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Tausend und eine Nacht. Band VIII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VIII - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VIII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages194
created20180131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Anekdoten.

Abū Nowâs und Er-Raschîd.

Ferner erzählt man, daß sich Abū Nowâs eines Tages in sein Haus zurückzog und die Vorkehrungen zu einem prächtigen Gelage traf, indem er Speisen von allerlei Art und Farbe beschaffte, wie sie nur die Lippe und Zunge begehrt, und dann ausging, um einen würdigen Teilnehmer zu suchen, wobei er betete: »O mein Gott, mein Herr und mein Gebieter, ich bitte dich, schicke mir jemand in den Weg, der für dieses Gastmahl paßt und würdig ist mein Zechgenoß am heutigen Tage zu sein.« Kaum hatte er sein Gebet beendet, da sah er drei bartlose Knaben, die so hübsch waren, als gehörten sie zu den Knaben des Paradieses,Neben den Huris giebt's auch Knaben im Paradiese. nur daß sie von verschiedener Hautfarbe waren. Infolgedessen trat er an sie heran und begrüßte sie mit dem Salâm, worauf dieselben ihm den Gruß aufs beste und ehrerbietigste erwiderten und dann ihres Weges gehen wollten. Abū Nowâs trat ihnen jedoch in den Weg und sprach die Verse zu ihnen: 30

»Geht zu keinem andern als zu mir, denn mein Haus ist eine Grube voll köstlicher Dinge;
Alten feurigen Wein hab' ich daheim gekeltert vom Klostermönch,
Hammelfleisch auch und alle Arten Geflügel;
Kommt zu Tisch und zecht den sorgenverscheuchenden alten Wein.«

Beschwatzt von seinen Versen willigten die jungen Leute ein und antworteten: »Wir hören und gehorchen.«

Dreihundertundzweiundachtzigste Nacht.

Alsdann begleiteten sie ihn nach seiner Wohnung, wo sie alles, was er ihnen in seinen Versen geschildert hatte, vorfanden und sich setzten, aßen und tranken und fröhlich und guter Dinge waren, bis sie Abū Nowâs aufforderten zu entscheiden, wer von ihnen von schönster Anmut und Eleganz und von trefflichstem Wuchs und Ebenmaß wäre. Da gab Abū Nowâs dem einen von ihnen zwei Küsse und wies auf ihn, indem er dabei die beiden Verse sprach:

»Mit meinem Leben bezahl' ich das Mal auf seiner Wange,
Denn dieses Mal, wie könnt' ich's mit Geld auslösen?
Gepriesen sei der Schöpfer, der seine Wange flaumlos erschaffen,
Der alle Schönheit in diesem Male wohnen ließ!«

Alsdann wies er auf den zweiten und sprach, nachdem er seine Lippen geküßt hatte, die Verse:

»Mein Liebling trägt auf seiner Wange ein Mal,
Das gleicht einem Moschusstückchen auf reinem Kampfer;
Meine Augen schauten's und starrten verwundert drein,
Da sprach das Mal. Auf, segnet den Propheten!«

Hierauf wies er auf den dritten und sprach, nachdem er ihm zehn Küsse gegeben hatte, die Verse:

»Lauteres Gold schmolz ein Jüngling in silbernem Becher,
Des Hände von Wein gefärbt zu sein schienen.
Mit den Schenken kredenzte er einen Becher,
Doch seine Augen kredenzten der Becher zwei.
Ein hübscher Gesell, von den Söhnen der Türken, eine Gazelle,
Dessen Gesäß die beiden Berge HoneinDie beiden Berglehnen, welche das Wadi Honein bei Mekka einsäumen. vereint.« 31

Hierauf kreisten die Becher unter ihnen, wobei Abū Nowâs jedesmal, wenn die Reihe an ihm war, vor dem Trinken erst einige Verse sprach, bis er schließlich so betrunken wurde, daß er nicht mehr die Hand vom Kopf unterscheiden konnte und die Jünglinge bald zu umarmen und bald zu küssen begann. Mit einem Male klopfte jemand an die Thür, und als die Person auf ihr Geheiß eintrat, erkannten sie in ihr den Fürsten der Gläubigen Hārûn er-Raschîd. Da erhoben sich alle und küßten die Erde vor ihm, während Abū Nowâs beim Anblick der Majestät des Chalifen aus seinem Rausche wieder zu sich kam. Der Fürst der Gläubigen aber rief: »He, Abū Nowâs!« worauf dieser erwiderte: »Zu Diensten, o Fürst der Gläubigen, Gott steh' dir bei!« Da fragte der Chalife: »Was soll das?« Und Abū Nowâs entgegnete: »O Fürst der Gläubigen, die Sachlage macht alles Fragen überflüssig.« Nun sagte der Chalife: »O Abū Nowâs, ich betete zu Gott, dem Erhabenen, um rechte Weisung und ernannte dich zum Kadi für die Kuppler.« Abū Nowâs versetzte hierauf: »Verleihst du mir wirklich dieses Amt?« Der Chalife entgegnete: »Jawohl.« Da sagte Abū Nowâs: »O Fürst der Gläubigen, hast du mir vielleicht eine Sache vorzutragen?« Als der Fürst der Gläubigen diese Worte von ihm vernahm, kehrte er ergrimmt den Rücken und verließ sie zornerfüllt. In heftigstem Zorn über Abū Nowâs verbrachte er die Nacht, während dieser eine der fröhlichsten und lustigsten Nächte mit seiner Zechgesellschaft verlebte. Als aber der Morgen anbrach und sein Gestirn aufging und leuchtete, entließ Abū Nowâs seine Gesellschaft, und die jungen Leute gingen fort, während er seine Hoftracht anlegte und sich zum Fürsten der Gläubigen auf den Weg machte. Es war aber des Chalifen Sitte nach Aufhebung des Diwans sich in seinen Privatsaal zurückzuziehen und die Dichter, Tafelgenossen und Musiker um sich zu versammeln, von denen ein jeder seinen eigenen Platz einzunehmen hatte. Als er nun an jenem Tage wieder den Diwan verließ, versammelte 32 er wie üblich die Tafelgenossen und wies sie auf ihre Plätze; sobald jedoch Abū Nowâs erschien und seinen Platz einnehmen wollte, rief er den Schwertträger Mesrûr und befahl ihm Abū Nowâs zu entkleiden, auf seinen Rücken einen Eselssattel zu binden, einen Halfter um seinen Kopf und einen Schwanzriemen unter seinen Hintern zu legen und ihn in solchem Aufzuge in den Gemächern der Sklavinnen –

Dreihundertunddreiundachtzigste Nacht.

den Zimmern des Harems und den übrigen Räumen umherzuführen, daß sie ihren Spott mit ihm trieben, und ihm dann den Kopf abzuschlagen und ihm denselben zu überbringen. Mesrûr antwortete: »Ich höre und gehorche,« und nahm ihn mit sich, um den Befehl des Chalifen an ihm auszuführen. Als er ihn aber in den Gemächern, deren Anzahl der Zahl der Tage im Jahre entsprach, umherführte, lachte Abū Nowâs fortwährend, und jeder, der ihn sah, schenkte ihm Geld, so daß er mit einer Tasche voll Geld zurückkehrte. Mit einem Male trat Dschaafar der Barmekide ein, welcher für den Fürsten der Gläubigen eine wichtige Angelegenheit zu besorgen gehabt hatte. Als dieser Abū Nowâs in solchem Aufzug erblickte und ihn erkannte, rief er ihn an: »Heda, Abū Nowâs,« worauf derselbe entgegnete: »Zu Diensten, unser Herr.« Alsdann fragte Dschaafar: »Was hast du verbrochen, daß du dir solche Strafe zugezogen hast?« Abū Nowâs erwiderte: »Ich habe keine andere Sünde verbrochen, als daß ich unsern Herrn den Chalifen mit meinen schönsten Versen beschenkte, worauf er mir seinen besten Anzug verehrte.« Als der Fürst der Gläubigen diese Worte vernahm, lachte er aus zornerfülltem Herzen laut und verzieh ihm, indem er ihm obendrein zehntausend Dirhem schenkte.

 

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