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Tausend und eine Nacht. Band VIII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VIII - Kapitel 34
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VIII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages194
created20180131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Isaak von Mosul und der Kaufmann.

Ferner wird berichtet, daß Isaak von Mosul, der Sohn des Ibrāhîm, erzählt: »Eines Tages ward ich es überdrüssig im Chalifenpalast fortwährend zu weilen und dem Chalifen aufzuwarten; ich setzte mich daher aufs Pferd und ritt in der Morgenfrühe fort, um mich durch einen Ausflug in der Wüste zu zerstreuen, nachdem ich meinem Diener befohlen hatte, falls ein Bote vom Chalifen oder irgend sonst jemand käme, ihm zu sagen, daß ich in der Morgenfrühe in einer dringenden Sache fortgeritten wäre, und daß sie nicht wüßten, wohin ich meinen Weg genommen hätte. Alsdann brach ich allein auf und ritt in der Stadt umher, bis es heiß wurde und ich in einer großen Straße, bekannt unter dem Namen El-Haram, anhielt.

Vierhundertundachte Nacht.

Hier suchte ich vor der Sonnenglut unter einem geräumigen Flügel eines Hauses, welcher auf den Weg vorsprang, Schatten, und hatte noch nicht lange verweilt, als ein schwarzer Eunuch ankam, welcher einen Esel führte, auf dem ich ein Mädchen in den kostbarsten Kleidern auf juwelenbesetzter Schabracke sitzen sah; und ich bemerkte auch, daß sie schön gewachsen war und träumerische Augen und ein feines Wesen hatte. Ich erkundigte mich ihretwegen bei einem der Passanten und hörte, daß es eine Sängerin war. Mein Herz war aber gleich beim ersten Blick so sehr in sie verliebt, 89 daß ich mich kaum auf dem Rücken meines Reittiers halten konnte, und, da sie gerade in das Haus ging, in dessen Thür ich stand, fing ich an über ein Mittel nachzudenken, wie ich wohl zu ihr gelangen könnte. Während ich noch so dastand, kamen mit einem Male zwei junge Leute an und baten um Eintritt, worauf der Hausherr ihnen denselben gewährte, und sie einkehrten; da trat ich mit ihnen ein, und sie glaubten, der Hausherr hätte mich eingeladen. Nachdem wir eine Weile dagesessen hatten, wurde uns das Mahl aufgetragen, und wir aßen, worauf uns der Wein vorgesetzt wurde, und die Sklavin mit einer Laute in der Hand erschien. Während sie nun sang, tranken wir, bis ich einmal austreten mußte, und der Hausherr die Gelegenheit benutzte sich bei den beiden jungen Leuten nach mir zu erkundigen. Sie antworteten ihm, sie wüßten nicht, wer ich wäre, und der Hausherr meinte nun, ich sei wohl ein Parasit, doch sollten sie mich anständig behandeln, da ich im übrigen ein netter Mensch wäre. Als ich nun wieder zurückkam und mich auf meinen Platz setzte, sang das Mädchen zu einer hübschen Melodie ein kurzes Lied in trefflichster Weise, und die Gesellschaft trank und hatte Gefallen an ihrem Vortrag. Hierauf spielte sie noch verschiedene Sachen, alte und neue, nach eigenartigen Melodieen, unter denen sich auch zwei Sachen von mir befanden. Ich bat sie die letzten Verse noch einmal zu wiederholen, daß ich sie verbessern könnte, als mit einem Male einer der beiden Leute sich zu mir wendete und sagte: »Nie sahen wir einen Menschen mit frecherer Stirn als dich; nicht genug, daß du hier schmarotzest, mußt du dich auch noch in fremde Sachen mischen? Fürwahr, bei dir trifft die Redensart zu: Ein Parasit und ein Störenfried.« Da senkte ich mein Haupt beschämt zu Boden und gab keine Antwort, während sein Freund ihn vergebens von mir abzuhalten suchte. Nach einiger Zeit erhoben sie sich zum Gebet, und ich trat nun ein wenig zurück, nahm die Laute, spannte sie an beiden Enden und stimmte sie rein, worauf ich wieder an meinen Platz trat 90 und mit ihnen betete. Nach Beendigung des Gebetes fing der Mann von neuem an mich zu schelten und zu schmähen und zankte in einem fort mit mir, während ich mich ruhig verhielt. Als nun aber das Mädchen wieder zur Laute griff und an die Saiten tastete, merkte sie die Änderung und fragte: »Wer hat meine Laute berührt?« Sie erwiderten: »Keiner von uns hat sie berührt.« Sie entgegnete jedoch: »Es ist doch so: bei Gott, es hat sie ein Meister in der Kunst berührt und die Saiten aufs beste gespannt und gestimmt.« Da sagte ich: »Ich hab's gethan,« und sie erwiderte: »Um Gott, nimm die Laute und trag' etwas vor.« Da nahm ich sie und spielte eine so wundersame und schwere Weise, daß Lebende davon hätten sterben und Verstorbene wieder lebendig werden können, indem ich dazu die Verse sang:

Ich hatte ein Herz und lebte mit ihm,
Doch da ward's von Feuer versengt und verbrannt.
Nie ward mir das Glück ihrer Liebe zu teil,
Gott gewährte seinem Sklaven nicht dieses Glück.
Wenn, was ich kostete, der Liebe Speise ist,
So werden es zweifellos alle Liebenden kosten.

Vierhundertundneunte Nacht.

Als ich mein Lied beendet hatte, war keiner in der ganzen Gesellschaft, der nicht vom Platz gesprungen wäre und, sich vor mich setzend, gerufen hätte: »Um Gott, mein Herr, sing' uns noch ein Lied.« Ich erwiderte ihnen: »Freut mich und ehrt mich,« und spielte noch eine Weise aufs beste, zu der ich einige Verse von mir sang; und, als ich meinen Vortrag beendet hatte, sprangen alle auf und warfen sich vor Entzücken auf den Boden, während ich die Laute aus der Hand warf. Da aber riefen sie: »Um Gott, thu' uns dies nicht an, sondern laß uns noch ein Lied hören, und Gott, der Erhabene, vermehre dir seine Huld!« Ich erwiderte: »Ihr Leute, ich will euch noch ein Lied und noch eins und noch eins vortragen und euch mitteilen, wer ich bin; ich bin Isaak von Mosul, der Sohn des Ibrāhîm, und, bei Gott, voll 91 Hochmut behandle ich den Chalifen, wenn er nach mir verlangt; ihr aber habt mich heute grobe Worte, die ich verabscheue, hören lassen, und, bei Gott, nicht eher will ich einen Laut reden oder mich zu euch setzen, als bis ihr jenen Streitbold herausgeworfen habt.« Da sagte der Hausherr zu ihm: »Ich hatte dich davor gewarnt und war um dich besorgt.« Alsdann faßten sie ihn bei der Hand und führten ihn heraus, ich aber langte wieder zur Laute und sang alle die selbstkomponierten Lieder, welche das Mädchen vorgetragen hatte, worauf ich dem Hausherrn zuflüsterte, ich hätte mein Herz an das Mädchen verloren und könnte es ohne sie nicht mehr aushalten. Der Mann antwortete mir: »Sie ist dein unter einer Bedingung.« Nun fragte ich: »Was ist's?« Und er erwiderte: »Du sollst einen ganzen Monat bei mir bleiben, und dann soll das Mädchen mit all ihrem Schmuck und ihren Sachen dein sein.« Ich versetzte darauf: »Schön, ich will dies thun,« und blieb nun einen Monat lang bei ihm, ohne daß irgend jemand wußte, wo ich wäre, während mich der Chalife überall suchen ließ, ohne daß er irgend etwas von mir erfuhr. Nach Ablauf des Monats übergab mir dann der Kaufmann das Mädchen samt ihrer ganzen kostbaren Ausstattung und schenkte mir noch einen Eunuchen obendrein, worauf ich mit allem nach meiner Wohnung zog, mich in meiner Freude als Herrn der ganzen Welt fühlend. Alsdann ritt ich unverzüglich zu El-Mamûn, der bei meinem Erscheinen rief: »Wehe dir, Isaak, wo hast du gesteckt?« Ich erzählte ihm nun die Geschichte, und er rief: »Her mit diesem Mann, auf der Stelle!« Da gab ich seine Wohnung an, und der Chalife ließ ihn zu sich holen und fragte ihn nach der Geschichte, worauf er ihm die Sache vortrug. Als der Chalife seine Erzählung vernommen hatte, rief er: »Du bist ein Mann von großmütiger Gesinnung, und ziemt es sich mir deshalb dich in deiner Großmut zu unterstützen.« Darauf wies er ihm hunderttausend Dirhem an und sagte zu mir: »Isaak, bring' das Mädchen her.« Als ich sie 92 geholt hatte, sang sie ihm etwas vor und entzückte ihn durch ihren Gesang so sehr, daß er sagte: »Sie soll jeden Donnerstag bei mir erscheinen und mir etwas hinter dem Vorhang vortragen.« Hierauf wies er ihr fünfzigtausend Dirhem an, und so, bei Gott, profitierte ich nicht nur durch diesen Ritt, sondern ließ auch andere ihren Profit machen.

 

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