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Tausend und eine Nacht. Band I

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band I - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band I
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
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Eingang.

Geschichte der Könige Schahriar und Schahseman.

Man erzählt, – doch Gott ist allwissend und allweise, allmächtig und allgütig – daß einst in uralter Zeit und längstentschwundenen Tagen ein König aus dem Geschlechte der SassanidenDie Sassaniden sind ein persisches Königsgeschlecht, das natürlich niemals auf diesen fabelhaften Inseln geherrscht hat. Das Geschlecht der Sassaniden kam mit Ardeschir 226 auf den persischen Königsthron und regierte bis zur Eroberung Persiens durch die Araber ca. 650. auf den Inseln Indiens und Chinas lebte, der eine starke Heeresmacht, zahlreiche Leibgarden, große Dienerschaft und stattliches Gefolge besaß. Derselbe hatte auch zwei Söhne, von denen der eine in vorgerückteren Jahren stand, während der andere noch jung war; beide waren tapfere Reitersleute, doch war der ältere noch ritterlicher als der jüngere. Er war auch der Herrscher des Landes und waltete in Gerechtigkeit über seine Unterthanen, so daß ihm das Volk seines Landes und Königreiches in Liebe zugethan war. Sein Name war König Schahriar,Schahriar, ein persisches Wort, bedeutet Stadtfreund, Schahseman = König der Zeit. sein jüngerer Bruder aber hieß König Schahseman und war König zu Samarkand in Persien.

Zwanzig Jahre lang hatte ein jeder von ihnen in seinem Lande in Gerechtigkeit seine Unterthanen regiert und in vollster Fröhlichkeit und Zufriedenheit ununterbrochen gelebt, als der ältere Bruder von Sehnsucht nach seinem jüngeren Bruder ergriffen wurde und seinen Wesir deshalb beauftragte, zu ihm zu reisen und ihn mit sich zu bringen.

Der Wesir antwortete: »Ich höre und gehorche,« und machte sich auf den Weg, bis er bei dem Bruder seines Königs wohlbehalten anlangte. Vor Schahseman geführt, überbrachte er ihm Grüße, that ihm kund, daß sein Bruder Sehnsucht nach ihm trüge, und forderte ihn auf, ihn zu besuchen.

Schahseman willigte unverzüglich ein und traf die Vorkehrungen zur Reise. Nachdem er dann die Zelte, Kamele und Maultiere, die Dienerschaft und die Leibwache hatte vor die Stadt ziehen lassen und den Wesir zum Landesverweser bestellt hatte, machte er sich selber auf den Weg nach dem Lande seines Bruders.

Gegen Mitternacht fiel ihm jedoch ein, daß er etwas wichtiges im Schlosse hatte liegen lassen; er kehrte wieder um und fand daselbst seine Gemahlin in seinem Bette in den Armen eines schwarzen Sklaven ruhen. Bei diesem Anblick wurde die Welt schwarz vor seinen Augen, und er sprach bei sich: »Wenn sich das schon zuträgt, bevor ich noch die Stadt verlassen habe, was wird dann diese Dirne erst anstellen, wenn ich eine Weile bei meinem Bruder abwesend bin?« Darauf zog er sein Schwert und gab beiden im Bett den Todesstreich. Er kehrte dann sofort wieder um, gab Befehl zum Aufbruch und reiste fort und fort, bis er sich der Residenz seines Bruders näherte. Schahriar zog ihm erfreut über seine Ankunft entgegen und begrüßte ihn in höchster Freude; dann ließ er ihm zu Ehren die Stadt festlich schmücken, setzte sich an seine Seite und plauderte mit ihm fröhlich und vergnügt.

Der König Schahseman gedachte jedoch des Vorfalls mit seiner Gattin, und der Kummer bedrückte ihn so heftig, daß seine Farbe gelb wurde und sein Körper sich verzehrte. Schahriar bemerkte es wohl, doch dachte er bei sich, die Ursache hiervon wäre die Trennung von seinem Lande und Königreiche; er ließ ihn deshalb in Ruhe und befragte ihn nicht weiter.

Nach einiger Zeit jedoch sagte er zu ihm: »Mein Bruder, ich sehe, wie sich dein Körper verzehrt, und wie deine Farbe immer gelber wird.« Er aber antwortete nur. »Ach, mein Bruder, ich leide an einer innern Wunde,« und erwähnte nichts von seiner Gattin. Schahriar meinte darauf: »Wie wär's, wenn du mit mir auf die Jagd zögest, vielleicht erheitert das dein Gemüt?« Schahseman aber lehnte es ab, und so zog sein Bruder allein auf die Jagd aus.

Nun befanden sich im Schlosse des Königs Schahseman Fenster, welche auf den Garten seines Bruders hinausgingen. Da sah er plötzlich, wie sich das Schloßthor aufthat, und aus ihm zwanzig Sklavinnen und zwanzig Sklaven heraustraten, in deren Mitte in vollendeter Schönheit und Anmut die Gemahlin seines Bruders einherschritt. Sie begaben sich zu einem Springbrunnen, machten dort Halt, legten ihre Sachen ab und setzten sich bei einander. Auf einmal rief die Gemahlin seines Bruders: »Masud!« Da kam ein schwarzer Sklave herbei und umarmte sie; desgleichen thaten die übrigen Sklaven mit den Sklavinnen und hörten nicht eher auf, als bis der Tag sich neigte.

Als der Bruder des Königs dies sah, sprach er bei sich: »Bei Gott, mein Unglück ist leichter als dieses hier«. All sein Zorn und Kummer schwand, er aß und trank wieder und dachte: »Dies ist viel schlimmer als was mir widerfahren ist.«

Als nun der König Schahriar von seinem Ausfluge wieder heimkehrte, und sie einander begrüßt hatten, sah er, daß sein Bruder Schahseman seine Farbe wiederbekommen hatte, und sein Antlitz wieder rot geworden war, und daß er, nachdem er zuvor nur wenig Speise und Trank zu sich genommen hatte, jetzt wieder mit Appetit aß. Er verwunderte sich darüber und sprach zu ihm: »Mein Bruder, vordem sah ich die Farbe deines Antlitzes gelb, jetzt aber hast du deine Farbe wiederbekommen; erzähle mir doch, wie das zugegangen ist.«

Schahseman antwortete ihm: »Wie es kam, daß sich meine Farbe veränderte, will ich dir wohl erzählen; doch bescheide dich, nicht auch von mir zu erfahren, wie ich sie wieder erlangte.« Da sagte er zu ihm: »So erzähle mir zuerst, wie sich deine Farbe änderte, und du siech wurdest, daß ich es höre.«

Nun erzählte er ihm: »Wisse, mein Bruder, als du deinen Wesir zu mir geschickt hattest, mich zu dir zu holen, und ich mich reisefertig gemacht hatte und schon aus der Stadt hinaus ins offne Feld gezogen war, fiel mir ein, daß ich den Edelstein, den ich dir zum Geschenk machte, im Schlosse vergessen hatte. Wie ich deshalb wieder umkehrte, fand ich im Bette bei meiner Gemahlin einen schwarzen Sklaven ruhen. Ich tötete beide und kam dann zu dir; doch mußte ich fortwährend an diesen Vorfall denken. Das ist's, warum sich meine Farbe änderte und mein Leib sich verzehrte; wie ich sie aber wieder bekam, laß ab, mich danach zu befragen.«

Als Schahriar seinen Bruder dies erzählen hörte, drang er in ihn und sprach: »Um Gott, ich beschwöre dich, erzähle mir, wie es kam, daß deine Farbe wiederkehrte.« Da erzählte er ihm alles, was er gesehen hatte. Schahriar sagte darauf: »Ich muß es mit eigenen Augen sehen.« Infolgedessen gab ihm Schahseman den Rat: »Thue so, als ob du wieder einen Jagdzug unternehmen wolltest, und verbirg dich bei mir; dann wirst du es mit eigenen Augen sehen und dich davon überzeugen können.«

Da ließ der König sofort ausrufen, daß er wieder einen Ausflug unternehmen wolle; die Truppen zogen aus, die Zelte wurden vor die Stadt geschafft, und der König begab sich hinaus ins Lager. Dort angelangt gab er seinen Pagen Befehl niemand vorzulassen, verkleidete sich dann und ging insgeheim in das Schloß seines Bruders, wo er sich an das Fenster, das auf den Garten hinausging, setzte. Nach einer Weile betraten denn auch wieder die Sklavinnen mit ihrer Gebieterin und den Sklaven den Garten und verfuhren bis zum Abend in derselben Weise, wie es ihm sein Bruder erzählt hatte.

Bei diesem Anblick schwand dem König Schahriar der Verstand aus dem Kopfe. Er sprach zu seinem Bruder: »Komm, laß uns unsers Weges ziehen und uns nicht eher wieder um unser Reich bekümmern, als bis wir jemand gefunden haben, dem ein gleiches wie uns widerfahren ist. Wenn nicht, so ist der Tod für uns besser als das Leben.«

Schahseman willigte sogleich ein, und so machten sich die beiden aus einer verborgenen Pforte des Schlosses auf den Weg und wanderten Tag und Nacht, bis sie zu einem Baum inmitten einer Wiese, bei welcher eine Quelle floß, am Gestade des Salzmeers anlangten. Sie tranken dort von der Quelle und ließen sich nieder, um sich auszuruhen.

Nach einiger Zeit begann das Meer plötzlich zu toben; eine schwarze Säule erhob sich aus ihm, stieg bis zum Himmel und kam dann gerade auf die Wiese zu. Wie sie dessen gewahr wurden, erschraken sie und stiegen in den Gipfel des Baumes, der sehr hoch war, und beobachteten von dort, was aus der Sache werden wollte. Und siehe! da war's ein DschinnîDie Araber kennen außer den aus Licht erschaffenen Engeln auch noch die aus Feuer erschaffenen Dschinn (Mehrheit von Dschinnî), welche letztere zum Teil den Islam angenommen haben und infolgedessen den Menschen freundlich gesinnt sind. Die abtrünnigen Dschinn werden genauer in fünf Klassen eingeteilt, 1) die Mârid, die fürchterlichsten, 2) die Ifrît, 3) die Scheitân oder Teufel, 4) die Dschinn, im engern Sinne 5) die Dschân; letztere beiden werden auch als Bezeichnung für die ganze Gattung gebraucht. Nur selten findet sich die Bezeichnung Ifrît auch für einen gläubigen und daher guten Dschinnî. von riesenhaftem Wuchse, mit breitem Haupt und weiter Brust, der auf dem Kopfe einen Kasten trug. Nun stieg er ans Land, kam gerade auf den Baum zu, auf welchem die beiden saßen, und ließ sich unter demselben nieder. Dann öffnete er den Kasten und langte aus demselben eine Schachtel hervor; nachdem er auch diese geöffnet hatte, stieg ein Mädchen, schön und strahlend wie die leuchtende Sonne, heraus, wie der Dichter singt:

Aufging sie in der Finsternis, da ward es Tag,
Und die Dämmerung ward erleuchtet von ihrem Licht.
Aus ihrem Glanze gehen die Sonnen auf,
Nachdem die Monde kamen und sich entschleierten.
Anbetend neigen sich alle Wesen vor ihr,
Wenn sie plötzlich erscheint und die Hüllen zerreißt.
Doch wettert sie Blitze aus ihrem Gehege,
Zerfließt der Himmel in weinende Regenströme.

Nun schaute sie der Dschinnî an und sprach zu ihr: »O du Herrin der edelgeborenen Frauen, die ich mir in der Brautnacht entführte, ich trage Verlangen ein wenig zu schlafen.« Darauf legte er sein Haupt in ihren Schoß und entschlief. Wie nun das Mädchen den Kopf hob und zum Gipfel des Baumes schaute, erblickte sie die beiden Könige, die dort oben saßen. Da legte sie das Haupt des Dschinnî von ihrem Schoß auf die Erde, trat unter den Baum und gab ihnen durch Zeichen zu verstehen, vom Baume herunterzusteigen und sich nicht vor dem Ifrît zu fürchten. Sie riefen jedoch hinunter: »Um Gott, erlaß uns das!« Da drohte sie ihnen: »Bei Gott, steigt ihr nicht vom Baume herunter, so wecke ich den Ifrît, daß er euch auf die grausamste Weise umbringt.« Da erschraken sie und stiegen hinunter. Sie trat nun zu ihnen heran und sagte: »Seid mir zu Willen oder ich wecke den Ifrît.« Da sprach der König Schahriar zu seinem Bruder Schahseman: »Mein Bruder, thu', was sie dich heißt;« Schahseman hingegen sagte: »Nicht eher, als bis du es vor mir gethan hast,« und blinzten einer dem andern zu, den Anfang zu machen. Da sagte sie: »Was blinzt ihr einander zu? Seid ihr mir nicht zu Willen, so wecke ich den Ifrît.« So gehorchten sie ihr denn aus Furcht vor dem Dschinnî, worauf sie aus ihrer Tasche einen Beutel hervorholte und aus ihm eine Schnur, an welcher fünfhundertundsiebzig Siegelringe hingen, herauszog. Dann fragte sie: »Wißt ihr, was diese Ringe bedeuten?« Sie antworteten: »Wir wissen es nicht.« Da sagte sie: »Die Besitzer dieser Ringe waren mir, ohne daß der Ifrît es merkte, zu Willen; so gebt mir nun auch eure beiden Ringe, ihr Brüder.« Als sie die Ringe vom Finger abgezogen und ihr gegeben hatten, sagte sie: »Seht, dieser Ifrît da hat mich in der Hochzeitsnacht entführt, mich in eine Schachtel gesperrt, hat dann die Schachtel in diesen Kasten gepackt und sieben Schlösser davorgelegt und mich auf den Grund des tosenden, wellenbrandenden Meeres versenkt, ohne zu wissen, daß wir Frauen alles, was wir wollen, auch durchsetzen, wie einer gesagt hat:

Bau nicht auf Weiber und Weiberschwüre!
Ihr Gefallen und Mißfallen hängt ab von ihres Schoßes Trieb.
Erlogene Liebe tragen sie zur Schau,
Doch Verrat ist ihres Rockes Futter.
Nimm dir an Josephs Geschichte ein Beispiel,
Daß du dich wahrst vor ihrer Listen Schlinge.
Hat nicht IblîsIblîs ist Diabolus, der Teufel. um ihretwillen Adam vertrieben?

Oder wie ein andrer sagt:

Enthalte dich des Tadels, der morgen den Getadelten gestärkt hat,
Und nur die Sehnsucht zur heftigsten Liebe entflammt.
Wenn mich die Liebe in Banden schlug, so geschah mir nichts anderes,
Als was vor mir seit Ewigkeit die Männer befiel.
Fürwahr, der Mann verdient die höchste Bewunderung,
Der den Stricken der Frauen unversehrt entging.

Als sie diese Worte von ihr vernahmen, verwunderten sie sich über die Maßen und sprachen zu einander: »Wenn diesem, der doch ein Ifrît ist, schlimmeres als uns widerfahren ist, so liegt für uns hierin ein Trost.«

Darauf verließen beide sie zur Stunde, kehrten in die Stadt des Königs Schahriar zurück und begaben sich wieder in sein Schloß. Dort angelangt ließ der König Schahriar unverzüglich seiner Gemahlin, den Sklavinnen und den Sklaven den Kopf abschlagen. Dann ließ er sich eine Jungfrau bringen und ließ sie nach der Brautnacht hinrichten; und so verfuhr er drei Jahre lang, bis die Leute zu schreien anhoben und mit ihren Töchtern flohen, so daß in jener Stadt kein erwachsenes Mädchen mehr zu finden war. – Wie nun der Wesir wieder vom König den Befehl erhielt, ihm in üblicher Weise ein Mädchen zu bringen, und er vergebens nach einem gesucht hatte, ging er voll Zorn und Schmerz und in Furcht vor dem König nach Haus.

Nun hatte der Wesir zwei Töchter, beide schön, anmutig, entzückend und von ebenmäßigem Wuchs; der Name der älteren war Schehersad, der der jüngern Dunjasad. Die ältere hatte viele Bücher und Chroniken, die Lebensbeschreibungen der früheren Könige und die Geschichte der vergangenen Völker gelesen; es wird auch berichtet, daß sie tausend Bücher von den Chroniken, die sich mit den vergangenen Völkern und verstorbenen Königen befaßten, und die Dichter gesammelt hatte. Dieselbe fragte nun ihren Vater: »Mein Vater, warum bist du so verändert, so voll Sorge und Kummer? Sagt nicht der Dichter:

»Sprich zu dem Sorgenvollen: Nicht ewig währet die Sorge;
Gleichwie die Freuden nicht dauern, muß auch die Sorge vergehn?«

Als der Wesir diese Worte seiner Tochter vernahm, erzählte er ihr von Anfang bis Ende alles, was sich ihm mit dem König zugetragen hatte. Da sagte sie: »Um Gott, mein Vater, vermähle mich mit dem König; entweder bleibe ich am Leben oder ich opfere mich für die Töchter der Moslems auf und werde die Ursache ihrer Errettung aus seinen Händen.« Der Wesir antwortete ihr jedoch: »Um Gott, nimmermehr! Willst du dein Leben aufs Spiel setzen?« Sie erklärte aber: »Es muß sein.« Da sagte er: »Ich fürchte, es möchte dir ebenso ergehen, wie es dem Esel und dem Ochsen mit dem Bauersmann erging.« Schehersad fragte: »Wie erging es denn den beiden, mein Vater?« Der Wesir erzählte:

 

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