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Tausend und eine Nacht. Band VI

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VI - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VI
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages208
created20180114
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Schlachthausreiniger und die vornehme Frau.

Ferner erzählt man, daß während der Wallfahrtszeit, als das Volk den Umzug um die Kaaba vollzog und der Rundweg von der Menge dicht vollgedrängt war, plötzlich ein Mensch die Decke der Kaaba packte und tief aus seines Herzens Grund schrie: »O Gott, ich bitte dich, laß sie noch einmal auf ihren Gatten erzürnt werden, daß ich bei ihr weilen darf!« Als eine Gruppe von Pilgern diese Worte von ihm vernahm, packten sie ihn und führten ihn, nachdem sie ihm zuvor ein tüchtiges Futter Prügel zu kosten gegeben hatten, vor den Emir der Wallfahrer, zu welchem sie sprachen: »Emir, wir fanden diesen Menschen an den heiligen Stätten die und die Worte reden;« und der Emir befahl den Pilgern ihn zu hängen. Da rief der Missethäter: »O Emir, bei dem Gottesgesandten, – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – höre zuerst meine Geschichte und meine Erzählung an und hernach thu mit mir nach deinem Belieben.« Nun sagte der Emir: »Erzähle!« Da erzählte er: »Wisse, Emir, ich arbeite als Reinmacher in den Schafschlächtereien und schaffe das Blut und den Unrat zu den Aasgruben. Als ich nun eines Tages wieder meinen Esel beladen hatte und mit ihm abzog, sah ich die Leute fortlaufen, und einer aus der Menge rief mir zu: »Geh in diese Gasse hinein, daß man dich nicht totschlägt.« Auf meine Frage: »Warum laufen denn die Leute fort?« antwortete mir einer, ein Eunuch: »Die Frau eines Großen kommt, und die Eunuchen treiben vor ihr das Volk aus dem Wege und prügeln alle, ohne auf irgend jemand Rücksicht zu nehmen. Da bog ich mit dem Esel in ein Gäßchen ab – 184

Zweihundertunddreiundachtzigste Nacht.

und wartete, bis sich die Menge zerstreut hätte, wobei ich Eunuchen mit Stöcken in den Händen erblickte, von denen gegen dreißig Frauen geleitet wurden, in deren Mitte sich die Herrin derselben befand, gleich einer Bânrute und von vollendeter Schönheit, Eleganz und Koketterie. Als dieselbe zur Öffnung der Gasse, in welcher ich stand, kam, wendete sie sich nach rechts und links und rief dann einen Eunuchen zu sich heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Gleich darauf kam der Eunuch zu mir und legte Hand an mich, worauf die Menge fortlief, und ein zweiter Eunuch nahm meinen Esel und ging damit fort. Der erste Eunuch aber fesselte mich mit einem Strick und zog mich hinter sich her, ohne daß ich wußte, was los war, während das Volk hinter uns drein schrie und rief: »Das ist nicht von Gott erlaubt; was hat denn dieser arme Reinmacher gethan, daß er mit Stricken gebunden wird?« und die Eunuchen bat: »Erbarmet euch seiner, so wird sich auch Gott, der Erhabene, euer erbarmen; laßt ihn los!« Ich aber sprach bei mir: »Die Eunuchen haben mich nur deshalb ergriffen, weil ihre Herrin den Gestank des Unrats gerochen hat und ihr dadurch übel geworden ist; vielleicht ist sie auch guter Hoffnung oder es fehlt ihr sonst etwas. Es giebt keine Macht und keine Kraft außer bei Gott, dem Hohen und Erhabenen!« Ich schritt nun fortwährend hinter ihnen drein, bis sie zur Thür eines großen Hauses ankamen und daselbst eintraten, während ich ihnen folgte, bis die Herrin schließlich zu einem großen Saal gelangte, dessen Schönheiten ich wegen seiner prächtigen Ausstattung nicht zu beschreiben weiß. Nach ihr traten die Sklavinnen gleichfalls in den Saal ein, und ich folgte gefesselt und von dem Eunuchen geführt, wobei ich bei mir sprach: »Ganz gewiß werden sie mich in diesem Hause hier zu Tode foltern, ohne daß irgend jemand etwas von meinem Tode erfährt.« Bald darauf führten sie mich jedoch in ein hübsches Badezimmer neben dem Saal, und plötzlich 185 erschienen, als ich mich in dem Baderaum befand, drei Sklavinnen und setzten sich rings um mich, indem sie zu mir sagten: »Zieh deine Lumpen aus.« Als ich nun meine Lappen ausgezogen hatte, begann eine der Sklavinnen meine Füße zu reiben, die zweite wusch mir den Kopf und die dritte knetete mir den Leib. Nachdem sie damit fertig geworden waren, brachten sie mir ein Paket mit Kleidungsstücken und sagten zu mir: »Zieh diese Sachen an.« Ich entgegnete: »Bei Gott, ich weiß nicht, wie ich das thun soll.« Da traten sie an mich heran und zogen mich an, indem sie sich dabei über mich lustig machten; dann brachten sie Spritzflaschen voll Rosenwasser und bespritzten mich, worauf ich ihnen in einen andern Saal folgte, dessen Pracht ich wegen seiner vielen Malereien und Ausstattungsgegenstände, bei Gott, nicht zu beschreiben weiß. Dort eingetreten, fand ich ein Mädchen auf einer Bambusbank –

Zweihundertundvierundachtzigste Nacht.

mit elfenbeinernen Füßen sitzen, und vor ihr eine Anzahl Sklavinnen. Als sie mich erblickte, trat sie auf mich zu und rief mich zu sich, und ich ging zu ihr, und nun hieß sie mich niedersitzen. Nachdem ich mich an ihre Seite gesetzt hatte, befahl sie den Sklavinnen das Essen zu bringen, und sie brachten mir allerlei köstliche Gerichte, deren Namen ich in meinem Leben nicht gehört hatte, geschweige denn, daß ich wußte, woraus sie bestanden. Ich aß nun von ihnen soviel bis ich genug hatte. Nachdem dann die Schüsseln wieder fortgetragen waren, und wir uns die Hände gewaschen hatten, befahl sie das Obst zu bringen, das unverzüglich vor sie gestellt wurde. Alsdann forderte sie mich auf zu essen, und ich aß, und als wir mit dem Essen fertig waren, beauftragte sie einige der Sklavinnen das Trinkgeschirr zu bringen, worauf dieselben verschiedenfarbene Weine brachten und allerlei Räucherwerk in den Räucherschalen anzündeten, während sich ein Mädchen schön wie der Mond erhob und uns zum Spiel der Saiten einschenkte. Da trank ich und jene Herrin, die auf der Bambusbank saß, wobei ich fest glaubte, daß alles 186 dies, was hier vor sich ging, nur ein Traum sei. Nach einiger Zeit gab sie einer der Sklavinnen einen Wink uns an einer Stelle ein Lager zurecht zu machen, und stand, nachdem sie dasselbe an dem von ihr bezeichneten Platz zurecht gemacht hatten, auf, faßte mich bei der Hand und führte mich dorthin, worauf wir beide miteinander bis zum Morgen ruhten. So oft ich sie aber an meine Brust preßte, roch ich die von ihr ausströmenden Moschusdüfte und Parfüms und glaubte nicht anders, als daß ich mich im Paradiese befände oder daß ich einen schönen Traum träumte. Am nächsten Morgen fragte sie mich, wo ich wohne, und ich erwiderte ihr: »An dem und dem Ort.« Da befahl sie mir hinaus zu gehen und gab mir ein Taschentuch mit Gold- und Silberstickereien, in welchem etwas eingebunden war, indem sie dabei zu mir sagte: »Geh' hiermit ins Bad.« Erfreut sprach ich bei mir: »Wenn nur fünf Kupferlinge darin sind, so hab' ich heute mein Frühstück dafür.« Darauf verließ ich sie, wie einer, der das Paradies verläßt, und begab mich zu meinem Stall, wo ich das Tuch öffnete und fünfzig Goldmithkâl darin fand. Da vergrub ich das Gold und setzte mich an die Thür, nachdem ich für zwei Kupferlinge Brot und Zukost gekauft hatte, und nahm meinen Morgenimbiß ein, worauf ich über mein Erlebnis bis zum Nachmittagsgebet grübelte, als mit einem Male eine Sklavin ankam und zu mir sagte: »Meine Herrin verlangt nach dir.« Da folgte ich ihr zur Thür ihres Hauses, wo sie mich anmeldete. Nach erteilter Erlaubnis trat ich ein und küßte die Erde vor ihr, sie aber forderte mich wieder auf Platz zu nehmen und bestellte wie am Tage zuvor die Speisen und den Wein. Hierauf ruhte ich wieder mit ihr wie in der verflossenen Nacht. Am folgenden Morgen gab sie mir dann wieder ein Tuch mit fünfzig Goldmithkâl, und ich nahm es, ging hinaus und suchte wieder meinen Stall auf, wo ich das Gold vergrub. Acht Tage lang verbrachte ich in dieser Weise, indem ich sie Tag für Tag um die Zeit des Nachmittagsgebets besuchte und mit 187 Tagesanbruch verließ. Während ich aber in der Nacht des achten Tages bei ihr schlief, kam mit einem Male eine Sklavin hereingelaufen und rief mir zu: »Steh' auf und steig' in jene Kammer hinauf.« Da stieg ich hinauf und trat in die Kammer, welche auf die Straße hinausging, und mit einem Male, als ich mich kaum gesetzt hatte, hörte ich mächtigen Lärm und Pferdegetrampel. Da aber in jener Kammer ein Fenster war, welches auf das Thor hinausging, blickte ich hinaus und sah nun einen jungen Mann, schön wie der aufgehende Mond in der Nacht seiner Vollendung, herangesprengt kommen, und vor ihm Mamluken und Soldaten zu Fuß als seine Geleitsmannschaft. Als er das Thor erreicht hatte, sprang er aus dem Sattel und eilte in den Saal, wo er die Herrin auf einem Polster sitzend antraf; alsdann küßte er die Erde vor ihr, und trat auf sie zu, ihr die Hände küssend, während sie kein Wort zu ihm sprach. Er ließ jedoch nicht nach sich vor ihr zu demütigen, bis er sie versöhnt hatte, worauf er die Nacht über bei ihr ruhte.

Zweihundertundfünfundachtzigste Nacht.

Am nächsten Morgen traten die Soldaten vor ihn, worauf er wieder aufsaß und aus dem Thor ritt. Als er fort war, kam sie zu mir herauf und fragte mich: »Hast du das gesehen?« Ich erwiderte: »Jawohl.« Da sagte sie: »Das ist mein Gatte, und ich will dir nun erzählen, was zwischen uns beiden vorgefallen ist. Eines Tages traf es sich, daß wir beide im Garten innerhalb des Hauses saßen, als er sich mit einem Male von meiner Seite erhob und geraume Zeit von mir fort blieb, so daß mir die Zeit lang wurde und ich bei mir sprach: »Wahrscheinlich ist er auf den Abtritt gegangen,« und dort nachsah. Als ich ihn aber dort nicht fand, ging ich in die Küche, wo ich eine Sklavin antraf und sie nach ihm fragte. Da zeigte sie mir ihn, wie er grade in den Armen einer Küchenmagd ruhte, und da verschwur ich mich hoch und teuer es mit dem schmutzigsten und schmierigsten Kerl ihm gleich zu thun. An jenem Tage, 188 als dich der Eunuch packte, hatte ich mich bereits vier Tage lang in der ganzen Stadt nach einem derartigen Gesellen umgesehen, und, da ich keinen schmutzigeren und schmierigeren Burschen als dich fand, ließ ich dich ergreifen, und es geschah dann, was Gott über uns beschlossen hatte. Nun habe ich meinen Eid eingelöst, doch wenn mein Gatte noch einmal wieder mit der Sklavin sich einläßt, so will ich es wieder mit dir wie zuvor halten.« Als ich diese Worte von ihr vernahm, wobei sie mein Herz mit den Pfeilen ihrer Blicke durchbohrte, strömten mir die Thränen aus den Augen, bis mir die ganzen Augenhöhlen wund geworden waren. Sie aber befahl mir nun fortzugehen, nachdem ich im ganzen von ihr vierhundert Goldmithkâl erhalten hatte, und ich verließ sie und kam hierher, um Gott zu bitten – Preis Ihm, dem Erhabenen! – daß ihr Gatte noch einmal wieder die Sklavin aufsuchte, damit ich wieder die verflossenen Freuden bei ihr genösse.«

Als der Emir der Pilger jenes Menschen Geschichte vernommen hatte, ließ er ihn los und sagte zu den Anwesenden: »Um Gott, betet für ihn, denn er ist zu entschuldigen.«

 

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