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Tausend und eine Nacht. Band VI

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VI - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VI
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages208
created20180114
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Abdallāh, der Sohn des Abū Kilâbe, und Irem die Säulenstadt.

Ferner erzählt man, daß Abdallāh, der Sohn des Abū Kilâbe, eines Tages ausging, um eine Kamelin zu suchen, die ihm fortgelaufen war. Während er nun die Wüsten El-Jemens und des Landes Saba durchwanderte, stieß er auf eine gewaltige Stadt, welche von einer mächtigen Burg umschlossen war, um welche rings herum himmelhohe Paläste ragten. In dem Glauben, daß in jener Stadt Bewohner wären, die er nach seiner Kamelin befragen könnte, ging er auf dieselbe zu, fand aber, als er sie erreicht hatte, daß sie wüst war und verlassen von jeglichem lebenden Wesen. »Da stieg ich,« so erzählt er, »von meiner Kamelstute –

Zweihundertundsechsundsiebzigste Nacht.

fesselte ihr die Füße und schritt getrost in die Stadt hinein. Als ich mich der Burg näherte, fand ich, daß sie zwei gewaltige Thore hatte, wie man sie so groß und hoch bisher noch nicht in der Welt geschaut hatte, die mit allerlei Juwelen und Hyacinthen, weißen, roten, gelben und grünen, besetzt waren. Als ich dies sah, verwunderte ich mich über die Maßen darüber und hielt es für ein erstaunlich Ding. Wie ich dann in Zittern und Zagen und völlig verwirrt in die Burg eintrat, fand ich, daß sie lang und breit war und an Ausdehnung etwa El-MedîneMedina, arabisch: El-Medîne = die Stadt (des Propheten). Der ursprüngliche Name war Jathrib. gleichkam. Innerhalb der Burg befanden sich hohe Paläste, und in jedem der Paläste Söller, und alle waren von Gold und Silber erbaut und mit Hyacinthen, Chrysolithen, Perlen und bunten Juwelen besetzt. Die Thürflügel jener Paläste waren ebenso schön, wie die der Burg, und der Boden derselben war ganz mit großen Perlen und Moschus-, Ambra- und Safrankügelchen bestreut.

Wie ich nun mitten in die Stadt hineingekommen war und kein Wesen von den Kindern Adams gewahrte, wäre ich beinahe vor Grausen gestorben. Dann schaute ich hoch oben 171 von den Palästen und den Söllern hinunter und sah zu Füßen derselben Bäche laufen, und in den Hauptstraßen standen fruchtbeladene Bäume und schlanke Palmen, und die Schlösser waren so gebaut, daß immer ein goldener Stein mit einem silbernen abwechselte. Da sprach ich bei mir: »Kein Zweifel, dies ist das im Jenseits verheißene Paradies!« Alsdann nahm ich von ihrem Kies, der aus Edelsteinen bestand, und der Moschuserde, soviel ich tragen konnte, und kehrte wieder in mein Land heim, wo ich den Leuten hiervon erzählte, so daß die Geschichte auch zu Ohren Moâwijes, des Sohnes des Abū Sofjân, kam, welcher damals Chalife im Hidschâs war. Derselbe schrieb darauf an seinen Statthalter in Sanā in El-Jemen, jene Person vor sich kommen zu lassen und sie nach dem wahren Sachverhalt zu befragen, worauf mich der Statthalter zu sich berief und mich nach meinem Abenteuer fragte. Nachdem ich ihm alles, was ich geschaut, berichtet hatte, schickte er mich zu Moâwije, und nun erzählte ich ihm ebenfalls mein Erlebnis. Da er aber die Sache bezweifelte, zeigte ich ihm einige Perlen und Moschus-, Ambra- und Safrankügelchen, welche noch etwas Wohlgeruch behalten hatten, während die Perlen gelb geworden waren und ihre Farbe verloren hatten.

Zweihundertundsiebenundsiebzigste Nacht.

Verwundert über dieselben, schickte Moâwije zu Kaab el-Achbâr,Ein berühmter Traditionist. und sprach zu ihm, als er vor ihm erschien: »Kaab el-Achbâr, ich habe dich rufen lassen, um mich bei dir über eine Sache zu vergewissern, deren wahrer Sachverhalt, wie ich hoffe, dir bekannt sein wird.« Da fragte er: »Was ist's, o Fürst der Gläubigen?« und Moâwije entgegnete: »Weißt du, ob es eine von Gold und Silber erbaute Stadt giebt, deren Säulen aus Chrysolith und Hyacinth bestehen, und als deren Kies Perlen und Moschus-, Ambra- und Safrankügelchen dienen?« Kaab erwiderte: »Gewiß, o Fürst der Gläubigen, das ist Irem die Säulenstadt, derengleichen nirgends 172 in den Landen erschaffen ward. Ihr Erbauer war Schaddâd, der Sohn Ads des Ältern.« Da sagte Moâwije: »Erzähl uns etwas von ihrer Geschichte.« Und Kaab el-Achbâr hob an: »Ad der ältere hatte zween Söhne, Schadîd geheißen und Schaddâd. Als ihr Vater starb, herrschten Schadîd und Schaddâd selbander über das Land, und nirgends gab es einen König auf der Welt, der nicht ihr Vasall gewesen wäre. Da starb Schadîd, der Sohn Ads, und nun beherrschte sein Bruder Schaddâd allein die Erde. Derselbige war aber ein eifriger Leser alter Bücher, und als er einmal vom Jenseits und dem Paradies mit seinen Schlössern und Söllern und Bäumen und Früchten und dergleichen las, trieb ihn sein Gelüst dazu, etwas dem gleiches in der Welt nach besagter Beschaffenheit zu erbauen. Unter seiner Hand standen aber hunderttausend Könige, von denen ein jeder König über hunderttausend Vögte gebot, die wiederum je hunderttausend Kämpen unter ihrer Hand hatten. Alle diese ließ er vor sich kommen und sprach zu ihnen: »Ich lese in den alten Büchern und Geschichten eine Beschreibung vom Paradiese, das im Jenseits liegt, und möchte etwas dem gleiches hienieden schaffen. Ziehet daher von hinnen zur schönsten und weitesten Flur auf der Erde und bauet mir daselbst eine Stadt aus Gold und Silber, lasset ihren Kies Chrysolithen, Hyacinthen und Perlen sein, stützet ihre Schwibbögen auf Säulen von Chrysolith, füllet sie an mit Schlössern, bauet über die Schlösser Söller, pflanzet unter den Schlössern auf den Gassen und Straßen der Stadt allerlei Obstbäume mit scharlachfarbenen Früchten und lasset sie von Bächen in goldenen und silbernen Kanälen durchströmt sein.« Da sprachen sie insgesamt: »Wie sind wir imstande deinen Befehl auszuführen, und wo sollen wir die Chrysolithen, Hyacinthen und Perlen, von denen du sprichst, herbekommen?« Sprach er: »Wisset ihr nicht, daß die Könige der Welt mir gehorchen und unter meiner Hand stehen, und daß kein König hinieden meinem Befehle zu trotzen wagt?« Sie versetzten: 173 »Jawohl, wir wissen es,« und nun befahl er ihnen: »So ziehet denn aus nach den Chrysolith- und Hyacinthenminen –

Zweihundertundachtundsiebzigste Nacht.

und den Perlen-, Gold- und Silbergruben, schaffet ihre Schätze heraus, schaffet alle Kostbarkeiten der Welt zusammen und lasset keine Mühe ungethan; ebenso nehmt für mich alles, was sich an Schätzen dieser Art in den Händen der Menschen findet, lasset euch nichts entgehen und widersprechet mir nicht.« Alsdann schrieb er an alle Könige der Welt Briefe und befahl ihnen alle Schätze dieser Art von ihren Unterthanen einzusammeln und nach den Minen zu gehen und von dort alles kostbare Gestein, wäre es selbst aus dem Meeresgrund, herauszuholen. In einem Zeitraum von zwanzig Jahren hatten die Könige in der ganzen Welt, deren Anzahl dreihundertundsechzigDas stimmt allerdings nicht recht mit den vorhin erwähnten hunderttausend Königen. betrug, des Königs Befehl vollzogen, und nun ließ er aus allen Landen und Zonen Baumeister und Gelehrte, Arbeiter und Werkleute kommen, und sie zerstreuten sich über die Steppen und Wüsten und Fluren und Gefilde, bis sie zu einer Wüste gelangten, in welcher sie eine weite, freie Ebene ohne Hügel und Berge mit sprudelnden Quellen und strömenden Bächen sahen. Da riefen sie: »So sieht das Land aus, das wir dem König suchen sollten, und das er uns zu finden befahl.« Hierauf gingen sie ans Werk die Stadt zu erbauen, wie es ihnen der König Schaddâd, der König der weiten und breiten Welt, befohlen hatte, indem sie die Wasser in Kanälen laufen ließen und die Fundamente nach den erwähnten Maßen legten; und die Könige aller Länder schickten ihnen Juwelen, edle Gesteinsarten, große und kleine Perlen, Karneole, Gold und Silber auf Kamelen durch die Steppen und Wüsten und in großen Schiffen über die Meere, so daß zu den Werkleuten so viele Materialien dieser Art gelangten, wie es sich weder beschreiben noch berechnen oder bemessen läßt. 174 Dreihundert Jahre lang waren sie mit dem Bau beschäftigt; und als sie das Werk vollendet hatten, begaben sie sich zum König und teilten es ihm mit, worauf derselbe ihnen gebot: »Ziehet nunmehr von hinnen und bauet daselbst eine uneinnehmbare, himmelhochragende Burg und bauet um dieselbe tausend Paläste, einen jeden auf tausend Säulen, daß in jedem Palast ein Wesir wohnen kann.« Darauf gingen sie zur selbigen Stunde fort und erbauten die Paläste in zwanzig Jahren. Als sie dann wieder vor Schaddâd erschienen und ihm seines Willens Ausführung vermeldeten, befahl er seinen Wesiren, ihrer Tausend an der Zahl, und ebenso seinen Großen und allen den Streitern und Mannen, in die er vertraute, sich zur Fahrt und zum Umzug nach Irem der Säulenstadt fertig zu machen unter dem SteigbügelD. h. im Gefolge. des Königs der Welt Schaddâd, des Sohnes Ads; ebenso gebot er, wem er wollte von seinen Weibern und den Sklavinnen und Eunuchen seines Harems, sich zurecht zu machen. Nachdem sie zwanzig Jahre mit ihren Vorbereitungen verbracht hatten, brach dann Schaddâd mit seiner Heerschar auf, –

Zweihundertundneunundsiebzigste Nacht.

in heller Freude über die Erlangung seines Wunsches. Als aber nur noch eine Tagereise zwischen ihm und Irem der Säulenstadt lag, sandte Gott wider ihn und seine störrigen Heiden einen gellenden Schrei vom Himmel seiner Allmacht, durch dessen gewaltigen Schall alle zumal umkamen, so daß weder Schaddâd noch irgend einer aus seinem Gefolge zur Stadt gelangte oder sie auch nur von ferne sah; außerdem aber verwischte Gott die Spur der Straße, welche zur Stadt geleitete, und nur die Stadt steht unversehrt an ihrer Stelle bis zur Stunde des Gerichts.«

Als Moâwije Kaab el-Achbârs Erzählung vernommen hatte, verwunderte er sich und fragte ihn: »Gelangte je ein Mensch zu jener Stadt?« Er antwortete: »Jawohl, einer von den Genossen Mohammeds, – Gott segne ihn und 175 spende ihm Heil! – und sicherlich ganz ohne Zweifel wie dieser Mann, der dort sitzt.«

Ferner erzählt Esch-Schaabī nach dem Zeugnis der Gelehrten von Himjar in El-Jemen, daß, nachdem Schaddâd mit seinem Volk durch den Schrei vernichtet war, nach ihm sein Sohn Schaddâd der Jüngere in der Herrschaft folgte, welchen sein Vater Schaddâd der Ältere als Stellvertreter im Lande Hadramaut und Saba bei seinem und seines Volkes Abzug nach Irem der Säulenstadt zurückgelassen hatte. Als diesen nun die Kunde erreichte, daß sein Vater unterwegs noch vor der Stadt Irem umgekommen war, befahl er seines Vaters Leichnam aus jener Wüste nach Hadramaut zu schaffen und ihm daselbst eine Gruft in einer Höhle zu graben. Nachdem sie die Gruft gegraben hatten, legte er ihn daselbst auf einen goldenen Thron, bedeckte ihn mit siebzig golddurchwirkten und mit kostbaren Edelsteinen besetzten Gewändern und stellte ihm zu Häupten eine goldene Tafel auf, auf welcher folgende Verse geschrieben standen:

Sei gewarnt, wer immer du seist, von langem Leben bethört,
Schaddâd bin ich, der Sohn Ads, der Herr der gewaltigen Burg;
Der Herr der Allmacht und Kraft, der Herr wildtrotzenden Muts,
Vor dessen Toben und Dräu'n erschreckt die Welt sich gebeugt,
Und der in eisernes Joch den Osten und Westen gespannt.
Als der PredigerDer Prophet Hûd, mehrfach im Koran erwähnt. kam und den Weg zur Wahrheit uns wies,
Sprachen wir trotzig zu ihm: »Giebt's kein Asyl vor der Not?«
Und da fuhr ein gellender Schrei aus fernen Zonen auf uns,
Und da lagen wir niedergestreckt wie die Schwaden im Feld bei der Mahd.
Und nun ruhn wir geschichtet tief und harrn des verheißenen Tags.

Ebenso berichtet Eth-Thaalabī: »Einmal traf es sich, daß zwei Männer in jene Höhle eindrangen; als sie am andern Ende auf eine Treppe stießen, stiegen sie dieselbe hinab und fanden nun eine Gruft von hundert Ellen Länge, vierzig Ellen Breite und hundert Ellen Höhe, in deren Mitte ein goldener Thron stand, auf welchem in seiner ganzen Länge und Breite ein Mann von riesigem Leibeswuchse lag, der mit 176 Schmucksachen und gold- und silberdurchwirkten Gewändern angethan war, und dem zu Häupten eine goldene Tafel mit einer Inschrift stand. Da nahmen die beiden Männer die goldene Tafel und soviel Gold- und Silberbarren und dergleichen, als sie nur zu tragen vermochten, aus jener Gruft heraus.Die Breslauer Ausgabe giebt an Stelle dieser ausführlichen Erzählung nicht viel mehr als eine kurze Beschreibung der Stadt. Die Erzählung von Irem der Säulenstadt ist wahrscheinlich anknüpfend an Sure 89, 7 entstanden. In gewisser Hinsicht erinnert sie auch an den Turmbau zu Babel.

 

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