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Tausend und eine Nacht. Band VI

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VI - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VI
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages208
created20180114
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Al-Amdschad und El-Asad.

Nachdem Kamar es-Samân in dieser Weise längere Zeit, ledig aller Sorgen und Kümmernisse, verbracht hatte, so daß er seines Vaters, des Königs Schahrimân, und all der Herrlichkeit und Macht, in welcher er bei ihm gelebt hatte, vergaß, schenkte ihm Gott, der Erhabene, von seinen Gemahlinnen zwei Söhne, schön wie leuchtende Monde, von denen der ältere, der Sohn der Königin Budûr, König El-AmdschadDer Hochberühmte., und der jüngere, der Sohn der Königin Hajât en-Nufûs, König El-AsadDer Hochbeglückte. hieß. El-Asad war aber noch hübscher als sein Bruder El-Amdschad. Darauf wurden beide in Herrlichkeit und zärtlicher Liebe, in Wohlanständigkeit und aller Vollkommenheit erzogen, und lernten beide die Schreibkunst, Wissenschaften, die Regierungskunst und Ritterschaft, bis sie in jeder Weise vollkommen geworden waren und den höchsten Grad der Schönheit und Anmut erreicht hatten, so daß in gleicher Weise Frauen und Männer von ihnen bezaubert wurden. Siebzehn Jahre waren sie nunmehr alt geworden und waren unzertrennlich voneinander; sie aßen und tranken zusammen und konnten weder Tag noch Stunde einer ohne den andern sein, so daß alles Volk sie deshalb beneidete. Wie sie nun aber die Mannheit erreicht hatten und mit allen Vollkommenheiten geschmückt waren, pflegte sie ihr Vater, so oft er verreiste, abwechselnd in die Regierungshalle zu setzen, so daß jeder von ihnen je einen Tag unter dem Volk richtete. Da traf es sich durch das unwiderstehliche Geschick und das versiegelte Verhängnis, 6 daß das Herz der Königin Budûr von Liebe zu El-Asad, dem Sohn der Königin Hajât en-Nufûs, der Gattin ihres Gemahls, entflammt wurde, und daß sich das Herz der Königin Hajât en-Nufûs in El-Amdschad, den Sohn der Königin Budûr, der Gattin ihres Gemahls, verliebte. Jede der beiden Königinnen pflegte deshalb mit dem Sohn ihrer Nebengemahlin zu scherzen, ihn zu küssen und an die Brust zu drücken, wobei jede von der andern glaubte, es geschähe dies nur aus Zärtlichkeit und aus mütterlicher Liebe. Schließlich waren die Herzen der beiden Frauen so sterblich in die Jünglinge verliebt, daß jede den Sohn ihrer Nebengemahlin, sobald er sie besuchte, an die Brust zu drücken pflegte und sich nicht mehr von ihm trennen mochte. Wie ihnen nun die Zeit lange dauerte, und sie keinen Weg zur Stillung ihrer Liebe fanden, ließen sie Trank und Speise stehen und flohen des Schlafes Süße, bis es sich eines Tages traf, daß der König auf die Jagd auszog und seinen beiden Söhnen befahl wie gewöhnlich sich einen Tag um den andern zu setzen und Recht zu sprechen.

Zweihundertundachtzehnte Nacht.

So hatte sich denn am ersten Tage El-Amdschad, der Sohn der Königin Budûr, zum Gericht gesetzt, befahl und verbot, setzte ein und ab und bescherte und verwehrte, als ihm die Königin Hajât en-Nufûs, die Mutter El-Asads, einen Brief schrieb, um sein Herz zu gewinnen, ihm mitzuteilen, wie sie an ihm hinge und ihn liebte, und, die Maske abwerfend, ihm zu sagen, daß sie nach einer Zusammenkunft verlange. Und so nahm sie denn ein Blatt und schrieb folgende Worte in gereimter Prosa:Wie bisher an einzelnen Stellen die eingelegten Verse nach arabischer Weise gereimt wiedergegeben wurden, so wird hier auch eine Probe der arabischen Reimprosa gegeben, mit welcher das ganze Werk durchsetzt ist. Von der Armen, der Verliebten, – der Gemiedenen, Betrübten, – deren verlorene Jugend Liebe 7 zu dir verschuldet hat, – und die um deinetwillen lange Qualen erduldet hat. – Beschriebe ich dir meiner Trübsal Dauer – und alle die Schmerzen der Trauer – und all meines Herzens Sehnen – und all meine Seufzer und Thränen, – wie mein Herz von Qualen zerstückt wird – und von Sorgen auf Sorgen bedrückt wird, – wie mich Trennung so elend gemacht hat, – und Kummer ein Feuer in mir entfacht hat, – so würde mein Schreiben kein Ende finden, – und kein Rechner würd' seinen Inhalt ergründen. – Himmel und Erde engen mich ein, – und Hoffnung setz' ich auf dich allein. – Fürwahr, schon bin ich nahe dem Tod, – steh' aus die Schrecken der letzten Not, – Gluten auf Gluten versehren mich, – und Schmerzen der Trennung verzehren mich. – Kurz, beschrieb' ich dir all mein Hangen und Bangen, – so würd' alles Papier der Welt nicht langen.« Alsdann wickelte die Königin Hajât en-Nufûs das Blatt in ein kostbares, mit Moschus und Ambra parfümiertes Stück Seide, legte ihre Haarbänder, deren Preis ein Vermögen verschlungen hätte, dazu, wickelte beides in ein Taschentuch und gab es dem Eunuchen mit dem Auftrag es dem König El-Amdschad einzuhändigen.

Zweihundertundneunzehnte Nacht.

Der Eunuch machte sich auf den Weg, ohne zu ahnen, welch' verborgenes Schicksal ihm drohte, – denn der Allwissende lenkt die Dinge nach seinem Willen, – trat bei dem König El-Amdschad ein, küßte die Erde vor ihm und überreichte ihm das Tuch mit dem Schreiben. Und der König El-Amdschad nahm das Tuch vom Sklaven in Empfang und öffnete es. Als er das Blatt darin fand, öffnete er es und las es; als er aber seinen Inhalt begriffen hatte, erkannte er, daß seines Vaters Weib eine Ehebrecherin war, die seinen Vater, den König Kamar es-Samân, in ihrem Herzen verraten hatte. Da ergrimmte er mächtig, schimpfte über den Falsch der Weiber und sagte: »Gott verfluche die 8 treulosen, schwachköpfigen und schwachgläubigen Weiber!« Dann zog er sein Schwert und fuhr den Eunuchen an: »Wehe dir, niederträchtiger Sklave, willst du für deines Herrn Weib verräterische Briefchen überbringen? Bei Gott, nichts gutes ist an dir, du, schwarz an Farbe und Thun, und gemein von außen und innen.« Hierauf schwang er das Schwert gegen seinen Nacken und holte ihm das Haupt vom Rumpf. Den Brief und die Bänder aber wickelte er wieder in das Tuch, steckte es in seine Busentasche und besuchte seine Mutter. Er teilte ihr den Vorfall mit und schmähte und schalt sie dabei und sagte: »Von euch allen ist eine immer nichtsnutziger als die andere; beim großen Gott, fürchtete ich nicht, mich gegen meinen Vater, den König Kamar es-Samân, und meinen Bruder, den König El-Asad, ungebührlich zu benehmen, so dränge ich bei ihr ein und holte ihr das Haupt wie ihrem Eunuchen herunter.« Darauf verließ er in höchstem Zorn seine Mutter, die Königin Budûr.

Wie nun die Königin Hajât en-Nufûs, die Gemahlin seines Vaters, vernahm, wie er mit ihrem Eunuchen umgesprungen war, schmähte und verfluchte sie ihn und plante eine Arglist zu seinem Verderben. Der König El-Amdschad aber verbrachte jene Nacht krank vor Zorn, Schmerz und Kummer, ohne daß ihn Speise, Trank oder Schlaf erquickte. Am nächsten Morgen schritt sein Bruder, der König El-Asad, hinaus und setzte sich in die Halle seines Vaters, des Königs Kamar es-Samân, um unter dem Volk Recht zu sprechen, während seine Mutter Hajât en-Nufûs infolge der Nachricht von der Enthauptung des Eunuchen durch den König El-Amdschad krank am nächsten Morgen erwachte. Wie nun der König El-Asad sich niedergesetzt hatte, um den Tag über die Regierung zu führen, und richtete und Gerechtigkeit übte, ein- und absetzte, befahl und verbot, und schenkte und spendete, und in dieser Weise bis nahe zum Nachmittagsgebet in der Regierungshalle saß, da schickte die Königin Budûr, die Mutter des Königs El-Amdschad, zu einer kupplerischen 9 alten Vettel und entdeckte ihr ihres Herzens Zustand. Dann nahm sie ein Blatt, um darauf ein Liebesbriefchen an den König El-Asad, den Sohn ihres Gemahls, zu schreiben und ihm ihre große Liebe und Leidenschaft zu ihm zu klagen, und schrieb an ihn folgende Worte in gereimter Prosa: Von der aus Liebesglut und Sehnsucht Sterbenden an den schönsten und edelsten Menschen, der von seiner Schönheit so eingenommen und der so stolz auf seine Reize ist, der sich von dem abkehrt, der ein Stelldichein begehrt, und der so kalt ist gegen den, der sich vor ihm demütigt und erniedrigt, an den Grausamen und Geringschätzenden, an den König El-Asad, den Herrn alles überstrahlender Schönheit und lieblicher Anmut, mit dem leuchtenden Gesicht, der schimmernden Stirn und dem blendenden Glanz. Dies ist mein Brief an den, dessen Liebe meinen Leib hinschmelzen läßt und mir Haut und Gebein zerreißt. Wisse, meine Geduld hat mich gänzlich verlassen, ich weiß mir nicht aus noch ein; Sehnsucht und Trennung quälen mich, Geduld und Schlaf sind von mir gewichen, und Trauer und Wachsein sind unzertrennlich von mir. Doch sei mein Leben dein Lösegeld, und wenn du Gefallen an dem Tode einer zärtlich Liebenden findest, so möge Gott dein Leben verlängern und dich vor allem Bösen hüten!

Nach diesen Worten schrieb sie dann noch folgende Verse:

Die Zeit hat bestimmt, daß du mein Geliebter bist,
Du, schön wie der Vollmond im lichtesten Glanz.
Dein ist die Lieblichkeit und dein der Wohllaut des Worts,
Dein Schimmer verdunkelt die Wesen all.
Wohl bin ich's zufrieden, daß du mein Peiniger bist,
Wenn nur als Scherflein dein Blick auf mich fällt.
Glückselig, wer hier aus Liebe zu dir stirbt,
Und kein Gutes in ihr, die dich nicht liebt und begehrt!

Und darunter setzte sie noch folgende Verse:

Dir, Asad, klag ich die lodernde Glut,
Hör mild deine sehnsuchtdurchglutete Magd.
Wie lange noch spielen die Hände des Wehs 10
Und alle die Qualen der Liebe mit mir?
Wie wunderbar, Wunsch meiner Seele. Bald tobt
Ein Meer mir im Herzen und bald eine Glut.
O Tadler, schweig und rette dich selbst,
Daß nimmer vor Liebe dein Auge zerfließt.
Wie oft wohl schrei ich vor Schmerzen laut,
Doch keine Klage führt dich zu mir.
Deine grausame Härte hat krank mich gemacht,
Nur du bist mein Arzt, drum hilf mir getreu.
Du Schmäler, gieb Tadeln und Warnen auf,
Daß die Plage der Liebe dich selber nicht trifft.

Als die Königin Budûr diesen Liebesbrief geschrieben hatte, parfümierte sie ihn mit stark duftendem Moschus und wickelte ihn in ihre Haarbänder aus Irâker Seide ein, deren Quasten aus grünen, smaragdenen, von Perlen und Edelsteinen besetzten Stäbchen bestanden. Dann übergab sie es der Alten mit dem Auftrag, es dem König El-Asad, dem Sohn ihres Gemahls, des Königs Kamar es-Samân, einzuhändigen, und die Alte verließ sie, ihr zu Gefallen, und begab sich zur selbigen Zeit und Stunde zum König El-Asad, welcher sich gerade in seinem Privatgemach befand. Nachdem sie ihm den Brief mit seinem Inhalt überreicht hatte, blieb sie stehen und wartete geraume Zeit auf Antwort. Als nun der König El-Asad den Brief gelesen und seinen Inhalt begriffen hatte, wickelte er das Blatt wieder in die Bänder ein und steckte es in grimmigstem Zorn unter Verwünschungen gegen die verräterischen Weiber in seine Busentasche. Dann sprang er auf, riß sein Schwert aus der Scheide und holte ihr mit einem Streich in den Nacken das Haupt vom Rumpf herunter. Darauf erhob er sich und suchte seine Mutter Hajât en-Nufûs auf, die er infolge ihres Widerfahrnisses mit dem König El-Amdschad krank im Bette liegend fand. Unter Schmähungen und Verwünschungen verließ sie der König El-Asad wieder, suchte seinen Bruder, den König El-Amdschad, auf und teilte ihm alles mit, was ihm mit seiner Mutter, der Königin Budûr, begegnet war. Er erzählte ihm, daß er die alte Vettel, die mit dem Brief zu ihm gekommen war, 11 niedergehauen hätte, und fügte hinzu: »Bei Gott, mein Bruder, hätte ich nicht Scheu vor dir gehabt, ich wäre noch zu dieser Stunde bei ihr eingedrungen und hätte ihr das Haupt von den Schultern heruntergelangt.« Da sagte sein Bruder, der König El-Amdschad, zu ihm: »Bei Gott, mein Bruder, gestern, als ich auf dem Thron des Königreiches saß, begegnete mir das gleiche wie heute dir, denn, siehe, deine Mutter schickte mir einen Liebesbrief mit ganz ähnlichem Inhalt.« Darauf teilte er ihm alles mit, was ihm mit seiner Mutter, der Königin Hajât en-Nufûs, begegnet war, und sagte zu ihm: »Hätte ich nicht Scheu vor dir gehabt, ich wäre zu ihr eingedrungen und mit ihr wie mit dem Eunuchen umgesprungen.« Hierauf verbrachten beide den Rest der Nacht unter Verwünschungen gegen die verräterischen Weiber und verpflichteten sich gegenseitig, die Sache geheim zu halten, daß ihr Vater Kamar es-Samân nicht die beiden Weiber erschlüge, falls ihm etwas davon zu Ohren käme. Doch verbrachten sie bekümmert die ganze Nacht bis zum Morgen.

Als nun der Morgen tagte, kam der König Kamar es-Samân mit seinem Heere von der Jagdstreife wieder heim und stieg hinauf ins Schloß zu den Emiren. Nachdem er sie entlassen hatte, erhob er sich und begab sich in die Privatgemächer des Schlosses, wo er nun seine beiden Gattinnen schwerkrank darniederliegen sah. Beide hatten aber gegen ihre Söhne ein Arg geschmiedet und waren übereingekommen, sie zu beseitigen, da sie sich vor ihnen entehrt hatten und von ihrer Gnade und Barmherzigkeit abzuhängen besorgten. Als nun der König die beiden Frauen in diesem Zustande erblickte, fragte er sie: »Was fehlt euch?« Da erhoben sie sich vor ihm, küßten ihm die Hände und erwiderten ihm, die Sache verdrehend: »Wisse, o König, deine beiden Söhne, welche in deiner Gnade erzogen wurden, haben Verrat an dir in deinen Gemahlinnen geübt und haben dich mit Schande befleckt.« Bei diesen Worten seiner Weiber ward das helle Licht Finsternis in seinem Angesicht, und er ergrimmte in mächtigem 12 Grimm, wie kein Grimm stärker ist, so daß ihm der Verstand in seines Grimmes Stärke entfloh. Dann sagte er zu seinen Weibern: »Erkläret mir diesen Vorfall.« Da sprach die Königin Budûr zu ihm: »Wisse, o König der Zeit, dein Sohn El-Asad, der Sohn der Hajât en-Nufûs, hatte schon seit geraumer Zeit Briefchen und Billetchen geschickt und mich zu verführen getrachtet und trotz meiner Verbote es sich nicht verbieten lassen. Wie du nun ausgezogen warst, überfiel er mich, trunken und mit dem Schwert in der Hand, so daß ich fürchtete, er würde mich niederhauen, wenn ich mich ihm widersetzte, wie er meinen Eunuchen niedergehauen hatte. Und so stillte er sein Begehren an mir mit Gewalt. Wenn du nun, o König, mir meine Ehre nicht wieder von ihm verschaffst, so töte ich mich mit eigener Hand, denn nach diesem frevlen Thun habe ich kein Bedürfnis mehr, in der Welt zu leben.«

In gleicher Weise erzählte ihm Hajât en-Nufûs eine ähnliche Geschichte wie ihre Nebengemahlin Budûr –

Zweihundertundzwanzigste Nacht.

und sagte zu ihm: »Dasselbe ist mir von deinem Sohne El-Amdschad widerfahren.« Dann hob sie an zu weinen und jammern und klagte zu ihm: »Verschaffst du mir nicht meine Ehre von ihm wieder, so sag' ich's meinem Vater, dem König Armānûs.« Darauf weinten die beiden Weiber bitterlich vor ihrem Gemahl, dem König Kamar es-Samân. Als aber der König Kamar es-Samân die Worte seiner Weiber vernommen hatte, hielt er sie für wahr und ergrimmte in gewaltigstem Grimm. Aufspringend eilte er davon, um sich auf seine beiden Söhne zu stürzen und sie niederzuhauen. Da begegnete ihm sein Schwiegervater, der König Armānûs, der gerade hereinkam, um ihn zu begrüßen, da er von seiner Rückkehr von dem Jagdausflug vernommen hatte. Als dieser das gezückte Schwert in seiner Hand und das Blut vor Zorn aus seinen Nüstern laufen sah, fragte 13 er ihn, was es gäbe, und der König Kamar es-Samân teilte ihm alles mit, was ihm von seinen beiden Söhnen El-Amdschad und El-Asad widerfahren war, und sagte: »Hier will ich nun zu ihnen und sie des schimpflichsten Todes sterben lassen, und will das schimpflichste Exempel an ihnen statuieren.« Da sagte sein Schwiegervater, der König Armānûs, zu ihm, den ebenfalls der Zorn über die beiden gepackt hatte: »Was du thun willst, mein Sohn, ist gut, und Gott segne sie nimmer und segne nimmer Söhne, die sich wider ihre Väter in solcher frevlen Weise vergehen! Jedoch, mein Sohn, das Sprichwort sagt: Wer die Folgen nicht bedenkt, hat am Schicksal keinen Freund. Sie bleiben trotz alledem deine Söhne, und schickt es sich deshalb nicht, daß du sie mit eigener Hand tötest und ihre Ängste hinunterwürgst, um hernach ihren Tod zu bereuen, wo die Reue nichts mehr frommt. Überantworte sie daher einem deiner Mamluken, daß er sie fortnimmt und in der Steppe hinrichtet, wo sie deinem Auge fern sind.«

Als der König Kamar es-Samân von seinem Schwiegervater, dem König Armānûs, diese Worte vernommen hatte, sah er, daß es das Richtige war; sein Schwert in die Scheide stoßend, kehrte er wieder um und setzte sich auf den Thron des Königreiches. Dann rief er seinen Schatzmeister, einen alten Scheich, der wohl bewandert war in den Geschäften und den Wechseln der Zeiten, und befahl ihm: »Geh' hinein zu meinen Söhnen El-Amdschad und El-Asad, binde ihnen die Hände mit festen Stricken auf den Rücken, pack' sie in zwei Kisten, lad' sie auf ein Maultier, steig' selber auf, zieh' mit ihnen hinaus mitten in die Steppe und metzele sie nieder; fülle dann zwei Flaschen mit ihrem Blut und bring' sie mir schnell.« Der Schatzmeister erwiderte ihm: »Ich höre und gehorche«; dann machte er sich zur selbigen Zeit und Stunde auf und begab sich zu El-Amdschad und El-Asad, die er gerade antraf, wie sie aus dem Vestibül des Schlosses in ihrer besten Kleidung herauskamen und sich zu ihrem Vater, dem König Kamar es-Samân, begeben wollten, um ihn zu 14 begrüßen und für seine wohlbehaltene Heimkehr von der Weidfahrt zu beglückwünschen. Als der Schatzmeister sie gewahrte, legte er seine Hand an beide und sagte zu ihnen: »Meine Söhne, wisset, ich bin nur ein Sklave unter Befehl; euer Vater hat mir befohlen, und ihr, wollet ihr seinem Befehle gehorchen?« Da sprachen sie: »Ja«; und nun trat der Schatzmeister an sie heran, fesselte beiden die Hände auf dem Rücken, packte sie in zwei Kisten, lud sie auf den Rücken eines Maultiers, zog mit ihnen aus der Stadt hinaus, und zog immer tiefer in die Steppe hinein, bis der Mittag nahete, worauf er mit ihnen an einem wüsten und wilden Ort Halt machte. Dann stieg er von seinem Gaul, lud die beiden Kisten vom Rücken des Maultiers ab, öffnete sie und holte El-Amdschad und El-Asad daraus hervor. Bei ihrem Anblick mußte er laut über ihre Schönheit und Holdseligkeit weinen, dann aber zückte er sein Schwert und sagte zu ihnen: »Bei Gott, meine Herren, siehe, es fällt mir schwer wider euch zu freveln, doch trifft mich hierbei keine Schuld, dieweil ich nur ein Sklave bin unter Befehl, und geheißen hat mich euer Vater, der König Kamar es-Samân, euch zu köpfen.« Da riefen ihm beide zu: »Emir, thu, was dich der König geheißen hat, wir fügen uns dem Schicksal, das Gott, der Mächtige und Herrliche, über uns verhängt hat, und du bist schuldlos an unserm Blut.« Alsdann umarmten beide einander und nahmen voneinander Abschied, und El-Asad rief dem Schatzmeister zu: »Um Gott, mein Oheim, laß mich nicht meines Bruders Ängste hinunterwürgen und reiche mir nicht den Kelch seiner Qual; töte mich zuerst, denn dies wird mir leichter zu ertragen sein.« Da aber rief El-Amdschad dem Schatzmeister das gleiche zu und bat ihn schmeichelnd, ihn vor seinem Bruder zu töten, und sagte zu ihm: »Siehe, mein Bruder ist jünger als ich, drum laß mich nicht schmecken seine Qual,« und beide weinten aufs bitterlichste, daß der Schatzmeister mit ihnen weinen mußte. 15

Zweihundertundeinundzwanzigste Nacht.

Alsdann umarmten sich die beiden Brüder von neuem, nahmen noch einmal voneinander Abschied, und es sagte der eine der beiden zum andern: »Alles dies kommt aus dem Falsch der beiden Verräterinnen, meiner Mutter und deiner Mutter, und ist mein Lohn für mein Verhalten gegen deine Mutter und der Lohn für dein Verhalten gegen meine Mutter. Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen; wir sind Gottes und zu Ihm kehren wir zurück!« Hierauf umarmte El-Asad seinen Bruder und sprach, schwer erseufzend, die Verse:

»Du Hort der Klage, zu dem der Verzagte schreit,
Du treuer Helfer in Not und Fährlichkeit,
An deine Pforte poch ich, die einzig mir blieb,
Wo pocht ich sonst noch, stünd mir nicht sie bereit?
O du, des reiche Huld dein »Werde« verkündet,
Hort alles Guten, schau gnädig auf mein Leid.«

Als El-Amdschad seines Bruders Weinen vernahm, weinte er auch und sprach, ihn an die Brust pressend, die Verse:

»O du, der du mir huldreich oft genaht
Und mich mit Gaben ohne Zahl bedeckt,
Traf je die Zeit mich schwer mit ihrem Schlag,
Hast du den Arm mir hilfreich hingestreckt.«

Hierauf sagte El-Amdschad zum Schatzmeister: »Ich flehe dich an bei dem Einigen, dem Allmächtigen, dem gnädig vergebenden König, töte mich vor meinem Bruder El-Asad, daß meines Herzens Feuer erlischt und mich nicht weiter verbrennt.« Da aber hob El-Asad an zu weinen und rief: »Ich will und muß zuerst sterben.« Nun sagte El-Amdschad: »Ich meine, du umarmst mich und ich umarme dich, so daß das Schwert uns beide mit einem Streich tötet.« Darauf umarmten sich die beiden, Gesicht gegen Gesicht kehrend, und klammerten sich fest aneinander, und der Schatzmeister schnürte beide zusammen und band sie weinend mit 16 den Stricken fest, worauf er sein Schwert zog und sagte: »Bei Gott, meine Herren, siehe, es fällt mir schwer, euch zu morden; habt ihr noch irgend ein Anliegen, das ich für euch besorgen oder einen Auftrag, den ich für euch ausrichten oder eine Botschaft, die ich bestellen soll?« Da sagte El-Amdschad: »Wir haben kein Anliegen mehr, was aber den Auftrag anlangt, so trage ich dir auf, meinen Bruder El-Asad unter mich zu legen und mich über ihn, damit der Streich zuerst auf mich fällt. Hast du aber unsere Hinrichtung besorgt und bist du wieder zum König gekommen, und fragt er dich: Was hast du von ihnen vor ihrem Tode vernommen? so sprich zu ihm: Siehe, deine Söhne bestellen dir beide ihren Salâm und lassen dir sagen: Du wußtest nicht, ob sie unschuldig oder schuldig waren, und hast sie hingerichtet, ohne ihre Schuld zu untersuchen. Und dann sprich zu ihm diese beiden Verse:

Die Weiber sind Teufel, zu unserm Verderben erschaffen, –
Wir flüchten zu Gott vor den teuflischen Schlingen;
Der Urbeginn sind sie aller der menschlichen Plagen,
In Sachen der Welt wie in Glaubensdingen.

Und nichts weiter wünschen wir von dir, als daß du diese beiden Verse ausrichtest.

Zweihundertundzweiundzwanzigste Nacht.

Und nun bitte ich dich bei Gott, gedulde dein Herz noch so lange mit uns, bis ich zu meinem Bruder diese andern beiden Verse gesprochen.«

Darauf weinte er laut und hob an:

Vergangen sind der Könige viel,
Die gingen als Vorbild uns beiden voran.
Wie viele schon zogen den gleichen Weg,
Ob Hohe hienieden, ob niederes Volk.«

Als der Schatzmeister von El-Amdschad diese Worte vernahm, weinte er bitterlich, daß ihm die Thränen den Bart netzten. Nun aber sprach El-Asad mit Thränen im Auge die Verse: 17

»Der du verlangst nach der Welt, die so wertlos ist,
Wisse, die Welt ist die Schlinge des Tods und der Trübsal Haus.
Ein Haus, das heut' den Bewohner mit Lachen erfüllt
Und morgen ihn weinen macht; drum weh diesem Haus!«

Nach diesen Versen umarmte El-Asad wieder seinen Bruder El-Amdschad, so daß beide wie ein Wesen aussahen; und der Schatzmeister zückte sein Schwert, um ihnen den Todesstreich zu versetzen, als mit einem Male sein Pferd erschreckt ins Feld davonlief. Da warf der Schatzmeister das Schwert aus der Hand und setzte ihm nach, da es tausend Dinare wert war und einen herrlichen Sattel trug, der eine Menge Geld gekostet hatte.

Zweihundertunddreiundzwanzigste Nacht.

Aufgeregt lief er ihm immer weiter nach, um es wieder einzufangen, bis es in einen Busch lief. Auch hier hinein folgte er ihm, und der Gaul setzte mitten ins Dickicht hinein und warf mit den Hufen den Staub hoch auf, daß er gen Himmel wirbelte, wobei er schnaubte und prustete und weithin wieherte. In jenem Busch hauste aber ein schrecklicher Leu von fürchterlichem Aussehen, mit funkensprühenden Augen und grimmem Angesicht, dessen Anblick die Herzen mit Grausen erfüllte; und mit einem Male gewahrte der Schatzmeister diesen Löwen auf sich zukommen, ohne daß er einen Zufluchtsort sah, und ohne ein Schwert bei sich zu haben. Da sprach er bei sich: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen! in diese Klemme bin ich nur durch die Sünde an El-Amdschad und El-Asad geraten; diese Reise war unselig von Anfang an.«

Mittlerweile war die Hitze El-Amdschad und El-Asad so drückend geworden, daß sie brennenden Durst empfanden, und ihnen die Zungen heraushingen. Vor Durst verschmachtend, stöhnten sie um Hilfe, doch half ihnen niemand, und sie klagten: »Wären wir doch getötet, so wären wir wenigstens von dieser Qual erlöst; doch wissen wir nicht, wohin 18 der Gaul gerannt ist, daß der Schatzmeister ihm nachsetzte und uns hier gefesselt allein ließ. Wenn er nur bald wiederkäme und uns tötete, so wäre das leichter für uns als diese unerträgliche Qual.« Da sagte El-Asad: »Mein Bruder, habe nur Geduld, sicherlich ist Gottes Trost – Preis ihm, dem Erhabenen! – nahe, denn nur aus Gottes Güte gegen uns ist der Gaul davongelaufen, und nur der Durst plagt uns so schwer.« Darauf reckte und streckte er sich nach rechts und links, bis seine Fesseln abfielen. Dann stand er auf und löste seines Bruders Fesseln. Hierauf nahm er das Schwert des Emirs und sagte zu seinem Bruder: »Bei Gott, wir wollen nicht eher von hier fort, als bis wir ihm nachgespürt haben und wissen, was mit ihm geschehen ist.« Alsdann machten sie sich daran seiner Spur zu folgen, die sie bis zum Dickicht führte. Hier sagten sie zu einander: »Schau, der Gaul und der Schatzmeister sind noch im Dickicht,« und El-Asad sagte zu seinem Bruder: »Bleib hier stehen, während ich in den Busch eindringe und ihn durchsuche.« El-Amdschad entgegnete ihm jedoch: »Ich lasse dich nicht allein hineingehen; wir wollen zusammen hinein. Bleiben wir am Leben, so bleiben wir zusammen am Leben, und kommen wir um, so kommen wir zusammen um.« Darauf drangen die beiden in den Busch ein und fanden gerade den Löwen, wie er sich auf den Schatzmeister gestürzt hatte, der wie ein Spatz unter ihm lag, dabei aber zu Gott rief und mit der Hand gen Himmel winkte. Als El-Amdschad dies sah, griff er zum Schwert, stürzte sich auf den Löwen und versetzte ihm einen Streich zwischen die Augen, daß er tot zu Boden sank. Verwundert hierüber, sprang der Schatzmeister auf und sah nun El-Amdschad und El-Asad, die beiden Söhne seines Herrn, dastehen. Da warf er sich ihnen zu Füßen und rief: »Bei Gott, meine Herren, ein Verbrechen wäre es, wollte ich euch töten; möge nie der Mann leben, der euch mordet, und mit meinem Leben stehe ich für euch ein.« 19

Zweihundertundvierundzwanzigste Nacht.

Darauf umarmte er beide und fragte sie, wie sie sich ihrer Fesseln entledigt hätten und zu ihm gekommen wären, und sie erzählten ihm, wie sie durstig geworden wären, wie die Fesseln von dem einen losgegangen wären, und dieser dann den andern befreit hätte, wie dies um ihres reinen Gewissens willen geschehen wäre, und wie sie dann seiner Spur gefolgt wären, bis sie ihn gefunden hätten. Als er ihren Bericht vernommen hatte, dankte er ihnen für ihr gutes Werk und schritt mit ihnen wieder aus dem Busch heraus. Wie sie nun wieder aus dem Busch herausgekommen waren, sagten sie zu ihm: »Oheim, thu, was dich unser Vater geheißen hat.« Er aber entgegnete: »Da sei Gott vor, daß ich euch mit dem geringsten Leid zu nahe trete; doch will ich eure Kleider nehmen und euch die meinigen anlegen, und will zwei Flaschen mit dem Blute des Löwen anfüllen. Dann will ich zum König heimziehen und zu ihm sagen: Siehe, ich habe sie beide getötet. Ihr aber, fahret hinein in die Lande, denn Gottes Welt ist weit; und wisset, meine Herren, von euch zu scheiden fällt mir schwer.« Darauf weinten sie alle drei, der Schatzmeister und die beiden Jünglinge, und die Jünglinge legten ihre Sachen ab und legten die Kleider des Schatzmeisters an. Der Schatzmeister aber nahm ihre Sachen, band eines jeden Zeug in ein Paket und füllte zwei Flaschen mit dem Blute des Löwen. Dann legte er die beiden Bündel vor sich auf den Rücken seines Gauls, nahm von ihnen Abschied und machte sich wieder auf den Weg zur Stadt und ritt seines Weges, bis er zum König eintrat und vor ihm die Erde küßte. Als aber der König sein fahles Gesicht sah – die Folge seines Abenteuers mit dem Löwen – glaubte er, es rühre dies von der Hinrichtung seiner beiden Söhne her, und freute sich und fragte ihn: »Hast du dein Geschäft besorgt?« Der Schatzmeister erwiderte: »Ja, mein Herr;« darauf händigte er ihm die beiden Bündel mit den Sachen ein und die beiden Flaschen mit dem Blut, und der König 20 fragte ihn: »Was hast du an ihnen erschaut? Haben sie dir vielleicht noch einen Auftrag gegeben?« Da entgegnete der Schatzmeister: »Ich fand sie standhaft und ergeben in Gott, doch sprachen sie zu mir: »Unsern Vater trifft keine Schuld; bestelle ihm unsern Salâm, und sprich zu ihm: Du bist los und ledig unseres Todes und Bluts; doch legen wir dir ans Herz ihm diese beiden Verse auszurichten:

Die Weiber sind Teufel, zu unserm Verderben erschaffen, –
Wir flüchten zu Gott vor den teuflischen Schlingen;
Der Urbeginn sind sie aller der menschlichen Plagen,
In Sachen der Welt wie in Glaubensdingen.«

Als der König diese Worte von dem Schatzmeister vernahm, ließ er sein Haupt lange Zeit zu Boden hängen und erkannte, daß seiner Söhne Worte auf ihren schuldlosen Tod hindeuteten. Dann gedachte er der Arglist der Weiber und all des von ihnen angestifteten Unheils und nahm die beiden Bündel und öffnete sie und begann die Sachen seiner Söhne umzukehren und weinte.

Zweihundertundfünfundzwanzigste Nacht.

Wie er nun seines Sohnes El-Asad Kleider öffnete, fand er in seiner Busentasche ein Blatt beschrieben mit den Zügen seiner Gemahlin Budûr nebst ihren Haarbändern. Da öffnete er das Blatt und las es und begriff seinen Inhalt und erkannte, daß seinem Sohne El-Asad Unrecht angethan war. Wie er dann weiter El-Amdschads Kleider öffnete, fand er in seiner Busentasche ein Blatt, beschrieben mit den Zügen seiner Gemahlin Hajât en-Nufûs, in welchem auch ihre Haarbänder lagen. Da öffnete er das Blatt und las es und erkannte, daß ihm Unrecht angethan war. Da schlug er Hand wider Hand und rief: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen! Nun hab ich freventlich meine Söhne gemordet!« Dann schlug er sich wieder und wieder vors Angesicht und klagte: »Weh über meine Söhne! Weh über meine lange Trauer!« und befahl zwei Gräber in einem 21 Hause zu errichten, und nannte es das Haus der Trauer und schrieb auf die beiden Grabsteine seiner beiden Söhne Namen und warf sich auf El-Amdschads Grab und weinte, wimmerte und wehklagte die Verse:

O Mond, nun tauchtest du tief in den Staub,
Und die leuchtenden Sterne beweinen dich nun.
O Reis, nun zerbrach dein geschmeidiger Schaft,
Und kein Auge schaut fürder dein schaukelndes Spiel.
Aus Eifersucht hab' ich mich deiner beraubt,
Und hüben erst wieder erschaut dich mein Aug'.
In Thränen versink' ich in schlafloser Nacht
Und lieg' wie gebettet in SâhiresSâhire gleich Sâir, die vierte Hölle, für die Heerschar des Teufels bestimmt. Pfuhl.

Dann warf er sich auf El-Asads Grab, weinte, wimmerte und wehklagte und sprach unter strömenden Thränen die Verse:

Wie wär' ich so gern dein Todesgenoß,
Doch Gottes Wille will anders wie ich!
Schwarz ward nun die Welt vor meinem Aug'
Und weiß meines Auges schwarzfunkelnder Stern.
Der Strom meiner Thränen fließt immerdar,
Und eiternde Schwären zerfressen mein Herz.
Wie schwer, ach, fällt mir's, dich dorten zu schaun,
Wo Knecht und Edling einander gleich!

Nachdem der König diese Verse geklagt hatte, floh er seine Lieben und seine Freunde, schloß sich in das Trauerhaus ein und beweinte seine Söhne fern von seinen Weibern, seinen Gefährten und Freunden.

Soviel, was den König anlangt; inzwischen waren aber El-Amdschad und El-Asad tiefer und tiefer in die Steppe gewandert und hatten von dem Gras der Erde gegessen und von den Regenlachen getrunken, bis sie nach Verlauf eines vollen Monats zu einem Gebirge aus schwarzem Quarzgestein gelangten, dessen Ende nicht abzusehen war. Der Weg gabelte sich bei diesem Gebirge in zwei Pfade, von denen der eine mitten ins Gebirge hineinführte, während der andere zum Kamm hinaufklomm. Da schlugen sie den letztern 22 Weg zum Kamm hinauf ein und stiegen fünf Tage lang, ohne das Ende abzusehen, bis sie schließlich, erschöpft von der Anstrengung, da sie weder ans Bergsteigen noch überhaupt ans Marschieren gewöhnt waren, die Hoffnung aufgaben, je das Ende des Weges zu erreichen, und wieder umkehrten und den andern Pfad einschlugen, welcher mitten ins Gebirge führte.

Zweihundertundsechsundzwanzigste Nacht.

Nachdem sie in dieser Richtung den ganzen Tag über bis zur Nacht marschiert waren, wurde El-Asad von dem langen Weg müde und sagte zu seinem Bruder: »Mein Bruder, ich kann nicht mehr weiter, denn ich bin sehr schwach.« El-Amdschad entgegnete ihm: »Mein Bruder, nimm alle Kraft zusammen, vielleicht daß Gott uns Trost giebt.« Darauf wanderten sie wieder weiter in die Nacht; nach einer Weile aber wurde El-Asad bis auf den Tod erschöpft und stöhnte: »Ach, mein Bruder, ich bin müde und matt vom Gehen.« Alsdann sank er zu Boden und weinte. Da lud ihn sein Bruder El-Amdschad auf und schritt mit seiner Last weiter, indem er bald marschierte und bald niedersaß und sich ausruhte, bis das Morgenrot anbrach. So erklomm er mit seinem Bruder das Gebirge und fand auf der Höhe eine sprudelnde Quelle, neben der sich ein Granatapfelbaum und eine Gebetsnische befand. Kaum ihren Augen trauend, setzten sie sich an diese Quelle, tranken von ihrem Wasser und aßen von der Frucht des Granatapfelbaumes; dann schliefen sie dort bis zum Sonnenaufgang. Darauf setzten sie sich wieder, wuschen sich in der Quelle und aßen von den Granatäpfeln, worauf sie bis zur Zeit des Nachmittagsgebets schliefen. Als sie nun aber wieder weiter marschieren wollten, vermochte El-Asad nicht zu gehen, da seine beiden Füße geschwollen waren. Sie blieben deshalb drei Tage an dieser Stätte, bis sie sich erholt hatten; dann marschierten sie wieder tagelang im Gebirge auf der Höhe, von Durst erschöpft, 23 bis sie von fern eine Stadt schimmern sahen. Erfreut marschierten sie nun weiter, bis sie in die Nähe derselben gekommen waren, und dankten hier Gott, dem Erhabenen, worauf El-Amdschad zu El-Asad sagte: »Mein Bruder, sitz' hier, derweilen ich zu dieser Stadt gehe und nachschaue, was es für eine Stadt ist, wie sie heißt und wem sie gehört, auf daß wir wissen, wo wir in Gottes weiter Welt sind, und auch feststellen, welche Länder wir bei unserer Durchquerung des Gebirges durchmessen haben. Wären wir nicht mitten hindurchgezogen, wir hätten diese Stadt nicht in einem vollen Jahre erreicht. Gelobt sei Gott für unsere Rettung!« El-Asad entgegnete ihm jedoch: »Bei Gott, mein Bruder, kein anderer als ich geht in diese Stadt, und ich will dein Lösegeld sein, denn, siehe, wenn du mich verlassen hast und hinabgestiegen und meinen Blicken entschwunden bist, so verschlingen mich die trüben Gedanken um deinetwillen, und ich vermag es nicht ohne dich auszuhalten.« Da sagte El-Amdschad zu ihm: »So mach' dich auf und bleib' nicht zu lange fort.« Darauf stieg El-Asad, einige Dinare zu sich steckend, den Berg hinunter und ließ seinen Bruder allein auf ihn wartend zurück. Unverdrossen stieg er den Berg hinunter, bis er in die Stadt gelangte, und durchschritt ihre Gassen, als er unterwegs auf einen alten, hochbetagten Scheich stieß, dessen Bart auf die Brust herabhing und sich in zwei Teile teilte. In seiner Hand hielt er einen langen Stab, prächtige Kleider kleideten ihn, und auf dem Kopf trug er einen großen roten Turban. Als El-Asad ihn erblickte, verwunderte er sich über seine Kleidung und sein Aussehen, doch trat er an ihn heran, begrüßte ihn und fragte: »Wo geht's zum Bazar, mein Herr?« Bei seinen Worten lächelte ihm der Scheich ins Gesicht und erwiderte ihm: »Mein Sohn, du bist hier wohl fremd?« El-Asad antwortete: »Ja, ich bin hier fremd, mein Oheim.« 24

 

Zweihundertundsiebenundzwanzigste Nacht.

Da sagte der Scheich zu ihm: »Du hast unser Land beglückt, mein Sohn, und das Land deines Volkes verwaist gemacht; was willst du denn auf dem Bazar?« El-Asad antwortete: »Mein Oheim, ich habe einen Bruder auf dem Gebirge gelassen; wir kommen aus einem fernen Land hergewandert und sind bereits drei Monate unterwegs. Wie wir uns nun dieser Stadt näherten, kam ich hierher, um etwas Speise einzukaufen und damit wieder zu meinem Bruder zurückzukehren, damit wir sie verzehren.« Da sagte der Scheich zu ihm: »Mein Sohn, fröhlichste Botschaft für dich! Wisse, ich habe ein Fest angerichtet, habe viele Gäste bei mir und habe die besten und schönsten Gerichte, die nur das Herz begehrt, besorgen lassen. Hast du nicht Lust mit mir in mein Haus zu kommen? Was du nur wünschest, will ich dir geben; ich will kein Geld dafür haben und will dir auch über diese Stadt Auskunft geben. Gelobt sei Gott, mein Sohn, daß du mich getroffen hast, und daß du an keinen andern geraten bist.« El-Asad antwortete ihm nun: »Thue nach deiner Güte, doch beeile dich, denn, siehe, mein Bruder wartet auf mich und sein Herz ist bei mir.« Da faßte der Scheich El-Asad an die Hand und kehrte mit ihm nach einer schmalen Gasse um, wobei er ihm fortwährend ins Gesicht lächelte und zu ihm sagte: »Preis Ihm, der dich vor dem Volk dieser Stadt errettet hat!« So schritt er mit ihm unverdrossen des Weges, bis er in den Saal eines weiten Gebäudes eintrat, in welchem vierzig hochbetagte Scheiche rings im Kreise um ein brennendes Feuer gereiht saßen, dasselbe anbetend und sich vor ihm niederwerfend. Als El-Asad dessen gewahr wurde, erschauerte ihm die Haut, obwohl er nicht wußte, was sie waren. Der Scheich aber sagte nun zu jener Gesellschaft: »Ihr Genossen des Feuers, was für ein gesegneter Tag ist dies!« Dann rief er laut: »Ghadbân!« und ein schwarzer Sklave mit finsterm Gesicht, eingedrückter 25 Nase, schiefer Gestalt und grausigem Aussehen kam zu ihm heraus. Nachdem dieser auf einen Wink El-Asad gefesselt hatte, sagte der Scheich zu ihm: »Bring ihn in den unterirdischen Raum, sperr ihn dort ein und sag zu der und der Sklavin: Schlag ihn bei Nacht und Tag.« Alsdann nahm ihn der Sklave, stieg mit ihm in jenes unterirdische Gemach und übergab ihn der Sklavin, und die Sklavin schlug ihn nun täglich und brachte ihm jeden Morgen und Abend ein Gerstenbrot und ebenso in der Frühe und zur Nacht einen Krug Salzwasser. Die Scheiche aber sprachen zu einander: »Wenn die Zeit des Feuerfestes kommt, so wollen wir ihn auf dem Berge schlachten und ihn dem Feuer als Opfer darbringen.« Alsdann stieg die Sklavin zu ihm hinunter und schlug ihn so stark, daß er von Blut überströmt ohnmächtig zusammenbrach. Hierauf stellte sie ihm zu Häupten ein Gerstenbrot und einen Krug Salzwasser hin und ließ ihn allein. Erst gegen Mitternacht erwachte er wieder aus seiner Ohnmacht, um sich gefesselt und infolge der Schläge von heftigen Schmerzen geplagt vorzufinden. Da weinte er bitterlich und gedachte seines frühern Ansehens, seines Glücks, seiner königlichen Macht und Herrschaft, –

Zweihundertundachtundzwanzigste Nacht.

und sprach weinend und seufzend die Verse:

»Bleibt stehn an den Trümmern der Stätte und fragt nach uns,
Glaubt nimmer, wir wohnten noch drinnen wie ehedem.
Der Zeiten Lauf, der Zerstreuer, zerstreute uns,
Doch der Neider Herzen sind nicht zufrieden hiermit.
Eine verruchte Sklavin peitscht mir die Seiten wund,
Und ihr Herz schwillt über von Haß gegen mich.
Vielleicht, ach, vereint uns Gott noch einmal hier
Und verjagt unsre Feinde mit seiner Strafe von uns.«

Als El-Asad diese Verse gesprochen hatte, langte er mit der Hand nach dem Kopfe und fand ein Gerstenbrot und einen Krug mit salzigem Wasser. Da aß er ein wenig, um nur grade seinen letzten Hauch zurückzuhalten, trank auch 26 etwas Wasser dazu und verbrachte die Nacht über ohne Schlaf infolge der vielen Wanzen und Läuse. Am nächsten Morgen stieg dann wieder die Sklavin zu ihm hinab und zog ihm die Kleider aus, die ganz mit Blut befleckt waren und an seiner Haut festklebten, so daß ihm die Haut mit dem Hemde abgerissen wurde. Laut aufschreiend und ächzend, rief er: »Ach, mein Herr, wenn dies dein Gefallen ist, so gieb mir noch mehr hiervon. Siehe, o Herr, du schaust nicht achtlos über meinen Peiniger hinweg, drum räche mich an ihm!« Dann seufzte er und sprach die Verse:

»Was macht die Welt dein Herz so bang?
Laß nur dem Schicksal seinen Gang.
Wenn heut' dich auch ein Ding erzürnt,
So weißt du doch dem Ende Dank.
Was heute weit wird morgen eng,
Was heut' voll Zwang wird morgen frank.
Nach seinem Willen waltet Gott,
Drum groll' nicht seines Waltens Gang.
Freu' dich des Guten, das dir naht,
Und laß dahinten, was versank.«

Nachdem er diese Verse gesprochen hatte, fiel die Sklavin mit Schlägen über ihn her, bis er in Ohnmacht sank; dann warf sie ihm das Brot hin, stellte den Krug mit dem Salzwasser dazu und stieg wieder nach oben, ihn in seinen eisernen Fesseln voll Trübsal, blutüberströmt und fern von seinen Lieben wieder allein lassend. Da mußte er wieder seines Bruders und seiner frühern Herrlichkeit gedenken, –

Zweihundertundneunundzwanzigste Nacht.

und stöhnend, weinend und wimmernd klagte er sein Leid von neuem in Versen. Inzwischen hatte sein Bruder El-Amdschad bis Mittag auf ihn gewartet; als El-Asad jedoch nicht zurückkam, pochte sein Herz, die Schmerzen über die Trennung von ihm wuchsen, seine Thränen liefen in Strömen,Den Inhalt dieser Nacht bildet ein langes Lied, welches in der Übersetzung jeglichen Wert verlieren würde. – 27

Zweihundertunddreißigste Nacht.

und laut klagte er: »Ach, wie fürchtete ich unsere Trennung!« Dann stieg er den Berg hinunter, während ihm die Thränen über die Wangen liefen, und betrat die Stadt, durch die er so lange wanderte, bis er auf den Bazar kam. Hier fragte er die Leute nach dem Namen der Stadt und nach ihren Bewohnern, und sie antworteten ihm: »Diese Stadt heißt die Magierstadt, und ihre Bewohner beten zum größten Teil das Feuer an anstatt des allmächtigen Königs.« Darauf erkundigte er sich nach der Ebenholzstadt, und sie gaben ihm zur Auskunft: »Zwischen uns und ihr liegt ein Weg von einem Jahr zu Land und von sechs Monaten zu Wasser, und der König der Stadt heißt Armānûs, doch hat er sich heutigentages mit einem König verschwiegert und ihn an seine Stelle gesetzt, und dieser König heißt Kamar es-Samân, ein gerechter, gütiger, freigebiger und schutzgewährender Herr.« Bei der Erwähnung seines Vaters stöhnte El-Amdschad und weinte und jammerte und klagte, ohne zu wissen, wohin er sich wenden sollte. Doch kaufte er sich etwas zu essen und ging zu einem abgelegenen Platz, wo er sich setzte, um zu essen. Hierbei mußte er jedoch wieder seines Bruders gedenken, so daß er von neuem zu weinen anhob und nur grade soviel aß wie er bedurfte, um seinen letzten Lebenshauch zurückzuhalten. Dann stand er wieder auf und wanderte durch die Stadt, um etwas von seinem Bruder zu erfahren. Hierbei stieß er auf einen Moslem, einen Schneider, der in seinem Laden saß, und nun setzte er sich neben ihn und erzählte ihm seine Geschichte, worauf der Schneider zu ihm sagte: »Wenn er in die Hand eines der Magier gefallen ist, so bekommst du ihn schwerlich wieder zu sehen; doch vielleicht führt Gott euch wieder zusammen.« Dann fragte der Schneider El-Amdschad: »Mein Bruder, hättest du nicht Lust bei mir einzukehren?« El-Amdschad erwiderte: »Gern,« und der Schneider freute sich hierüber. So blieb denn 28 El-Amdschad einige Tage bei ihm, während welcher Zeit ihm der Schneider Trost zusprach, ihn zur Standhaftigkeit ermahnte und ihn das Schneiderhandwerk lehrte, bis er es gelernt hatte. Als er dann eines Tages ans Gestade des Meeres ging und seine Kleider wusch und dann ins Bad ging und reine Sachen anzog und nun wieder herauskam, um die Stadt zur Zerstreuung zu durchstreifen, begegnete ihm unterwegs ein Mädchen, schön und anmutig und von schlankem und ebenmäßigem Wuchs, das seinesgleichen an Schönheit nicht fand. Als dieses Mädchen El-Amdschad erblickte, lüpfte es den Schleier vom Gesicht, blinzte ihm zu, äugte ihn mit Gazellenblicken an und sprach die Verse:

»Ich sah dich kommen und senkte den Blick,
Als wärst du, Schlanker, der Sonne Aug'.
Der Schönste bist du, der je erschien,
Bist heute noch schöner als gestrigen Tags.
Wär die Schönheit geteilt, ein Fünftel nur,
Ein Teil eines Fünftels käm Joseph zu gut,
Und dein wär der Rest, dein Eigen allein.
Drum jegliche Seele sei Opfer für dich!«

Als El-Amdschad ihre Worte vernahm, neigte sich ihr sein Sinnen und Sehnen zu, und die Hände der Liebe kosten mit ihm, so daß er sie fragte: »Willst du zu mir kommen oder soll ich dich begleiten?« Da ließ sie verschämt den Kopf zu Boden sinken und citierte das Wort Gottes, des Erhabenen, das da lautet: »Männer sollen das Vorrecht vor den Weibern haben um der Vorzüge willen, womit Gott die einen vor den andern begabt hat.«Sure 4, 38. Da verstand El-Amdschad ihren Wink –

Zweihundertundeinunddreißigste Nacht.

und merkte, daß sie ihn, wohin er gehen würde, begleiten wolle. Er fühlte sich verpflichtet einen Ort für sie ausfindig zu machen, da er sich jedoch schämte mit ihr zum Schneider, 29 bei dem er wohnte, zu gehen, wanderte er, vor ihr herschreitend, während sie ihm immer folgte, von Straße zu Straße und von Ort zu Ort, bis das Mädchen müde wurde und ihn fragte: »Mein Herr, wo ist deine Wohnung?« Er antwortete: »Nur noch ein wenig weiter vor uns.« Darauf bog er mit ihr in eine hübsche Gasse ein und schritt immer weiter, und sie hinterdrein, bis er ans andere Ende gelangte, wo er fand, daß es eine Sackgasse war. Da rief er: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen!« Dann ließ er seinen Blick umherschweifen und gewahrte quer vor sich ein großes Thor mit zwei steinernen Bänken, welches jedoch verriegelt war. El-Amdschad setzte sich nun auf die eine Bank, und das Mädchen setzte sich auf die andre und fragte ihn: »Mein Herr, worauf wartest du?« Da ließ er sein Haupt zur Erde sinken; nach einer Weile aber hob er es wieder und sagte zu ihr: »Ich warte auf meinen Mamluken, der den Schlüssel bei sich hat. Ich hatte ihm befohlen uns Speise und Trank und die Blumen zurecht zu machen, bis ich aus dem Bade zurückgekehrt wäre.« Darauf sprach er bei sich: »Vielleicht dauert ihr die Zeit zu lang, so daß sie ihres Weges geht und mich hier allein läßt.« Als ihr aber die Zeit lang wurde, sagte sie zu ihm: »Mein Herr, der Mamluk läßt uns lange warten, und wir sitzen hier auf der Straße.« Dann stand sie auf, nahm einen Stein und ging damit zum Riegel. Wiewohl nun El-Amdschad ihr zurief: »Thu's nicht sondern warte, bis der Mamluk kommt!« hörte sie doch nicht auf seine Worte, sondern zerschlug den Riegel mit dem Stein in zwei Stücke, worauf das Thor aufsprang. Da sagte El-Amdschad zu ihr: »Was fällt dir ein dies zu thun?« Sie aber entgegnete ihm: »Mein Herr, was ist geschehen? Ist dies nicht dein Haus?« El-Amdschad erwiderte: »Jawohl, doch war es nicht nötig den Riegel zu zerschlagen.« Hierauf trat das Mädchen ins Haus ein, während El-Amdschad ratlos vor Furcht vor den Hausbesitzern dastand und nicht 30 wußte, was er thun sollte. Da fragte ihn das Mädchen: »Warum kommst du denn nicht herein, mein Herr, du Licht meiner Augen und meines Herzens letzter Pulsschlag?« El-Amdschad erwiderte nun: »Ich höre und gehorche, doch läßt mich der Mamluk warten, und ich weiß nicht, ob er etwas von meinem Auftrag ausgeführt hat oder nicht.« Alsdann trat er zitternd und zagend aus Furcht vor den Hausbesitzern mit ihr ins Haus, in welchem er einen hübschen Saal mit vier einander gegenüberliegenden Līwânen fand, mit Kabinetten und erhöhten Sitzen, die mit Teppichen aus Seide und Brokat bedeckt waren, während sich in der Mitte des Saales ein kostbar angelegter Springbrunnen befand, bei welchem juwelenbesetzte Platten mit Früchten und Blumen und daneben das Trinkgeschirr und ein Leuchter mit einer Kerze standen. Außerdem war der ganze Raum mit kostbaren Stoffen angefüllt und Kästen und Stühle waren in ihm aufgestellt, auf welchen letzteren je ein Paket mit KleidernNämlich mit solchen, die man beim Weingelage trägt. lag und darüber ein Beutel voll Goldstücken, und das Haus, dessen Boden mit Marmor getäfelt war, legte von dem Reichtum seines Besitzers Zeugnis ab.

Bei dem Anblick aller dieser Sachen sprach El-Amdschad ratlos bei sich: »Nun ist mein Leben hin; siehe, wir sind Gottes, und zu Ihm führt unser Weg zurück.« Als aber das Mädchen diesen Saal erblickte, freute es sich über die Maßen und sagte: »Mein Herr, der Mamluk hat seine Sache gut gemacht, denn er hat den Raum gekehrt, hat das Essen gekocht und die Früchte besorgt. Ich bin zur besten Zeit gekommen.« El-Amdschad hatte jedoch in seines Herzens Unruhe und in seiner Furcht vor den Hausbesitzern kein Ohr für sie, so daß sie ihn fragte: »Mein Herr, was stehst du so verstört da?« Dann seufzte sie tief und gab El-Amdschad einen Kuß, der wie das Knacken einer Walnuß schallte, und sagte zu ihm: »Mein Herr, wenn du dich mit 31 einer andern verabredet hast, so will ich mir den Leib gürten und ihr aufwarten.« Aus zornerfülltem Herzen laut auflachend, kam nun El-Amdschad heran und setzte sich schwer atmend, indem er bei sich sprach: »Ach, mein elender Tod, wenn der Hausherr kommt!« Das Mädchen aber setzte sich neben ihn und scherzte und lachte, während er besorgt und bekümmert und mit finsterer Miene dasaß, sich tausend Gedanken machte und bei sich sprach: »Ganz gewiß kommt der Herr dieses Saales; was soll ich ihm dann nur sagen? Zweifellos schlägt er mich tot.« Nun stand das Mädchen wieder auf, schürzte sich die Ärmel auf, nahm einen Tisch, legte das Tischtuch darauf und aß und sagte zu El-Amdschad: »Iß, mein Herr!« Da machte sich El-Amdschad daran und aß, doch schmeckte ihm das Essen nicht; vielmehr schaute er immer nach der Thür aus, bis das Mädchen sich sattgegessen hatte, worauf sie den Tisch fortnahm, die Platte mit dem Obst vorsetzte und sich über den Nachtisch machte. Dann trug sie den Wein auf, öffnete den Krug, füllte einen Becher und reichte ihn El-Amdschad; und El-Amdschad nahm ihn, wiewohl er bei sich sprach: »Ach, ach, wie wird mir's von dem Hausherrn ergehen, wenn er kommt und mich sieht!« und sein Auge starrte nach dem Vestibül, während er den Becher in der Hand hielt. Und siehe! mit einem Male kam der Hausherr an. Er war aber ein Mamluk und gehörte zu den Großen der Stadt, da er Stallmeister beim König war. Derselbe hatte diesen Saal für seine Vergnügungen eingerichtet, um darin seine Brust auszudehnen und sich dort, mit wem er wollte, zurückzuziehen. Grade an diesem Tage hatte er seinen Liebling einladen lassen und hatte den Raum für ihn herrichten lassen. Und der Name dieses Mamluken war Bahâdur, und er hatte eine offne Hand, war freigebig und huldreich und gab reiche Almosen und machte milde Spenden.

Als er nun nahe an den Saal kam, – 32

Zweihundertundzweiunddreißigste Nacht.

fand er die Thür offen. Da trat er sacht und sacht näher, indem er seinen Kopf vorstreckte, und sah El-Amdschad und das Mädchen, und vor ihnen die Platte mit Obst und den Weinkrug. In demselben Augenblick aber hatte El-Amdschad grade den Becher ergriffen und seinen Blick nach der Thür gerichtet. Wie nun sein Auge in das Auge des Hausherrn traf, wurde seine Farbe gelb und seine Schultern erzitterten. Als aber Bahâdur seine Farbe gelb werden und ihn erbeben sah, legte er seinen Finger auf den Mund, um ihm damit anzudeuten: »Schweig und komm zu mir.« Da stellte El-Amdschad den Becher aus der Hand und erhob sich, um zu ihm zu gehen, während das Mädchen ihn fragte: »Wohin?« Doch schüttelte er nur mit dem Kopfe und gab ihr durch ein Zeichen zu verstehen, daß ihn ein kleines Bedürfnis angekommen wäre; dann ging er barfuß ins Vestibül hinaus. Sobald er Bahâdur sah, wußte er, daß es der Hausherr war, und eilte deshalb zu ihm, küßte ihm die Hand und sagte zu ihm: »Um Gott, mein Herr, bevor du mir ein Leid zufügst, höre mich an!« Alsdann erzählte er ihm seine ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende und teilte ihm mit, weshalb er sein Land und Königreich verlassen hätte, und daß er nicht aus freien Stücken den Saal betreten hätte, sondern daß es das Mädchen gewesen wäre, welches den Riegel zerschlagen und das Thor geöffnet und alle die Sachen gethan hätte.«

Als Bahâdur El-Amdschads Worte vernommen hatte und erfuhr, daß er der Sohn eines Königs war, hatte er Mitgefühl und Mitleid mit ihm und sagte: »Hör, Amdschad, mein Wort; gehorchst du mir, so leiste ich dir Bürgschaft, daß du sicher sein sollst vor allem, was du besorgst. Widersetzest du dich mir jedoch, so töte ich dich.« Da erwiderte El-Amdschad: »Befiehl mir, was du willst, ich werde mich dir nimmer mehr widersetzen, dieweil ich deiner Großmut Freigelassener bin.« Nun sagte Bahâdur: »Geh wieder in den Saal, setz 33 dich an deinen alten Platz und sei guter Dinge; ich will dann gleich nachher hereinkommen, und mein Name ist Bahâdur. Bin ich aber hereingekommen, so schilt mich aus, schrei mich an und sag: »Warum bist du bis jetzt fortgeblieben?« Nimm keine Entschuldigung von mir an, sondern steh auf und prügele mich durch, und wenn du Nachsicht mit mir haben solltest, so nehme ich dir das Leben. Nun geh wieder hinein, sei vergnügt und alles, was du von mir begehrst, sollst du sofort vor deinen Händen bereit finden. Die Nacht über magst du nach deinem Belieben bei mir verbringen, morgen aber mach dich fort und zieh deines Weges. Ich thue dies, um deine Fremdlingschaft zu ehren, denn ich liebe die Fremden und erachte es für meine Pflicht, Gastfreundschaft zu üben.« Da küßte ihm El-Amdschad die Hand und kehrte in den Saal zurück, nachdem sich sein Gesicht wieder in die Farben rot und weiß gekleidet hatte. Sobald er aber wieder im Saal war, sagte er zu dem Mädchen: »Meine Herrin, du hast den Platz, auf dem du sitzest, erfreut, und dies ist eine gesegnete Nacht.« Da sagte das Mädchen zu ihm: »Das ist doch wunderbar, daß du mit einem Male so freundlich zu mir bist.« El-Amdschad entgegnete ihr: »Bei Gott, meine Herrin, ich glaubte fest, daß mein Mamluk Bahâdur mir mehrere Edelsteinhalsbänder gestohlen hätte, von denen jedes einen Wert von zehntausend Dinaren hat. Ich ging deshalb, besorgt hierüber, hinaus und suchte nach ihnen, doch fand ich sie an ihrem Platz und weiß nur nicht, warum der Mamluk bis jetzt ausgeblieben ist; ich werde ihn unbedingt dafür durchprügeln.« Das Mädchen zeigte sich durch diese Worte El-Amdschads zufrieden gestellt, und nun scherzten und tranken sie wieder und waren bis zum Sonnenuntergang vergnügt und guter Dinge, als mit einem Male Bahâdur bei ihnen eintrat, der inzwischen seine Kleider gewechselt, seinen Leib gegürtet und Schuhe, wie sie die Mamluken tragen, angezogen hatte. Nachdem er den Salâm gesprochen und die Erde geküßt hatte, verschränkte er seine 34 Hände auf dem Rücken und senkte wie schuldbewußt das Haupt zur Erde. El-Amdschad aber blickte ihn mit dem Auge des Zornes an und fragte ihn: »Weshalb bist du so lange fortgeblieben, unseligster Mamluk?« Bahâdur antwortete ihm: »Mein Herr, siehe, ich war mit dem Waschen meiner Kleider beschäftigt und wußte nicht, daß du hier warst, da mir der Befehl für den Abend und nicht für den Tag gegeben war.« El-Amdschad schrie ihn jedoch an und rief: »Du lügst, Unseliger, bei Gott, ich muß dich dafür durchprügeln.« Darauf sprang er auf, warf Bahâdur der Länge nach zu Boden, griff nach einem Stock und schlug ihn schonend. Da aber sprang das Mädchen auf, riß ihm den Stock aus der Hand und fiel so jämmerlich mit Hieben über Bahâdur her, daß ihm die Thränen liefen und er um Hilfe schrie und mit den Zähnen knirschte, während El-Amdschad dem Mädchen zurief: »Thu's nicht so stark!« worauf sie ihm jedoch erwiderte: »Laß mich meinen Zorn an ihm stillen.« Schließlich riß ihr El-Amdschad den Stock aus der Hand und stieß sie fort, worauf Bahâdur aufstand, sich die Thränen aus dem Gesicht wischte und ihnen wieder für eine Weile aufwartete. Dann wischte er den Saal auf und zündete die Lampen an, während das Mädchen jedesmal, wenn Bahâdur hereinkam oder herausging, auf ihn schimpfte und fluchte, so daß El-Amdschad auf sie zornig wurde und zu ihr sagte: »Bei Gott, dem Erhabenen, laß meinen Mamluken zufrieden, er ist solche Behandlung nicht gewöhnt.« Und so aßen und tranken sie denn bis Mitternacht, von Bahâdur bedient, bis dieser, ermüdet von dem Aufwarten und den Schlägen, mitten im Saal einschlief und laut schnarchte. Da sagte das Mädchen, das inzwischen trunken geworden war, zu El-Amdschad: »Steh auf, nimm das Schwert, das dort hängt, und schlag diesem Mamluken den Kopf ab. Thust du's nicht, so gehe ich dir ans Leben.« El-Amdschad erwiderte ihr: »Was fällt dir ein, daß du meinen Mamluken töten willst?« Sie antwortete: 35 »Sein Tod macht erst unser Glück vollkommen; willst du aber nicht aufstehen, so steh ich auf und schlag ihm den Kopf ab.« Da sagte El-Amdschad: »Bei Gott, ich beschwöre dich, thu's nicht!« Sie entgegnete jedoch: »Es muß sein.« Dann griff sie nach dem Schwert, zückte es und stürzte auf ihn. Da aber sprach El-Amdschad bei sich: »Dieser Mann hat Gutes an uns gethan, hat uns beschützt, ist gütig gegen uns gewesen und hat sich zu meinem Mamluken gemacht. Wie dürften wir es ihm mit dem Tod lohnen? Das soll nimmermehr geschehen.« Darauf rief er dem Mädchen zu: »Wenn denn mein Mamluk durchaus getötet werden soll, so kommt es mir mehr zu als dir;« und im nämlichen Augenblick entriß er ihr das Schwert, schwang es hoch in der Hand und versetzte ihr einen Streich in den Hals, daß ihr der Kopf vom Rumpfe sprang und grade auf den Hausherrn fiel, der davon erwachte. Wie er sich nun aufrecht setzte und die Augen öffnete, sah er El-Amdschad mit dem bluttriefenden Schwert dastehen und fand, als er sich nach dem Mädchen umblickte, dasselbe tot am Boden liegen. Auf seine Frage, was vorgefallen wäre, erzählte ihm El-Amdschad alles von ihr und sagte: »Sie trachtete nach nichts anderm als dir den Kopf abzuschlagen, und dies ist nun ihr Lohn dafür.« Als Bahâdur dies vernahm, stand er auf, küßte El-Amdschad aufs Haupt und sagte zu ihm: »Mein Herr, hättest du ihr doch vergeben! Nun aber bleibt nichts andres übrig als sie sofort noch vor Tagesanbruch zu beseitigen.« Darauf gürtete er seinen Leib, nahm das Mädchen, wickelte es in einen härenen Mantel, legte es in einen Korb aus Palmblättern, lud es auf und sagte zu El-Amdschad: »Du bist hier fremd und kennst niemand; bleib daher hier still sitzen und erwarte mich bei Sonnenaufgang. Kehre ich zu dir zurück, so ist's meine Pflicht, dir's reichlich zu lohnen und mich angelegentlichst nach einer Nachricht von deinem Bruder zu bemühen. Ist aber die Sonne aufgegangen, und bin ich noch nicht zu dir zurückgekehrt, so wisse, daß es um mich geschehen ist; Frieden 36 sei auf dir, und dieses ganze Haus mit allem Geld und Zeug darinnen ist dein.« Nach diesen Worten lud er den Korb auf, ging aus dem Saal hinaus und schritt mit dem Leichnam durch die Bazare in der Richtung zum Meere hinaus, um ihn in dasselbe hineinzuwerfen. Schon war er nicht mehr fern vom Meer, da wendete er sich um und sah, daß der Wâlī nebst seinen Hauptleuten ihn umgeben hatten. Als sie ihn erkannten, verwunderten sie sich und öffneten den Korb. Wie sie aber ein ermordetes Mädchen darin fanden, legten sie Hand an ihn und legten ihn die Nacht über bis zum Morgen in Eisen, worauf sie ihn nebst dem Korb zum König brachten und ihm den Vorfall mitteilten. Als der König dieses sah, ergrimmte er mächtig und fuhr ihn an: »Wehe dir, du thust immer so, schlägst die Leute tot, wirfst sie ins Meer und nimmst all ihr Geld. Wie viele Morde hast du vor diesem schon vollführt?« Da senkte Bahâdur das Haupt –

Zweihundertunddreiunddreißigste Nacht.

vor dem König zu Boden, der König aber schrie ihn an und rief: »Wehe dir, wer hat dieses Mädchen gemordet?« Da antwortete Bahâdur: »Mein Herr, ich bin's gewesen, und es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen!« Wie der König dies vernahm, befahl er erzürnt ihn zu hängen, und der Henker stieg auf des Königs Geheiß mit ihm hinab, worauf der Wâlī einem Ausrufer befahl, das Volk in den Gassen der Stadt zur Hinrichtung Bahâdurs, des Stallmeisters des Königs einzuladen, und in dieser Weise mit ihm durch die Gassen und Bazare zog.

Soviel, was Bahâdur anlangt; was aber El-Amdschad betrifft, so rief derselbe, als der Tag anbrach und die Sonne aufging, ohne daß Bahâdur zu ihm zurückkehrte: »Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen! Was mag ihm nur widerfahren sein?« Während er noch in Gedanken dasaß, hörte er mit einem Male den Ausrufer das Volk zur Kurzweil an Bahâdurs Hinrichtung einladen 37 und ankünden, daß er um Mittag gehängt werden würde. Als El-Amdschad dieses vernahm, weinte er und rief: »Wir sind Gottes, und zu Ihm geht unser Weg zurück! Er will sein Leben für mich lassen, wo ich es bin, der sie getötet hat. Bei Gott, das soll nimmermehr geschehen.« Alsdann verließ er den Saal, verriegelte ihn und durchquerte die Stadt, bis er Bahâdur traf und zu dem Wâlī, vor ihn hintretend, sagte: »Mein Herr, töte nicht Bahâdur, denn er ist schuldlos. Bei Gott, ich war's, der sie getötet hat, und kein anderer.« Als der Wâlī seine Worte vernommen hatte, nahm er ihn und Bahâdur, stieg mit beiden zum König hinauf und teilte ihm mit, was er von El-Amdschad gehört hatte. Da betrachtete der König El-Amdschad und fragte ihn: »Hast du wirklich das Mädchen ermordet?« El-Amdschad erwiderte: »Ja.« Nun sagte der König zu ihm: »Erzähle mir, warum du sie ermordet hast, und sprich die Wahrheit.« Da sagte El-Amdschad: »O König, fürwahr, eine wundersame Geschichte ist mir begegnet und ein seltsam Ding. Würde man es mit Nadeln in die Augenwinkel schreiben, es wäre eine Belehrung für alle, die sich belehren lassen.« Alsdann erzählte er dem König seine Geschichte und teilte ihm seine und seines Bruders Erlebnisse von Anfang bis Ende mit, worauf der König, aufs äußerste verwundert, zu ihm sagte: »Nun weiß ich, daß du zu entschuldigen bist; doch, junger Mann, hättest du nicht Lust bei mir als Wesir zu dienen?« El-Amdschad antwortete: »Ich höre und gehorche«; und nun legte der König ihm und Bahâdur ein kostbares Ehrenkleid an, schenkte ihm ein schönes Haus nebst Eunuchen und Dienerschaft, gab ihm alles, dessen er bedurfte, setzte ihm Gehalt und Einkünfte fest und befahl ihm nach seinem Bruder El-Asad Nachforschungen anzustellen. Da setzte sich El-Amdschad auf das Wesirspolster, regierte, sprach Recht, setzte ein und ab, nahm und gab und schickte den Ausrufer hinaus in betreff seines Bruders El-Asad in den Gassen der Stadt auszurufen, und der Ausrufer that geraume Zeit 38 in den Straßen und Bazaren seinen Ruf, ohne etwas von ihm zu hören oder auch nur auf eine Spur von ihm zu stoßen.

Inzwischen hatten die Magier nicht aufgehört El-Asad Nacht und Tag und am Abend und Morgen ein volles Jahr lang zu züchtigen, bis das Magierfest sich näherte, und der Magier Bahrâm sich zur Reise fertig machte und ein Schiff ausrüstete.

Zweihundertundvierunddreißigste Nacht.

Nachdem er dasselbe ausgerüstet hatte, packte er El-Asad in eine Kiste, legte ein Schloß vor dieselbe und ließ ihn zum Schiff herüberschaffen. Es begab sich aber, daß gerade zu derselben Zeit als Bahrâm die Kiste, in welcher El-Asad steckte, zum Schiff hinübertragen ließ, El-Amdschad nach dem Schicksal und Verhängnis zu seinem Vergnügen auf die See hinausschaute. Wie er nun die Sachen sah, die man aufs Schiff schaffte, pochte ihm das Herz, und er befahl seinen Pagen ihm sein Pferd vorzuführen. Dann setzte er sich inmitten einer Anzahl von seinem Gefolge in den Sattel und schlug die Richtung nach dem Meere ein. Beim Schiff des Magiers hielt er an und befahl seinen Leuten aufs Schiff zu gehen und es zu durchsuchen. Da stiegen die Leute hinauf und durchsuchten es von oben bis unten, ohne jedoch etwas zu finden, worauf sie wieder an den Strand stiegen und es El-Amdschad mitteilten. Da stieg er wieder auf und ritt nach Hause. Als er aber heimgekehrt war und sein Schloß betreten hatte, schnürte sich ihm die Brust zu, und wie er nun sein Auge über seine Wohnung gleiten ließ, sah er zwei Zeilen auf einer Wand geschrieben und fand in ihnen die beiden Verse:

Geliebte, weilt ihr auch fern meinem Auge,
So weilt ihr doch meinem Herzen nicht fern.
Nur verließet ihr mich von Siechtum befallen,
Nahmt mir den Schlaf von den Lidern und schlaft.

Als El-Amdschad die beiden Verse las, mußte er seines Bruders gedenken und weinen. 39

Inzwischen war der Magier Bahrâm aufs Schiff gestiegen, hatte die Matrosen gerufen und ihnen befohlen, die Segel eilig auszuspannen; und sie spannten die Segel aus und segelten ab und segelten Tage und Nächte, während welcher Zeit er alle zwei Tage El-Asad herausholte und ihm etwas von dem Proviant zu essen und ein wenig Wasser zu trinken gab, bis sie sich dem Feuerberg näherten. Dann aber brach ein Sturm über sie los, und das Meer tobte wider sie, so daß das Schiff auf seinem Kurs in einen andern verschlagen wurde und zu einer am Meeresufer gelegenen Stadt mit einer Burg gelangte, deren Fenster aufs Meer hinausgingen. Über diese Stadt herrschte eine Frau, die Königin Mardschâne. Als sie nun in die Nähe dieser Stadt gelangten, sagte der Kapitän zu Bahrâm: »Mein Herr, wir sind aus unserm Kurs verschlagen und müssen unbedingt diese Stadt besuchen, um uns auszuruhen. Hernach mag Gott thun, was er will.« Bahrâm entgegnete ihm auf seine Worte: »Dein Vorschlag ist gut, und ich werde thun, was du für gut befindest.« Darauf sagte der Kapitän zu ihm: »Wenn die Königin zu uns schickt und uns ausfragt, was soll dann unsere Antwort sein?« Bahrâm erwiderte: »Ich habe diesen Moslem da bei mir; wir wollen ihm Mamlukenkleidung anlegen und ihn mit uns ausgehen lassen. Sieht ihn dann die Königin, so wird sie ihn für einen Mamluken halten, und ich will zu ihr sagen: Ich bin ein Sklavenverkäufer und handele in Mamluken als Käufer und Verkäufer. Ich hatte viele Mamluken bei mir, doch verkaufte ich sie alle bis auf diesen hier.« Da sagte der Kapitän zu ihm: »So ist's recht.«

Als sie nun zur Stadt gekommen waren, die Segel heruntergenommen und die Anker ausgeworfen hatten, und als das Schiff still stand, kam mit einem Male die Königin Mardschâne mit ihrer Leibgarde zu ihnen herab, hielt beim Schiff an und rief nach dem Kapitän. Der Kapitän stieg infolgedessen zu ihr an den Strand und küßte die Erde vor ihr, worauf sie ihn fragte: »Was für Sachen hast du in deinem 40 Schiff da, und wen hast du bei dir?« Da antwortete ihr der Kapitän: »O Königin der Zeit, bei uns ist ein Kaufmann, der Mamluken verkauft.« Nun sagte die Königin: »Her mit ihm!« und sogleich stieg Bahrâm mit El-Asad ans Land, der ihm in Mamlukentracht folgte. Als Bahrâm vor ihr angelangt war, küßte er die Erde vor ihr, und sie fragte ihn: »Was ist dein Gewerbe?« Er antwortete: »Ich bin ein Sklavenhändler.« Da blickte sie nach El-Asad und fragte ihn, im Glauben, er sei ein Mamluk: »Wie heißest du?« El-Asad erwiderte ihr, vor Weinen erstickend: »Mein Name ist El-Asad;« da neigte sich ihr Herz ihm zu, und sie fragte ihn: »Verstehst du zu schreiben?« Er antwortete: »Jawohl.« Da reichte sie ihm Tintenfaß, Kalam und Papier und befahl ihm: »Schreib etwas, auf daß ich es sehe.« Da schrieb er die beiden Verse:

Was hat der Sklave zu thun, o du Einsichtsvoller,
Den das Schicksal immer und immer verfolgt?
Den Gott ins Meer mit gefesselten Händen wirft
Und ihm gebietet: Hüte dich, mach dich nicht naß!?

Als sie das Blatt betrachtete, bemitleidete sie ihn und sagte zu Bahrâm: »Verkauf mir diesen Mamluken.« Er entgegnete ihr jedoch: »Meine Herrin, das geht nicht an, da ich bereits alle meine Mamluken verkauft habe, und mir nur dieser eine noch übrig geblieben ist.« Da sagte die Königin Mardschâne: »Ich muß ihn von dir bekommen, sei es durch Kauf, sei es als Geschenk.« Wie nun Bahrâm ihr darauf erwiderte: »Ich verkaufe ihn weder noch verschenke ich ihn,« packte sie El-Asad, nahm ihn und stieg mit ihm zum Schloß hinauf, von wo sie an Bahrâm einen Boten entsandte und ihm sagen ließ: »Wenn du nicht noch heute Nacht von unserem Land absegelst, so nehme ich all dein Geld und zerbreche dein Schiff.« Als Bahrâm diese Botschaft erhielt, bekümmerte er sich schwer und sprach: »Dies ist keine gepriesene Reise.« Darauf erhob er sich, machte sich zurecht, nahm alles, was er nötig hatte, und wartete auf die Nacht zur Abreise, indem 41 er den Matrosen befahl: Nehmt eure Sachen und füllt eure Schläuche mit Wasser, daß wir gegen Ende der Nacht absegeln können;« worauf die Matrosen ihre Geschäfte besorgten.

Soviel, was Bahrâm und die Matrosen anlangt. Als nun die Königin Mardschâne mit El-Asad das Schloß betreten hatte, öffnete sie die Fenster, die aufs Meer hinausgingen, und befahl den Sklavinnen das Essen aufzutragen; und die Sklavinnen trugen es auf, worauf die beiden aßen. Dann befahl sie ihnen den Wein vorzusetzen, –

Zweihundertundfünfunddreißigste Nacht.

und die Sklavinnen trugen ihn auf, und sie trank mit El-Asad. Gott aber – Preis Ihm, dem Erhabenen! – ließ das Herz der Königin in Liebe zu El-Asad entbrennen, und sie füllte ihm fortwährend den Becher und reichte ihm denselben zu trinken, bis ihm der Verstand wich. Da erhob er sich, um ein Bedürfnis zu erledigen, und stieg vom Saal hinunter. Als er eine geöffnete Thür erblickte, schritt er durch dieselbe und ging immer weiter, bis er schließlich zu einem großen Garten kam, in welchem allerlei Obstbäume und Blumen standen. Nachdem er sich dort unter einen Baum gesetzt und sein Bedürfnis erledigt hatte, stand er wieder auf und begab sich zum Springbrunnen, der sich in dem Garten befand, wo er sich auf den Rücken legte. Da aber seine Sachen offen standen, traf ihn der Wind, so daß er einschlief und die Nacht über ihn kam.

Was nun Bahrâm anlangt, so rief derselbe, als die Nacht über ihn kam, nach den Matrosen und befahl ihnen: »Spannet die Segel aus und segelt ab.« Die Matrosen erwiderten: »Wir hören und gehorchen, doch warte noch so lange, bis wir unsere Schläuche gefüllt haben; dann wollen wir die Segel auftakeln.« Darauf stiegen die Matrosen mit den Schläuchen ans Land und gingen rings um die Burg; als sie aber nichts als die Gartenmauern fanden, stiegen sie über dieselben in den Garten und folgten dort einer 42 Fußspur, welche nach dem Springbrunnen hinführte. Wie sie nun bei demselben anlangten, fanden sie dort El-Asad auf dem Rücken liegen und freuten sich, als sie ihn erkannten. Nachdem sie dann ihre Schläuche gefüllt hatten, luden sie ihn auf, sprangen von der Mauer herunter und liefen mit ihm zu dem Magier Bahrâm, zu dem sie sagten: »Freue dich, dein Wunsch ist erreicht und dein Herz geheilt; deine Trommel hat getrommelt und deine Pfeife gepfiffen, denn, siehe, dein Gefangener, den die Königin Mardschâne dir mit Gewalt fortnahm, wir haben ihn gefunden und bringen ihn dir hier.« Darauf warfen sie ihn vor ihn hin, und Bahrâms Herz flog bei seinem Anblick vor Freude hoch auf, und seine Brust dehnte sich weit und froh. Er schenkte ihnen Ehrenkleider und befahl ihnen die Segel hurtig auszuspannen, worauf sie die Segel ausspannten und unverdrossen in der Richtung nach dem Feuerberge segelten, bis der Morgen tagte.

Soviel, was Bahrâm anlangt; was nun aber die Königin Mardschâne betrifft, so hatte sie, nachdem El-Asad von ihr fortgegangen war, eine Weile auf ihn gewartet. Da er jedoch nicht zu ihr zurückkehrte, erhob sie sich und suchte nach ihm, fand ihn jedoch nicht. Da zündete sie die Kerzen an und befahl den Sklavinnen nach ihm zu suchen; sie selber aber machte sich ebenfalls auf, und, da sie den Garten offen sah, erkannte sie, daß er in denselben gegangen war, und ging selber in den Garten hinein, wo sie seine Sandalen neben dem Springbrunnen fand. Obwohl sie nun den ganzen Garten nach ihm absuchte, sah sie doch keine Spur von ihm. Da erkundigte sie sich, nachdem sie den Garten an allen Ecken und Enden bis zum Morgen durchsucht hatte, nach dem Schiff und merkte, als man ihr sagte, es sei im ersten Drittel der Nacht bereits abgesegelt, daß sie ihn mitgenommen hatten. Bekümmert hierüber und gewaltiglich ergrimmend, gab sie Befehl, sofort zehn große Schiffe auszurüsten; dann rüstete sie sich selber zum Kampf und stieg auf 43 eins der zehn Schiffe, begleitet von ihren Truppen alle in stolzer Wehr und in Waffen. Dann wurden die Segel gespannt, und sie sagte zu den Kapitänen: »Holt ihr das Schiff des Magiers ein, so sollt ihr von mir Ehrenkleider und Gelder erhalten, holt ihr es jedoch nicht ein, so geht's euch allen bis auf den letzten Mann an den Kopf.« Da wurden die Matrosen von mächtiger Furcht gepackt, und sie segelten nun mit den Schiffen den ganzen Tag und die ganze Nacht über und den zweiten und dritten Tag, bis sie am vierten Tage das Schiff des Magiers Bahrâm von fern erblickten; und ehe noch der Tag zu Ende ging, hatten die Schiffe das Schiff des Magiers von allen Seiten umschlossen. Bahrâm hatte aber gerade zu derselben Zeit El-Asad herausgeholt und schlug und folterte ihn, während El-Asad unter den Schlägen in bitterlichsten Schmerzen um Schutz und Hilfe schrie, ohne in der ganzen Schöpfung einen Schützer und Helfer zu finden. Wie ihn nun Bahrâm peinigte, blickte er sich zufällig um und gewahrte, daß ihn die Schiffe rings umzingelt hatten und ihn einschlossen, wie das Weiße im Auge das Schwarze umschließt. Fest davon überzeugt, daß es um ihn geschehen sei, seufzte er und sagte: »Wehe dir, Asad, alles dies geschieht um deinetwillen.« Alsdann packte er ihn bei der Hand, befahl den Matrosen, ihn ins Meer zu werfen, und sagte: »Bei Gott, ich töte dich, bevor ich mein Leben lasse.« Darauf hoben ihn die Matrosen an Händen und Füßen hoch und warfen ihn mitten ins Meer. Gott aber – Preis Ihm, dem Erhabenen! – welcher wollte, daß er errettet würde, und daß sein Termin noch nicht abliefe, erlaubte, daß er nach dem Untersinken wieder auftauchte, worauf er mit Händen und Füßen arbeitete, bis Gott ihm half, und der Trost zu ihm kam, indem ihn die Wellen schlugen und ihn fern vom Schiff des Magiers forttrugen, so daß er das feste Land erreichte. An seine Rettung kaum glaubend, stieg er an den Strand, wo er nun seine Kleider auszog, sie auspreßte und zum Trocknen ausbreitete, während 44 er nackend dasaß und, über seine Drangsale und seine Gefangenschaft weinend, die beiden Verse sprach:

»Gott, meine Geduld versagt, und ich weiß mir nicht Rat,
Meine Brust ist beengt, und zerschnitten sind meine Seile.
Wem soll ich klagen, ich Armer, mein Elend all,
Wenn nicht meinem Herrn, du Herr aller Herren!?«

Als er seine Verse gesprochen hatte, erhob er sich und zog sich wieder seine Sachen an, ohne zu wissen, wohin er sich wenden sollte. Und so aß er von dem Gras der Erde und den Früchten der Bäume und trank von dem Wasser der Bäche und wanderte Nacht und Tag, bis er sich einer Stadt näherte. Erfreut beschleunigte er nun seine Schritte, doch erreichte er sie erst, als der Abend hereingebrochen war, –

Zweihundertundsechsunddreißigste Nacht.

so daß das Thor bereits verschlossen war. Die Stadt war aber dieselbe, in welcher er gefangen gewesen war, und bei deren König sein Bruder El-Amdschad Wesir war. Wie nun El-Asad sah, daß sie verschlossen war, kehrte er in der Richtung der Gräber um. Als er auf dem Friedhof angekommen war und dort eine Grabstätte ohne Thür fand, ging er in dieselbe hinein und legte sich daselbst schlafen, indem er das Gesicht mit seinem Ärmel bedeckte.

Der Magier Bahrâm hatte aber, als ihn die Königin Mardschâne mit ihren Schiffen eingeholt hatte, sie mit seiner List und Zauberei geschlagen, hatte dann wohlbehalten den Weg nach seiner Stadt eingeschlagen und war zur selbigen Zeit und Stunde vergnügt weitergezogen. Als er hier bei den Gräbern vorüberkam, stieg er nach dem Schicksal und Verhängnis vom Schiff ans Land und schritt zwischen den Gräbern hindurch, bis er die Grabstätte, in welcher El-Asad schlief, offen stehen sah. Da verwunderte er sich hierüber und sprach: »Ich muß doch mal in die Grabstätte da hineinschauen.« Wie er nun hineinschaute, sah er El-Asad daselbst, das Gesicht mit dem Ärmel bedeckend, schlafen. Da 45 schaute er ihm ins Gesicht und sagte, als er ihn erkannte: »Lebst du noch?« Darauf nahm er ihn und ging mit ihm nach seinem Haus, in welchem sich der unterirdische Keller befand, der eigens zur Folterung von Moslems angelegt war. Auch hatte er eine Tochter, Namens BustânGarten.. Zu Hause angelangt, legte er nun El-Asads Füße in schwere Fesseln, schaffte ihn in jenen Keller hinunter und beauftragte seine Tochter ihn bei Nacht und Tag zu peinigen, bis er stürbe. Nachdem er ihn dann noch jämmerlich durchgeprügelt hatte, verschloß er den Keller hinter ihm und gab die Schlüssel seiner Tochter. Wie nun seine Tochter Bustân hinunterstieg, um ihn zu prügeln, fand sie in ihm einen jungen Mann von feinem Wesen und süßem Gesicht, mit bogenförmigen Brauen und antimonschwarzen Augensternen, so daß sie sich in ihn verliebte und ihn fragte: »Wie heißest du?« Er antwortete ihr: »Mein Name ist El-Asad.« Da sagte sie zu ihm: »Mögest du und mögen deine Tage glückseligEine Anspielung auf seinen Namen. sein! Du verdienst keine Züchtigung, und ich weiß nun, daß dir Gewalt angethan ist.« Indem sie in dieser Weise freundlich auf ihn einredete, löste sie seine Fesseln und befragte ihn nach der Religion des Islams, worauf er ihr Auskunft gab, daß der Islam der wahre und wahrhaftige Glauben sei, daß unser Herr Mohammed sichtbare Wunder und deutliche Zeichen gewirkt habe,Mohammed erging es wie den andern Religionsstiftern. Wiewohl er Koran 13, 8 erklärte: Die Ungläubigen sagen: Wenn ihm nicht Wunderzeichen werden von seinem Herrn, so glauben wir nicht. Aber du bist nur zum Prediger berufen, so wie jedes Volk einen Führer erhalten hat, – so hat ihm doch der Volksglaube unzählige Wunder angedichtet. und daß der Feuerdienst schade und nicht fromme. Dann machte er sie mit den Grundlehren des Islams bekannt, und sie gehorchte ihm, die Liebe zum wahren Glauben erfüllte ihr Herz, und Gott flößte ihrem Herzen Liebe zu El-Asad ein, und so sprach sie die beiden 46 Sätze des Bekenntnisses und gehörte von nun an zum Volke der Glückseligkeit. Darauf gab sie ihm zu essen und zu trinken, plauderte mit ihm und betete mit ihm und machte ihm Hühnerbrühen, bis er wieder zu Kräften kam, und bis seine Krankheit nachließ und er wieder so gesund wie früher wurde, worauf sie ihn verließ und sich an die Thür stellte. Und siehe! mit einem Male hörte sie den Ausrufer die Worte ausrufen: »Jeder, bei dem ein hübscher Jüngling von dem und dem Aussehen ist, und der ihn zum Vorschein bringt, der soll soviel Geld haben als er verlangt. Der aber, bei dem er ist, und der ihn verleugnet, der soll über seine Hausthür gehängt, sein Gut soll geplündert und sein Blut ungestraft vergossen werden. Nun hatte aber El-Asad Bustân, der Tochter Bahrâms, alles, was ihm widerfahren war, erzählt, so daß sie, als sie dies vernahm, wußte, daß er der Gesuchte war. Infolgedessen ging sie zu ihm und teilte es ihm mit, worauf er ausging und sich zur Wohnung des Wesirs aufmachte. Als er den Wesir erblickte, rief er: »Bei Gott, dieser Wesir ist mein Bruder El-Amdschad.« Darauf stieg er hinauf zum Schloß, und das Mädchen hinter ihm drein, und warf sich, sobald er seinen Bruder sah, an seine Brust. Da erkannte ihn auch El-Amdschad und warf sich ebenfalls an seine Brust, und sie umarmten einander, von den Mamluken umgeben, und sanken beide für eine Weile in Ohnmacht. Als sie sich dann wieder von ihrer Ohnmacht erholt hatten, nahm El-Amdschad seinen Bruder El-Asad, stieg mit ihm zum Sultan hinauf und erzählte ihm seine Geschichte, worauf der Sultan das Haus Bahrâms zu plündern befahl.

Zweihundertundsiebenunddreißigste Nacht.

Da schickte der Wesir einen Trupp hierzu aus, und sie machten sich zu Bahrâms Haus auf und plünderten es. Seine Tochter aber brachten sie zum Wesir, der sie in allen Ehren empfing. Als ihm dann sein Bruder El-Asad von all den Martern erzählte, die er ausgestanden und von der Güte, 47 die ihm die Tochter Bahrâms erwiesen hatte, ehrte El-Amdschad sie noch mehr, und erzählte dann seinerseits El-Asad alle seine Erlebnisse mit dem Mädchen, und wie er dem Hängen entgangen und Wesir geworden war, worauf beide einander die Schmerzen klagten, die sie für einander infolge ihrer Trennung ausgestanden hatten. Alsdann ließ der Sultan den Magier vorführen und gab Befehl ihm den Kopf abzuschlagen. Da fragte ihn Bahrâm: »Großmächtigster König, hast du wirklich meinen Tod fest beschlossen?« Als der Sultan es bejahte, sagte er: »Habe nur noch ein wenig Geduld mit mir.« Dann senkte er den Kopf zu Boden und, ihn nach einiger Zeit wieder hebend, sprach er das Glaubensbekenntnis und ward Moslem durch den Sultan, wozu sich alle freuten. Hierauf erzählten El-Amdschad und El-Asad ihm alle ihre Erlebnisse, und er sagte zu ihnen: »Meine Herren, machet euch fertig zur Heimreise, ich will euch begleiten.« Da freuten sie sich sowohl hierüber, wie über seine Bekehrung, doch weinten sie gleich wieder bitterlich, so daß Bahrâm sie tröstete und sprach: »Meine Herren, weint doch nicht! Ihr werdet schließlich doch wieder mit euern Lieben vereinigt werden, wie Níame mit Noam vereinigt wurde.« Da fragten sie: »Wie erging es denn Níame und Noam?« Und Bahrâm erzählte:

 

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