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Tausend und eine Nacht. Band VIII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VIII - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VIII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages194
created20180131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Chosrau und Schīrîn.

Ferner erzählt man, daß der König der Könige ChosrauChosrau war der Enkel Anūschirwâns und regierte zur Zeit Mohammeds. Schīrîn, die »Süße«, war der persische Name der griechischen Prinzessin Irene, welche Chosrau heiratete, als er als Flüchtling am Hofe ihres Vaters, des griechischen Kaisers Mauritius, lebte. Ihre Schönheit ist viel besungen. Fische liebte. Als er eines Tages mit seiner Gemahlin Schīrîn in seinem Saal saß, trat ein Fischer mit einem großen Fisch herein und machte ihn Chosrau zum Geschenk, der sich über den Fisch freute und dem Fischer dafür viertausend Dirhem anwies. Da sagte Schīrîn: »Du hast übel gehandelt.« »Warum?« fragte Chosrau. »Weil, wenn du später einem deiner Höflinge diese Summe schenkst, er dein Geschenk gering schätzen und sprechen wird: Er gab mir nur soviel wie dem Fischer. Giebst du ihm aber weniger, so wird er sagen: Er schätzt mich gering und giebt mir weniger als 51 dem Fischer.« Da sagte Chosrau: »Du hast recht, doch werden Könige durch Widerrufung ihrer Geschenke entehrt; es ist nun einmal geschehen.« Schīrîn entgegnete: »Ich will dir ein Mittel ausfindig machen, das Geschenk wieder von ihm zurückzubekommen.« »Wie das?« fragte Chosrau. Schīrîn erwiderte: »So du es willst, ruf' den Fischer zurück und frag' ihn, ob der Fisch männlich oder weiblich ist. Sagt er: ›Männlich‹, so sprich: ›Wir wollen nur einen weiblichen‹, sagt er aber: ›Weiblich‹, so sprich: ›Wir wollen einen männlichen Fisch‹.« Da ließ er den Fischer, der ein scharfsinniger, intelligenter Mensch war, zurückrufen und fragte ihn: »Ist der Fisch männlich oder weiblich?« Der Fischer küßte die Erde vor ihm und antwortete: »Er ist ein Hermaphrodit, weder männlich noch weiblich.« Da lachte Chosrau und wies ihm noch einmal viertausend Dirhem an, worauf der Fischer zum Schatzmeister ging, sich die achttausend Dirhem auszahlen ließ und dieselben in einen Ledersack, den er bei sich hatte, steckte. Alsdann lud er den Sack auf den Nacken und wendete sich zum Gehen, wobei ihm ein Dirhem entfiel; da nahm er den Sack von seinem Nacken herunter und hob den Dirhem, sich nach ihm bückend, auf. Der König und Schīrîn hatten ihm jedoch zugesehen, und Schīrîn sagte: »O König, siehst du nicht den Geiz und die Gemeinheit jenes Menschen, der es nicht über sich zu bringen vermag den einen Dirhem, der ihm entfallen ist, für irgend einen der Diener des Königs liegen zu lassen?« Als der König ihre Worte vernahm, ergrimmte er über den Fischer und sagte: »Du hast recht, Schīrîn.« Alsdann befahl er den Fischer zurückzurufen und fuhr ihn an: »Du gemeiner Wicht, du bist kein Mensch! Wie konntest du all dies Geld von deinem Rücken setzen und dich nach einem Dirhem bücken, zu geizig ihn an seinem Platze liegen zu lassen!« Da küßte der Fischer die Erde und sagte: »Gott schenke dem König langes Leben! Nicht um des Geldeswertes hob ich den Dirhem von der Erde auf, sondern weil auf seiner einen Seite das Bild des Königs 52 und auf der andern sein Name steht; denn ich fürchtete, es könnte jemand unwissentlich seinen Fuß darauf setzen und so den Namen und das Bild des Königs entehren, wofür ich dann zu büßen hätte.« Der König verwunderte sich über seine Worte und wies ihm, entzückt über sie, zum drittenmal viertausend Dirhem an. Außerdem befahl er einem Herold in seinem Königreiche ausrufen zu lassen: »Es geziemt sich, daß sich niemand von Weibern raten läßt, denn, wer ihrem Rat Folge leistet, verliert mit seinem einen Dirhem noch zwei andre dazu.«

 

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