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Tausend und eine Nacht. Band VIII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VIII - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VIII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages194
created20180131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Wasserträger und die Frau des Goldschmieds.

Ferner erzählt man, daß einmal in der Stadt Buchârā ein Wasserträger lebte, welcher seit bereits dreißig Jahren in das Haus eines Goldschmieds Wasser getragen hatte. Dieser Goldschmied aber hatte eine Frau von außerordentlicher Schönheit und Anmut und strahlend in jeglicher Vollkommenheit, die durch ihre Frömmigkeit, Sittsamkeit und Keuschheit berühmt war. Eines Tages kam der Wasserträger wie gewöhnlich und goß das Wasser in die Cisternen, als die Frau gerade mitten im Hause auf dem Hofe stand. Da trat er an sie heran, faßte sie bei der Hand und streichelte und drückte sie, worauf er fortging und sie stehen ließ. Als nun ihr Mann vom Bazar nach Hause kam, sagte sie: »Ich wünsche von dir zu erfahren, wodurch du heute auf dem Bazar Gottes, des Erhabenen, Zorn erregt hast.« Ihr Mann antwortete: »Ich habe nichts gethan, was Gottes, des 49 Erhabenen, Zorn hätte erregen können.« Die Frau entgegnete ihm jedoch: »Nein, bei Gott, du mußt Gottes, des Erhabenen, Zorn durch etwas erregt haben; wenn du mir nicht sagst, was du gethan hast, und die Wahrheit bekennst, so bleibe ich nicht weiter in deinem Hause, und du sollst hinfort weder mich noch ich dich sehen.« Da sagte er: »Ich will dir erzählen und der Wahrheit gemäß berichten, was ich heute gethan habe. Als ich wie gewöhnlich im Laden saß, kam mit einem Male eine Frau zu mir in den Laden und befahl mir, ihr ein goldenes Armband zu machen, worauf sie wieder fortging. Ich machte ihr also das Armband und legte es beiseite, bis sie wiederkam und ich es ihr gab. Sie streckte ihre Hand aus, und ich legte ihr das Armband ums Gelenk, doch wurde ich hierbei durch die Weiße ihrer Hand und die Schönheit ihres Gelenks, das jeden Beschauer hätte gefangen nehmen müssen, so verwirrt, daß ich an das Dichterwort dachte:

Und Vorderarme, strahlend von schönen Spangen.
Lodern wie Feuer auf welliger Flut.
Umschlossen sind sie von dem Gold der Spangen,
Wie ein Wasser, das sich wundersam mit Feuer umgürtet hat,

und ihre Hand ergriff und drückte und preßte.« Seine Frau erwiderte ihm: »Großer Gott! Warum thatest du diese Sünde? Der Wasserträger, der seit dreißig Jahren in unser Haus kommt, und den wir nie eine Treulosigkeit begehen sahen, packte heute meine Hand und drückte und preßte sie.« Da sagte ihr Mann: »O Weib, wir wollen Gott um Verzeihung bitten; fürwahr, ich bereue mein Thun und bitte Gott für mich um Vergebung.« Und das Weib rief: »Gott verzeihe mir und dir und gewähre uns den schönsten Ausgang!«

Dreihundertundeinundneunzigste Nacht.

Am nächsten Morgen kam der Wasserträger und bat die Frau um Entschuldigung, indem er sich vor ihr niederwarf 50 und, sich vor ihr im Staube wälzend, sagte: »O meine Herrin, vergieb mir die Missethat, zu welcher mich der Satan verführte; denn er war's, der mich verführte und vom rechten Wege abweichen ließ.« Die Frau erwiderte ihm: »Geh' deines Weges, denn diese Sünde kam nicht von dir, sondern von meinem Mann als Strafe für das, was er im Laden that; Gott vergalt es ihm bereits hienieden.« Und man erzählt, daß der Goldschmied sagte, als ihm seine Frau erzählte, wie sich der Wasserträger gegen sie benommen hatte: Gleiches um Gleiches; hätte ich mehr gethan, hätte der Wasserträger auch mehr gethan.« Und dieses Wort ward zum geflügelten Wort unter dem Volk. Darum geziemt es dem Weibe draußen und drinnen zu ihrem Gatten zu halten und sich Aische die Getreue und Fâtime die JungfräulicheNach islamitischem Dogma hat die Tochter Mohammeds Fâtime, trotz ihrer Mutterschaft, in ewiger Jungfräulichkeit gelebt., – Gott, der Erhabene, hab' beide selig! – zum Vorbild zu nehmen, auf daß sie zur Schar der lautern Ahnen gehört.

 

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