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Tausend und eine Nacht. Band I

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band I - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band I
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
projectidbbb389ae
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Geschichte des ersten Scheichs mit der Gazelle.

»Wisse, o Ifrît, diese Gazelle hier ist die Tochter meines Vaterbruders und von meinem Fleisch und Blut. Ich vermählte mich mit ihr, als sie noch ganz jung war, und lebte mit ihr gegen dreißig Jahre, ohne daß ich von ihr mit einem Kinde beschenkt wurde. Darauf heiratete ich eine Sklavin und wurde von ihr mit einem Knaben beschenkt, der dem aufgehenden Vollmond glich, mit schönen Augen, langen und schmalen Brauen und vollkommenen Gliedern. Nach und nach wuchs er heran, bis er das fünfzehnte Lebensjahr erreicht hatte, und ich unvermutet eine Reise nach einer fernen Stadt unternehmen mußte, zu der ich viele Waren mit mir mitnahm. Meines Vaterbruders Tochter aber, diese Gazelle hier, hatte von ihrer Jugend an die Zauberei und Wahrsagekunst getrieben und verzauberte nun den Knaben in ein Kalb und seine Mutter, die Sklavin, in eine Kuh, worauf sie beide der Obhut des Hirten übergab. Als ich nach langer Zeit von der Reise heimkehrte und sie nach dem Knaben und seiner Mutter fragte, antwortete sie mir: »Deine Sklavin ist gestorben, dein Sohn aber ist fortgelaufen; ich weiß nicht wohin er gekommen ist.« Da saß ich ein ganzes Jahr lang mit bekümmertem Herzen und weinendem Auge da, bis das Opferfest nahte. An jenem Morgen schickte ich zum Hirten, daß er mir eine fette Kuh aussuchte. Die Kuh aber, die er mir brachte, war gerade meine Sklavin, welche diese Gazelle hier verzaubert hatte. Schon hatte ich meine Kleider aufgeschürzt und das Messer in die Hand genommen, und schickte mich an sie zu schlachten, als sie laut zu schreien und weinen anhob, so daß ich mich von ihr abwendete und es dem Hirten übertrug. Wie er sie nun geschlachtet und abgehäutet hatte, fand er an ihr weder Fett noch Fleisch, sondern nur Haut und Knochen, daß sie mich dauerte, wo es doch zu spät war. Ich überließ sie dem Hirten und befahl ihm, mir ein fettes Kalb zu besorgen, und nun brachte er mir meinen in ein Kalb verzauberten Knaben. Als das Kalb mich sah, zerriß es seinen Strick und umschmeichelte mich weinend und wehklagend, daß mich heißes Mitleid mit ihm erfaßte, und ich dem Hirten sagte: »Bring' mir eine Kuh und laß das Kalb leben.«

Da bemerkte Schehersad das Morgenlicht und brach die Erzählung ab. Ihre Schwester aber rief: »Wie schön ist doch deine Geschichte, wie lieb, wie süß und entzückend!« Schehersad erwiderte jedoch: »Was ist dies im Vergleich zu dem, was ich euch in der kommenden Nacht erzählen werde, wenn mich der König am Leben läßt.« Da sprach der König bei sich: »Bei Gott, sie soll nicht eher sterben, als ich das Ende ihrer Geschichte gehört habe.« Nachdem sie dann noch den Rest der Nacht zusammen verbracht hatten, begab sich der König in die Regierungshalle, in welcher sich der Wesir mit dem Leichentuch unter dem Arm eingefunden hatte. Hierauf sprach der König Recht und setzte ein und ab bis zum Ende des Tages, ohne daß er dem Wesir irgend etwas mitteilte, so daß derselbe sich höchlichst verwunderte. Nach Schluß des Diwans begab sich dann der König wieder in sein Schloß.

Wie nun die zweite Nacht anbrach, sagte Dunjasad wieder zu ihrer Schwester Schehersad: »Schwester, erzähle uns doch deine Geschichte von dem Kaufmann und dem Dschinnî zu Ende.« Schehersad antwortete: »Recht gern, wenn es mir der König gestattet.« Der König sagte: »Erzähle!« und so fuhr sie denn fort:

Zweite Nacht.

Glückseliger, einsichtsvoller König, als nun der Kaufmann das Kalb so heftig weinen sah, bebte ihm das Herz vor Mitleid, so daß er zu dem Hirten sagte: »Laß das Kalb am Leben und bring es zu dem andern Vieh.«

Der Dschinnî verwunderte sich über diese merkwürdige Geschichte, der Scheich mit der Gazelle aber fuhr fort: »Alles dies, o Herr der Könige der Dschân, trug sich nicht nur vor den Augen der Tochter meines Vaterbruders, dieser Gazelle hier, zu, ja, sie rief sogar: »Schlachte das Kalb, es ist fett.« Ich konnte es jedoch nicht über mein Herz bringen sondern ließ es den Hirten fortnehmen.

Wie ich nun am andern Morgen dasitze, kommt plötzlich der Hirt zu mir und sagt: »Mein Herr, ich habe dir etwas mitzuteilen, worüber du dich freuen wirst, und wofür ich ein Botengeschenk bekomme.« »Gut,« sage ich. Da sagt er: »Kaufmann, ich habe eine Tochter, welche in ihrer Kindheit von einer alten Frau, die bei uns lebte, die Zauberei erlernt hat. Als du mir nun gestern das Kalb gabst, und ich mit ihm zu ihr ins Zimmer trat, und sie es angeschaut hatte, verschleierte sie ihr Gesicht, weinte und lachte dann wieder und sagte: »Mein Vater, so gering ist mein Wert bei dir geworden, daß du fremde Mannsleute zu mir bringst?« Ich fragte sie: »Wo sind denn die fremden Mannsleute, und warum weintest und lachtest du?« Da sagte sie: »Siehe, das Kalb da an deiner Seite ist der Sohn meines Herrn, des Kaufmanns; er ist von der Frau seines Vaters mit seiner Mutter verzaubert, und darum mußte ich lachen. Weinen mußte ich aber darüber, daß seine Mutter von seinem Vater geschlachtet ist.« Ich war hierüber höchst verwundert und konnte kaum den Morgen erwarten, daß ich zu dir kam und es dir mitteilte.

Als ich, o Dschinnî, die Erzählung meines Hirten vernahm, ging ich im Übermaße meiner Freude und Fröhlichkeit wie ein Trunkener, ohne Wein genossen zu haben, zu seiner Wohnung, woselbst mich seine Tochter willkommen hieß und mir die Hände küßte. Dann kam auch das Kalb zu mir und umschmeichelte mich. Ich fragte die Tochter des Hirten: »Ist es wirklich wahr, was du von diesem Kalbe sagst?« Sie antwortete: »Ja, mein Herr, es ist dein Sohn, der letzte Pulsschlag deines Herzens.« Da sagte ich zu ihr: »O Mädchen, wenn du ihn erlösest, so sollst du von mir alles Vieh und all mein anderes Gut, das unter der Hand deines Vaters ist, erhalten.« Sie lächelte dazu und sagte: »Mein Herr, ich trage nach Besitz nur unter zwei Bedingungen Verlangen: zuerst, daß du mich mit ihm vermählst, und zum andern, daß ich sie, wenn ich ihn von seinem Zauber erlöst habe, verzaubere, da ich sonst vor ihren Listen nicht sicher bin.« Als ich diese Worte, o Dschinnî, von der Tochter meines Hirten vernahm, sagte ich: »Ich gebe dir mein Gut, das unter der Hand deines Vaters steht, und noch mehr dazu und lasse dir das Blut von meines Vaterbruders Tochter zu freier Verfügung.«

Darauf nahm sie eine Schale und füllte sie voll Wasser; dann sprach sie einen Zauber darüber, besprengte das Kalb und sprach dabei zu ihm: »Hat Gott dich als Kalb geschaffen, so bleib' ein Kalb und verwandle dich nicht! Bist du aber verzaubert, so nimm deine frühere Gestalt wieder an mit dem Willen Gottes, des Erhabenen!« Und siehe! Da schüttelte es sich und ward wieder ein Mensch. Ich fiel ihm um den Hals und sagte zu ihm: »Um Gott, erzähle mir alles, was sie mit dir und deiner Mutter gethan hat.« Da erzählte er mir alles, was ihnen widerfahren war, und ich sprach zu ihm: »O mein Sohn, Gott hat dir einen Befreier und Schützer deines Rechtes gesandt.« Alsdann, o Dschinnî, vermählte ich ihn mit der Tochter des Hirten, worauf sie meines Vaterbruders Tochter in diese Gazelle hier verzauberte.

Als ich hierher kam und diese Gesellschaft hier sah, fragte ich sie, was sie hier machten; sie erzählten mir das Abenteuer dieses Kaufmanns, worauf ich mich niederließ, um den Ausgang zu schauen. Das ist meine Geschichte.«

Da sagte der Dschinnî: »Diese Geschichte ist wunderbar und darum schenke ich dir auch ein Drittel von seinem Blut.«

Indem trat der zweite Scheich mit den beiden Windhunden heran und redete den Dschinnî an:

 

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