschehannam, dann Lasā und dann El-Hatîm,
Dann Es-Saîr und Sakar dazu, 189
Weiter dann zähle Dschahîm und Hâwije,
So hast du sieben Höllen in kürzester Form.« –

»Was meint der Dichter in folgenden Versen:

Zwei lange Locken von der Stirn ihr wehn,
Nachschleifend ihr beim Kommen und beim Gehn.
Ihr einzig Aug' schmeckt nie des Schlafes Speis',
Und nie sahst du's in Thränen schimmernd stehn.
Ihr Lebenlang trug sie kein Kleid am Leib,
Doch läßt sie alle Welt in Kleidern gehn?« –

»Das ist die Nadel.« – »Nun sag' mir, wie lang und wie breit die Höllenbrücke ist.« – »Die Höllenbrücke ist dreitausend Jahre lang, tausend Jahre im Abstieg, tausend im Aufstieg und tausend eben; sie ist schärfer als ein Schwert und dünner als ein Haar.« –

Vierhundertundsechzigste Nacht.

»Wie viele Fürbitten leistet unser Prophet Mohammed – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – bei Gott für jede Seele?« – »Drei Fürbitten.« – »War Abū Bekr der erste, welcher sich zum Islam bekannte?« – »Ja.« – »Aber Alī nahm doch vor Abū Bekr den Islam an?« – »Alī kam zum Propheten, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – als er sieben Jahre alt war, indem ihn Gott trotz seiner Jugend mit der rechten Leitung begnadete, so daß er sich nie vor den Götzen in den Staub warf.« – »Wer ist trefflicher, Alī oder El-Abbâs?« Mit dieser Frage aber stellte er ihr eine Falle, da sie, wenn sie antwortete: Alī ist trefflicher als El-Abbâs, vor dem Fürsten der Gläubigen keine Entschuldigung hatte.El-Abbâs war der Stammvater der Abbassiden. Eine Weile lang ließ sie bald rot bald gelb werdend das Haupt niederhängen, dann aber sagte sie: »Du frägst mich nach zwei trefflichen Männern, von denen jeder seinen besondern Vorzug hat; laß uns deshalb wieder zu dem Gegenstand, bei dem wir verweilten, zurückkehren.« Als der Chalife Hārûn er-Raschîd ihre 190 Antwort vernahm, erhob er sich hoch auf seine Füße und sagte zu ihr: »Gut geantwortet, beim Herrn der Kaaba, o Tawaddud!« Hierauf fragte sie Ibrāhîm der Rhetoriker: »Was meint der Dichter in den Versen:

Schlank aufgeschossen ist's und süß ist sein Geschmack,
Der Lanze glich' es wohl, fehlt' nicht das Eisen dran,
Die ganze Welt schätzt seinen Nutzen hoch,
Und nach der Vesper wird's verspeist im Ramadân.« –

»Das ist das Zuckerrohr.« – »Nun beantworte mir viele Fragen.« Tawaddud fragte ihn: »Welches sind sie?« Und Ibrāhîm der Rhetoriker erwiderte: »Was ist süßer als Honig; was ist schärfer als das Schwert; was ist schneller als Gift; was ist die Lust einer Stunde; was ist die Freude von drei Tagen; welches ist der schönste Tag; was ist die Wonne einer Woche; welche Schuld leugnet selbst der Lügner nicht; was ist des Grabes Gefängnis; was ist die Freude des Herzens; was ist der Fallstrick der Seele; was ist der Tod des Lebens; welches ist die Krankheit, die nicht geheilt wird; welches ist die Schande, die nicht abgewischt wird; welches Tier wohnt nicht auf der Ackerflur, sondern in der Wüste und haßt den Menschen und ist aus den Teilen von sieben gewaltigen Tieren erschaffen?« – Tawaddud versetzte hierauf: »Höre meine Antwort und zieh' dir deine Kleider aus, daß ich dir dies deute.« Und der Fürst der Gläubigen rief: »Deute es, und er soll dann seine Sachen ausziehen.« Da sagte sie: »Was süßer als Honig ist, das ist die Liebe frommer Kinder zu ihren Eltern; was schärfer als das Schwert ist, das ist die Zunge; was schneller als Gift ist, das ist das böse Auge; die Lust einer Stunde ist die Lust am Weib; die Freude von drei Tagen ist das Enthaarungsmittel für Frauen; der schönste Tag ist der Tag des Profits im Geschäft; die Freude einer Woche ist die Braut; die Schuld die selbst kein Lügner leugnet ist der Tod; das Gefängnis des Grabes ist ein ungeratener Sohn; die Freude des Herzens ist ein dem Gatten gehorsames Weib; doch heißt es auch, daß, wenn 191 Fleisch zum Herzen hinabsteigt, es sich dessen freut; der Fallstrick der Seele ist ein ungehorsamer Sklave; die Schande, die nicht abgewischt wird, ist eine mißratene Tochter; das Tier endlich, das nicht auf den Ackerfluren wohnt, sondern in der Wüste haust, das den Menschen haßt, und dessen Bau aus den Teilen von sieben gewaltigen Tieren erschaffen ist, das ist die Heuschrecke; ihr Haupt ist wie der Kopf eines Pferdes, ihr Nacken wie der Nacken eines Stiers, ihre Flügel sind wie Geierflügel, ihre Füße wie Kamelfüße, ihr Schwanz wie ein Schlangenschwanz, ihr Bauch wie der eines Skorpions und ihre Hörner wie die Hörner der Gazelle.« –

Verwundert über ihren Scharfsinn und ihre Intelligenz, sagte der Chalife Hārûn er-Raschîd zu dem Rhetoriker: »Zieh' deine Sachen aus;« und Ibrāhîm der Rhetoriker erhob sich und sprach: »Ich nehme alle in dieser Sitzung Anwesenden zu Zeugen wider mich, daß dieses Mädchen gelehrter als ich und alle andern Gelehrten ist.« Alsdann zog er seine Sachen aus und sagte zu ihr: »Nimm sie, doch Gott lasse sie dir nicht zum Segen gereichen!« Der Chalife aber befahl ihm andere Sachen zu bringen und sagte dann: »O Tawaddud, nun bleibt noch eins von allem übrig, dessen du dich gerühmt hast, nämlich das Schachspiel.« Hierauf befahl er die Meister im Schach, im Karten- und Triktrakspiel zu holen; und als sie erschienen waren, setzte sich der Schachkünstler zu ihr, und sie reihten die Figuren auf, und er zog und sie zog. Jeden Zug aber, den er that, beantwortete sie schnell mit einem bessern Gegenzug, –

Vierhundertundeinundsechzigste Nacht.

bis sie ihn geschlagen hatte, und er den König tot sah.»Der König ist tot« lautet auf Arabisch: Esch-Schâh mât, unser »Schachmatt«. Schâh ist jedoch aus dem Persischen entlehnt. Da sagte er: »Ich wollte dich vorerst nur auf den Geschmack bringen, daß du dich für eine gute Spielerin hältst; stell' aber jetzt noch einmal auf, daß du dein Wunder siehst.« 192 Wie sie nun die Figuren zum zweitenmal aufgesetzt hatte, sprach er bei sich: »Halt' deine Augen auf oder sie schlägt dich wieder;« hierauf kam er mit jedem Zug erst nach langer Berechnung heraus und hörte nicht eher auf zu spielen, bis sie rief: »Schachmatt, der König ist tot!« Als er dies sah, ward er durch ihren Scharfsinn und ihre Intelligenz völlig verwirrt; sie aber lachte und sagte zu ihm: »O Meister, ich will bei diesem dritten Spiel eine Wette mit dir eingehen; ich will dir die Königin, den rechten Turm und das linke PferdDer Springer. geben; schlägst du mich, so nimm meine Sachen, schlag' ich dich aber, so nehme ich die deinigen.« Er erwiderte: »Ich bin's zufrieden.« Nun stellten sie die Figuren wieder auf, und sie nahm die Königin, den Turm und das Pferd fort und sagte zu ihm: »Meister, zieh'.« Da zog er, indem er bei sich sprach: »Nach solchen Vorgaben muß ich sie doch schlagen,« und machte sich einen Plan, während sie sachte Zug um Zug that, bis sie sich eine Königin gemacht hatte, worauf sie mit den Bauern und andern Figuren auf ihn losrückte, um seine Aufmerksamkeit abzulenken, und ihm eine Figur zu fressen gab. Sobald er sie aber genommen hatte, rief sie: »Maß und Last ist gut und gleich; friß dich nur zum Platzen satt; nichts als deine Gier, Menschenskind, bringt dich um; sahst du denn nicht, daß ich dir nur zu fressen gab, um deine Augen zu bethören? Da ist der König tot.« Alsdann setzte sie hinzu: »Zieh' deine Kleider aus.« Er erwiderte ihr: »Laß mir nur die Hosen, und Gott soll es dir lohnen;« darauf zog er, sich bei Gott verschwörend mit niemand einen Wettkampf einzugehen, so lange Tawaddud im Reich von Bagdad lebte, seine Sachen aus und übergab sie ihr, worauf er sich fortmachte. Als nun der Triktrakspieler ankam, sagte sie zu ihm: »Wenn ich dich heute schlage, was giebst du mir dann?« Er erwiderte: »Dann gebe ich dir zehn goldgestickte Anzüge aus konstantinopolitanischem Brokat, 193 zehn Sammetanzüge und tausend Dinare; schlage ich dich jedoch, so verlange ich von dir nichts weiter, als daß du mir auf einem Schein meinen Sieg bestätigst.« Da sagte sie: »Vorwärts ans Werk!« Es dauerte jedoch nicht lange, da hatte er verloren und erhob sich, indem er fränkische Worte in den Bart murmelte und sagte: »Bei der Huld des Fürsten der Gläubigen, ihresgleichen wird nirgends in den Landen gefunden!«

Nun ließ der Fürst der Gläubigen Musikanten kommen und fragte sie: »Verstehst du auch etwas von Musik?« Als sie seine Frage bejahte, ließ er ihr eine durch vieles Spielen abgenutzte und abgegriffene Laute bringen, deren Eigentümer durch die Trennung von der Geliebten heruntergekommen war, wie ein Dichter solche Laute beschreibt:

Gott tränkte ein Land, und da sproßte ein frischer Baum,
Weit wuchsen seine Zweige und stark seine Wurzeln;
Über ihm sangen die Vögel, so lang er grünte,
Doch nun das Holz dürr ist, singt die Zarte darüber.

Und so brachte man ihr die Laute in einem Beutel aus rotem Satin mit Quasten aus safrangefärbter Seide; und als sie den Beutel aufmachte und die Laute herausnahm, sah sie folgende Verse auf ihr eingeschnitten:

Manch ein frischer Ast ward eine Laute für die Sängerin,
Die in festlichem Kreis den Jünglingen ihre Sehnsucht klagt.
Sie singt, und süß zieht ihre Weise einher,
Als hätten die Nachtigallen sie ihre Lieder gelehrt.

Und nun legte sie die Laute in ihren Schoß und, ihren Busen darüber neigend, bog sie sich über dieselbe wie eine Mutter, die ihr Kind stillt, und spielte zwölf Weisen auf ihr, bis die ganze Versammlung vor Entzücken wie Wellen im Meere wogte, worauf sie die Verse sang:

Kürzt ab dieses Meiden und sänftigt eure Grausamkeit,
Denn mein Herz, bei euerm Leben, findet in euch nur Trost.
Erbarmt euch meiner Thränen, meiner Trauer und Kümmernis,
Denn Sehnsucht verzehrt mich und in Fesseln schlug mich die Liebe zu euch. 194

Entzückt über ihren Gesang, rief der Fürst der Gläubigen: »Gott segne dich und erbarme sich deines Lehrers!« worauf sie sich erhob und die Erde vor ihm küßte. Hierauf befahl der Fürst der Gläubigen das Geld zu holen und überreichte ihrem Herrn hunderttausend Dinare; dann aber wendete er sich zu Tawaddud und sagte zu ihr: »O Tawaddud, erbitte dir eine Gnade von mir.« Da versetzte sie: »So erbitte ich mir die Gnade von dir, daß du mich meinem Herrn, der mich einst kaufte, wiedergiebst.« Und der Fürst der Gläubigen erwiderte: »Gern,« und gab sie ihm zurück, indem er ihr selber noch fünftausend Dinare schenkte und ihren Herrn zu seinem Tafelgenossen auf Lebenszeit ernannte, –

Vierhundertundzweiundsechzigste Nacht.

und ihm allmonatlich tausend Dinare verordnete, so daß er nun mit seinem Mädchen in Herrlichkeit und Freuden lebte.

Bewundere demnach, o König, die Beredsamkeit dieses Mädchens und die Fülle ihres Wissens und ihrer Intelligenz und ihre ausgezeichneten Kenntnisse in allen Wissensgebieten, und betrachte auch die Großmut des Fürsten der Gläubigen Hārûn er-Raschîd, insofern er ihrem Herrn jene Geldsumme gab und zu ihr sagte: »Erbitte dir eine Gnade,« worauf sie von ihm die Gnade erbat ihrem Herrn wieder zurückgegeben zu werden, und er sie ihn wiedergab und obendrein ihr noch besonders fünftausend Dinare schenkte und ihren Herrn zu seinem Tafelgenossen machte. Wo findet man wohl solche Großmut nach den Abbassidenchalifen? Gottes, des Erhabenen, Barmherzigkeit über sie alle insgesamt!

 


 

Ende des achten Bandes.

 

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