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Tausend und eine Nacht. Band VIII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VIII - Kapitel 37
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VIII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages194
created20180131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der irrsinnige Liebhaber.

Ferner wird berichtet, daß Abul-Abbâs el-Mubarrad erzählt: Als ich eines Tages in Gesellschaft wegen eines 95 Anliegens nach El-Barîd zog, und wir uns im Schatten bei dem Kloster des Heraklius lagerten, an dem wir vorüber mußten, kam ein Mann zu uns und sagte: »Im Kloster sind Irrsinnige, unter denen sich auch einer befindet, der Weisheit spricht; sähet ihr ihn, so würdet ihr euch über seine Worte verwundern.« Da standen wir allesamt auf und gingen ins Kloster, wo wir in einer Zelle einen Mann, barhaupt und die Wand anstierend, auf einem Leder sitzen sahen. Wir begrüßten ihn, und er erwiderte uns den Salâm; da er uns jedoch hierbei nicht anblickte, sagte einer: »Sprich einige Verse zu ihm; wenn er dieselben hört, so wird er reden.« Infolgedessen sprach ich die beiden Verse:

»O bester aller Menschen, die Eva gebar,
Ohne dich wäre die Welt weder schön noch angenehm.
Wen Gott dein Bildnis schauen läßt, der lebt ewig,
Verschont von Altersschwäche und greisem Haar.«

Als er diese Verse von mir vernahm, kehrte er sich zu uns um und sprach die Verse:

»Gott weiß es, meine Trübsal ist groß,
Und nicht vermag ich mein Leid zu verkünden.
Zwei Seelen hab' ich, die eine wird hier gehalten,
Und die andre wohnt in einem andern Haus;
Die ferne Seele, glaub' ich, gleicht der gegenwärtigen,
Und sie leidet dasselbe Leid wie ich.«

Alsdann fragte er: »Hab' ich's gut oder schlecht gemacht?« Wir erwiderten: »Nicht schlecht, im Gegenteil, gut und schön.« Da streckte er seine Hand nach einem Stein aus, der bei ihm lag, und packte ihn, so daß wir, im Glauben, er wolle ihn nach uns werfen, von ihm fortliefen. Er hob jedoch an, sich mit dem Stein stark vor die Brust zu schlagen, und sagte zu uns: »Fürchtet euch nicht, sondern kommt heran und höret etwas von mir, um es mitzunehmen.« Da traten wir wieder nahe an ihn heran, und nun sprach er die Verse:

»Als sie beim Morgengrauen die weißgelben Kamele niederknieen ließen,
Da saßen sie auf, und von hinnen zog mit der Liebsten das Kamel. 96
Durch einen Spalt des Kerkers erschaute sie mein Auge,
Und in meinem Herzleid rief ich mit thränenumflortem Blick:
Heda, Kameltreiber, kehr' um, daß ich von ihr Abschied nehmen kann,
Denn mit der Trennung und dem Abschied von ihr hat meine Stunde geschlagen.
Siehe, getreulich hielt ich den Liebesschwur und brach ihn nicht,
Ach, daß ich wüßte, wie sie es mit ihrem Schwure hielt!«

Hierauf blickte er mich an und fragte mich: »Weißt du etwa, was sie that?« Ich antwortete: »Ja; sie starb, und Gott, der Erhabene, hab' sie selig!« Da verfärbte sich sein Antlitz und, auf seine Füße springend, fragte er: »Woher weißt du ihren Tod?« Ich versetzte: »Wäre sie noch am Leben, so hätte sie dich nicht so verlassen.« Da sagte er: »Du hast recht, bei Gott, und nun, wo sie gestorben ist, habe ich auch keine Lust mehr am Leben!« Nach diesen Worten zitterten seine Schultermuskeln, und er stürzte auf sein Gesicht zu Boden; und als wir nun auf ihn zu eilten und ihn schüttelten, da fanden wir ihn tot; Gott, der Erhabene, hab' ihn selig! Wir verwunderten uns über diesen Vorfall und, ihn tief betrauernd, machten wir ihn zurecht und bestatteten ihn.

Vierhundertundzwölfte Nacht.

Als ich nach Bagdad zurückgekehrt war und den Chalifen El-Mutawakkil besuchte, gewahrte er die Spuren von Thränen in meinem Gesicht und fragte mich: »Was bedeutet das?« Ich erzählte ihm den Vorfall, und, betrübt hierüber, sagte er zu mir: »Was bewog dich hierzu? Bei Gott, wüßte ich, daß du ihn nicht betrauert hättest, so zöge ich dich zur Rechenschaft.« Hierauf trauerte er über ihn den Rest des Tages.

 

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