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Tausend und eine Nacht. Band VIII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VIII - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VIII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages194
created20180131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Schulmeister, der sein totes Liebchen betrauerte.

Ferner erzählt einer der Gelehrten: Ich ging einst an einer Schule vorüber, in welcher ein Lehrer die Kinder unterrichtete. Da ich sah, daß er ein gefälliges Äußere hatte und fein gekleidet war, trat ich an ihn heran, worauf er sich vor mir erhob und mich bei sich sitzen hieß. Hierauf unterhielt ich mich mit ihm über den Koran, Syntax, Poesie und Lexikographie und fand, daß er in allem, was von ihm verlangt wurde, vollkommene Kenntnisse besaß, so daß ich zu ihm sagte: »Gott stärke dein Vorhaben, du bist in allem Erforderlichen wohlbewandert.« Ich besuchte ihn von nun an eine Zeitlang und entdeckte jeden Tag einen neuen Vorzug in ihm, so daß ich bei mir sprach: »Fürwahr, das ist ein wunderbarer Schulmeister, wo doch die Verständigen über die Beschränktheit der Schulmeister eins sind.« Hierauf trennte ich mich von ihm und besuchte ihn nur in Zwischenräumen von einigen Tagen, als ich ihn eines Tages wieder einmal wie gewöhnlich besuchte, und die Schule verschlossen fand. Ich erkundigte mich deshalb bei seinen Nachbarn, die mir sagten: »Jemand in seinem Hause ist gestorben.« Da sprach ich bei mir: »Es ist unsre Pflicht ihm einen Kondolenzbesuch abzustatten.« Wie ich nun zu seiner Thür kam und klopfte, kam ein Mädchen heraus und fragte mich: »Was wünschest du?« Ich antwortete: »Ich wünsche deinen Herrn zu sprechen.« Die Sklavin antwortete: »Mein Herr trauert und sitzt allein da.« Da sagte ich zu ihr: »Sprich zu ihm: Siehe, dein Freund N. N. will dir kondolieren.« Hierauf ging die Sklavin fort und teilte es ihm mit, worauf er zu 79 ihr sagte: »Laß ihn eintreten.« Infolgedessen überbrachte sie mir die Erlaubnis einzutreten, und ich trat zu ihm ein und sah ihn allein dasitzen mit der Trauerbinde ums Haupt. Ich sagte nun zu ihm: »Gott belohne dich reichlich! Das ist ein Pfad, den jeder betreten muß, fasse dich daher in Geduld. Wer aber ist dir gestorben?« Er antwortete: »Ein Mensch, der mir der teuerste und liebste war.« Ich fragte: »Vielleicht ist's dein Vater?« Er antwortete: »Nein.« »So war es deine Mutter?« »Nein.« »Aber vielleicht dein Bruder?« »Nein.« »Einer von deinen Verwandten?« »Nein.« »Nun, in welchem Verhältnis stand der Verstorbene denn zu dir?« Er antwortete: »Es war meine Geliebte.« Da sprach ich bei mir: »Das ist der erste Beweis seiner Beschränktheit.« Alsdann sagte ich zu ihm: »Es giebt noch andere, die schöner sind.« Er antwortete: »Ich sah sie nie, um wissen zu können, ob es eine schönere giebt oder nicht.« Da sprach ich bei mir: »Das ist der zweite Beweis.« Alsdann fragte ich ihn: »Wie kannst du ein Mädchen lieben, das du nie gesehen hast?« Er antwortete: »Wisse, ich saß eines Tages am Fenster, als ein Mann des Weges vorüberzog und diesen Vers sang:

O Umm Amr; Gott lohne dich reich!
Gieb mir wieder mein Herz, wo immer es sei.

Vierhundertunddritte Nacht.

Als ich den Mann diesen Vers singen hörte, sprach ich bei mir: Wäre Umm Amr nicht ohne Gleichen auf der Welt, so hätten die Dichter sie nicht besungen; und so kam es, daß ich mich in sie verliebte. Nach zween Tagen kam jener Mann wieder vorüber und sang den Vers:

Der Esel ging mit Umm Amr davon,
Und Esel und Umm Amr kam niemals wieder.

Ich erkannte hierauf, daß sie gestorben war, und betraure sie nunmehr seit drei Tagen.« Da verließ ich ihn und ging fort, nachdem ich mich von seiner Beschränktheit überzeugt hatte.Hier mußte wiederum eine Anekdote ausfallen. 80

 

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