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Tausend und eine Nacht. Band VI

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band VI - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band VI
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
pages208
created20180114
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hischâm, der Sohn des Abd el-Melik, und der junge Beduine.

Unter anderm erzählt man auch, daß Hischâm, der Sohn des Abd el-Melik bin Merwân, eines Tages auf die Jagd auszog und eine Gazelle erblickte, worauf er derselben mit seinen Hunden nachsetzte. Während er nun dieselbe verfolgte, sah er einen jungen Beduinen Schafe weiden. Da rief er ihm zu: »Heda, Bursche, mach los auf die Gazelle und bring sie mir!« Der Bursche aber hob seinen Kopf zu ihm und sagte: »Du Thor, der du nicht weißt, was sich gegen Vornehme schickt, du schaust mich mit Geringschätzung an und sprichst verächtlich zu mir; deine Rede ist die eines Tyrannen und dein Thun das eines Esels.« Da sagte Hischâm zu ihm: »Wehe dir, kennst du mich nicht?« Er erwiderte: »In der That, durch deine Ungezogenheit hast du dich verraten, da du mich anredetest, ohne mir zuvor den Salâm zu bieten.« Nun rief der Chalife: »Wehe dir, ich bin Hischâm, der Sohn des Abd el-Melik.« Da entgegnete ihm der Beduine: »Möge Gott deiner Wohnung nicht gnädig sein und die Stätte, die du besuchst, nicht schirmen! wie sind deiner Worte 160 so viel und deiner edlen Thaten so wenig!« Noch hatte er seine Worte nicht beendet, da umringten Hischâm die Truppen von allen Seiten, und jeder einzige von ihnen rief: »Frieden sei auf dir, o Fürst der Gläubigen!« Hischâm versetzte jedoch: »Macht diesen Worten ein Ende und packt mir jenen Burschen da.« Da ergriffen sie ihn; als aber der junge Mensch die vielen Kämmerlinge, Wesire und Großen des Reiches erblickte, zeigte er sich in keiner Weise bestürzt und fragte auch nicht nach ihnen, sondern drückte sein Kinn an die Brust und sah, wohin sein Fuß trat, bis er vor Hischâm geführt wurde und vor ihm stand, wo er den Kopf zu Boden senkte und weder den Salâm noch sonst ein Wort sprach. Da sprach einer der Eunuchen zu ihm: »Du Araberhund, warum bietest du nicht dem Fürsten der Gläubigen den Salâm?« Erzürnt wendete er sich nun zum Eunuchen und fuhr ihn an: »Du Eselssattel, der lange Weg, die steilen Stufen und der Schweiß haben mich daran verhindert.« Da sagte Hischâm in hellem Zorn: »Bursche, deine letzte Stunde ist gekommen, dein Hoffen ist hin und dein Leben zu Ende.« Der Beduine entgegnete jedoch: »O Hischâm, bei Gott, sollte mein Leben noch länger währen und mein Termin noch nicht gekommen sein, so schadeten mir deine Worte weder wenig noch viel.« Nun sagte der Kämmerling zu ihm: »Du Araberlump, darfst du nach deinem Stand mit dem Fürsten der Gläubigen Wort um Wort wechseln?« Schnell versetzte er darauf: »Mag dich der Schlag lähmen und Weh und Verwaisung vergrämen! Hast du nie gehört, was Gott, der Erhabene, gesagt hat: Eines Tages wird jede Seele kommen und für sich selber Rechenschaft ablegen?«Sure 16, 112. Da ergrimmte Hischâm gewaltig und rief: »Schwertmeister, her mit dem Haupt dieses Burschen, der, fürwahr, zu viel spricht und die Schande nicht fürchtet!« Hierauf nahm der Scharfrichter den Jüngling, drückte ihn aufs Blutleder nieder, schwang das Schwert über sein Haupt und rief: »O Fürst der Gläubigen, dieser 161 dein Sklave hat sich erfrecht und ist auf dem Weg zu seinem Grabe; soll ich ihm das Haupt abschlagen und schuldlos ausgehen an seinem Blut?« Hischâm antwortete: »Ja.« Dann fragte er zum zweitenmal, und der Chalife bejahte es zum zweitenmal. Wie er nun aber zum drittenmal fragte, und der junge Mann wußte, daß, wenn der Chalife es ihm zum drittenmal bejahen würde, er von ihm geköpft würde, lachte er über den ganzen Mund, daß seine hintersten Zähne sichtbar wurden. so daß Hischâm noch heftiger ergrimmte und rief: »Knabe, ich glaube, du bist blödsinnig; siehst du denn nicht, daß du im Begriffe stehst aus der Welt zu scheiden? Wie kannst du da dich selber verlachen?« Da entgegnete der Beduine: »O Fürst der Gläubigen, wenn mein Leben noch länger währen soll, kann mir niemand Schaden zufügen, sei er groß oder klein; doch kamen mir ein paar Verse in den Sinn; hör sie an, da mein Tod dir doch nicht entgehen kann.« Hischâm erwiderte: »Mach's kurz und laß hören.« Da sprach er die Verse:

»Ich hörte, ein Falke erjagte einmal
Einen Spatz, den das Schicksal entgegen ihm trieb.
Da sprach in den Fängen des Falken der Spatz,
Als der Falke die Beute von dannen trug:
Wie bin ich so winzig und du so groß!
Ein Wichtchen wie ich stopft den Magen dir nicht.
Da lächelte stolz und geschmeichelt der Falk',
Und ließ den Sperling von hinnen ziehn.«

Da lächelte Hischâm und sagte: »Bei meiner Verwandtschaft mit dem Gesandten Gottes – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – hätte er solche Worte gleich zuerst gesprochen, und alles, ausgenommen das Chalifat, verlangt, ich hätte es ihm gewährt. Eunuch, stopf ihm seinen Mund mit Edelsteinen und gieb ihm ein reiches Geschenk.« Und so gab ihm der Eunuch ein prächtiges Angebinde, worauf der Beduine seines Weges ging.

 

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