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Tausend und eine Nacht. Band I

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band I - Kapitel 26
Quellenangabe
type
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band I
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150411
projectidbbb389ae
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Dreiundzwanzigste Nacht.

»Bei Gott, ich will eine That thun, die keiner zuvor gethan hat!« Dann nahm er Tinte und Feder und verzeichnte das Inventar seines Hauses mit dem Bemerken, daß der und der Schrank an dem und dem Platz gestanden, und der und der Vorhang an dem und dem Orte gehangen hätte. Nachdem er in dieser Weise alle Gegenstände in seinem Haus aufgenommen hatte, faltete er das Papier zusammen und befahl die ganze Hauseinrichtung im Schatzraum einzuschließen. Den Turban aber, den Tarbusch, Überrock und Beutel nahm er selber an sich.

Als nun ihre Monate vollendet waren, gebar Sitt el-Husn einen Knaben schön wie der Mond und seinem Vater an Schönheit, Vollkommenheit, Glanz und Anmut gleich. Sie bestrichen ihm die Augenlider mit Antimon, übergaben ihn den Ammen und nannten seinen Namen Adschîb; Wunderbar. und so glich sein Tag einem Monat und sein Monat einem Jahr, d. h. er wuchs in einem Tage so viel wie ein anderes Kind in einem Monat u. s. w. bis er sieben Jahre alt geworden war, und sein Großvater ihn dem Lehrer übergab und demselben ans Herz legte, ihn sorgfältig zu erziehen. Vier Jahre war er bereits in die Schule gegangen als er sich einmal wieder mit den Knaben raufte und sie schmähte: »Wer unter euch ist mir gleich? Ich bin der Sohn des Wesirs von Kairo.« Da beklagten sich alle Knaben zusammen bei dem Famulus über die von Adschîb erlittene Kränkung. Der Famulus sagte zu ihnen: »Ich will euch lehren, was ihr sagen sollt, wenn er morgen wieder in die Schule kommt, daß es ihn gereuen soll, hierher gekommen zu sein. Setzet euch morgen rings um ihn und sprecht zu einander: »Bei Gott, dieses Spiel soll nur der mit uns spielen, der uns den Namen seines Vaters und seiner Mutter nennen kann. Wer den Namen seines Vaters oder seiner Mutter nicht weiß, ist ein Bastard und soll nicht mit uns spielen.« Als nun die Knaben am andern Morgen wieder zur Schule kamen und auch Adschîb erschien, umringten sie ihn und sagten: »Wir wollen ein Spiel spielen, doch soll nur der mitspielen, der uns den Namen seines Vaters und seiner Mutter nennen kann.« Nachdem sie alle beigestimmt hatten, sagte der eine: »Mein Name ist Mâdschid, meine Mutter heißt Alawî und mein Vater Izz ed-Dîn.« Der zweite und dritte gab die Namen in derselben Weise an, bis die Reihe an Adschîb kam und er sagte: »Ich heiße Adschîb, meine Mutter Sitt el-Husn und mein Vater Schems ed-Dîn, der Wesir von Kairo.« Da sagten sie: »Bei Gott, der Wesir ist nicht dein Vater.« Adschîb entgegnete: »Der Wesir ist in Wahrheit mein Vater.« Darauf verlachten sie ihn, klatschten in die Hände und riefen: »Du kennst deinen Vater nicht, geh darum fort von uns, denn nur der, der den Namen seines Vaters kennt, soll mit uns spielen.« In demselben Augenblicke liefen sie von ihm fort und machten sich untereinander über ihn lustig, so daß sich ihm die Brust zuschnürte und er vor Weinen ersticken wollte. Da sagte der Famulus zu ihm: »Glaubst du wirklich, daß dein Großvater, der Wesir, der Vater deiner Mutter Sitt el-Husn, dein eigener Vater ist? Weder du noch wir kennen deinen Vater; der Sultan hat zwar deine Mutter mit dem buckeligen Stallknecht vermählt, doch kamen die Dschinn dazwischen. Da du deinen Vater nicht kennst, müssen sie dich für einen Bastard halten. Begreifst du denn nicht, daß der Sohn einer verheirateten Frau seinen Vater kennt? Der Wesir von Kairo ist aber nur dein Großvater, deinen Vater kennen weder wir noch du; so nimm doch Verstand an.« Als Adschîb dies hörte, ging er sofort zu seiner Mutter Sitt el-Husn, um sich bei ihr zu beklagen, aber die Thränen erstickten seine Stimme. Wie die Mutter ihn nun so laut schluchzen hörte, entbrannte ihr Herz zu ihm und sie fragte ihn: »Mein Sohn, warum weinst du? Erzähl' mir, was mit dir vorgefallen ist?« Da erzählte er ihr, was er von den Knaben und dem Famulus gehört hatte und fragte sie: »Mutter, wer ist mein Vater?« Sie antwortete: »Dein Vater ist der Wesir von Kairo.« Er erwiderte jedoch: »Nein, er ist nicht mein Vater; lüge mir nichts vor. Wenn der Wesir dein Vater ist, so kann er nicht mein Vater sein. Wer ist mein Vater? Sagst du mir nicht die Wahrheit, so ersteche ich mich mit diesem Dolch.«

Als nun die Mutter ihn seinen Vater erwähnen hörte, weinte sie und sprach, ihres Vetters Hasan Bedr ed-Dîm von Basra und seiner Schönheit und ihres Erlebnisses mit ihm gedenkend, die Verse:

Sie haben die Liebe in meinem Herzen erweckt und sind von dannen gezogen,
In weiter Ferne steht nun ihr Haus.
Mit ihrem Scheiden wich auch meines Geistes Klarheit,
Und es verließ mich Schlaf und Geduld.
Da sie von hinnen zogen, wich auch die Freude von mir,
Und verlassen von ihnen finde ich auch keines Bleibens mehr.
Thränen sind meinem Auge entströmt ob der Trennung von ihnen,
Ströme von Thränen, wie Meere so weit und tief,
Und jedes Verlangen sie einmal noch wiederzuschauen,
Mehrt meine Seufzer und meine Sehnsucht nach ihnen.
So wird ihr Bild mir im Herzen die Verkörperung
Von Liebesqual und Sehnsucht und Erinnerung.
O ihr, deren Gedenken mein Oberkleid ist,
Wie die Liebe zu euch mein Unterkleid ward,
O, ihr Freunde, wie lange noch währt diese Qual?
Wie lange noch flieht ihr mich und bleibet ihr fern von mir?

Darauf weinten und jammerten beide, als plötzlich der Wesir zu ihnen eintrat. Beim Anblick ihrer Thränen entbrannte ihm das Herz, und er fragte sie nach dem Grunde ihres Weinens, worauf ihm seine Tochter erzählte, was die Knaben in der Schule ihrem Sohne angethan hatten, so daß er ebenfalls zu weinen anhob, indem er sich der Erlebnisse mit seinem Bruder und Neffen erinnerte, ohne die verborgenen Fügungen darin zu ahnen. Dann machte sich der Wesir sofort auf und begab sich in den Diwan zum Sultan, um ihm die Sache vorzutragen und sich von ihm die Erlaubnis auszubitten ins Morgenland nach der Stadt Basra zu reisen und dort über den Sohn seines Bruders Nachforschungen anzustellen. Außerdem aber bat er den Sultan ihm königliche Handschreiben an die übrigen Länder mitzugeben, daß er, falls er den Sohn seines Bruders fände, wo es auch immer sei, ihn mitnehmen dürfte. Als ihm nun der Sultan, von seinen Thränen gerührt, Handschreiben an alle Klimate und Länder ausgestellt hatte, verabschiedete sich der Wesir, in seiner Freude auf den Sultan Segen herabflehend, und ging unverzüglich nach Haus um sich zur Reise zur rüsten. Nachdem er alles Erforderliche beschafft hatte, nahm er seinen Enkel Adschîb mit sich und reifte einen Tag und noch einen und wieder einen, bis er nach der Stadt Damaskus kam. und sie mit all ihren Bäumen und Gewässern daliegen sah, von denen der Dichter singt:

In ihres Gezweiges Schatten flimmern Perlenlichter,
Die der Zephyr mit sanftem Hauch niedergestreift hat.
Von dem Spiegel des Sees, der wie ein Blatt daliegt,
Lesen die Vögel die Schrift des Windes und der Wolken.

Auf dem Meidân el-Hasba Kiesplatz. ließ der Wesir Halt machen und die Zelte aufschlagen, indem er den Dienern erklärte sich hier zwei Tage erholen zu wollen. Die Diener gingen darauf in die Stadt um ihre Bedürfnisse zu besorgen, der eine um zu kaufen, der andere um zu verkaufen, ein dritter um ins Bad zu gehen, ein vierter um die Omajjadenmoschee, Omajja, der Stammvater der Omajjadendynastie, gehörte wie die Familie Haschern, aus welcher Mohammed stammte, dem Stamme Qoreisch in Mekka an. Omajjas Sohn, Abu Sofjan, war Mohammeds erbittertster Gegner und schlug ihn 625 am Berge Ohod, mußte sich 680 jedoch, als Mohammed Mekka eroberte, unterwerfen und den Islam annehmen. Nach der Ermordung Alis 661, des Neffen und Schwiegersohnes Mohammeds, rissen die Omajjaden das Chalifat an sich, bis sich die Abbassiden gegen sie erhoben (750) und das ganze Geschlecht ausrotteten. Nur zwei entkamen, von denen der eine, Abd er-Rahman 755 das Chalifat von Cordova gründete. die schönste in der ganzen Wett, aufzusuchen. Auch Adschîb begab sich mit seinem Diener, der ihm mit einem Knittel folgte, mit dem er ein Kamel hätte zu Boden schlagen können, in die Stadt um sich zu belustigen; als aber das Volk von Damaskus Adschîb erblickte und feinen schlanken Wuchs und seine vollendete Schönheit gewahrte, wie er voll wunderbarer Anmut und zarter Koketterie einherschritt, sanfter als der Hauch des Nordwinds, süßer als klares Wasser für den Dürstenden und köstlicher als Genesung für den Kranken, lief es ihm nach und setzte sich an den Weg, um ihn vorübergehen zu sehen, bis der Sklave nach dem Ratschluß des Schicksals vor dem Laden seines Vaters Hasan Bedr ed-Dîn stehen blieb. Als dieser seinen Sohn erblickte, ward er von seiner außerordentlichen Schönheit entzückt, sein Innerstes ward von Sehnsucht nach ihm ergriffen und sein Herz hängte sich an ihn; da er aber gerade gezuckerte Granatapfelkerne zubereitet hatte, rief er, von seiner heißen, ihm von Gott eingeflößten Liebe getrieben, in Extase: »O mein Herr, der du mein innerstes Herz eingenommen hast, und nachdem meine Seele sich in Sehnsucht verzehrt, möchtest du nicht bei mir eintreten, um mein Herz zu erquicken und von meiner Speise zu essen?« Die Augen strömten ihm dabei unwillkürlich über, indem er seiner vergangenen und seiner jetzigen Lage gedachte. Bei diesen Worten seines Vaters ward auch Adschîbs Herz von Sehnsucht entflammt, daß er sich zu seinem Diener wendete und sagte: »Mein Herz ist von Sehnsucht nach diesem Koch ergriffen; es kommt mir vor, als ob er sich von einem Sohne hat trennen müssen; komm' daher, wir wollen bei ihm eintreten, sein Herz erquicken und seine gastliche Gabe essen, vielleicht daß Gott uns dadurch mit unserm Vater wieder vereint.«

Der Sklave antwortete jedoch seinem Herrn: »Bei Gott, mein Herr, es ist nicht schicklich; wie kannst du als Sohn eines Wesirs in dem Laden eines Kochs essen? Ich will aber die Leute mit diesem Knittel von dir fortscheuchen, daß sie dich nicht sehen, sonst kannst du unmöglich in den Laden gehen.« Als Hasan Bedr ed-Dîn vom Diener diese Worte vernahm, erstaunte er und sagte zu ihm, indem ihm immer noch die Thränen über die Backen liefen: »Siehe, mein Herz liebt ihn.« Der Diener entgegnete ihm jedoch: »Laß uns mit solchen Reden zufrieden!« und wehrte Adschîb: »Geh nicht hinein!« Doch Adschîbs Vater redete ihn von neuem an: »Großmächtiger, warum willst du denn nicht bei mir eintreten und mein Herz erquicken? Du, der du schwarz wie eine Kastanie bist und doch ein weißes Herz hast, dessen Lob ein Dichter mit den und den Versen verkündet hat!« Da mußte der Diener lachen und sagte: »Was wolltest du sagen? Aber, bei Gott, mach's kurz!« Hasan Bedr ed-Dîn sprach darauf sogleich die Verse:

»Seine Bildung allein und seine Vertrauenswürdigkeit
Hat ihn im Palaste der Könige zu Ehren gebracht.
Was für ein prächtiger Haremswärter er doch ist!
Wegen seiner Schönheit bedienen ihn die Engel im Himmel.«

Der Sklave faßte, hierdurch geschmeichelt, Adschîb an die Hand und betrat mit ihm den Laden des Kochs; Hasan Bedr ed-Dîn aber schöpfte eine Schüssel voll Granatapfelkerne, die mit Mandeln und Zucker zubereitet waren, und sagte, indem er sie ihnen beiden vorsetzte: »Ihr habt mich mit eurer Gesellschaft beehrt, mag es euch wohlbekommen!« Darauf sagte Adschîb zu seinem Vater: »Setz dich zu uns und iß mit! Vielleicht vereint uns Gott wieder mit dem, den wir suchen.« Da sagte Hasan Bedr ed-Dîn: »O mein Sohn, hast du bei deiner Jugend auch schon die Trennung von den Lieben erfahren?« Adschîb erwiderte: »Ja, mein Oheim, mein Herz ist entbrannt über die Trennung von meinen Lieben; der Teuere, von dem ich getrennt bin, ist mein Vater. Ich und mein Großvater sind nun ausgezogen und durchwandern die Länder nach ihm. Ach, wie ich danach seufze mit ihm wieder vereinigt zu werden!« Bei diesen Worten schluchzte er laut auf und weinte, und es weinte auch sein Vater, ergriffen von seinen Thränen, und der Trennung von seinen Lieben gedenkend, wie er seinen Vater verloren hatte und so fern von seiner Mutter weilte, so daß der Diener mit ihm Mitleid empfand.

Nachdem sich nun alle satt gegessen hatten, standen Adschîb und der Diener auf und verließen den Laden Hasan Bedr ed-Dîns. Hasan aber hatte das Gefühl, als ob die Seele seinen Körper verlassen hätte und mit ihnen mitgezogen sei. Er vermochte es ohne sie keinen Augenblick mehr auszuhalten und verschloß daher seinen Laden, um ihnen nachzugehen, ohne zu wissen, daß es sein Sohn war. Er eilte so sehr, daß er sie, noch bevor sie aus dem großen Thore geschritten waren, einholte. Da wendete sich der Eunuch um und fragte ihn: »Was wünschest du, Koch?« Hasan Bedr ed-Dîn antwortete: »Als ihr mich verlassen hattet, hatte ich das Gefühl, als ob die Seele aus meinem Körper gewichen sei, und, da ich in der Außenstadt vor dem Thor ein Geschäft hatte, wollte ich euch begleiten, bis ich mein Geschäft besorgt hätte, und dann wieder heimkehren.« Der Eunuch sagte hierauf zornig zu Adschîb: »Das war eine üble Mahlzeit, unsere Güte bekommt uns schlecht. Sieh', wie er uns von Ort zu Ort folgt.« Adschîb wendete sich nun um und wurde, wie er den Koch sah, rot vor Zorn; er sagte jedoch zum Diener: »Mag er auf der Straße der Gläubigen gehen; folgte er uns aber auch noch heraus zu unseren Zelten, so wollen wir ihn fortjagen.« Darauf ging er mit gesenktem Kopf, den Diener hinter sich, weiter, während Hasan Bedr ed-Dîn ihnen bis zum Meidân el-Hasbâ folgte. Als sie sich nun den Zelten näherten und gewahrten, daß er ihnen auch dorthin folgte, ward Adschîb aus Furcht, der Eunuch könnte es seinem Großvater erzählen, daß er in den Laden eines Kochs gegangen und dieser ihnen dann nachgefolgt sei, so erzürnt, daß er sich umwandte, bis er seinem Vater, der wie ein Körper ohne Seele geworden war, gegenüberstand, und es ihm erschien, als ob sein Auge das eines Verräters und er selber ein Schurke wäre. In aufloderndem Zorn ergriff er einen Stein und traf seinen Vater damit an die Stirn, daß er ohnmächtig und mit blutüberströmtem Gesicht zu Boden stürzte. Dann ging er mit dem Eunuchen in die Zelte. Hasan Bedr ed-Dîn aber, der sich nach einiger Zeit wieder erholte, schalt sich selber, nachdem er sich das Blut abgewischt, ein Stück von seinem Turban abgerissen und damit den Kopf umwickelt hatte, indem er bei sich sprach: »Ich that dem Knaben unrecht, daß ich meinen Laden verschloß und ihm nachfolgte; er mußte mich deshalb für einen Verräter halten.« Darauf kehrte er wieder in seinen Laden zurück und verkaufte seine Speisen; voll Sehnsucht nach seiner Mutter in Basra vergoß er Thränen und sprach die Verse:

»Verlange keine Gerechtigkeit vom Schicksal, du würdest ihm Unrecht thun,
O mein Freund, am Schicksal schaust du nimmer Gerechtigkeit!
Nimm daher, was du erlosest, und schieb' die Sorgen beiseite,
Heute sind die Tage dunkel und morgen heiter.«

Nachdem nun sein Oheim, der Wesir, drei Tage in Damaskus verweilt hatte, brach er auf und schlug die Richtung nach Emesa ein; von dort reiste er, überall, wo er einkehrte, nach dem Weg Erkundigungen einziehend, weiter, bis er über Mâridîn, Mossul und Dijâr Bekr endlich in Basra ankam. Als er sich dort Quartier beschafft hatte, begab er sich zum Sultan, der ihn ehrenvoll und seinem Range angemessen empfing. Auf die Frage nach dem Grunde seines Kommens erzählte er ihm seine Geschichte und daß der Wesir Alî Nûr ed-Dîn sein Bruder gewesen sei. Der Sultan äußerte ihm sein Mitleid und sagte: »Herr, er war mein Wesir und mir sehr teuer, doch ist er seit nunmehr zwölf Jahren tot. Er hinterließ einen Knaben, welcher verschwunden ist, ohne daß wir je eine Kunde von ihm erhielten; seine Mutter, die Tochter meines alten Wesirs, lebt jedoch noch bei uns.« Als der Wesir Schems ed-Dîm vom König vernahm, daß die Mutter seines Neffen noch am Leben war, bat er erfreut den König sie aufsuchen zu dürfen, wozu ihm der König auf der Stelle Erlaubnis erteilte. Darauf begab sich Schems ed-Dîn zu ihr in den Palast seines Bruders; dort angelangt ließ er seine Blicke rings umherschweifen, küßte weinend die Schwelle des Hauses und sprach, indem er seines Bruders Alî Nûr ed-Dîn gedachte, und wie er voll Sehnsucht nach ihm in der Fremde gestorben war, die Verse:

»Ich gehe vorüber an den Wohnungen, den Wohnungen Leilâs,
Und küsse ihre Mauern bei Schritt und Tritt.
Doch nicht für die Wohnungen glüht mein Herz in Liebe,
Es liebt nur sie, die dort geweilt hat.«

Dann trat er durch das Portal in einen weiten Raum, bis er zu einem mit Quarzgestein überwölbten und mit Marmormosaik in allerlei Farben verzierten Thor kam. An den Wänden des Palastes entlang schreitend fand er, als er seine Blicke darübergleiten ließ, den Namen seines Bruders Nûr ed-Dîn in goldenen Buchstaben daraufgeschrieben. Da schritt er auf den Namen zu, küßte ihn und sprach, weinend vor Schmerz über den Verlust seines Bruders, die Verse:

»Ich frage die Sonne nach euch, so oft sie aufgeht,
Und wende mich an den Blitz, so oft er flammt.
Sehnsucht rollt mich in ihrer Hand des Nachts zusammen
Und rollt mich wieder auf, doch klag' ich ihr nicht mein Leid.
O meine Geliebten, währt die Trennung von euch noch lange,
So zerstückelt die Sehnsucht nach euch mir das Herz.
Wolltet ihr meinem Auge vergönnen noch einmal euch zu schauen,
Das schönste Wiedersehen wollten wir miteinander feiern.
Glaubt nicht, daß ich mich mit einem andern tröste,
Ach, mein Herz hat keinen Raum mehr für die Liebe zu einem andern.«

Hierauf schritt er weiter, bis er sich dem Gemach der Gattin seines Bruders, der Mutter Hasan Bedr ed-Dîns von Basra, näherte. Seit der Stunde, daß ihr Sohn verschwunden war, hatte sie ihn unablässig Tag und Nacht beweint und beklagt und dann nach Verlauf einiger Zeit ihrem Sohne ein marmornes Grabmal mitten in ihrem Zimmer errichten lassen, bei welchem sie nun Tag und Nacht weinte und des Nachts ruhte. Wie er ihre Stimme vernahm, blieb er hinter der Thür stehen und hörte hier, wie sie beim Grabmal die Verse klagte:

»Um Gott, o Grab, ist seine Schönheit vergangen?
Ist wirklich dies strahlende Antlitz verblaßt?
O Grab, du bist kein Garten und kein Himmel,
Wie kann das Reis und der Mond in dir wohnen?«

Da trat der Wesir Schems ed-Dîn zu ihr ein und sagte ihr, nachdem er sie begrüßt hatte, daß er der Bruder ihres Gatten sei, und erzählte ihr alles. Er teilte ihr auch mit, daß ihr Sohn Hasan Bedr ed-Dîn bei seiner Tochter eine ganze Nacht zugebracht hatte, dann aber am Morgen verschwunden war, und daß seine Tochter von ihm einen Sohn erhalten hätte, den er mitgebracht habe und der ihr Sohn und der Sohn ihres Sohnes von seiner Tochter sei. Als sie diese Nachricht erhielt und vernahm, daß ihr Sohn vielleicht noch am Leben wäre, und auch den Bruder ihres Gatten sah, warf sie sich vor ihm nieder, küßte ihm die Füße und sprach die Verse:

»Welch herrlicher Bote, der mir ihr Kommen verkündet,
Der mir die köstliche Nachricht gebracht hat!
Wäre er zufrieden mit einem abgetragenen Geschenk,
Ich gäbe ihm ein Herz, das die Stunde des Abschieds zerrissen hat.«

Hierauf schickte der Wesir einen Sklaven zu Adschîb und ließ ihn rufen. Bei seinem Eintreten erhob sich seine Großmutter vor ihm, umarmte ihn und weinte; Schems ed-Dîn sagte jedoch zu ihr: »Dies ist nicht die Zeit zum Weinen, sondern, daß du dich zurecht machst zur Abreise mit uns nach Ägyptenland; vielleicht, daß Gott uns und dich doch noch mit deinem Sohne, dem Sohne meines Bruders, vereint.« Sie antwortete ihm: »Ich höre und gehorche.« Dann erhob sie sich sogleich, holte all ihren Besitz, ihre Schätze und ihre Sklavinnen herbei und machte sich selber zurecht, während der Wesir Schems ed-Dîn zum Sultan von Basra ging und sich verabschiedete. Nachdem ihm der Sultan noch Geschenke und Kostbarkeiten für den Sultan von Kairo mitgegeben hatte, brach er unverzüglich mit der Gattin seines Bruders auf und unterbrach die Reise erst wieder mit seiner Ankunft in Damaskus. Dort stieg er auf dem üblichen Platze ab, ließ die Zelte aufschlagen und sagte zu seinen Leuten: »Wir wollen hier eine Woche lang bleiben, um für den Sultan Geschenke und Kostbarkeiten einzukaufen.«

Als sie nun das Lager aufgeschlagen hatten, sagte Adschîb zum Eunuchen: »Bursche, ich trage Verlangen nach Zerstreuung; komm', wir wollen den Bazar von Damaskus besuchen und sehen, was dort vorgeht, und auch schauen, wie es jenem Koch ergeht, dessen Speise wir erst gegessen und ihm dann den Kopf zerschlagen haben, trotzdem er gütig gegen uns gewesen war; wir haben ihn schlecht behandelt.« Der Eunuch erwiderte: »Ich höre und gehorche.« Hierauf ging Adschîb mit dem Eunuchen aus den Zelten, von den Banden des Blutes zu seinem Vater getrieben. Nachdem sie die Stadt Damaskus betreten hatten, durchwanderten sie ihre Straßen so lange, bis sie um die Nachmittagszeit bei dem Laden des Kochs anlangten, der zufälligerweise wieder Granatapfelkerne gekocht hatte und nun im Laden stand. Als ihn Adschîb erblickte, entbrannte ihm das Herz in Sehnsucht, und, wie er nun die Narbe des Steinwurfs an seiner Stirn gewahrte, redete er ihn an: »Frieden sei mit dir, du da! Wisse, mein Herz ist bei dir.« Als ihn Hasan Bedr ed-Dîn nun ebenfalls erblickte, hängte sich sein Inneres an ihn und sein Herz pochte ihm entgegen. Er neigte sein Haupt zur Erde und wollte die Zunge bewegen, vermochte es aber nicht. Demütig und unterwürfig erhob er das Haupt zu seinem Knaben und brachte endlich die Verse hervor:

»Heiß ersehnte ich den Teuersten, doch nun ich ihn schaue,
Stehe ich da, meiner Zunge und Augen beraubt.
Ich neige mein Haupt in Verehrung und Ehrfurcht
Und möchte mein Innerstes verbergen, doch fällt mir's zu schwer.
Ganze Bände voll Entschuldigungen hatte ich mir zurecht gelegt,
Doch nun wir uns wiedersehen, finde ich kein einziges Wort.«

Hierauf sagte er zu ihnen: »Erquicket doch mein Herz und esset von meiner Speise! Bei Gott, Knabe, ich kann dich nicht anschauen, ohne daß mein Herz in Sehnsucht nach dir entbrennt: ich wäre dir auch damals nicht gefolgt, wäre ich nicht ganz von Sinnen gewesen.« Adschîb erwiderte ihm: »Bei Gott, du liebst uns, und wir aßen bei dir einen Bissen, dann aber folgtest du uns in einem fort dicht nach und wolltest uns bloßstellen. Wir wollen daher nur unter der Bedingung wieder bei dir essen, daß du uns schwörst, erst nach uns auszugehen und uns nicht wieder zu folgen. Thust du es nicht, so kommen wir nicht wieder zu dir, denn wir bleiben hier in dieser Stadt noch eine ganze Woche, bis mein Großvater Geschenke für den König gekauft hat.« Bedr ed-Dîn antwortete: »Ich schwöre es euch,« worauf Adschîb mit dem Diener in den Laden eintrat, und der Koch ihnen eine Schüssel mit Granatäpfelkernen vorsetzte. Wie das erste Mal sagte dann Adschîb wieder zu ihm: »Komm', iß mit uns, vielleicht giebt uns Gott Trost.« Erfreut setzte sich Hasan Bedr ed-Dîn zu ihnen und aß mit ihnen, doch konnte er die Blicke vom Gesichte des Knaben nicht abwenden, da sich sein Herz und alle seine Glieder an ihn gehängt hatten. Da sagte Adschîb: »Hast du vergessen, daß ich dir sagte, du seiest ein lästiger Liebhaber? Doch genug davon, sieh' mir nicht so lange ins Gesicht!« Hasan Bedr ed-Dîn entgegnete darauf die Verse:

Du hast über die Herzen geheimnisvolle Macht,
Deren verhülltes Wesen nicht entfaltet wird.
O du, der du den leuchtenden Mond mit deiner Schönheit beschämst,
Und mit deinem Angesichte den hellen Morgen verdunkelst,
Dein Glanz, der ewig strahlt, lockt meine Blicke an,
Und immer muß ich mich weiden an deinem Angesicht.
Ich schmelze vor Glut, obgleich dein Antlitz mein Eden ist,
Und sterbe vor Durst, wiewohl dein Speichel dem Wasser vom Kauthar sprich th wie das harte englische th. Der Kauthar ist der Hauptstrom im Paradiese. gleicht.

Hierauf stopfte Hasan Bedr ed-Dîn eine Weile lang zuerst Adschîb und dann dem Eunuchen Bissen in den Mund, goß dann Wasser zum Waschen über ihre Hände, knüpfte ein seidenes Tuch von seinem Leibgurt, trocknete ihnen damit die Hände ab und bespritzte sie aus einer Flasche mit Rosenwasser. Dann ging er fort und holte zwei Krüge voll Scherbett von Rosenwasser, das mit Moschus parfümiert war; ihnen dieselben vorsetzend, bat er: »Machet das Maß eurer Güte voll!« Als nun Adschîb zulangte, reichte der Koch den andern Krug dem Eunuchen, und beide tranken so lange, bis ihr Magen voll war und sie sich ganz gegen ihre Gewohnheit über und über gesättigt hatten; dann machten sie sich eilig auf den Weg zu ihren Zelten zurück. Dort angekommen, begab sich Adschîb zu seiner Großmutter, der Mutter seines Vaters Hasan Bedr ed-Dîn und küßte sie, während sie seufzend seines Vaters Hasan Bedr ed-Dîn gedachte und unter Thränen die Verse sprach:

»Wenn ich nicht hoffte noch einmal mit euch vereint zu werden,
Ich trüge nach dem Leben kein Verlangen mehr.
Ich schwöre es, in meinem Herzen lebt nur die Liebe zu euch,
Und Gott, mein Herr, weiß meine geheimsten Gedanken.«

Dann fragte sie Adschîb: »Mein Sohn, wo bist du gewesen?« Er antwortete: »In der Stadt Damaskus.« Darauf stand sie auf und setzte ihm eine Schüssel Granatapfelkerne vor, die jedoch nicht sehr süß zubereitet waren, und sagte zum Diener: »Setz' dich zu deinem Herrn.« Der Diener sprach bei sich: »Bei Gott, wir haben keinen Appetit,« setzte sich aber. Adschîb, der ebenso noch völlig satt vom Essen und Trinken war, nahm einen Brocken und tauchte ihn in die Granatapfelkerne ein; da sie ihm aber, weil er satt war, nicht süß genug schmeckten, sagte er verdrießlich: »Was ist das für ein wüstes Essen!« Seine Großmutter versetzte: »Mein Sohn, tadelst du mein Gericht? Ich hab' es selber gekocht, und niemand außer deinem Vater Hasan Bedr ed-Dîn versteht es so gut als ich zu kochen.« Adschîb versetzte darauf: »Bei Gott, meine Herrin, dein Gericht ist nicht gut gekocht; soeben noch sahen wir in der Stadt einen Koch, der ein Gericht Granatapfelkerne gekocht hatte, dessen Duft das Herz öffnete, und das selbst einen Menschen mit verdorbenem Magen hätte zum Essen reizen können; dein Gericht läßt sich damit überhaupt nicht vergleichen.«

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