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Tausend und eine Nacht. Band VI

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VI - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VI
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages208
created20180114
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Isaak von Mossul.

Ebenso erzählt man von Isaak von MossulEin berühmter Dichter, Saitenspieler und Tischgenosse Hārûn er-Raschîds und El-Mamûns. folgende Geschichte: »Eines Nachts,« so erzählt er selber, »ging ich von El-Mamûn nach Hause, als ich wegen eines Bedürfnisses in eine Gasse einbiegen mußte. Da sah ich, als ich mitten in der Straße stand, etwas von einem Hause niederhängen und befühlte es, um zu sehen, was es wäre, und fand, daß es ein großer mit Brokat ausgeschlagener Korb aus Palmblättern mit vier Henkeln war. Da sprach ich bei mir: »Sicherlich hat dies einen Grund,« konnte mir jedoch die Sache nicht erklären; schließlich verführte mich mein Rausch dazu, daß ich mich in den Korb setzte; kaum aber saß ich drin, da zogen mich die Bewohner des Hauses mit dem Korb hinauf in dem Glauben, ich sei die von ihnen erwartete Person. Als nun der Korb auf der Höhe der Mauer anlangte, sagten mit einem Male vier Mädchen zu mir: »Komm herab und sei herzlich willkommen!« Alsdann schritt ein Mädchen mit einer Wachskerze mir voraus und führte mich in eine Wohnung mit prächtig eingerichteten Räumen, wie ich sie nur noch im Chalifenpalast gleich schön gesehen hatte. Hier setzte ich mich, und nach einer Weile wurden mit einem Male die Vorhänge von einer Seite des Zimmers aufgezogen, und eine Reihe von Mädchen kam mit Wachskerzen in den Händen 177 und mit Räucherfäßchen voll Sumatraaloeholz hereingeschritten, unter denen sich ein Mädchen gleich dem aufsteigenden Vollmond befand. Ich erhob mich vor ihr, und sie sagte: »Willkommen dem Besucher!« Dann hieß sie mich wieder sitzen und fragte mich, wie ich hereingekommen sei; ich erzählte ihr nun: »Ich war bei einem meiner Brüder gewesen und auf dem Wege nach Hause, als ich mich in der Dunkelheit verirrte und mich nebenbei ein Bedürfnis veranlaßte in diese Gasse einzubiegen. Da sah ich einen Korb hängen, und die Weinlaune trieb mich an, mich in den Korb zu setzen, worauf der Korb mit mir hinaufgezogen wurde. Das ist meine Geschichte.« Sie versetzte darauf: »Dir soll nichts geschehen, und ich hoffe, du wirst den Ausgang deines Abenteuers loben.« Dann fragte sie mich noch: »Was ist dein Gewerbe?« und ich antwortete: »Ich bin ein Kaufmann im Bazar von Bagdad.« Nun fragte sie: »Weißt du einige Verse vorzutragen?« »Ein wenig,« versetzte ich. »Dann besinne dich,« entgegnete sie, »und laß uns etwas hören.« Ich versetzte jedoch: »Siehe, der Besucher ist befangen, mach du daher den Anfang.« Sie erwiderte: »Du hast recht,« und trug nun einige Verse von den besten Sachen der alten und modernen Poeten vor, während ich zuhörte und nicht wußte, ob ich ihre Schönheit und Anmut oder ihren entzückenden Vortrag mehr bewundern sollte. Dann fragte sie mich: »Ist nun deine Befangenheit geschwunden?« und ich erwiderte: »Ja, bei Gott!« »Dann,« sagte sie, »trag uns etwas vor, wenn du Lust hast.« Hierauf trug ich eine hinreichende Zahl Gedichte der alten Poeten vor, worauf sie entzückt sagte: »Bei Gott, ich glaube, unter dem Volk im Bazar findet man solch einen nicht wieder!« Hierauf bestellte sie das Essen. – Da sagte Dinarsad zu ihrer Schwester: »Wie süß ist doch deine Geschichte, wie schön, wie lieb und entzückend!« Und Schehersad erwiderte: »Was ist dies im Vergleich zu dem, was ich euch in der kommenden Nacht erzählen werde, so ich am Leben bleibe, und mich der König verschont.« 178

Zweihundertundachtzigste Nacht.

»Glückseliger König, als nun das Essen aufgetragen war, begann sie zuzulangen und setzte es vor mich; und das Zimmer war mit allerlei duftigen Blumen angefüllt und mit seltenen Früchten, wie man sie nirgends als bei Königen antrifft. Alsdann rief sie nach Wein und trank einen Becher, worauf sie mir einen Becher reichte und zu mir sagte: »Nun ist es Zeit sich zu unterhalten und Geschichten zu erzählen.« Infolgedessen machte ich mich ans Erzählen, indem ich bald anhob: »Das und das ist mir zu Ohren gekommen,« und »es war einmal ein Mann, der das und das erzählte,« bis ich eine Reihe hübscher Geschichtchen erzählt hatte, und sie entzückt sagte: »Das ist doch wunderbar, daß ein Kaufmann so hübsche Geschichten weiß, die sich für Könige schicken.« Da sagte ich: »Ich hatte einen Nachbarn, welcher mit Königen verkehrte und ihr Bechergenoß war; hatte er freie Zeit, so besuchte ich ihn, wobei er mir dann hin und wieder erzählte, was du von mir vernahmst;« und sie erwiderte: »Bei meinem Leben, du hast ein gutes Gedächtnis!« Hierauf unterhielten wir uns wieder, und so oft ich schwieg, nahm sie das Wort auf, bis wir den größten Teil der Nacht bei den aufwirbelnden Aloedüften verbracht hatten, und ich mich in einem Zustande befand, daß El-Mamûn, wenn er ihn geahnt hätte, vor Verlangen danach geflogen wäre. Dann sagte sie zu mir: »Fürwahr, du bist einer der angenehmsten und feinsten Männer, da du ausgezeichnete Bildung besitzt; eines nur fehlt.« Da fragte ich sie: »Was ist's?« Und sie erwiderte: »Könntest du doch auch noch Lieder zur Laute vortragen!« Ich antwortete: »Früher that ich es sehr gern, doch, da ich kein Talent dafür hatte, ließ ich es sein, wiewohl mein Herz dafür noch glüht, und gerade jetzt sänge ich gern etwas hübsches, um das Vergnügen dieser Nacht vollkommen zu machen.« Nun erwiderte sie: »Mir deucht, du giebst mir einen Wink die Laute zu holen?« worauf ich antwortete: »Der Beschluß ist der deine, und willst du mir diesen großen Gefallen thun, 179 so sei dafür bedankt.« Da verlangte sie nach der Laute und als sie gebracht wurde, sang sie mit einer Stimme, wie ich sie süßer nie gehört hatte, sowohl was den entzückenden Vortrag als das vortreffliche Spiel und die vollendete Kunst anlangt. Dann fragte sie mich: »Weißt du, wer diese Melodie komponiert und wer das Lied gedichtet hat?« Ich antwortete: »Nein.« Da sagte sie: »Die Verse sind von dem und dem, und die Melodie ist von Isaak.« Nun fragte ich: »Hat denn Isaak, – mag ich dein Opfer sein! – solch Talent?« Und sie antwortete: »Bravo! Bravo! Isaak ist ein unvergleichlicher Komponist.« Ich erwiderte: »Preis sei Gott, welcher diesem Manne eine Gabe wie keinem andern verlieh!« worauf sie entgegnete: »Wie wäre es erst, wenn du diese Weise von ihm selber gehört hättest! Alsdann vergnügten wir uns weiter bis zum Anbruch der Morgenröte, als eine Alte, die ihre Amme zu sein schien, ankam, und zu ihr sagte: »Die Zeit ist gekommen.« Bei diesen Worten der Alten sprang sie auf und sagte zu mir: »Behalt bei dir, was zwischen uns vorgefallen ist, denn Gesellschaften sind vertraulich.«

Zweihundertundeinundachtzigste Nacht.

Ich erwiderte ihr: »Ich sei dein Opfer! Dieser Ermahnung bedurfte es nicht.« Darauf verabschiedete ich mich von ihr und sie gab mir ein Mädchen mit, daß sie mir vorausschritte und mir die Hausthür öffnete. Und so öffnete sie mir denn die Thür und ich ging hinaus und suchte mein Haus auf, wo ich das Frühgebet sprach und mich schlafen legte. Nach einiger Zeit kam ein Bote von El-Mamûn zu mir, und ich ging zu ihm und blieb den Tag über bei ihm. Sobald aber der Abend anbrach, erinnerte ich mich wieder des Vergnügens der gestrigen Nacht, dem nur ein Dummkopf hätte entsagen können, und ging wieder zu der Gasse, wo ich mich in den Korb setzte und dann an den Ort, an dem ich die Nacht zuvor verbracht hatte, wieder heraufgezogen wurde. Oben angelangt, sagte das Mädchen zu mir: »Fürwahr, du 180 bist ein aufmerksamer Besucher,« und ich erwiderte ihr: »Mir deucht's, ich wäre nachlässig gewesen.« Darauf hoben wir wieder an uns miteinander zu unterhalten, ganz wie wir es nachts zuvor gethan hatten, indem wir miteinander plauderten, einander Verse vortrugen und merkwürdige Begebenheiten erzählten, bis das Morgenrot aufleuchtete, und ich mich wieder nach meiner Wohnung begab, wo ich das Frühgebet verrichtete und mich dann schlafen legte. Nach einiger Zeit kam der Bote von El-Mamûn wieder, und ich begab mich zu ihm und verbrachte den ganzen Tag bei ihm. Als dann der Abend kam, sagte der Fürst der Gläubigen zu mir: »Ich beschwöre dich hier sitzen zu bleiben, bis ich eines Anliegens willen fortgegangen und wieder zurückgekehrt bin.« Als nun der Chalife fortgegangen war und mich allein gelassen hatte, erhoben meine Gedanken rings um mich verführerische Einflüsterungen und erinnerten mich an das gestrige Vergnügen, so daß mir die Folgen von seiten des Fürsten der Gläubigen leicht erschienen und ich aufsprang, den Rücken wendete und hinauseilte, bis ich zu dem Korbe kam, mich hineinsetzte und wieder zu dem Platz meiner frühern Besuche hinaufgezogen wurde. Oben angelangt, sagte das Mädchen: »Du bist wohl ein guter Freund von uns?« Ich erwiderte: »Ja, bei Gott,« worauf sie mich fragte: »Machst du unser Haus etwa zu deiner Wohnung?« Ich entgegnete: »Möge ich dein Opfer sein! Der Gast hat auf drei Tage Gastschaft ein Anrecht; kehre ich hernach wieder, so steht euch mein Blut frei.« Hierauf setzten wir uns und verbrachten die Nacht wie gewöhnlich; als aber die Scheidestunde kam, gedachte ich daran, daß El-Mamûn mich ganz bestimmt zur Rede stellen und daß er sich nur mit einem genauen Bericht zufrieden geben würde; ich sagte deshalb zu ihr: »Ich sehe, du gehörst zu denen, die Gesang lieben; nun habe ich einen Vetter mit noch hübscherem Gesicht als ich es habe, und auch von höherem Rang und feinerer Bildung, der von allen Geschöpfen Gottes Isaaks bester Freund ist.« Da entgegnete sie: »Bist du ein 181 SchmarotzerWörtlich: Bist du ein Mensch wie Tufeil? Ein sprichwörtlich gewordener Schmarotzer. und ein zudringlicher Gesell?« Ich erwiderte: »Dein ist die Entscheidung,« und nun sagte sie: »Wenn dein Vetter deiner Beschreibung gleicht, so sind wir nicht abgeneigt seine Bekanntschaft zu machen.« Als es nun Zeit war, stand ich auf und ging nach Hause; kaum aber war ich dort angelangt, da stürzten sich auch schon El-Mamûns Sendlinge auf mich, luden mich harsch auf –

Zweihundertundzweiundachtzigste Nacht.

und schleppten mich vor den Fürsten der Gläubigen, den ich auf einem Stuhle sitzend erzürnt auf mich antraf, und der mich nun anfuhr: »Isaak, Rebellion gegen mich?« Ich erwiderte: »Nein, bei Gott, o Fürst der Gläubigen.« Da sagte er: »Was hast du mir zu erzählen? Sag mir die volle Wahrheit.« Ich antwortete: »Ja, doch unter vier Augen.« Da winkte er seiner Umgebung zu, worauf sie sich zurückzogen und ich ihm die Sache berichtete und zu ihm sagte: »Ich versprach ihr, dich zu ihr zu bringen.« Er antwortete: »Das hast du gut gemacht.« Nachdem wir dann den Tag mit unsern üblichen Vergnügungen verbracht hatten, während El-Mamûns Herz ganz in sie verliebt war, brachen wir, als kaum die Zeit gekommen war, auf, wobei ich ihm einschärfte mich nicht bei meinem Namen in ihrer Gegenwart anzurufen, sondern mich einfach als seinen Begleiter gelten zu lassen. Nachdem wir dies verabredet hatten, wanderten wir die Straßen entlang, bis wir an dem Hause anlangten, wo wir zwei Körbe hängen sahen. Als wir uns hereingesetzt hatten und nach dem bekannten Ort hinaufgezogen waren, kam uns das Mädchen entgegen und begrüßte uns, während El-Mamûn sofort bei ihrem Anblick von ihrer Schönheit und Anmut bestrickt wurde. Dann fing sie an ihm Geschichten zu erzählen und ihm Verse vorzutragen, und im weitern Verlauf bestellte sie Wein, und wir tranken, während sie ihm, ganz entzückt von ihm, besondere Aufmerksamkeiten erwies, 182 und er ihr gleiches mit gleichem vergalt. Dann langte sie zur Laute, sang eine Weise und fragte mich hernach, indem sie dabei auf El-Mamûn wies: »Ist dein Vetter auch ein Kaufmann?« Ich antwortete: »Ja,« und sie versetzte: »Fürwahr, ihr seid beide einander sehr ähnlich,« worauf ich erwiderte: »Jawohl.« Als aber El-Mamûn drei Maß getrunken hatte, wurde er vergnügt und fidel und rief laut: »Heda, Isaak!« Ich erwiderte: »Zu Diensten, o Fürst der Gläubigen.« Da sagte er: »Sing mir mal jene Weise.« Als nun aber das Mädchen vernahm, daß er der Chalife war, zog sie sich in ein anderes Zimmer zurück; sobald ich dann meinen Gesang beendet hatte, sagte El-Mamûn zu mir: »Schau nach, wer der Hausherr ist.« Da antwortete schnell eine Alte und sagte: »Das Haus gehört Hasan, dem Sohn des Sahl.«Derselbe war El-Mamûns Wesir, dessen Tochter er unter den glänzendsten Festlichkeiten heiratete. Die Art aber, in welcher hier El-Mamûn ihre Bekanntschaft machte, ist sicherlich nicht historisch, sondern, wie auch arabische Gelehrte annehmen, ein Schwank aus Isaaks Phantasie. Nun befahl der Chalife: »Her mit ihm!« Darauf verschwand die Alte für eine Weile und mit einem Male erschien Hasan, worauf El-Mamûn ihn fragte: »Hast du eine Tochter?« Er antwortete: »Jawohl, sie heißt Chadîdsche.« Hieraus fragte er ihn: »Ist sie verheiratet?« Er erwiderte: »Nein, bei Gott.« Da sagte der Chalife: »So werbe ich bei dir um sie,« worauf Hasan entgegnete: »Sie ist deine Sklavin und steht zu deinem Befehl, o Fürst der Gläubigen.« Nun sagte der Chalife: »Ich nehme sie zum Weib für eine bare Hochzeitsgabe von dreißigtausend Dinaren, die dir morgen in der Frühe gebracht werden sollen. Wenn du das Geld empfangen hast, so schaffe sie zu uns zur Nacht hinüber.« Hasan erwiderte: »Ich höre und gehorche,« und wir gingen nun fort, während der Chalife zu mir sagte: »Isaak, erzähle keinem diese Geschichte.« So behielt ich sie denn bei mir bis zu El-Mamûns Tod. Nirgends aber genoß ein Mensch solches Glück in seinem Leben wie ich in 183 jenen vier Tagen, in denen ich bei Tage El-Mamûns und bei Nacht Chadîdschens Gesellschafter war; und, bei Gott, niemals sah ich einen Mann wie El-Mamûn und niemals kam mir ein Weib wie Chadîdsche vor Augen, nein, nicht einmal eins, das ihr an Einsicht, Verstand und Rede auch nur nahe gekommen wäre. Und Gott ist allwissend.«

 

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