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Tausend und eine Nacht. Band VIII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VIII - Kapitel 38
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VIII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages194
created20180131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der bekehrte Prior.

Ferner berichtet man, daß Abū Bekr, der Sohn des Mohammed el-Ambârī, erzählt: Ich reiste einst von El-AmbârEine Stadt am Euphrat. Amûrîe, das alte Amorium in Phrygien. 97 nach Amūrîje im Lande Rûm und stieg unterwegs in einem Flecken nahe bei Amūrîje beim Lichterkloster ab, als der Klostervorsteher und Mönchsprior, dessen Name Abd el-MesîhKnecht des Messias. lautete, zu mir herauskam und mich ins Kloster geleitete, in dem ich vierzig Mönche fand, die mich die Nacht über in trefflichster Gastfreundschaft bewirteten. Am andern Tage verließ ich sie, nachdem ich solchen Eifer und solche Frömmigkeit bei ihnen wie sonst bei keinem gesehen hatte. Nach Erledigung meines Anliegens in Amūrîje kehrte ich wieder nach El-Ambâr zurück und machte im folgenden Jahre eine Pilgerfahrt nach Mekka. Als ich nun daselbst um die Kaaba die Rundprozession machte, gewahrte ich mit einem Male Abd el-Mesîh den Mönch, wie er gleichfalls zugleich mit fünf seiner Mönche an der Prozession teilnahm. Als ich mich hiervon überzeugt hatte, trat ich an ihn heran und fragte ihn: »Bist du nicht Abd el-Mesîh er-RâhibDer Knecht des Messias, der Mönch.?« Er antwortete: »Nein, ich bin Abdallāh er-RâghibDer Knecht Allāhs, der (Barmherzigkeit) Begehrende..« Da bedeckte ich sein graues Haar mit Küssen und weinte, worauf ich, ihn bei der Hand fassend und in einen Winkel des Heiligtums führend, zu ihm sagte: »Erzähle mir, wie es kam, daß du dich zum Islam bekehrtest.« Da erwiderte er: »Siehe, das ist eins der wundersamsten Dinge, und es kam so: Eine Schar moslemischer Asketen kam an dem Flecken, in welchem sich unser Kloster befindet, vorüber und schickte einen jungen Mann aus, um Essen einzukaufen. Nun sah dieser junge Mensch ein nazarenisches Mädchen, schön wie wenige unter den Frauen, das auf dem Bazar Brot kaufte; und beim ersten Blick auf das Mädchen verliebte er sich so stark in dasselbe, daß er ohnmächtig aufs Gesicht fiel. Als er dann wieder zu sich kam, kehrte er zu seinen Gefährten zurück und erzählte ihnen, wie es ihm ergangen war, und sagte: »Geht eures Weges, ich mag nichts mehr mit euch zu schaffen haben.« Sie schalten 98 und ermahnten ihn, doch, da er sich nicht an sie kehrte, verließen sie ihn, während er das Dorf betrat und sich an die Thür von dem Hause jenes Mädchens setzte. Sie fragte ihn nach seinem Begehr, worauf er ihr sagte, daß er sie liebte; doch, wiewohl sie ihm den Rücken kehrte, blieb er drei Tage lang, ohne etwas zu essen, auf seinem Platze sitzen, ihr fortwährend ins Gesicht starrend, so daß sie schließlich, als sie sah, daß er nicht fortging, zu ihren Angehörigen ging und es ihnen mitteilte. Diese ließen nun die Buben auf ihn los, die ihn so lange mit Steinen bewarfen, bis sie ihm die Rippen kurz und klein gebrochen und den Kopf eingeschlagen hatten. Wie er aber trotz alledem nicht weichen wollte, und das Volk bereits entschlossen war ihn tot zu schlagen, kam ein Mann aus der Menge zu mir und teilte mir den Fall mit, worauf ich zu ihm hinausging und ihn am Boden liegen sah. Ich wischte ihm das Blut vom Gesicht, trug ihn ins Kloster, und pflegte vierzehn Tage lang seine Wunden. Als er wieder gehen konnte, verließ er das Kloster –

Vierhundertunddreizehnte Nacht.

und begab sich wieder zum Haus des Mädchens, wo er sich setzte und sie wie zuvor anblickte. Als sie ihn gewahrte, erhob sie sich und sagte zu ihm: »Bei Gott, ich habe Mitleid mit dir; wenn du nur meinen Glauben annehmen wolltest, so würde ich dich heiraten.« Er entgegnete ihr jedoch: »Gott bewahre mich davor, daß ich den Glauben der Einheit Gottes ablege und den Glauben der Vielgötterei annehme.« Da sagte sie: »So steh' auf, komm' in mein Haus, nimm mich hin und geh' dann deines Weges in Frieden.« Er versetzte jedoch: »Nein; ich will nicht zwölf Jahre der Frömmigkeit durch die Lust eines Augenblicks zerstören.« Da sagte sie: »So geh' deines Weges;« doch er erwiderte: »Mein Herz erlaubt mir das nicht;« und nun kehrte sie ihm den Rücken. Mit einem Male aber sahen ihn die Buben wieder 99 und kamen angelaufen und warfen Steine nach ihm, bis er von ihnen getroffen aufs Gesicht stürzte, wobei er rief: »Fürwahr, Gott ist mein Schirmherr, der das Buch herabgesandt hat; er beschützt die Frommen.«Sure 7, 195. Da kam ich aus dem Kloster heraus, verscheuchte die Buben und hob sein Haupt vom Boden auf, wobei ich ihn beten hörte: »O Gott, vereinige mich mit ihr im Paradiese.« Alsdann trug ich ihn nach dem Kloster, doch, bevor ich es noch erreichte, war er tot, und nun trug ich ihn zum Dorf hinaus, grub ihm ein Grab und bestattete ihn. In der Nacht aber, als sie bereits zur Hälfte verstrichen war, stieß jenes Mädchen im Bett einen lauten Schrei aus, so daß alle die Dorfbewohner zu ihr liefen und sie fragten, was es gäbe. Da erzählte sie: »Während ich schlief, trat der moslemische Mann bei mir ein, faßte mich bei der Hand und nahm mich mit zum Paradiese. Als er mit mir an dem Thor des Paradieses angelangt war, wehrte mir der Hüter desselben den Eintritt und sagte: »Den Ungläubigen ist's verboten.« Da ward ich mit seiner Hilfe gläubig und trat mit ihm ein, worauf ich so herrliche Schlösser und Bäume schaute, wie ich es euch nicht zu beschreiben vermag. Er aber faßte mich bei der Hand und führte mich zu einem Schloß aus Edelstein, wo er zu mir sagte: »Dieses Schloß ist für mich und dich, doch will ich es nur mit dir betreten, und nach fünf Nächten wirst du bei mir sein, so Gott will, der Erhabene.« Alsdann streckte er seine Hand nach einem Baum, der vor der Thür jenes Schlosses stand, pflückte zwei Äpfel von ihm und überreichte sie mir mit den Worten: »Iß diesen und verwahre jenen, damit ihn die Mönche sehen.« Da aß ich den einen Apfel, und nie zuvor schaute ich einen wohlschmeckenderen.

Vierhundertundvierzehnte Nacht.

Hierauf faßte er mich bei der Hand und führte mich wieder aus dem Paradiese zu meiner Wohnung. Beim 100 Erwachen spürte ich noch den Geschmack des Apfels im Munde, und der andere Apfel lag neben mir.« Alsdann holte sie den Apfel hervor, der in dem Dunkel der Nacht wie ein schimmernder Stern leuchtete. Wir nahmen nun das Mädchen mit dem Apfel ins Kloster, wo sie uns ihr Traumgesicht noch einmal erzählte und uns den Apfel von neuem zeigte; und nie hatten wir unter allen Früchten der Welt etwas ihm gleiches gesehen. Ich aber nahm ein Messer und teilte ihn nach der Anzahl meiner Gefährten in Stücke, und nie schauten wir etwas wohlschmeckenderes und wohlriechenderes, doch sprachen wir: »Vielleicht war dies ein Teufel, der ihr erschien, um sie von ihrem Glauben abspenstig zu machen.« Hierauf schafften ihre Angehörigen sie wieder aus dem Kloster und gingen fort; sie aber verweigerte von nun an Speise und Trank, und in der fünften Nacht stand sie auf, verließ das Haus und begab sich zum Grab des Moslems, wo sie, sich über dasselbe werfend, starb, ohne daß es ihre Angehörigen wußten. Am nächsten Morgen kamen zwei moslemische Scheiche in härenen Kleidern mit zwei gleichgekleideten moslemischen Frauen und sagten: »O ihr Dorfleute, siehe, bei euch ist eine von Gottes, des Erhabenen, Heiligen, die als Gläubige starb; wir wollen anstatt eurer die letzte Pflicht an ihr vollziehen.« Da suchten die Dörfler nach jenem Mädchen, doch, als sie es tot auf dem Grabe fanden, sagten sie: »Diese hier gehört zu uns und starb in unserm Glauben; wir wollen sie daher besorgen.« Die Scheiche erwiderten jedoch: »Nein, sie starb als Gläubige, darum wollen wir sie bestatten.« In dieser Weise stritten und zankten sie immer heftiger, bis einer der beiden Scheiche sagte: »Dies soll das Kennzeichen ihres Glaubens sein: mögen alle vierzig Mönche des Klosters zusammen sie von dem Grabe ziehen; sind sie imstande sie von der Erde aufzuheben, so war sie eine Nazarenerin, wenn sie es aber nicht vermögen, so soll einer von uns an sie herantreten und sie ziehen; und wenn der Körper nachgiebt, so war sie eine Moslemin.« Die Dörfler 101 einigten sie hierüber, und die Mönche versammelten sich, einer den andern aufmunternd, und traten an sie heran sie aufzuheben, ohne daß sie dazu imstande waren. Da banden wir ein großes Seil um ihren Leib und zogen sie, doch zerriß das Seil, ohne daß sie sich rührte. Nun traten die Dorfleute heran und thaten das gleiche, doch rührte sie sich nicht vom Fleck. Schließlich, nachdem wir sie auf keine Weise aufzuheben vermocht hatten, sagten wir zu einem der Scheiche: »Tritt du heran und heb' sie auf.« Da trat er an sie heran, wickelte sie in seinen Mantel und rief: »Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen, und durch den Glauben des Gesandten Gottes, – Gott segne ihn und spende ihm Heil!« Hierauf hob er sie an seinen Busen, und die Moslems gingen mit ihr nach einer Höhle, die sich dort befand, wo sie sie niederlegten; und alsbald kamen die beiden Frauen und wuschen sie und wickelten sie ins Leichentuch ein, worauf sie die beiden Scheiche zum Grabe des jungen Moslems trugen, das Gebet über sie sprachen und, nachdem sie sie an seiner Seite bestattet hatten, ihres Weges gingen, während wir von alledem Augenzeugen waren. Als wir aber allein unter uns waren, sprachen wir: »Fürwahr, die Wahrheit verdient es, daß man ihr folge; und in der That ist uns die Wahrheit sichtbarlich offenbart worden, und keinen deutlicheren Beweis für die Wahrheit des Islams giebt es als das, was wir mit unsern eigenen Augen gesehen haben.« Hierauf bekannte ich mich samt all den Mönchen zum Islam und desgleichen die Bewohner des Dorfes, worauf wir zu den Bewohnern Mesopotamiens schickten und um einen Gottesgelehrten baten uns die Gebote des Islams und die Glaubensvorschriften zu lehren. Es kam dann auch ein gelehrter und frommer Mann, der uns im Gottesdienst und in den Vorschriften des Islams unterwies, so daß es uns heute sehr gut ergeht; und so sei Gott gelobt und bedankt! 102

 

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