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Tausend und eine Nacht. Band VI

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VI - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VI
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages208
created20180114
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hārûn er-Raschîd und Mohammed, der Sohn Alīs des Juweliers.

(Der falsche Chalife.)

Ferner erzählt man, daß der Chalife Hārûn er-Raschîd eines Nachts von großer Unruhe gequält wurde, so daß er seinen Wesir Dschaafar den Barmekiden zu sich entbieten ließ und zu ihm sagte: »Meine Brust ist beklommen, und deshalb möchte ich heute Nacht zur Zerstreuung durch die Straßen Bagdads streifen und des Volkes Thun und Treiben beobachten, jedoch unter der Bedingung, daß wir uns als Kaufleute verkleiden, damit uns niemand erkennt.« Der Wesir entgegnete ihm: »Ich höre und gehorche;« alsdann erhoben sie sich zur selbigen Zeit und Stunde, zogen ihre feinen Kleider aus, legten Kaufmannskleider an, ihrer drei, der Chalife, Dschaafar und Mesrûr der Schwertmeister, und wandelten von Ort zu Ort, bis sie an den Strand des 189 Tigris kamen, woselbst sie einen Scheich in einem Nachen sitzen sahen. Da traten sie an ihn heran, boten ihm den Salâm und sprachen zu ihm: »Scheich, wir bitten dich um die Güte und Gefälligkeit, uns in diesem deinem Nachen hier zum Vergnügen auf den Fluß hinauszurudern, und nimm als Lohn dafür diesen Dinar.« –

Zweihundertundsechsundachtzigste Nacht.

Der Scheich entgegnete ihnen jedoch: »Wer darf sich auf dem Tigris vergnügen, wo der Chalife Hārûn er-Raschîd Nacht für Nacht in einem kleinen Nachen den Tigris stromab fährt, mit seinem Herold voraus, der laut ausruft: »Ihr Leute insgemein, Groß oder Klein, Hoch oder Gering, Bürschlein oder Mann, jedweden, der in einem Fahrzeug in den Tigris sticht, schlag ich den Kopf ab oder hänge ihn an seines Bootes Mast auf.« Und es scheint, als ob ihr gerade in dieser Stunde, wo das Boot gewöhnlich kommt, mit ihm zusammentreffen sollt.« Da sagten der Chalife und Dschaafar: »Scheich, nimm diese beiden Dinare und bring uns unter einen jener Bögen, bis der Nachen des Chalifen vorübergefahren ist.« Der Scheich erwiderte nun: »Gebt das Gold her, und dann auf Gott, den Erhabenen, vertraut!« Als er dann das Gold eingesteckt hatte, ruderte er sie eine kurze Strecke, als mit einem Male der Nachen mitten im Tigris mit brennenden Kerzen und Fackeln darinnen herabkam. Da sagte der Scheich zu ihnen: »Hab ich's euch nicht gesagt, daß der Chalife Nacht für Nacht den Strom durchzieht?« und hörte nicht auf zu beten: »O Schützer, deck deine Schleier nicht auf!« bis er sie unter einen Bogen gerudert hatte, wo er ein schwarzes Tuch über sie warf, und sie nun unter dem Tuch hervor das Schauspiel, das sich ihnen bot, betrachteten. Auf der Spitze des Nachens gewahrten sie zunächst einen Mann, der eine Leuchtpfanne aus rotem Gold trug, die er mit Sumatraaloe speiste; er selber war in einen Mantel aus rotem Satin gekleidet; auf einer seiner Schultern hing ein safranfarbener Goldbrokat, um seinen Kopf trug er einen 190 mossulischen Turban und auf seiner andern Schulter hing ein grünseidener Sack, der ganz mit Aloe angefüllt war, mit welcher er an Stelle von Holz die Leuchtpfanne speiste. Im Hinterteil des Nachens gewahrte der Chalife einen andern ganz gleich dem ersten gekleideten Mann mit eben solcher Leuchtpfanne in der Hand; außerdem standen zur rechten und linken Seite des Fahrzeuges je hundert Mamluken, und mitten zwischen ihnen ein Thron aus rotem Gold, auf welchem ein Jüngling, schön wie der Mond, saß, gekleidet in einen schwarzen Anzug mit gelber Goldstickerei; vor demselben stand ein Mann, als wäre es der Wesir Dschaafar, und ihm zu Häupten ein anderer, welcher in seiner Hand ein blankes Schwert trug und Mesrûr vorstellen sollte; endlich gewahrte er noch zwanzig Tischgenossen. Wie nun der Chalife dieses sah, sprach er: »Dschaafar!« worauf derselbe erwiderte: »Zu Diensten, o Fürst der Gläubigen.« Dann sagte der Chalife: »Vielleicht ist dies einer meiner Söhne, sei es El-Mamûn oder El-Amîn.« Darauf faßte er den jungen Mann scharf ins Auge und wendete sich, nachdem er seine tadellose Schönheit und Anmut und seinen vollendet schönen Wuchs und das edle Ebenmaß seiner Gestalt erschaut hatte, wieder zu seinem Wesir und sprach: »Wesir!« worauf derselbe erwiderte: »Zu Diensten.« Dann sagte er: »Bei Gott, diesem jungen Mann da fehlt nichts am Chalifatenstaat, und jener Mann vor ihm soll dich vorstellen, Dschaafar, während der Eunuch dort ihm zu Häupten Mesrûr sein soll und die zwanzig Tischgenossen meine Tafelrunde. Fürwahr, mein Verstand ist ganz verwirrt hierüber.«

Da sagte ihre Schwester Dinarsad: »Wie schön ist doch deine Geschichte, wie lieb, wie süß und entzückend!« Schehersad aber entgegnete: »Was ist das im Vergleich zu dem, was ich euch in der kommenden Nacht erzählen will, wenn ich am Leben bleibe, und der König mich verschont.« Da sprach der König bei sich: »Bei Gott, ich töte sie nicht eher, als bis ich das Ende der Geschichte vernommen habe.« Und Schehersad bemerkte den anbrechenden Tag und verstummte. 191

Zweihundertundsiebenundachtzigste Nacht.

»Glückseliger König, als der Chalife dieses Schauspiel wahrnahm, wurde er ganz verwirrt und rief: »Bei Gott, ich bin hierüber voll Verwunderung, Dschaafar!« und Dschaafar entgegnete ihm: »Ich auch, o Fürst der Gläubigen.« Als nun der Nachen vorübergezogen und den Blicken ganz entschwunden war, stieg der Scheich aus seinem Boot und rief: »Gelobt sei Gott für unsere Rettung, insofern als uns niemand begegnet ist!« Der Chalife aber fragte ihn nun: »Scheich, fährt der Chalife jede Nacht den Tigris hinunter?« Der Scheich erwiderte: »Jawohl; seit einem vollen Jahre thut er dies.« Da sagte der Chalife: »Wir wünschen, daß du so gütig bist und uns hier kommende Nacht erwartest, wir wollen dir auch fünf goldne Dinare geben; wir sind nämlich Fremde, sind im Quartier El-Chandak eingekehrt und möchten uns hier vergnügen.« Und der Scheich entgegnete: »Freut mich und ehrt mich.« Darauf verließen der Chalife, Dschaafar und Mesrûr den Scheich und begaben sich wieder ins Schloß, wo sie ihre Kaufmannstracht ablegten und sich wieder in ihren Staatsornat kleideten. Dann setzte sich jeder von ihnen auf seinen bestimmten Platz, die Emire, die Wesire, die Kämmerlinge und Statthalter traten ein, und der Saal war voll Volks. Als aber der Tag zu Ende ging, und all das Volk sich zerstreute, und ein jeder seines Weges ging, sagte der Chalife Hārûn er-Raschîd: »Dschaafar, steh auf und laß uns wieder dem andern Chalifen zuschauen.« Da lachten Dschaafar und Mesrûr, und nun kleideten sich alle drei wieder in Kaufmannstracht und schritten aus der geheimen Thür in gehobenster Stimmung hinaus in die Straßen, bis sie wieder zum Tigris gelangten, wo sie den Scheich, den Besitzer des Nachens, bereits auf sie wartend dasitzen sahen. Sie stiegen nun wieder zu ihm ins Boot und hatten sich kaum gesetzt, als auch schon der Nachen des andern Chalifen herankam. Indem sie sich zu demselben wendeten und ihn genau betrachteten, fanden sie, daß 192 nunmehr zweihundert andere Mamluken als zuvor darin saßen, während die Fackelträger wie üblich laut riefen. Da sagte der Chalife: »Wesir, wenn ich hiervon gehört hätte, ich hätte es nicht geglaubt; doch habe ich es mit meinen eigenen Augen geschaut.« Hierauf wendete sich der Chalife zu dem Scheich, in dessen Boot sie sich befanden, und sagte zu ihm: »Nimm diese zehn Dinare und rudere uns in gleicher Linie mit ihnen, sie sind im Licht und wir im Schatten, so daß wir sie sehen und uns an dem Schauspiel belustigen können, während sie uns nicht bemerken.« Und der Scheich steckte die zehn Dinare ein und ruderte nun sein Boot in paralleler Richtung mit ihnen im Schatten ihrer Barke, –

Zweihundertundachtundachtzigste Nacht.

bis sie zu den Gärten gelangten, wo sie ein umfriedetes Grundstück erblickten, bei welchem die Barke anlegte, und nun sahen sie auch dort Pagen mit einem gesattelten und gezäumten Maultier dastehen. Nachdem der falsche Chalife ans Land gestiegen war, setzte er sich aufs Maultier und ritt inmitten seiner Tischgenossen fort, während die Fackelträger schrieen und sein Gefolge sich um ihn zu schaffen machte. Da stiegen Hārûn er-Raschîd, Dschaafar und Mesrûr ebenfalls ans Land und schritten, sich durch die Mamluken Bahn brechend, ihnen voran, bis sich die Fackelträger umwendeten und beim Anblick der drei Personen in der Tracht fremder Kaufleute unwillig mit den Augen einen Wink gaben, so daß sie vor den falschen Chalifen geführt wurden. Als der falsche Chalife sie erblickte, fragte er sie: »Wie seid ihr hierher gekommen, und was hat euch zu dieser Zeit hierher geführt?« Sie erwiderten: »Unser Gebieter, wir sind fremdes Kaufmannsvolk, kamen erst heute hier an und machten einen Nachtspaziergang, als ihr mit einem Male ankamt und diese Leute da uns packten und vor dich führten. Das ist unsere Geschichte.« Da entgegnete der falsche Chalife: »Seid ohne Furcht, dieweil ihr fremdes Volk seid; wäret ihr aus Bagdad gewesen, so hätte ich euch den Kopf abschlagen lassen.« Darauf 193 wendete er sich zu seinem Wesir und sagte zu ihm: »Nimm diese Leute mit dir, denn sie sind heute Nacht unsre Gäste.« Der Wesir antwortete: »Ich höre und gehorche dir, mein Gebieter;« alsdann zog er weiter und sie mit ihm, bis sie zu einem hohen Schloß von herrlicher Pracht gelangten, einem festgegründeten Bau, wie ihn kein Sultan besaß, der sich von dem Staub der Erde bis zum Wolkensaum erhob. Sein Thor bestand aus Teakholz, das mit funkelndem Gold beschlagen war; schritt man hindurch, so gelangte man in eine Halle mit einem von erhöhter Estrade eingefaßten Springbrunnen, welche mit Teppichen, Polstern aus Brokat, Kissen und langen Matratzen ausgestattet war; auch hing dort ein langer Vorhang, und die ganze andere Einrichtung verwirrte den Verstand, und die Worte versagten zu ihrer Beschreibung; über dem Portal aber standen folgende beiden Verse geschrieben:

Ein Schloß – auf ihm ruh' langes Leben und Heil –
Die Tage haben's mit ihren Reizen geschmückt.
Viel Wunder schaust du und Märchendinge in ihm,
Daß die Federn verwirrt bei ihrer Beschreibung ruhn.

Als der falsche Chalife diese Halle mit seinem Gefolge betreten hatte, setzte er sich auf einen goldenen mit Edelsteinen besetzten Thron, der mit einem gelbseidenen Gebetsteppich bedeckt war, worauf sich die Tischgenossen ebenfalls niederließen, und das Schwert der RacheDer Scharfrichter oder Schwertmeister. vor ihn trat. Dann wurden die Tische aufgetragen, und sie aßen, bis das Geschirr wieder fortgenommen wurde und sie sich die Hände wuschen. Hierauf brachte man das Weinservice, die Flaschen und Becher wurden in Reih und Glied gestellt, und der Becher machte die Runde, bis er zum Chalifen Hārûn er-Raschîd kam, welcher ihn zurückwies, so daß der falsche Chalife Dschaafar fragte: »Was fehlt deinem Gefährten, daß er nicht trinken will?« Dschaafar erwiderte: »Mein Gebieter, schon seit langer Zeit hat er nichts dergleichen getrunken.« Da sagte der falsche Chalife: »Ich hab' auch andern Stoff, 194 welcher für deinen Freund paßt, eine Sorte Apfelwein.« Darauf bestellte er ihn und trat, nachdem man ihn unverzüglich gebracht hatte, zu Hārûn er-Raschîd heran und sagte zu ihm: »So oft die Reihe an dich kommt, so trink' von diesem Getränk.« Hierauf gaben sie sich ganz dem Frohsinn hin und becherten, bis der Wein ihnen zu Kopfe stieg und ihnen die Sinne benahm.

Zweihundertundneunundachtzigste Nacht.

Da sagte der Chalife Hārûn er-Raschîd zu seinem Wesir: »Dschaafar, bei Gott, wir haben nicht solch Geschirr wie dieses hier. Wenn ich doch nur wüßte, was das für ein junger Mann ist!« Während sie aber noch miteinander flüsterten, warf der Jüngling einen Blick auf sie, und als er bemerkte, daß der Wesir dem Chalifen etwas zuraunte, sagte er: »Flüstern in Gesellschaft ist eine Ungezogenheit.« Da versetzte Dschaafar: »Es sollte keine Ungezogenheit sein; mein Freund sagte nur zu mir: »Ich sah die meisten Länder auf meinen Reisen, habe mit den größten Fürsten beim Wein gesessen und mit dem Militär verkehrt, niemals aber sah ich eine schönere Ordnung und ein froheres Gelage als heute Nacht; nun pflegt doch das Volk von Bagdad zu sagen: Wein ohne Musik macht den Kopf dick.« Bei diesen Worten lächelte der falsche Chalife vergnügt und schlug mit einem Rohr, das er in der Hand hatte, auf einen Gong, worauf die Thür sofort aufging und ein Eunuch mit einem elfenbeinernen, mit funkelndem Gold belegten Stuhl zum Vorschein kam, gefolgt von einem Mädchen von wunderbarer Schönheit und Anmut, Eleganz und Vollkommenheit. Nun stellte der Eunuch den Stuhl hin, und das Mädchen setzte sich darauf, als wäre sie die leuchtende Sonne am lachenden Himmel. In ihrer Hand hielt sie eine Laute indischen Fabrikats, welche sie nun in ihren Schoß legte, worauf sie sich über sie wie eine Mutter über ihr Kind neigte und nach einem Vorspiel in vierundzwanzig verschiedenen Weisen zu ihr sang, bis sie alle bezaubert hatte. Dann kehrte sie wieder zur ersten Weise zurück und sang in entzückender Weise folgende Verse: 195

Der Liebe Zunge in meinem Herzen redet zu dir,
Sie bringt dir Kunde von mir, daß ich dein Eigen bin.
Einen Zeugen hab ich in eines gefolterten Herzens Glut,
In einem wunden Aug' und in strömender Thränenflut.
Eh' ich dich liebte, da wußt ich nimmer was Liebe war,
Doch Gottes Beschluß holt alle seine Geschöpfe ein.

Als der falsche Chalife diese Verse von dem Mädchen singen hörte, stieß er einen gellenden Schrei aus und zerriß seinen Anzug von oben an bis zum Saum, worauf sie einen Vorhang über ihn fallen ließen und ihm einen neuen noch schöneren Anzug brachten. Nachdem er denselben angezogen hatte, setzte er sich wieder wie zuvor und der Becher machte wieder die Runde; als derselbe aber zu ihm kam, schlug er wieder mit der Rute auf den Gong, und sofort that sich die Thür auf, und heraus trat ein Eunuch mit einem goldenen Stuhl, gefolgt von einem Mädchen, das noch schöner als das erste war und in der Hand eine Laute trug, welche des Neiders Herz hätte kränken müssen. Nachdem sich das Mädchen auf den Stuhl gesetzt hatte, sang es zu ihrem Spiel folgende beiden Verse:

Wie kann ich mich fügen, wo der Sehnsucht Feuer in meinem Herzen flammt,
Wo die Thränen aus meinem Aug' wie Wasser der Sündflut strömen?
Bei Gott, nicht lieb ich ein Leben, das keine Freuden mir bietet,
Und, ach! wie könnte ein Herz sich freuen, das ganz von Kummer erfüllt ist?

Als der Jüngling diese Verse vernahm, stieß er wieder einen gellenden Schrei aus und zerriß seine Kleider bis zum Saum, worauf sie wieder den Vorhang über ihn fallen ließen und ihm einen neuen Anzug brachten. Als er denselben angezogen hatte, setzte er sich wieder aufrecht und plauderte wieder fröhlich wie zuvor, bis der Becher zu ihm kam und er wieder auf den Gong schlug. Da trat ein Eunuch herein mit einem Stuhl in der Hand und hinter ihm ein Mädchen, mit einer Laute in der Hand, das noch schöner als das vorige war. Nachdem es sich auf den Stuhl gesetzt hatte, sang es zur Laute folgende Verse: 196

Gebt auf dieses Meiden und lasset in eurer Härte nach,
Denn mein Herz, bei euerm Leben, läßt von euch nicht ab.
Habt Mitleid mit einem Elenden, Vergrämten und Bekümmerten,
Dem die Liebe zu euch in Sehnsucht verzehrt und in Banden schlug.
Das Übermaß seiner Liebesglut hat ihn siech und dürr gemacht,
Und von der Gottheit hat er euer Wohlgefallen erfleht.
O ihr Vollmonde,Eine Art pluralis majestatis. deren Heim in meinem Herzen ist,
Wie könnt ich ein ander Wesen als euch erwählen!

Als der Jüngling diese Verse vernahm, stieß er zum drittenmal einen gellenden Schrei aus und zerriß seine Kleider, worauf sie wieder den Vorhang niederließen und ihm andere Sachen brachten. Dann verhielt er sich wieder seinen Zechgenossen gegenüber wie zuvor, und die Becher kreisten, bis er, als der Becher an ihn kam, wieder auf den Gong schlug. Da ging die Thür auf, und herein trat ein Page mit einem Stuhl, gefolgt von einem Mädchen. Nachdem der Page ihr den Stuhl hingestellt hatte, setzte sie sich darauf, langte zur Laute, stimmte die Saiten und sang zu ihrem Spiel folgende Verse:

Wann endlich wird weichen dies Meiden und dieser Haß?
Und wann einst kehren die früheren Freuden mir wieder?
Noch gestern saßen wir traulich beisammen im selben Haus
Und schauten sorglos auf alle die Neider in unserm Glück.
Da verriet uns die Zeit und riß uns hart voneinander,
Nachdem sie die Stätten zuvor verödet und einsam gemacht.
Heischet, ihr Tadler, von mir mich des Geliebten zu trösten?
Doch mein Herz, ich schau es, folgt nimmer des Tadlers Wunsch.
So laß den Tadel und überlaß mich meinem Leid,
Und glaub, daß mein Herz nicht des Geliebten beraubt ist.
Ihr Herren,Pluralis wie vorher zu erklären. die ihr die Treue bracht und die Liebe vertauschtet,
Wähnet doch nicht, daß mein Herz, verlassen von euch, euch verließ.

Als der falsche Chalife den Vortrag des Mädchens vernahm, stieß er wieder einen gellenden Schrei aus und stürzte, seine Kleider zerreißend, –

Zweihundertundneunzigste Nacht.

ohnmächtig zu Boden, worauf sie wieder den Vorhang wie zuvor über ihn fallen lassen wollten, doch verfingen sich 197 dabei seine Schnüre, und nun gewahrte der Chalife Hārûn er-Raschîd, wie er nach ihm hinschaute, an seinem Leibe die Narben von Rutenhieben, so daß er, nachdem er sich genau davon überzeugt hatte, zu Dschaafar sagte: »Bei Gott, Dschaafar, er ist ein hübscher junger Mensch, doch ist er ein gemeiner Räuber.« Da versetzte Dschaafar: »Woher weißt du das, o Fürst der Gläubigen?« Der Chalife erwiderte: »Hast du nicht auf seinen Rippen die Narben von Peitschenhieben gesehen?«

Inzwischen hatten sie den Vorhang über ihn herabgelassen und ihm einen andern Anzug gebracht. Nachdem er sich in denselben gekleidet hatte, setzte er sich wieder aufrecht hin zu seinen Bechergenossen wie zuvor. Da er jedoch bemerkte, daß der Chalife und Dschaafar heimlich miteinander sprachen, fragte er sie: »Was giebt's, ihr Junker?« Da entgegnete Dschaafar: »Unser Gebieter, gutes; nur daß mein Freund hier, der, wie es dir nicht verborgen ist, zur Kaufmannszunft gehört, und der alle die großen Städte und Länder bereist und mit den Königen und allen den Besten verkehrt hat, zu mir sagte: »Was von unserm Herrn, dem Chalifen, heute Nacht geschehen ist, ist die größte Verschwendung, und noch sah ich nirgends in der Welt einen so etwas thun: denn er hat solche und solche Anzüge zerrissen, von denen jeder tausend Dinare gekostet hat, und das ist übermäßige Verschwendung.« Da entgegnete der falsche Chalife: »Du da, das Geld ist mein Geld und das Zeug ist mein Zeug, und dies ist eine der Weisen, wie ich meine Diener und mein Gefolge beschenke. Denn jeder Anzug, den ich zerrissen habe, gehört einem meiner hier anwesenden Trinkgenossen, und mit jedem Anzug verordne ich ihnen noch fünfhundert Dinare.« Nun erwiderte der Wesir Dschaafar: »Dein Thun ist ausgezeichnet, o unser Gebieter,« und sprach die beiden Verse:

»Die Tugenden haben in deiner Hand ihr Haus erbaut,
Und offenkund hast du aller Welt deinen Reichtum gemacht.
Wenn einst die Tugenden ihre Thore verschlössen,
So wären deine Hände die Schlüssel für ihre Schlösser.« 198

Als der junge Mann von dem Wesir Dschaafar diese Verse vernahm, befahl er ihm tausend Dinare und einen Anzug zu schenken. Darauf kreisten die Becher wieder, und der Wein schmeckte ihnen gut; nach einer Weile sagte jedoch Er-Raschîd: »Dschaafar, frag ihn nach den Narben auf seinen Rippen, damit wir sehen, was er für eine Antwort giebt.« Dschaafar erwiderte: »Nicht so hastig, mein Gebieter; bezähm dich, denn Geduld geziemt sich besser.« Der Chalife versetzte jedoch: »Bei meines Hauptes Leben und El-Abbâsens Grab, wenn du ihn nicht frägst, so ersticke ich deinen Odem!« Da wendete sich der junge Mann zum Wesir und sagte zu ihm: »Was flüsterst du da mit deinem Freunde? Sag mir, was ihr beide habt?« Dschaafar entgegnete: »Nur gutes;« doch der Jüngling sagte nun: »Ich beschwöre dich bei Gott, sag mir, was ihr beide miteinander vorhabt, und verberget mir nichts.« Da sagte Dschaafar: »Mein Herr, mein Freund hier sah auf deinen Seiten Narben von Geißel- und Rutenschlägen und verwunderte sich hierüber aufs äußerste, indem er sprach: Wie kam der Chalife zu Schlägen? Und nun möchte er gern die Ursache hiervon erfahren.« Als der junge Mann diese Worte vernahm, lächelte er und sprach: »Wisset, meine Geschichte ist merkwürdig und mein Fall wunderbar; würde meine Geschichte mit Nadeln in die Augenwinkel geschrieben, sie würde allen denen, die sich belehren lassen, zu einer Lehre dienen.« Alsdann seufzte er und sprach die Verse:

»Meine Geschichte ist wunderbar, das größte der Wunder all;
Bei der Liebe schwör ich's, alle Wege wurden mir eng.
Wollt ihr nun auf mich hören, so schweiget und merket auf,
Und von keinem verlaute in dieser Versammlung ein Wort.
Neiget euer Ohr meinem Wort, denn ein Sinn liegt in ihm,
Und meine Rede ist wahr und ohne Lug.
Von Sehnsucht bin ich erschlagen und Liebesweh,
Und meine Mörderin ist aller Hochbusigen Stolz.
Ihr Auge ist schwarz wie die Indierklinge am Griff,
Und Pfeile schießen die Bögen ihrer Brau'n.
Nun fühlt es mein Herz, der eine von Euch ist unser Imâm,
Der Chalife der Zeit und des edelsten Hauses Sproß; 199
Der zweite von euch heißt Dschaafar und ist sein Wesir,
Ein SâhibSâhib = Herr, Titel eines Wesirs. ist er und eines Sâhibs Sohn,
Und der dritte, der trägt das Schwert und heißt Mesrûr.
Hab ich die Wahrheit gesprochen und irr ich mich nicht,
So hab ich heute all meine Wünsche erreicht,
Und Freude naht meinem Herzen von überall.«

Als sie diese Worte von ihm vernahmen, schwur ihm Dschaafar einen doppelzüngigen Eid, daß sie nicht die erwähnten Personen seien; der junge Mann lächelte jedoch und sagte: »Wisset, meine Herren, ich bin nicht der Fürst der Gläubigen, sondern heiße mich nur so, um von dem Volk der Stadt zu erreichen, was ich will. Mein Name ist Mohammed Alī, der Sohn Alīs des Juweliers. Mein Vater gehörte zu den Vornehmen Bagdads und hinterließ mir bei seinem Tode reiches Gut an Gold, Silber, Perlen, Korallen, Hyacinthen, Chrysolithen und andern Edelsteinen, ferner Grundstücke, Bäder, Äcker, Gärten, Läden, Ziegelbrennereien, Negersklaven, Sklavinnen und Pagen. Da traf es sich eines Tages, daß, als ich in meinem Laden, umgeben von meinen Eunuchen und meiner Dienerschaft, dasaß, mit einem Male ein Mädchen, von drei Sklavinnen gleich Monden begleitet, auf einem Maultier angeritten kam. Als sie nahe bei meinem Laden angelangt war, stieg sie ab und fragte mich, sich an meine Seite setzend: »Bist du Mohammed Alī, der Juwelier?« Ich erwiderte ihr: »Jawohl, hier steht dein Mamluk und Sklave;« da fragte sie mich: »Hast du ein für mich passendes Edelsteinhalsband?« Ich erwiderte: »Meine Herrin, alles, was ich habe, will ich dir zeigen und dir vorlegen; und wenn dir etwas von den Sachen gefällt, so ist es deines Mamluken Glück, wenn aber nicht, so ist's sein Unglück.« Nun hatte ich hundert Halsbänder aus Edelsteinen, die ich ihr alle vorlegte, doch sagte sie, da ihr keines derselben gefallen wollte: »Ich möchte etwas hübscheres als was ich gesehen habe, kaufen.« Da sagte ich zu ihr, da ich auch noch 200 ein kleines Halsband hatte, das mein Vater einst für hunderttausend Dinare gekauft hatte, und desgleichen bei keinem der größten Sultane gefunden wurde: »Meine Herrin, ich habe noch ein Halsband aus Juwelen und Edelsteinen, desgleichen niemand besitzt, Groß oder Klein,« worauf sie mir befahl: »Zeig es mir.« Als sie es gesehen hatte, sagte sie: »Das ist's, was ich wünschte, und wonach ich mein ganzes Leben lang begehrte,« und setzte hinzu: »Wie teuer ist es?« Ich entgegnete: »Mein Vater hat hunderttausend Dinare dafür bezahlt.« Da sagte sie: »Und du sollst fünftausend Dinare Profit daran haben,« worauf ich versetzte: »Meine Herrin, das Halsband und sein Besitzer stehen zu deinem Befehl, und ich darf nichts dawidersagen.« Sie entgegnete jedoch: »Der Verdienst muß sein, und obendrein verpflichtest du mich noch unbegrenzt.« Alsdann erhob sie sich unverzüglich, stieg schnell auf ihr Maultier, und rief mir zu: »Mein Herr, im Namen Gottes, beehre uns mit deiner Begleitung, damit du den Kaufpreis empfängst; denn dieser dein Tag ist uns weiß wie Milch.« Da erhob ich mich, verschloß meinen Laden und begleitete sie sicher, bis wir zu einem Hause gelangten, welches des Glückes Zeichen offenbarlich zur Schau trug; seine Thür war mit Gold, Silber und Azurfarbe verziert, und auf ihm standen die beiden Verse geschrieben:

O Haus, mag Trauer nimmer einkehren in dir,
Und mag die Zeit nie deinen Herrn verraten!
Ein herrliches Haus bist du für alle die Gäste,
Wenn die andern Häuser all für Gäste zu eng sind.

Hier stieg nun das Mädchen ab und trat in die Wohnung ein, während sie mir befahl mich auf die Steinbank neben der Thür zu setzen, bis der Geldwechsler käme. Als ich eine Weile an der Hausthür gesessen hatte, kam mit einem Male eine Sklavin zu mir heraus und befahl mir: »Mein Herr, tritt ins Vestibül ein, denn vor der Thür zu sitzen ist deiner unwürdig.« Darauf stand ich auf, trat ins Vestibül und setzte mich dort auf die Bank; nach kurzer Zeit kam 201 jedoch wieder eine Sklavin heraus und sagte zu mir: »Mein Herr, meine Herrin läßt dir sagen: Komm' herein und setzt dich an die Thür der Halle, bis du dein Geld empfangen hast.« Da stand ich auf und trat ins Haus ein. Kaum aber hatte ich mich niedergelassen, da wurde ein seidener Vorhang aufgezogen, und nun sah ich das Mädchen, welches das Halsband von mir gekauft hatte, auf einem goldenen Stuhl sitzen, mit dem Halsband um den Nacken, während ihr Antlitz wie die runde Mondscheibe leuchtete, so daß mir bei ihrem Anblick durch ihre ausnehmende Schönheit und Anmut Verstand und Sinne verwirrt und benommen wurden. Als sie mich erblickte, erhob sie sich von dem Stuhl, und rief mir zu, indem sie mir entgegenlief: »O Licht meiner Augen, ist jeder Hübsche so erbarmungslos gegen seine Geliebte?« Ich entgegnete ihr darauf: »Ach meine Herrin, die Schönheit ist ganz dir zu eigen und ist nur ein Teil deiner innern Vorzüge.« Da erwiderte sie: »O Juwelier, wisse, ich liebe dich und kann es kaum glauben, daß ich dich zu mir gebracht habe.« Darauf neigte sie sich mir zu, und ich küßte sie und sie küßte mich und zog mich an sich und riß mich an ihre Brust.

Zweihundertundeinundneunzigste Nacht.

Dann sagte sie zu mir: »Ich bin ein jungfräuliches Mädchen, dem noch kein Mann genaht ist, und ich bin in der Stadt nicht unbekannt; weißt du, wer ich bin?« Ich entgegnete: »Nein, bei Gott, meine Herrin.« Nun sagte sie: »Ich bin die Herrin Dunjā, die Tochter des Jahjā bin Châlid,Johannes, Sohn des Châlid. des Barmekiden, und mein Bruder ist Dschaafar, des Chalifen Wesir.« Als ich diese Worte von ihr vernahm, trat ich von ihr zurück und sagte zu ihr: »Meine Herrin, du bist selber daran schuld, daß ich so kühn zu dir wurde.« Sie entgegnete jedoch: »Sei ohne Furcht, und deinen Wunsch sollst du in Gott wohlgefälliger Weise erreichen; ich bin meine eigene Herrin, und der Kadi soll als mein Sachwalter den 202 Ehekontrakt aufsetzen, denn es ist mein Wunsch dein Weib zu werden, und du sollst mein Herr und Gemahl sein.« Hierauf ließ sie den Kadi und die Zeugen rufen, während sie alles, so schnell sie konnte, zurecht machte. Als dieselben dann erschienen waren, sagte sie zu ihnen: »Mohammed Alī, der Sohn Alīs des Juweliers, begehrt mich zur Frau und hat mir als Morgengabe dieses Halsband gegeben; und ich nehme es an und willige ein.« Darauf setzten sie unsern Ehekontrakt auf, die Sklaven brachten das Weinservice, und die Becher kreisten in schönster Weise und bester Ordnung. Als uns dann der Wein zu Kopf stieg, befahl sie einer Sklavin, einer Lautenschlägerin, uns etwas vorzusingen, worauf dieselbe zur Laute griff und in entzückender Weise ein Lied vortrug. Dann sang ein Mädchen nach dem andern und trug Verse vor, bis zehn von ihnen an die Reihe gekommen waren, worauf die Herrin Dunjā zur Laute griff und folgende Verse sang:

Ich schwör' bei dem stolzen Gang deiner biegsamen Gestalt,
Feurige Qualen erduld' ich, dieweil du mich fliehst.
Hab' Mitleid mit einem Herzen, das aus Liebe zu dir in höllischen Gluten brennt,
Du, der du strahlst wie der Vollmond in dunkelster Nacht.

Als sie ihr Lied beendet hatte, nahm ich die Laute von ihr und sang nach einem eigenartigen Vorspiel die Verse:

Preis meinem Herrn, der dir alle Schönheit verliehen,
So daß du auch mich zu deinem Gefangenen machtest.
O du, deren Auge die Menschen in Banden schlägt,
Bete, daß ich den Pfeilen, die du entsendest, entrinne.
Zwei Gegensätze, Wasser und lodernde Feuersglut
Sind in wunderbarer Weise auf deinen Wangen vereint.
Himmel und Hölle bist du in gleicher Weise in meinem Herzen,
Ach, wie bitter bist du in meinem Herzen und ach, wie süß!

Als sie meinen Gesang vernommen hatte, freute sie sich mächtig; dann entließ sie die Sklavinnen, und wir standen auf und begaben uns zu einem prächtigen Platz, wo man uns ein buntes Bett aufgeschlagen hatte, und wo ich nun 203 mit ihr in trautem Beisammensein eine Nacht verbrachte, wie ich sie in meinem Leben nicht schöner gesehen hatte, –

Zweihundertundzweiundneunzigste Nacht.

so daß ich die beiden Verse sprach:

»Wie der Ringeltaube Ring umschließt ihren Nacken mein Arm,
Und meine Hand ist der Schleier vor ihrem Mund.
Das ist das herrlichste Glück, und nimmer find' es ein Ende!
Arm in Arm so zu ruhen ist unser einzigster Wunsch.«

So verblieb ich einen vollen Monat bei ihr, Laden, Familie und Heim völlig im Stich lassend, bis sie eines Tages zu mir sagte: »O Licht meines Auges, mein Herr Mohammed, ich will heute ins Warmbad gehen; bleib' daher auf diesem Polster sitzen und rühr' dich nicht vom Platze, bis ich zu dir zurückgekehrt bin.« Ich antwortete ihr: »Ich höre und gehorche,« und nun nahm sie, nachdem sie mich noch einen Eid darauf hatte schwören lassen, ihre Sklavinnen mit sich und begab sich ins Bad. Doch, bei Gott meine Brüder, sie war noch kaum ans Ende der Straße gelangt, da öffnete sich die Thür, und eine Alte trat ein und sprach: »Mein Herr Mohammed, die Herrin Subeide läßt dich rufen, da sie von deiner Bildung, deinem feinen Wesen und deinem schönen Gesang gehört hat.« Als ich ihr entgegnete: »Bei Gott, ich stehe nicht eher auf, als bis die Herrin Dunjā zurückgekommen ist,« sagte sie: »Mein Herr, mach' nicht die Herrin Subeide böse auf dich, so daß sie deine Feindin wird; steh' auf, entsprich ihrem Befehl und kehre dann wieder an deinen Platz zurück.« Da erhob ich mich unverzüglich und machte mich mit der Alten, die mir voranschritt, auf den Weg, bis sie mich zur Herrin Subeide geführt hatte. Als ich bei ihr eintrat, fragte sie mich: »O Augenlicht, bist du der Schatz der Herrin Dunjā?« Ich erwiderte: »Ich bin dein Mamluk und Sklav'.« Da sagte sie: »Der hat die Wahrheit gesprochen, der mir von deiner Schönheit und Anmut, deiner Bildung und Vollkommenheit in allen Vorzügen erzählte; du übertriffst, fürwahr, jede Beschreibung und alle Worte, doch 204 singe mir auch etwas, daß ich es höre.« Ich erwiderte: »Ich höre und gehorche,« und nun reichte sie mir eine Laute, und ich sang zu ihrem Spiel folgende Verse:

Des Liebenden Herz ist von der Liebe bezwungen,
Und sein Leib ward von der Hand des Siechtums geplündert.
Unter den Reitern dieser gehalfterten Kamele
Weilt ein Liebender, dessen Schatz zur Karawane gehört.
In Gottes Hut empfehl' ich einen Mond in euern Zelten,
Den mein Herz liebt, wiewohl er meinem Auge verhüllt ist.
Bald ist sie gut, bald böse, wie süß ist ihre Spröde!
Denn alles, was die Geliebte thut, ist lieb.

Als ich den Gesang beendet hatte, sagte sie: »Gott schenke dir Gesundheit und eine schöne Stimme! Wahrlich, du bist vollkommen an Schönheit, Bildung und Gesang; nun aber steh auf und kehr zu deinem Platz zurück, bevor die Herrin Dunjā nach Hause kommt und auf dich böse wird, wenn sie dich nicht findet.« Hierauf küßte ich die Erde vor ihr und ging fort, während die Alte vor mir her schritt, bis ich an die Thür kam, durch welche ich ausgegangen war. Als ich nun aber eintrat und zu dem Polster ging, sah ich, daß die Herrin Dunjā bereits aus dem Bade gekommen war und auf dem Polster lag und schlief. Da setzte ich mich ihr zu Füßen und knetete ihr dieselben, worauf sie ihre Augen öffnete. Sobald sie mich jedoch erblickte, zog sie die Füße an sich und gab mir einen Tritt, daß ich von dem Polster herunterfiel, wobei sie mich anschrie: »Du Treuloser, du hast deinen Schwur gebrochen und bist meineidig geworden. Du versprachst mir, dich nicht von deinem Platz zu rühren und beschworst es mir, und nun bist du doch zur Herrin Subeide fortgegangen. Bei Gott, fürchtete ich nicht öffentlichen Skandal, so risse ich ihr ihren Palast über ihrem Haupt ein.« Alsdann sagte sie zu einem ihrer Sklaven: »Sawâb, steh auf und schlag jenem verlogenen Verräter den Kopf ab, er ist uns zu nichts mehr nutz.« Wie nun der Sklave herzutrat und, einen Fetzen von seines Gewandes Saum abreißend, mir die Augen verband, um mir darauf den Kopf abzuschlagen, – 205

Zweihundertunddreiundneunzigste Nacht.

da sprangen alle ihre Sklavinnen, groß und klein, auf und eilten zu ihr und baten sie: »Herrin, dies ist nicht der erste, der sich vergangen hat; er kannte dein Temperament nicht und hat doch auch kein todeswürdiges Vergehen begangen.« Nun sagte sie: »Bei Gott, ich muß ihm wenigstens einen Denkzettel geben!« Darauf befahl sie ihnen mich zu schlagen, worauf sie mich auf die Rippen peitschten; und die Narben, die ihr sahet, rühren noch von jenen Schlägen her. Hierauf befahl sie ihnen mich herauszuschaffen, und sie trugen mich hinaus und warfen mich in einiger Entfernung von ihrem Schloß ab. Mühsam hob ich mich dann auf und wankte langsam nach Hause, wo ich mir einen Chirurgen kommen ließ und ihm meine Wunden zeigte; und der Chirurg sprach mir freundlich zu und that sein bestes in meiner Behandlung. Nachdem ich dann wieder genesen und ins Bad gegangen war, und nachdem alle meine Schmerzen und Qualen aufgehört hatten, ging ich in meinen Laden, nahm alle Pretiosen, die ich dort hatte, und verkaufte sie. Für den Erlös kaufte ich mir vierhundert Mamluken, wie sie sich kein König zusammengekauft hat, und ließ zweihundert von ihnen alle Tage mit mir ausreiten. Außerdem ließ ich mir jenes Boot bauen, das mich fünftausend goldene Dinare kostete und hieß mich fortan den Chalifen, indem ich jeden einzelnen meiner Sklaven mit den entsprechenden Ämtern des Chalifengefolges bestallte, und ihn mit seiner Amtstracht ausstaffierte, und dann vor mir ausrufen ließ: »Jedem, der auf dem Tigris eine Lustfahrt macht, lasse ich unverzüglich den Kopf abschlagen.« In dieser Weise verfahre ich nunmehr schon ein ganzes Jahr, ohne daß ich etwas von ihr vernommen hätte oder auf eine Spur von ihr gestoßen wäre.« Darauf weinte er und sprach unter strömenden Thränen die Verse:

»Bei Gott, ich will sie nimmer vergessen
Und will nur dem nahn, der sie mir nahe bringt.
Nach dem Bilde des Vollmonds scheint sie erschaffen zu sein, 206
Preis ihrem Schöpfer, Preis Ihm, der sie gebildet!
Traurig, schlaflos und krank ward ich durch sie,
Und mein Herz verzehrt sich nach ihrem Wesen.«

Als Hārûn er-Raschîd seine Erzählung vernommen hatte und seine Leidenschaft, sein Weh und Verlangen erkannte, ward er von Mitleid für ihn und von Verwunderung erfüllt und rief: »Preis sei Gott, welcher für jedes Ding eine Ursache gemacht hat!« Darauf baten sie den jungen Mann um Erlaubnis fortgehen zu dürfen und gingen fort, nachdem er ihnen die Erlaubnis dazu erteilt hatte, während der Chalife sich vornahm ihm Gerechtigkeit zu verschaffen und ihn aufs reichlichste zu beschenken. Im Chalifenpalaste angelangt, wechselten sie ihre Kleider, indem sie wieder die Staatskleider anzogen, und setzten sich, während sich Mesrûr, der Träger des Racheschwertes, vor sie hinstellte. Alsdann sagte der Chalife zu Dschaafar: »Wesir, her mit dem jungen Mann, –

Zweihundertundvierundneunzigste Nacht.

bei dem wir vergangene Nacht zu Besuch waren.« Dschaafar erwiderte: »Ich höre und gehorche;« dann begab er sich zu ihm und sagte zu ihm nach dem Salâm: »Entsprich dem Fürsten der Gläubigen, dem Chalifen Hārûn er-Raschîd,« worauf derselbe ihn, infolge des Befehls beklommenen Herzens, zum Palast begleitete. Als er zu dem Chalifen eingetreten war, küßte er die Erde vor ihm, erflehte ihm Ruhm und Glück in ewiger Dauer, die Erfüllung seiner Wünsche, die Dauer seiner Huld und das Ende der Übel und Strafe, indem er seine Rede aufs beste setzte und mit den Worten schloß: »Frieden sei auf dir, o Fürst der Gläubigen und Schirmherr der Gemeinde des Glaubens!« Hierauf setzte er noch die beiden Verse hinzu:

»Immer werde dein Thor wie die Kaaba besucht,
Und die Stirnen seien immer gezeichnet von seinem Staub,
Daß über die Lande all die Kunde erschallt:
Dies ist die Stätte, und du bist Abraham.«Gemeint ist der Stein, auf welchem Abraham beim Bau der Kaaba stand. Gebete an dieser Stätte sind besonders gesegnet. 207

Da lächelte ihm der Chalife freundlich ins Gesicht, erwiderte ihm den Salâm und schaute ihn an mit dem Auge der Huld; dann ließ er ihn herantreten und vor ihm sich setzen und sagte zu ihm: »Mohammed Alī, ich wünsche, daß du mir dein Erlebnis von heute Nacht erzählst, das wunderbar und höchst seltsam war.« Da rief der Jüngling: »Vergebung, o Fürst der Gläubigen, gieb mir das Tuch der Gnade, daß meine Furcht sich legt und mein Herz sich sicher fühlt!« Und der Chalife erwiderte: »Dir sei Schutz gewährt vor Furcht und Trübsal!« Hierauf begann der Jüngling sein Erlebnis von Anfang an bis zu Ende zu erzählen, und der Chalife, der aus seiner Erzählung erkannte, daß er ein Liebender war, der von seinem Schatz getrennt war, fragte ihn nun: »Willst du, daß ich sie dir wiedergebe?« Der Jüngling antwortete: »Das wäre hohe Huld vom Fürsten der Gläubigen,« und sprach die beiden Verse:

»Küsse seine Fingerspitzen, die keine Fingerspitzen sind,
Sondern die Schlüssel zum täglichen Brot.
Und dank' ihm für seine Wohlthaten, die keine Wohlthaten sind,
Sondern Geschmeide am Hals der Empfänger.«

Hierauf wendete sich der Chalife zu seinem Wesir und sagte zu ihm: »Dschaafar, hole mir deine Schwester her, die Herrin Dunjā, die Tochter des Wesirs Jahjā bin Châlid.« Dschaafar erwiderte: »Ich höre und gehorche, Fürst der Gläubigen;« alsdann holte er sie zur selbigen Zeit und Stunde. Als nun die Herrin Dunjā vor dem Chalifen stand, sprach dieser zu ihr: »Weißt du, wer dies ist?« Sie antwortete: »O Fürst der Gläubigen, woher sollen Frauen Männer kennen?« Der Chalife lächelte jedoch und sagte zu ihr: »Dunjā, dies ist dein Geliebter Mohammed, der Sohn Alīs des Juweliers. Wir wissen die Sache, wir haben die Geschichte von Anfang bis zu Ende gehört und sie von außen und innen begriffen; die Sache ist mir nicht mehr verborgen, auch wenn sie verhüllt war.« Da sagte sie: »O Fürst der Gläubigen, dies stand in dem Buche geschrieben, und ich flehe 208 zum allmächtigen Gott um Verzeihung für meine That und bitte dich in deiner Huld um Vergebung.« Der Chalife Hārûn er-Raschîd lachte nun und ließ den Kadi und die Zeugen kommen und ihren Ehekontrakt mit ihrem Gatten Mohammed, dem Sohn des Juweliers Alī, zur höchsten Glückseligkeit der beiden und zur Kränkung der Neider erneuern. Dann nahm er ihn in den Kreis seiner Tafelrunde auf, und sie lebten fröhlich und selig und in Freuden, bis daß der Zerstörer aller Freuden und der Trenner aller Vereinigungen sie heimsuchte.

 


 

Ende des sechsten Bandes.

 

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