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Tausend und eine Nacht. Band VIII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VIII - Kapitel 30
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VIII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages194
created20180131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Auskehrer, welcher den Lehrer spielte.

Ferner erzählt man, daß ein Auskehrer, der weder zu schreiben noch zu lesen verstand, und der sein Brot nur dadurch verdiente, daß er die Leute zum besten hielt, eines Tages auf den Gedanken kam eine Schule aufzuthun und die Kinder in ihr zu unterrichten. Infolgedessen brachte er Tafeln und beschriebenes Papier zusammen und hängte es auf; dann vergrößerte er seinen Turban und setzte sich vor die Thür seiner Schule, so daß alle Vorübergehenden, welche seinen Turban erblickten und die Tafeln und das Papier sahen, ihn für einen trefflichen Lehrer hielten und ihm ihre Kinder brachten. Zu dem einen sagte er dann: »Schreib,« und zum andern: »Lies,« so daß die Kinder einander unterrichteten. Wie er nun eines Tages wieder seiner Gewohnheit gemäß an der Thür seiner Schule saß, kam mit einem Male eine Frau mit einem Brief auf ihn zu, so daß er bei sich sprach: »Ganz gewiß will diese Frau den Brief, den sie bei sich hat, von mir vorgelesen haben; was soll ich nun mit ihr anstellen, wo ich nichts Geschriebenes lesen kann?« Er war schon im Begriff hinunterzusteigen und vor ihr fortzulaufen, doch erreichte sie ihn zuvor und fragte ihn: »Wohin?« Er antwortete: »Ich will zu Mittag beten und dann wiederkommen.« Sie erwiderte ihm jedoch: »Bis Mittag ist es noch lange Zeit, lies mir daher diesen Brief vor.« Da nahm er den Brief, indem er das obere Ende nach unten kehrte, und begann ihn zu betrachten und bald seinen Turban zu schütteln bald seine Augenbrauen tanzen zu lassen und sich zornig zu stellen. Nun war aber der Mann der Frau abwesend und hatte ihr den Brief geschickt, so daß sie, als sie den Schulmeister sich in dieser Weise verhalten sah, bei sich sprach: »Zweifellos ist mein Mann tot, und dieser Schulmeister scheut sich mir seinen Tod mitzuteilen.« Dann sagte sie zum Schulmeister: »Wenn mein Mann gestorben ist, so sag' es mir.« Er schüttelte jedoch den Kopf und schwieg. 81 Da fragte ihn die Frau: »Soll ich meine Kleider zerreißen?« Er antwortete: »Zerreiß'.« Alsdann fragte sie ihn weiter: »Soll ich mir ins Gesicht schlagen?« »Schlag',« antwortete er. Da nahm sie ihm den Brief aus der Hand, kehrte nach ihrer Wohnung zurück und hob mit ihren Kindern an zu weinen. Einer ihrer Nachbarn, der ihr Weinen vernahm, fragte, was ihr fehlte, und hörte, daß sie einen Brief mit der Nachricht vom Tode ihres Mannes erhalten hätte. Da sagte der Mann: »Das ist nicht wahr, denn ihr Mann schickte mir erst gestern einen Brief, in dem er mir mitteilte, daß er wohl und gesund wäre, und daß er nach zehn Tagen zu seiner Frau zurückkehren würde.« Alsdann erhob er sich unverzüglich, begab sich zur Frau und fragte sie: »Wo ist der Brief, den du bekommen hast?« Da brachte sie ihm den Brief, und er nahm ihn von ihr und las ihn, und siehe, da stand in ihm folgendes geschrieben: Des Ferneren, so bin ich wohl und gesund und nach zehn Tagen werde ich bei euch sein; ich schicke euch aber eine Decke und einen Kohlendämpfer. Da kehrte die Frau mit dem Brief zum Schulmeister zurück und sagte zu ihm: »Was hat dich bewogen mir dies anzuthun?« Darauf erzählte sie ihm, was ihr Nachbar ihr von dem Wohlbefinden ihres Mannes mitgeteilt hatte, und daß er ihr eine Decke und einen Kohlendämpfer geschickt hätte. Da sagte er zu ihr: »Du hast recht, doch, gute Frau, entschuldige mich; ich war in jenem Augenblick gerade erzürnt –

Vierhundertundvierte Nacht.

und aufgeregt, so daß ich, als ich den Dämpfer in der Decke eingewickelt sah, glaubte, er wäre gestorben und sie hätten ihn eingewickelt.« Die Frau, welche seine Ausrede nicht durchschaute, antwortete: »Du bist zu entschuldigen,« und zog mit dem Brief wieder ab. 82

 

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