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Tausend und eine Nacht. Band I

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band I - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band I
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
projectidbbb389ae
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Erste Nacht.

Der Kaufmann und der Ifrît.

Glückseliger König, ich hörte, daß einmal ein reicher Kaufmann, welcher in vielen Ländern Geschäfte betrieb, eines Tages wieder sein Saumtier bestieg, um in einer andern Stadt Gelder einzutreiben. Als ihm die Hitze drückend wurde, setzte er sich in einem Garten unter einen Baum, langte mit der Hand in seinen Reisesack und holte ein Stück Brot und eine Dattel daraus hervor, um sie zu verzehren. Nachdem er die Dattel gegessen hatte, warf er den Stein fort, als Plötzlich ein riesiger Ifrît mit einem Schwert in der Rechten vor ihm stand und ihn anschrie: »Steh' auf, daß ich dich umbringe, wie du meinen Sohn umgebracht hast.« Der Kaufmann fragte ihn: »Wie habe ich deinen Sohn ums Leben gebracht?« Der Ifrît antwortete: »Als du die Dattel gegessen hattest und den Stein fortwarfst, flog derselbe an die Brust meines Sohnes, so daß er auf der Stelle tot hinfiel.« Da sprach der Kaufmann zum Ifrît: »Vernimm, Ifrît, ich habe noch eine Schuld zu zahlen; auch habe ich großen Besitz, Weib und Kinder, und habe Unterpfänder bei mir liegen. Laß mich darum nach Hause umkehren, daß ich eines jeden Ansprüche befriedige, und dann wieder zu dir zurückkehre. Ich schwöre dir einen heiligen Eid, daß ich wiederkomme; du magst dann mit mir nach Belieben verfahren. Gott ist Bürge für meine Worte.« Da nahm der Dschinnî ihm den Eid ab und ließ ihn los.

Der Kaufmann kehrte nun wieder in seine Stadt zurück, erledigte alle seine Verbindlichkeiten, zahlte seine Schulden und teilte dann seiner Frau und seinen Kindern mit, was ihm widerfahren war. Da hoben sie an zu weinen und mit ihnen seine ganze Familie und seine andern Weiber und Kinder, während er seine Verfügungen traf und bis zum Ablauf des Jahres bei ihnen blieb. Alsdann nahm er Abschied von seiner Familie und den Nachbarn und machte sich, während sie ihn jammernd und klagend umgaben, mit dem Leichentuch unter dem Arm widerstrebend auf den Weg, bis er bei jenem Garten gerade am ersten Tag des neuen JahresVorliegende Ausgabe spricht es nicht deutlich genug aus, daß der Ifrît den Kaufmann verpflichtete, genau nach Ablauf eines Jahres sich wieder zu stellen. wieder anlangte. Als er nun dort weinend über sein nahes Schicksal dasaß, kam plötzlich ein alter ScheichScheich ist hier in seiner allgemeinsten Bedeutung als Mann von fünfzig Jahren und darüber zu verstehen. des Weges, der eine Gazelle an einem Stricke neben sich führte. Nachdem er den Kaufmann begrüßt und ihm langes Leben gewünscht hatte, fragte er ihn: »Warum sitzest du hier an diesem Orte so allein, zumal da er eine Stätte der Dschinn ist?« Der Kaufmann erzählte ihm hierauf sein Erlebnis mit dem Ifrît, so daß sich der Scheich, der Besitzer der Gazelle, verwunderte und sprach: »Bei Gott, mein Bruder, dein Glauben ist stark und deine Geschichte wundersam; würde sie mit Nadeln in die Augenwinkel geschrieben, wahrlich, sie würde allen, die sich belehren lassen, zu einer Lehre dienen!« Dann setzte er sich an seine Seite und sagte: »Bei Gott, mein Bruder, ich gehe nicht eher von dir fort, bis ich sehe, was dir von diesem Ifrît widerfährt.«

Wie er nun neben ihm saß und mit ihm redete, während der Kaufmann vor Furcht und Schrecken, und in heftiger Betrübnis und Niedergeschlagenheit, von einer Ohnmacht in die andere sank, kam mit einem Male ein zweiter Scheich mit zwei schwarzen Windhunden zu ihnen heran und fragte sie, nachdem er sie begrüßt hatte, weshalb sie hier an dieser Behausung der Dschân säßen, worauf ihm beide die Geschichte von Anfang bis Ende erzählten. Kaum hatte sich dieser Scheich ebenfalls zu ihnen gesetzt, als noch ein dritter mit einem stargrauen Maultier ankam und sich nach ihrem Verweilen an dieser Stätte erkundigte. Als sie ihm ebenfalls die Geschichte erzählt hatten, wirbelte plötzlich der Staub auf, und eine mächtige Staubsäule kam mitten aus der Steppe zu ihnen heran, bis sich der Staub verzog, und nun der Dschinnî mit gezücktem Schwerte und funkensprühenden Augen auf sie zukam, den Kaufmann aus ihrer Mitte an sich riß und ihn anschrie: »Steh' auf, daß ich dich umbringe, wie du meinen Sohn, meines Herzens letzten Pulsschlag, umgebracht hast.« Da jammerte der Kaufmann laut und weinte, und auch die drei Scheiche weinten und wehklagten und jammerten, bis sich der erste Scheich, der Besitzer der Gazelle, zuerst wieder ermannte. Er küßte dem Ifrît die Hand und redete ihn an: »O Dschinnî und Krone der Könige der Dschân, wenn ich dir meine Geschichte, die mir mit dieser Gazelle hier begegnet ist, erzähle, und du sie wunderbar findest, wirst du mir dann ein Drittel von dem Blute dieses Kaufmanns schenken?« Der Ifrît erwiderte: »Gut, Scheich, hast du mir deine Geschichte erzählt und dünkt sie mich wunderbar, so schenke ich dir ein Drittel von seinem Blute.«

Da begann der erste Scheich:

 

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