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Tausend und eine Nacht. Band I

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band I - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band I
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
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Geschichte des zweiten Mädchens.

O Fürst der Gläubigen, mein Vater hatte mir bei seinem Tode ein großes Vermögen hinterlassen. Nach kurzer Zeit vermählte ich mich mit dem glückseligsten Manne seiner Zeitgenossen, welcher starb, nachdem ich mit ihm ein ganzes Jahr zusammen gelebt hatte. Ich erbte von ihm als mein gesetzliches Anteil achtzigtausend Dinare. Von diesem Gelde ließ ich mir zehn Anzüge, jeden im Werte von tausend Dinaren, anfertigen. Eines Tages, wie ich so dasaß, kam nun ein altes Weib mit runzlichem Gesicht, ausgefallenen Augenwimpern, triefenden Augen, abgebrochenen Zähnen, laufender Nase und gekrümmtem Nacken zu mir, von der das Dichterwort gilt:

Eine Unglücksalte, die Iblîs sieht,
Die ihn schweigend im Betrug unterrichtet;
Tausend flüchtige Maultiere vermag sie
Mit einem Spinnenfaden zu lenken.

Nachdem mich dieselbe begrüßt hatte, sagte sie: »Ich habe daheim eine verwaiste Tochter, für welche ich zur Nacht die Hochzeit angerichtet habe. Gottes Lob und Segen über dich, wenn du zu ihrer Hochzeit kommst; sie ist gebrochenen Herzens darüber, daß sie niemand hat als Gott den Erhabenen.« Darauf weinte sie und küßte mir die Füße, so daß ich, von Mitleid und Barmherzigkeit ergriffen, meine Einwilligung gab. Nachdem sie mich dann noch gebeten hatte mich zu putzen, da sie gegen Abend kommen würde um mich abzuholen, küßte sie mir die Hände und ging fort. Kaum hatte ich mich festlich gekleidet, als die Alte auch schon wieder ankam und sagte: »Meine Herrin, die Damen der Stadt sind bereits zugegen und haben es mit Freuden vernommen, daß du ebenfalls kommen wirst; sie warten auf dich.« So erhob ich mich denn, machte mich fertig und brach in Begleitung der Sklavinnen auf. Wir gelangten in eine von reiner und würziger Luft durchwehte Straße, in welcher wir ein festgefügtes, von marmorner Kuppel überwölbtes Portal erblickten, hinter dem ein Schloß bis in die Wolken ragte. Als wir am Thor anlangten, klopfte die Alte, worauf es uns aufgethan wurde und wir in eine mit Teppichen belegte Vorhalle traten, welche von Hängelampen und Kerzen hell erleuchtet und mit Edelsteinen und Metallen reich geschmückt war. Von hier schritten wir in einen Saal von unvergleichlicher Pracht, der gleichfalls mit seidenen Teppichen belegt und von Hängelampen und Kerzen hell erleuchtet war. Im Hintergrunde, uns gegenüber, stand ein marmornes, mit Perlen und Edelsteinen besetztes Sofa, von seidenem Moskitonetz umhangen, aus welchem nun ein Mädchen, schön wie der Mond, heraustrat und zu mir sagte: »Willkommen, willkommen von Herzen, meine Schwester, die du mir Gesellschaft bringst und mein Gemüt wieder aufrichtest.« Dann setzte sie noch die Verse hinzu:

»Ach, wüßte das Haus, wer es besucht hat, es freute sich,
Es frohlockte der Botschaft und küßte die Stätte deiner Füße;
In stummer Sprache riefe es dir zu:
Willkommen, willkommen, ihr gütigen, ihr hochherzigen Gäste!«

Nachdem ich Platz genommen hatte, sagte sie zu mir: »Meine Schwester, ich habe einen jungen Bruder, der noch schöner als ich ist; er hat dich an einem Feste gesehen und hat die Alte bestochen, dich unter dieser List zu mir zu führen, da er in heißer Liebe zu dir entbrannt ist und mit dir nach der Verordnung Gottes und seines Gesandten vermählt zu werden wünscht. Das Erlaubte bringt doch keine Unehre.« Als ich diese Worte von ihr vernahm und mich im Hause gefangen sah, sagte ich zu dem Mädchen: »Ich höre und gehorche.« Da klatschte sie fröhlich in die Hände und öffnete eine Thür, worauf ein junger Mann, schön wie der Mond, eintrat, gleichwie der Dichter sagt:

»Größer ward seine Schönheit, Gott sei's gepriesen,
Der Herrliche, der ihn geformt und geschaffen!
Alle Anmut hat er allein an sich gerissen,
Daß sich alle Menschen in seinen Reizen verirren;
Auf seine Wange hat die Schönheit geschrieben:
Ich bezeug's, es giebt keinen Holdseligen außer ihm.«

Beim ersten Blick neigte sich ihm mein Herz zu, er aber kam und setzte sich, und mit einem Male trat auch schon der Kadi mit vier Zeugen ein. Nachdem sie uns begrüßt und Platz genommen hatten, setzten sie meinen Ehevertrag mit dem jungen Mann auf und gingen wieder fort. Hierauf wendete sich der junge Mann zu mir und sagte: »Möge unsere Nacht gesegnet sein! Doch, meine Herrin, ich möchte dich auf eine Bedingung verpflichten.« Ich fragte: »Mein Herr, wie lautet sie?« Da stand er auf, legte einen Koran vor mich hin und sprach: »Schwöre mir, daß du weder irgend einem andern Manne einen Vorzug gewähren noch ihm freundlich begegnen willst.« Nachdem ich es ihm geschworen hatte, umarmte er mich in größter Freude, und die Liebe zu ihm nahm mein ganzes Herz in Besitz. Hierauf wurde uns der Speisetisch vorgesetzt, und wir aßen und tranken, bis wir genug hatten, und die Nacht über uns kam.

Einen ganzen Monat hatten wir bereits in ungetrübter Freude zusammen verbracht, als ich ihn um Erlaubnis bat auf den Bazar gehen zu dürfen, um mir etwas Stoff zu kaufen. Nachdem ich seine Erlaubnis erhalten, kleidete ich mich an und nahm die Alte mit in den Bazar; dort setzte ich mich an den Laden eines jungen Kaufmanns, den die Alte kannte, und von dem sie mir erzählte, daß er als kleiner Knabe bereits den Vater verloren und ein großes Vermögen von ihm ererbt hätte. Die Alte befahl ihm nun: »Lege deine kostbarsten Stoffe diesem Mädchen vor.« Er antwortete: »Ich höre und gehorche,« während die Alte ihn in einem fort lobte, so daß ich sagte: »Wir verlangen hier nicht dein Lob dieses jungen Mannes zu hören, sondern wollen unsere Wünsche von ihm befriedigt haben und dann wieder nach Hause gehen.« Als er uns nun das Gewünschte vorlegte und ich ihm das Geld dafür geben wollte, wies er es zurück, indem er sagte: »Dies ist mein Gastgeschenk an euch für euern heutigen Besuch.« Darauf sagte ich zur Alten: »Wenn er das Geld nicht nehmen will, so gieb ihm auch den Stoff wieder.« Nun versicherte er: »Bei Gott, ich nehme nichts von dir an; alles gebe ich dir als Geschenk für einen einzigen Kuß, er ist mir mehr wert als alles in meinem Laden.« Die Alte fragte ihn: »Was für einen Nutzen hast du von einem Kuß?« Dann wendete sie sich zu mir und sagte: »Meine Tochter, du hast gehört, was dieser junge Mann gesagt hat; es kann dir ja nichts schaden, wenn du ihm einen Kuß giebst und dafür nimmst, was du verlangtest.« Ich antwortete ihr jedoch: »Weißt du nicht, daß ich geschworen habe?« Die Alte aber entgegnete: »Laß ihn dich doch küssen und verhalt' dich still dazu, so hast du keine Schuld begangen und behältst das Geld obendrein.« In dieser Weise ließ sie nicht ab mir die Sache schön vorzustellen, bis ich den Kopf in den Sack steckte und einwilligte. Indem ich mir die Augen verhüllte und mich vor den Leuten hinter dem Ende des Isâas verbarg, brachte er seinen Mund darunter an meine Wange und küßte mich, doch gleich darauf biß er mich so tief, daß mir das Fleisch von der Wange hing, und ich in Ohnmacht fiel.

Als ich wieder zur Besinnung kam, fand ich den Laden verschlossen und mich selber im Schoß der Alten ruhen, die laut lamentierte und sagte: »Gott hat noch schlimmeres verhütet; komm', wir wollen nach Hause gehen, stelle dich dort krank, ich aber will dir eine Medizin besorgen, die diesen Biß heilt und dich schnell wieder gesund macht.« Nach einer Weile erhob ich mich und ging in größter Besorgnis und Furcht nach Hause. Als mein Gatte nun hörte, daß ich krank sei, kam er herein zu mir und fragte: »Meine Herrin, was ist dir auf diesem Ausgange zugestoßen?« Ich antwortete ihm: »Ich befinde mich wohl.« Darauf betrachtete er mich und fragte: »Was bedeutet diese Wunde auf deiner Backe, zumal im weichen Fleisch?« Ich erwiderte: »Als du mir an diesem Morgen Erlaubnis gabst auszugehen, um mir Stoff zu kaufen, stieß mich ein Kamel mit einer Last Holz an, zerriß mir den Schleier und verwundete mich, wie du siehst, an der Backe. Die Straßen sind in dieser Stadt sehr eng.« Als er dies vernahm, sagte er: »Morgen gehe ich zum Gouverneur und führe Beschwerde bei ihm, daß er alle Holzhändler in der Stadt an den Galgen hängt.« Ich versetzte darauf: »Um Gott, lade dir keine Schuld auf! Ich ritt auf einem Esel, der mit mir durchging, so daß ich herunterfiel und mir an einem im Wege liegenden Holzstrunk die Backen zerkratzte.« Da sagte er: »Morgen gehe ich zum Barmekiden Dschaafar und erzähle ihm diese Geschichte, daß er alle Eseltreiber in der Stadt köpfen läßt.« Nun sagte ich: »Willst du um meinetwillen die ganze Menschheit umbringen, wo es mir durch Gottes Geschick und Verhängnis widerfahren ist?« Er aber rief: »Ja, so geschieht's unwiderruflich,« packte mich fest an, sprang dann auf und stieß einen lauten Schrei aus, worauf sich die Thür öffnete, und sieben schwarze Sklaven eintraten, die mich aus dem Bette schleiften und mitten ins Zimmer warfen. Dann befahl er einem der Sklaven mich an den Schultern zu packen und sich auf meinen Kopf zu setzen, einem andern sich auf meine Kniee zu setzen und mir die Füße zu halten; ein dritter trat darauf mit einem Schwert heran und sagte: »Mein Herr, soll ich sie mit dem Schwert auseinanderspalten, daß jeder der beiden ein Stück nimmt und es in den Tigris zum Fraß der Fische wirft? Solches ist der Lohn für den, der den Eid und die Treue bricht.« Dann sprach er die Verse:

»Hätte ich in meiner Liebe einen Nebenbuhler,
So verschmähte mein Herz die Liebe und stürbe lieber vor Kummer.
Zu meiner Seele spräche ich: ›Seele, mein Tod ist edel,
Nichts Gutes kommt aus einer Liebe mit einem Nebenbuhler.‹«

Darauf befahl er dem Sklaven: »Schlag' zu, Saad!« Der Sklave zog das Schwert und sagte zu mir: »Sprich das Glaubensbekenntnis, überlege, was du noch zu erledigen hast, und mach' dein Testament, denn dies ist deine letzte Stunde.« Ich sagte: »Ja, lieber Sklave, gieb mir noch eine kurze Frist, das Glaubensbekenntnis zu sprechen und mein Testament zu machen.« Dann hob ich meinen Kopf und zerfloß in Thränen, als ich mich nach aller Herrlichkeit so tief erniedrigt sah; weinend sprach ich die Verse:

»Ihr habt meine Liebe einsam gemacht und rühret euch nicht,
Ihr habt meinen wunden Lidern die Ruhe geraubt und schlafet.
Zwischen meinem Herzen und meinen Augen ist eure Wohnung,
Mein Herz vergißt euch nicht und meine Thräne verhehlt nicht mein Leid.
Ihr hattet einen Bund mit mir geschlossen, mir treu zu bleiben,
Doch als ihr mein Herz besaßet, begingt ihr Verrat.
Ihr erbarmet euch nicht meiner Liebe zu euch und meines Grams,
Seid ihr so sicher vor den Wechselfällen des Schicksals?
Bei Gott, wenn ich tot bin, ich flehe euch an,
Schreibt auf meinen Grabstein: Hier ruht ein Sklave der Liebe.
Vielleicht, daß ein Trauernder, der das Leid der Liebe erfahren hat,
An meinem Grabe vorübergeht und Mitleid verspürt.«

Ich brach dann von neuem in Thränen aus, doch erzürnte er sich noch mehr, als er mein Lied vernahm und meine Thränen sah, und antwortete in den Versen:

»Ich habe meines Herzens Geliebte nicht schmählich verlassen,
Ihre Schuld allein hat die Trennung herbeigeführt.
Sie wollte ihre Liebe noch auf einen andern verteilen,
Doch meines Herzens Glaube neigt nicht zur Vielgötterei.«

Als er diese Verse gesprochen hatte, sprach ich weinend bei mir, um ihn mir gnädig gesinnt zu machen: »Ich will mich vor ihm demütigen und ihn besänftigen, vielleicht erläßt er mir die Todesstrafe, wenn er auch all mein Vermögen nimmt.« So klagte ich ihm denn mein Leid in den Versen:

»Du hast mich mit schwerer Sehnsuchtsqual belastet,
Wo ich zu schwach bin mein Hemd zu tragen;
Daß ich mein Leben lassen muß, wundert mich nicht,
Mich nimmt's nur Wunder, wie ich ohne dich noch zu erkennen bin.«

Er ließ sich jedoch weder durch meine Verse noch meine Thränen rühren, sondern fuhr mich an und schmähte mich mit den Versen:

»Ihr habt euch mit einem andern Geliebten abgegeben
Und die Trennung verursacht; nicht also verfuhren wir.
Wir werden euch verlassen, weil ihr unsere Wünsche mißachtetet,
Und werden ohne euch auskommen, wie ihr ohne uns.
Wir lieben dann eine andere, gleich wie ihr einen andern erwähltet,
Und werfen den Bruch unsers Bundes auf euch, nicht auf uns.«

Als er diese Verse gesprochen hatte, schrie er dem Sklaven zu: »Spalte sie auseinander, sie ist uns zu nichts mehr nutz.« Wie nun der Sklave an mich herantrat, und ich in der sichern Erwartung meines Todes meine Seele zu Gott dem Erhabenen befahl, kam plötzlich die Alte hereingestürzt und beschwor ihn, indem sie sich ihm vor die Füße warf und dieselben küßte: »Mein Sohn, so wahr ich dich erzogen habe, vergieb diesem Mädchen, das keine Schuld begangen hat, die eine solche Strafe verdient. Du bist ein junger Mann, und ich fürchte, daß ihre Verwünschungen auf dein Haupt niederkommen.« Sie weinte und drängte ihn so lange, bis er sagte: »Nun wohl, ich vergebe ihr, doch muß ich sie züchtigen, daß die Spuren davon ihr ganzes Leben lang an ihr sichtbar bleiben.« Darauf rissen mir die Sklaven auf seinen Befehl die Kleider herunter, während er einen Quittenstock ergriff und mir die Seiten und den Rücken so lange und so heftig schlug, bis mir die Sinne schwanden und ich am Leben verzweifelte. Dann befahl er den Sklaven mich bei Eintritt der Nacht aufzuladen und samt der Alten in mein Haus, das ich früher bewohnt hatte, zu schaffen. Als die Sklaven den Befehl ihres Herrn vollzogen und mich in meinem Haus niedergeworfen hatten, pflegte ich mich und kurierte mich vier Monate lang, ehe ich genas, doch blieben meine Rippen so, wie du sahst, als ob sie von Geißeln zerschlagen wären. Nach meiner Genesung ging ich wieder zu dem Hause, in welchem mir alles dieses widerfahren war, doch fand ich es verwüstet, und die Straße von Anfang bis Ende dem Boden gleich gemacht. Auf dem Platze aber, an welchem das Haus gestanden hatte, befanden sich Aasgruben, ohne daß ich die Ursache davon erfuhr.

Nun ging ich zu dieser meiner leiblichen Schwester von väterlicher Seite und fand bei ihr diese beiden Hündinnen. Nachdem ich sie begrüßt hatte, erzählte ich ihr meine Geschichte und alle meine Erlebnisse, worauf sie mir erwiderte: »Wo giebt es einen, dem die Zeit nicht übel mitgespielt hätte! Gott sei gepriesen, daß du mit dem Leben davongekommen bist.« Hierauf erzählte sie mir auch ihre Geschichte und alles, was sie mit ihren Schwestern erlebt hatte, und beide nahmen wir nie mehr das Wort Heiraten auf die Zunge. Hernach gesellte sich dieses Mädchen, die Einkäuferin zu uns, die jeden Tag ihren Ausgang macht, und uns alle unsere Bedürfnisse einkauft. In dieser Weise lebten wir bis zur letztvergangenen Nacht, als unsere Schwester in üblicher Weise ausgegangen war, um unsere Bedürfnisse einzukaufen und sich dann die bekannten Vorfälle mit dem Lastträger, den Bettlern und euch, die ihr in der Tracht von Kaufleuten ankamt, ereigneten, und wir heute Morgen vor dich geführt wurden. Das ist unsre Geschichte.«

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