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Tausend und eine Nacht. Band VIII

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VIII - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VIII
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages194
created20180131
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der gerechte König Anūschirwân und die junge Bäuerin.

Ferner erzählt man, daß der gerechte König, Kisrā Anūschirwân, eines Tages auf die Jagd ausritt und sich bei der Verfolgung einer Gazelle von seinem Gefolge trennte. Bei der Verfolgung der Gazelle sah er mit einem Male in der Nähe ein Dorf, und, da er sehr durstig geworden war, ritt 47 er auf dasselbe zu und hielt an der Thür eines am Wege gelegenen Hauses, wo er um einen Trunk Wassers bat. Da kam ein junges Mädchen heraus und blickte ihn an, worauf es wieder ins Haus zurückkehrte, ihm aus einem Stück Zuckerrohr den Saft auspreßte und denselben dann in einem Becher mit Wasser vermischte und ein aromatisches Pulver, das wie Staub aussah, darauf streute. Als sie ihm nun den Trank überreichte, und Anūschirwân im Becher etwas bemerkte, das wie Staub aussah, trank er langsam, bis er den Becher geleert hatte; alsdann sagte er zu ihr: »O Mädchen, wie schön war das Wasser und wie süß wäre es gewesen, wenn nicht dieser Staub es getrübt hätte.« Das Mädchen erwiderte: »O Gast, ich streute dieses Pulver absichtlich herein.« Da fragte sie der König: »Und weshalb thatest du das?« Das Mädchen versetzte: »Ich bemerkte, daß du großen Durst hattest, und fürchtete du könntest den Becher mit einem Zuge leeren und dir dadurch schaden. Wäre das Pulver nicht darin gewesen, so hättest du sicherlich alles schnell aus einen Zug getrunken, und der Trank hätte dir dadurch Schaden gebracht.« Als der gerechte König Anūschirwân ihre Worte vernahm, verwunderte er sich über ihren scharfen Verstand, da er sah, daß ihre Worte von Scharfsinn, Intelligenz und trefflichem Verstand zeugten, und fragte sie: »Aus wie viel Stücken Zuckerrohr hast du den Saft in dies Wasser gepreßt?« Sie entgegnete: »Aus einem.« Da verwunderte sich Anūschirwân und verlangte die Steuerrolle jenes Dorfes. Als er sah, daß es nur geringe Steuern zahlte, nahm er sich vor die Steuern jenes Dorfes zu erhöhen, sobald er wieder in seiner Residenz angelangt wäre, indem er bei sich sprach: »Wie kann ein Dorf so geringe Steuern zahlen, in dem man aus einem Zuckerrohr so viel Saft auspreßt!« Hierauf verließ er jenes Dorf und setzte die Jagd fort; als er aber gegen Abend wieder allein durch jenes Dorf kam, hielt er wieder bei jener Thür an und bat noch einmal um einen Trunk Wassers. Da kam jenes 48 Mädchen wieder heraus und kehrte, als sie ihn erblickte und erkannte, ins Haus zurück, um ihm das Wasser zu bringen. Da sie jedoch längere Zeit dazu gebrauchte, trieb er sie zur Eile an und fragte sie: »Warum bleibst du so lange aus?«

Dreihundertundneunzigste Nacht.

Das Mädchen entgegnete ihm: »Ich mußte drei Rohre auspressen, da aus einem nicht so viel Saft herauskam als du bedurftest, und auch die drei Rohre gaben nicht so viel als vorhin das eine.« Da fragte sie der König Anūschirwân: »Wie kommt das?« Und das Mädchen erwiderte: »Die Ursache liegt darin, daß, wenn des Sultans Gesinnung sich gegen seine Unterthanen ändert, auch ihr Gedeihen nachläßt und ihr Gut geringer wird.« Da lachte Anūschirwân und schlug sich die Gedanken, die er zuvor gegen das Dorf gehegt hatte, aus dem Sinn; außerdem aber heiratete er jenes Mädchen auf der Stelle, da ihm ihre ausnehmende Intelligenz und Verstandesschärfe und ihre kluge Rede gefiel.

 

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