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Tausend und eine Nacht. Band I

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band I - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band I
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
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Geschichte des zweiten Bettlers.

»Auch ich, meine Herrin, bin nicht einäugig geboren, vielmehr hat sich mit mir eine wunderbare Geschichte zugetragen; würde sie mit Nadeln in die Augenwinkel geschrieben, sie wäre eine Belehrung für alle, die sich belehren lassen. Ich bin ein König und Sohn eines Königs; ich habe den Koran nach sieben Überlieferungen gelesen, die Bücher unter den gelehrtesten Meistern in jedem Fach studiert, Sternkunde getrieben, die Dichter gelesen und habe auch den übrigen Wissenschaften so eifrig obgelegen, daß ich die Zeitgenossen alle übertraf. Meine Handschrift wurde unter allen Schreibkundigen gefeiert, mein Name verbreitete sich über die andern Klimate und Länder und mein Ruhm unter allen Königen. So hatte auch der König von Indien von mir gehört und schickte infolgedessen eine Gesandtschaft an meinen Vater mit Geschenken und Gaben, wie sie Königen anstehen, um mich zu sich einzuladen. Nachdem mich mein Vater mit sechs Schiffen ausgerüstet hatte, reisten wir einen vollen Monat zu Wasser, bis wir wieder ans Land kamen. Dort holten wir die Pferde, die wir mit aufs Schiff genommen hatten, hervor, beluden zehn Kamele mit Geschenken und brachen dann zur Weiterreise auf. Nach kurzem Ritt sahen wir jedoch eine Staubwolke sich erheben, die sich schnell ausbreitete und die ganze Gegend verhüllte. Als sie sich nach einiger Zeit zerteilte, sahen wir unter ihr sechzig Reiter gleich trotzig blickenden Löwen. Bei genauerem Zusehen erkannten wir in ihnen arabische Wegelagerer, welche unsere kleine Schar mit den zehn Lasten Geschenke für den König von Indien erspäht hatten und nun mit aufgepflanzter Lanze auf uns lossprengten.

Wir winkten ihnen mit der Hand und riefen: »Wir sind Gesandte auf dem Wege zum erhabenen König von Indien, fügt uns kein Leid zu!« Sie antworteten jedoch: »Wir sind weder aus seinem Lande noch stehen wir unter seinen Befehlen,« und machten einige von den Leuten nieder, während ich mit den andern, nachdem ich eine tüchtige Wunde davongetragen hatte, entfloh, worauf sich die Araber unbekümmert um uns mit unserer Habe und den Geschenken zu schaffen machten. Eben noch mächtig, zog ich nun in Niedrigkeit weiter, ohne zu wissen wohin, bis ich den Gipfel eines Berges erreichte, wo ich mich in einer Höhle bis zum Anbruch des nächsten Tages verbarg. Dann zog ich weiter, bis ich zu einer reichgesegneten Stadt kam, welche eben, nachdem der Winter mit seiner Kälte gewichen war, in der Blütenpracht des Frühlings prangte. Ich war erfreut hierher gekommen zu sein, da ich vom Weg ermattet war, und der Kummer meine Farbe gelb gemacht hatte. In solch verändertem Zustand und ratlos wohin ich mich wenden sollte, nahm ich meinen Weg zu einem Schneider, der in seinem Laden saß, und begrüßte ihn. Er erwiderte meinen Gruß, hieß mich erfreut willkommen und fragte mich nach der Veranlassung meiner Reise in die Fremde. Ich erzählte ihm alles von Anfang bis zu Ende, worauf er sich um meinetwillen betrübte und sagte: »Junger Mann, entdecke dich keinem! Ich bin um dein Leben besorgt, da der König dieser Stadt deines Vaters größter Feind ist und noch eine Blutrache an ihm zu vollziehen hat.« Hierauf setzte er mir Speise und Trank vor, speiste selber mit und unterhielt sich mit mir bis zur Nacht; dann räumte er mir eine Kammer neben seinem Laden ein und brachte mir, was ich an Bett und Decken bedurfte. Nachdem ich in dieser Weise drei Tage bei ihm verweilt hatte, fragte er mich: »Verstehst du kein Handwerk, womit du dir einen Verdienst schaffen kannst?« Ich antwortete ihm: »Ich bin Rechtskundiger, Gelehrter, Schreibkundiger und Rechenmeister.« Er entgegnete jedoch: »Dein Gewerbe ist in unserm Lande nutzlos, da sich in unserer Stadt keiner um Wissenschaft oder Schreibkunst, sondern nur ums Geld bekümmert.« Ich antwortete: »Bei Gott, ich verstehe nichts anderes, als was ich dir gesagt habe.« Da sagte er: »Gürte deinen Leib, nimm eine Axt und einen Strick und suche in der Steppe Brennholz; du kannst dich damit unterhalten, bis Gott deine Sorgen wieder aufhellt. Gieb dich jedoch keinem zu erkennen, sonst möchte es dir ans Leben gehen.« Hierauf kaufte er mir eine Axt und einen Strick und schickte mich mit einigen Holzfällern, denen er mich empfahl, aus. So zog ich denn mit ihnen aus, fällte Holz und brachte eine Last auf meinem Kopfe heim. Ich verkaufte sie für einen halben Dinar, wovon ich einen Teil für Speise ausgab, den Rest aber zurücklegte, und verbrachte in dieser Weise ein ganzes Jahr. Als ich dann nach Verlauf desselben wieder nach meiner Gewohnheit in die Steppe ging, um Holz zu fällen, stieß ich auf einen üppigen Waldgrund. Ich ging hinein und grub rings um einen Baum, um die Erde von seinen Wurzeln zu schaffen, als meine Axt plötzlich an einen Kupferring stieß. Wie ich ihn aber von der Erde reinigte, sah ich, daß er an einer hölzernen Fallthür befestigt war. Nun hob ich die Thür auf und sah unter ihr eine Treppe; ich schritt dieselbe hinunter, bis ich ein Thor vor mir erblickte; auch durch dieses schritt ich, bis ich ein festes Schloß und darin ein Mädchen, schön wie eine köstliche Perle, gewahrte, deren Anblick mir alle Sorge, allen Kummer und alles Mißgeschick aus dem Herzen scheuchte, so daß ich mich vor ihrem Schöpfer, um der Schönheit und Anmut willen, in welcher er sie erschaffen hatte, niederwarf.

Als das Mädchen meiner ansichtig ward, redete sie mich an: »Bist du ein Mensch oder ein Dschinnî?« Ich antwortete: »Ein Mensch.« Darauf sagte sie: »Wer hat dich zu diesem Ort geführt, an welchem ich schon fünfundzwanzig Jahre weile, ohne jemals einen Menschen gesehen zu haben.« Als ich ihre süßtönenden Worte vernahm, antwortete ich: »O meine Herrin, Gott hat mich zu deiner Behausung geführt, um meine Sorge und meinen Kummer von mir zu nehmen,« und erzählte ihr alle meine Schicksale von Anfang bis zu Ende. Über meine Lage bekümmert, vergoß sie Thränen und sagte: »Ich will dir auch meine Geschichte mitteilen: Wisse, ich bin die Tochter des Königs vom äußersten Indien, des Herrn der Ebenholzinsel. Er hatte mich mit meinem Vetter vermählt, aber in der Hochzeitsnacht raubte mich ein Ifrît Namens Dschardscharîs, Sohn des Radschmûs, Sohn des Iblîs, flog mit mir fort und ließ sich an diesem Ort hinunter. Alles, was ich an Schmuck, Gewändern, Zeug und Möbeln, an Speise und Trank bedurfte, schaffte er hierher und kommt alle zehn Tage einmal, um die Nacht bei mir zu verbringen. Auch machte er es mit mir aus, daß, wenn ich, sei es am Tage oder in der Nacht, etwas nötig hätte, ich mit der Hand diese zwei Striche die über dem Alkoven geschrieben stehen, berühren sollte; ehe ich auch nur die Hand erhebe, sehe ich ihn schon bei mir. Seitdem er das letzte Mal bei mir war sind heute vier Tage verflossen; sechs Tage dauert es also noch, ehe er wieder kommt. Hast du Lust, so bleib' fünf Tage bei mir und geh' dann fort, ehe er kommt.« Ich antwortete erfreut: »Gut.« Nun stand sie auf, faßte mich bei der Hand und führte mich durch einen Thorbogen in ein hübsches und elegantes Bad. Als ich das Bad erblickte, legte ich die Kleider ab und ging hinein, während sie sich auf eine Matratze setzte und mich hernach an ihrer Seite Platz nehmen ließ. Dann holte sie Zuckerwasser mit Moschus und setzte mir Speisen vor, worauf wir beide aßen und miteinander plauderten, bis sie zu mir sagte: »Leg' dich schlafen und ruh' dich aus, du bist müde.« Ich folgte ihrem Befehl und war bald entschlafen, im Dankgefühl gegen sie alle meine Schicksale vergessend. Beim Erwachen sah ich, daß sie meine Füße knetete,Eine Prozedur, die im Orient auch der Europäer gern an sich vornehmen läßt, da sie erquickend auf den ganzen Körper wirkt. Hier, wie noch öfters, dient das Kneten der Füße als Weckmittel. wofür ich ihr Segen erbat. Darauf saßen wir wieder und plauderten, bis sie sagte: »Bei Gott, mir war unter der Erde so beklommen zu Mut all die fünfundzwanzig Jahre lang, in denen ich keinen fand, mit dem ich mich unterhalten konnte; Gott aber sei Lob, der dich mir gesandt hat!« Dann sang sie:

Ach, hätten wir um euer Kommen gewußt, unser Herzblut
Hätten wir ausgebreitet oder das Schwarze in unserm Auge;
Als Teppich ausgebreitet unsere Wangen euch entgegen,
Daß euer Weg über unsere Augenlider geführt hätte.

Als ich ihr Lied vernommen hatte, dankte ich ihr, ledig meiner Sorgen und meines Kummers, welche die Liebe zu ihr ganz aus meinem Herzen verdrängt hatte. Nachdem wir dann noch bis zur Nacht beim Wein gesessen hatten, verbrachte ich die Nacht bei ihr, dem schönsten Mädchen, das ich in meinem ganzen Leben gesehen. Als wir beide am andern Morgen fröhlich erwachten, sagte ich zu ihr: »Soll ich dich nicht aus deinem unterirdischen Aufenthalt ans Tageslicht bringen und dich von diesem Dschinnî befreien?« Sie lachte und sagte: »Bescheide dich und schweig' still! Alle zehn Tage einen Tag für den Ifrît und neun für dich.« Da sagte ich, von Leidenschaft überwältigt: »Sofort werde ich den Alkoven da mit seinen Figuren zertrümmern, daß der Ifrît erscheint, und ich ihn totschlagen kann; ich bin ein prädestinierter Ifrîtentöter.«

Als sie meine Worte vernahm, sang sie:

»Der du nach der Trennung verlangst, gedulde dich!
Und laß dich nicht durch die Umarmung bethören.
Harr' aus, denn der Zeiten Stempel ist Treulosigkeit,
Und das Ende von allem Liebesglück die Trennung.«

Ich achtete jedoch nicht auf die Worte, die sie sang, sondern schlug aus Leibeskräften an den Alkoven.

Dreizehnte Nacht.

Da schrie sie mir zu: »Ach, der Ifrît kommt nun, habe ich dich nicht davor gewarnt? Bei Gott, nun hast du Unheil über mich gebracht! Nun flüchte du dich wenigstens und steig dort hinauf, von wo du gekommen bist!«

Entsetzt eilte ich fort, aber in meiner Herzensangst vergaß ich meine Sandalen und meine Axt; wie ich zwei Stufen hinaufgestiegen war, wendete ich mich nach ihnen um, sah aber schon, wie sich die Erde spaltete und aus ihr ein häßlicher Ifrît stieg und schrie: »Was soll der Lärm, mit dem du mich erschreckt hast? Was ist dir widerfahren?« Sie antwortete: »Mir ist nichts widerfahren, als daß ich mich beklommen fühlte und etwas Wein trinken wollte, um mir die Brust wieder frei zu machen; wie ich deshalb jedoch aufstand, fiel ich gegen den Alkoven.« Aber der Ifrît entgegnete ihr: »Du lügst, Buhldirne!« Wie er sich nun im Schlosse nach rechts und links umschaute und die Sandalen und die Axt erblickte, schrie er sie an: »Was ist dies anders als Sachen eines Menschen! Wer ist zu dir gekommen?« Sie entgegnete ihm: »Ich sehe beides erst jetzt; vielleicht haben diese Sachen an dir gehangen.« Der Ifrît antwortete: »Das sind ganz unsinnige Reden, welche ich mir von dir nicht aufbinden lasse, du Buhldirne!« Hierauf zog er sie nackend aus und band sie mit Händen und Füßen an vier Pfähle, um sie durch Schläge zu einem Geständnis zu zwingen. Da ich ihr Weinen nicht anzuhören vermochte, stieg ich in Zittern und Zagen die Treppe hinauf. Oben angelangt legte ich die Fallthür wieder an ihren Platz, bedeckte sie mit Erde und bereute aufs tiefste, was ich gethan hatte, indem ich des Mädchens in ihrer Schönheit gedachte und wie dieser Verruchte, bei dem sie fünfundzwanzig Jahre zugebracht hatte, sie um meinetwillen geschlagen hatte; dann dachte ich auch wieder an meinen Vater und sein Königreich, und wie ich ein Holzfäller geworden war, und sprach den Vers:

»Wenn das Schicksal dir naht mit seiner Widerwärtigkeit,
Denk', heute schaust du das Glück und morgen Bedrängnis.«

Hierauf kehrte ich zu meinem Gefährten, dem Schneider, zurück, den ich meiner wartend antraf, als säße er auf einer Bratpfanne. »Die ganze Nacht über,« sagte er, »war mein Herz bei dir, indem ich fürchtete, es wäre dir von einem wilden Tiere oder dergleichen ein Unfall zugestoßen; Gott sei Lob für deine Rettung!« Ich dankte ihm für seine Fürsorge um mich und ging in mein Gemach, um dort meinen Gedanken über mein Erlebnis nachzuhängen, mich scheltend, daß ich an den Alkoven geschlagen hatte. Plötzlich aber kam mein Freund, der Schneider, zu mir herein und sagte: »Im Laden steht ein Fremder, welcher dich zu sprechen wünscht; er hat deine Axt und deinen Strick bei sich. Er hatte sie den Holzfällern gebracht und zu ihnen gesagt: »Als ich in der Frühe, als der Muezzin zum Gebet rief, ausging, stolperte ich über diese Sachen. Da ich nicht weiß, wem sie gehören, so führt mich zu ihrem Besitzer.« Die Holzfäller führten ihn darauf zu dir, und nun steht er hier in meinem Laden. Geh zu ihm hinaus, bedank' dich bei ihm und nimm deine Axt und deinen Strick.« Als ich seine Worte vernahm, wechselte ich die Farbe und wurde gelb; indem spaltete sich auch schon der Boden meines Zimmers, und der Fremde, der kein anderer als der Ifrît war, stieg daraus empor. Er hatte das Mädchen auf das grausamste mißhandelt, doch, da sie ihm trotzdem nichts eingestanden hatte, hatte er die Axt und den Strick genommen und zu ihr gesagt: »Bin ich Dschardscharîs aus dem Stamme des Iblîs, so bringe ich den Besitzer dieser Axt und dieses Strickes.« So war er unter dem erzählten Vorwande zu den Holzfällern gekommen und bei mir eingedrungen. Ohne irgend welchen Aufschub packte er mich nun, stieg mit mir hoch empor, dann wieder hinab, fuhr in die Erde hinunter, ohne daß ich etwas von mir wußte, und stieg dann wieder mit mir ins Schloß, in dem ich gewesen war, empor, wo ich das Mädchen nackend und auf beiden Seiten von Blut überströmt liegen sah, daß meine Augen von Thränen überliefen. Der Ifrît aber packte sie an und schrie: »Hier, Dirne, ist dein Geliebter.« Sie blickte mich an und antwortete: »Ich kenne ihn nicht und sehe ihn jetzt zum erstenmal.« Da sagte der Ifrît zu ihr: »Hab' ich dich so gezüchtigt, und willst du noch nicht bekennen?« Sie wiederholte jedoch: »Ich habe ihn mein Lebenlang nicht gesehen; Gott hat nicht erlaubt, eine Lüge gegen ihn auszusprechen.« Der Ifrît erwiderte darauf: »Wenn du ihn nicht kennst, so nimm dies Schwert und schlag' ihm den Kopf ab.« Da nahm sie das Schwert und trat zu mir heran, während mir die Thränen über die Wangen liefen und ich ihr mit den Wimpern Zeichen gab. Sie aber gab mir gleichfalls durch Zeichen zu verstehen: »Du bist's, welcher uns dies alles angethan hat.« Da bedeutete ich ihr von neuem durch meine Blicke, daß dies die Stunde der Verzeihung wäre, und sagte in stummer Sprache, was die Verse ausdrücken:

»Für meine Zunge redet mein Blick, auf daß ihr wisset,
Und zeigt euch deutlich, was meine Brust verbirgt.
Da wir einander trafen mit rinnenden Thränen,
Schwieg ich, aber mein Blick that meine Liebe dir kund.
Mit ihren Blicken redet sie zu uns eine deutliche Sprache,
Ich winke ihr mit dem Finger und sie versteht mich ganz.
Unsere Wimpern erledigen, alle Anliegen zwischen uns,
Wir sind stumm aber die Liebe spricht.«

Als das Mädchen den Sinn meiner Zeichensprache begriff, warf sie das Schwert aus der Hand, o Herrin; nun aber überreichte der Ifrît es mir und sagte: »Schlag' ihr den Kopf ab, so will ich dich loslassen, ohne dich zu peinigen.« Ich antwortete: »Gut,« nahm das Schwert und, frisch auf sie losgehend, hob ich meine Hand; sie aber deutete mir mit ihren Wimpern an: »Ich habe dir dein Recht auch nicht verkürzt.« Da flossen meine Augen von Thränen über, und ich sagte: »O starker Ifrît und mächtiger Held, wenn ein Weib, das wenig Verstand und Religion besitzt, es für unerlaubt hält, mir den Kopf abzuschlagen, wie sollte es wohl mir erlaubt sein, wo ich sie nie zuvor in meinem Leben gesehen habe! Nie werde ich es thun und wenn ich den Unheilsbecher des Todes leeren sollte.« »Ihr liebt einander,« schrie der Ifrît; dann nahm er das Schwert und hieb dem Mädchen eine Hand ab; dann hieb er ihr die andere ab, dann den rechten und dann den linken Fuß; mit jedem Hieb eine ihrer vier Gliedmaßen, während ich es mit eigenen Augen ansehen mußte und ebenfalls meines Todes gewiß war. Noch einmal grüßte sie mich mit den Augen, als der Ifrît, der es bemerkt hatte, schrie: »Du hast mit den Augen gebuhlt,« und ihr den Kopf abschlug. Darauf wendete er sich zu mir und sagte: »Mensch, nach unserm Glauben ist es uns erlaubt ein buhlerisches Weib zu töten. Dieses Mädchen hatte ich mir in ihrer Hochzeitsnacht entführt, als sie zwölf Jahre alt war; keinen andern kannte sie als mich, der ich sie in der Tracht eines Fremden alle zehn Tage auf eine Nacht besuchte. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß sie mich hinterging, mußte sie sterben. Was dich anlangt, so bin ich nicht sicher, daß du mich mit ihr hintergangen hast, aber mit heiler Haut kann ich dich unter keinen Umständen fortlassen; bitte dir daher aus, welche Strafe du haben willst.« Über seine Worte, o Herrin, aufs höchste erfreut, fragte ich in heißem Verlangen nach Vergebung: »Was soll ich mir von dir ausbitten?« Er antwortete: »Bitte dir aus, in welche Gestalt ich dich verzaubern soll, in die Gestalt eines Hundes, eines Esels oder eines Affen?« Ich entgegnete ihm in meinem heißen Verlangen nach Vergebung: »Bei Gott, wenn du mir vergiebst, wird Gott dir auch vergeben, darum, daß du einem Moslem, der dir kein Leid zugefügt hat, verziehen hast,« und warf mich ihm flehend zu Füßen, meine Unschuld beteuernd, er aber sagte: »Mach' mir keine langen Reden! Deines Todes wegen sei unbesorgt, vergeben aber kann ich dir nicht, du wirst ohne Gnade und Barmherzigkeit verzaubert.«

Hierauf spaltete er die Erde und flog mit mir so hoch in den Himmel, daß die Erde wie eine Wasserschüssel unter mir lag; dann setzte er mich auf einen Berg ab, nahm ein wenig Erde, murmelte etwas darüber und bestreute mich damit, indem er dazu sprach: »Verlaß diese deine Gestalt und nimm die Gestalt eines Affen an,« worauf ich zu derselbigen Stunde ein hundertjähriger Affe wurde. Als ich mich in dieser abscheulichen Gestalt sah, brach ich in Thränen aus über mein Schicksal, doch ertrug ich die Grausamkeit der Zeit in der Erkenntnis, daß sich die Zeit keinem treu bewährt. Ich stieg nun vom Gipfel des Berges hinunter und wanderte einen Monat lang, bis ich an den Strand des Meeres gelangte. Nachdem ich dort eine Weile gestanden hatte, erblickte ich mitten im Meere ein Schiff, welches mit gutem Winde gerade auf den Strand lossteuerte. Ich verbarg mich hinter einer Klippe, bis es gelandet war und sprang dann mitten aufs Schiff. Da schrie der eine: »Hinunter vom Schiff mit diesem Unglücksboten!« Ein anderer: »Wir wollen ihn totschlagen,« wieder ein anderer: »Ich steche ihn mit diesem Schwert nieder;« ich aber ergriff die Spitze des Schwertes und weinte, daß mir die Thränen über die Backen liefen. Wie das der Kapitän sah, erbarmte er sich meiner und sprach zu ihnen: »Ihr Kaufleute, dieser Affe hat bei mir Zuflucht gesucht; ich gewähre sie ihm hiermit und stelle ihn unter meinen Schutz; keiner trete ihm in den Weg oder füge ihm ein Leid zu!« Hierauf behandelte mich der Kapitän stets freundlich, ich aber verstand alles, was er sagte, so daß ich ihm jeden Wunsch erfüllte und ihn auf dem Schiff bediente. Nach fünfzigtägiger Fahrt bei günstigem Wind gingen wir nun bei einer großen Stadt vor Anker, deren Einwohnerzahl allein Gott der Erhabene zu zählen vermocht hätte. Kaum aber hatten wir das Schiff im Hafen beigelegt, als Mamluken vom König der Stadt zu uns aufs Schiff kamen und zu den Kaufleuten nach Glückwünschen zu ihrer wohlbehaltenen Ankunft sagten: »Unser König, der euch zu eurer Fahrt beglückwünscht, schickt euch diese Papierrolle und gebietet euch, daß ein jeder von euch eine Zeile daraufschreibt.«Nach den anderen Ausgaben war nämlich der Wesir des Königs gestorben, und suchte der König auf diese Weise einen neuen Wesir sich zu erwählen. Wie ich dies vernahm, riß ich ihnen, so wie ich war in Affengestalt, die Rolle aus der Hand. Aus Furcht, daß ich die Rolle zerreißen und ins Meer werfen könnte, stürzten sie mir schreiend nach, um mich totzuschlagen, während ich ihnen durch Zeichen verständlich zu machen suchte, daß ich schreiben wollte. Da sagte der Kapitän zu ihnen: »Laßt ihn schreiben; macht er Kritzeleien, so jagen wir ihn fort, schreibt er aber ordentlich, so nehme ich ihn an Sohnes Statt an, da ich einen gescheiteren Affen bisher noch nicht gesehen habe.«

Darauf nahm ich eine Feder, tauchte in die Tinte und setzte folgende Verse auf:

»Das Schicksal hat die Tugenden der Edeln verzeichnet,
Deine Tugenden hat bisher noch keiner ermessen.
Möge Gott dich der Menschheit noch lange erhalten,
Weil du der Tugenden herrlichster Vater bist.«

In einer andern Schrift setzte ich diese Verse darunter:

»Eine Feder führt er, die alle Klimate mit Segen umfaßt,
Seine Unterschrift bringt allen Wesen Gewinn.
Aus seinen Fingerspitzen entspringen fünf Ströme,
Die sich mit Segnungen in alle Zonen ergießen.«

In einer dritten Schrift dann noch folgende Verse:

»Es giebt keinen Schreiber, der nicht vergänglich ist,
Doch die Zeit bewahrt, was seine Hand geschrieben.
Verzeichne drum mit deiner Schrift nur solches,
Dessen Anblick dich bei der Auferstehung erfreut.«

Endlich zum Schluß noch in einer vierten Schrift die Verse:

»Öffnest du das Tintenfaß der Macht und des Glücks,
So laß deine Tinte voll Güte und Edelmut sein;
Schreib' nur Gutes, wenn immer du kannst,
Durch solche Schrift ehrt sich der Schreiber am meisten.«

Nachdem ich ihnen dann die Papierrolle wieder übergeben hatte, begaben sie sich mit derselben zum König zurück, dem von allen Schriften auf der Papierrolle keine so gut als die meinige gefiel, so daß er seiner Umgebung befahl: »Geht zu dem Schreiber dieser Verse, legt ihm dies Kleid an, setzt ihn auf ein Maultier und führt ihn mit einem Ehrengeleite vor mich.« Als sie die Worte des Königs vernahmen, lächelten sie, so daß der König erzürnt zu ihnen sprach: »Wie! ich erteile euch einen Befehl und ihr lacht über mich?« Darauf antworteten sie ihm: »O König, wir lachten nicht über deine Worte; der, der dieses geschrieben, ist ein Affe und kein menschliches Wesen; er ist bei dem Kapitän auf dem Schiff.« Der König verwunderte sich über ihre Worte und sagte, indem er sich vor Freude schüttelte: »Diesen Affen muß ich kaufen;« dann schickte er Leute mit dem Maultier und dem Kleid nach dem Schiff und befahl ihnen: »Ihr müßt ihm bestimmt dies Kleid anziehen und ihn auf dem Maultier zu mir bringen.« Als sie nun zum Schiff gekommen waren und mich vom Kapitän in Empfang genommen hatten, legten sie mir das Kleid an, daß alle Leute vor Staunen sprachlos wurden und an mir ihren Spaß hatten. Wie ich dann vor den König geführt wurde und ihn erblickte, küßte ich dreimal vor ihm die Erde, worauf er mir befahl mich niederzusetzen; ich that es, indem ich mich auf die Kniee setzte, so daß die Anwesenden, zumeist aber der König, über meinen feinen Anstand erstaunten.

Hierauf befahl der König den Anwesenden, mit Ausnahme eines Eunuchen und eines kleinen Mamluken, hinauszugehen und bestellte eine Mahlzeit. Als man den Speisetisch mit allem, was nur das Herz begehrt und das Auge erfreut, gebracht hatte, gab mir der König durch ein Zeichen den Befehl: »Iß!« Darauf erhob ich mich, küßte siebenmal vor ihm die Erde, setzte mich und speiste mit ihm; als dann der Tisch wieder weggenommen wurde, ging ich fort um mir die Hände zu waschen, nahm darauf Tinte, Feder und Papier und schrieb die Verse:

»Schüsseln mit Schöps sind Gegengift für die Krankheiten,
Und süße Schalen meiner Hoffnung höchstes Ziel.
Ach, mein Herz, wenn das Tischtuch gedeckt wird.
Und die KanâfeEine Pastetenart. in Butter und Honig brodelt!«

Ebenso schrieb ich noch folgende Verse darunter:

»Nach dir allein steht mein Sehnen, o Kanâfe,
Wie könnte ich ohne dich das Leben ertragen!
Sei drum meine Speise bei Tag und Nacht,
Und Regen tränke immerfort deine Flur!«

Nachdem ich dies geschrieben hatte, stand ich auf und setzte mich abseits, während der König es bewundernd las und rief: »Kann wirklich ein Affe so elegant sich ausdrücken und solche schöne Handschrift haben? Bei Gott, das ist Wunder über Wunder!« Hierauf brachte man dem König ein Schachspiel, und er fragte mich: »Kannst du spielen?« Ich bejahte es kopfnickend, trat herzu, ordnete die Figuren und setzte ihn in zwei Spielen matt. Da rief der König, nun vollends verblüfft: »Wenn dieser Affe hier ein Mensch wäre, er würde unzweifelhaft alle seine Zeitgenossen übertreffen.« Dann befahl er dem Eunuchen: »Geh zu deiner Gebieterin und sprich: Der König gebietet dir durch mich zu ihm zu kommen und dich an diesem wunderbaren Affen zu ergehen.« Als der Eunuch nun mit seiner Gebieterin wieder eintrat und diese mich erblickte, verhüllte sie ihr Antlitz und sagte: »O mein Vater, wie kommt's, daß es dir beliebt, mich vor fremden Männern sehen zu lassen?« Der König antwortete: »Meine Tochter, hier ist nur der kleine Mamluk, der Eunuch, welcher dich erzogen hat, und ich selber, dein Vater, weshalb verhüllst du dein Gesicht?« Sie erwiderte jedoch: »Sieh, dieser Affe ist der Sohn eines Königs; sein Vater heißt Aimâr, der Herr der inneren Ebenholzinseln; er wurde von dem Ifrît Dschardscharîs aus dem Stamme des Iblîs verzaubert, nachdem jener seine Gattin, die Tochter des Königs Aknâmûs ermordet hatte. Der, den du für einen Affen hältst, ist ein gelehrter und kluger Mann.« Der König sah mich verwundert über die Worte seiner Tochter an und fragte: »Ist es wahr, was sie von dir sagt?« Ich nickte mit dem Kopf und weinte. Darauf fragte er seine Tochter: »Woher weißt du, daß er verzaubert ist?« Sie antwortete: »Mein Vater, wie ich noch klein war, war eine alte, verschlagene Zauberin bei mir, die mich die Zauberkunst auswendig lernen ließ, so daß ich hundertundsiebzig Zauber verstehe, von denen der geringste ausreicht die Steine deiner Stadt hinter den Berg Kâf zu schaffen und die Stadt selber in ein tiefes Meer zu verwandeln, in dem ihre Bewohner als Fische herumschwimmen.« Darauf sprach ihr Vater: »Bei der Wahrheit des Namens Gottes beschwöre ich dich, befreie uns diesen jungen Mann, daß ich ihn zu meinem Wesir machen kann! Wie aber besaßest du diese Kenntnis, ohne daß ich etwas davon wußte? Doch, befreie ihn, daß ich ihn zu meinem Wesir machen kann, da er ein feiner und verständiger junger Mann ist.« Sie antwortete: »Recht gern.«

Vierzehnte Nacht.

Darauf nahm sie ein Messer, auf welchem hebräische Namen geschrieben standen, und beschrieb mit ihm mitten im Schloß einen Kreis; dann zeichnete sie Namen und Talismane in den Kreis und sprach Zauberformeln und unverständliche Worte darüber. Nach einer Weile ward es um uns im Schlosse so dunkel, daß wir glaubten die ganze Welt hätte sich verfinstert, und plötzlich fuhr zu unserm Entsetzen der Ifrît in der scheußlichsten Gestalt zu uns nieder, mit Händen wie Heugabeln, Füßen wie Schiffsmaste und Augen wie zwei feurige Lampen. Die Tochter des Königs rief ihm entgegen: »Sei nicht begrüßt und willkommen!« Darauf entgegnete ihr der Ifrît: »Du Verräterin, warum hast du den Eid gebrochen? Haben wir uns nicht geschworen, einer dem andern nicht in den Weg zu treten?« Sie erwiderte: »Verruchter, wann habe ich dir geschworen?« Da gab ihr der Ifrît zur Antwort: »Nimm, was dir zukommt!« und verwandelte sich in einen Löwen, der mit gesperrtem Rachen auf das Mädchen losstürzte. Sie nahm jedoch schnell eins ihrer Haare und bewegte murmelnd die Lippen; da verwandelte sich das Haar in ein Schwert, mit dem sie den Löwen spaltete. Der Kopf des Löwen verwandelte sich jedoch in einen Skorpion, worauf sich das Mädchen in eine mächtige Schlange verwandelte und auf den Verruchten losfuhr. Nach heftigem Kampfe verwandelte sich der Skorpion in einen Adler, worauf die Schlange zu einem Geier wurde, der den Adler verfolgte. Nach einer Weile verwandelte sich der Adler in einen schwarzen Kater, und das Mädchen in einen Wolf. Nachdem sich diese beiden eine Zeitlang im Schlosse gejagt und erbittert miteinander gekämpft hatten, verwandelte sich der Kater, als er sich überwunden sah, in einen großen roten Granatapfel, der in das Becken eines Springbrunnens fiel. Der Wolf setzte ihm jedoch nach, und der Granatapfel stieg nun hoch in die Luft und stürzte dann auf den Estrich des Schlosses, daß er auseinandersprang und seine Kerne sich über den ganzen Boden zerstreuten. Da verwandelte sich der Wolf in einen Hahn und pickte die Kerne auf. Durch das vorausbestimmte Geschick hatte sich jedoch ein Kern an dem Rande des Springbrunnens versteckt. Als nun der Hahn die Kerne aufgepickt hatte, begann er zu schreien und mit den Flügeln zu schlagen und machte uns mit dem Schnabel Zeichen, ohne daß wir verstanden, was er von uns wollte. Darauf stieß er gegen uns einen so lauten Schrei aus, daß wir glaubten, das Schloß müsse über uns einstürzen, und lief auf dem Fußboden des Schlosses hin und her, bis er den Kern, der sich am Rande des Springbrunnens versteckt hatte, gefunden hatte. Als er jedoch auf denselben losstürzte, um ihn aufzupicken, fiel der Kern mitten ins Wasserbecken, verwandelte sich in einen Fisch und tauchte unter. Nun verwandelte sich der Hahn ebenfalls in einen großen Fisch, der ihm nachschoß und eine Weile fortblieb. Plötzlich vernahmen wir einen lauten Schrei, der uns erbeben machte; gleich darauf stieg der Ifrît in Gestalt einer feurigen Lohe empor und spie und schnob gegen das Mädchen, das sich ebenfalls schnell in eine Feuersflamme verwandelte, Feuer aus dem Mund, und Rauch und Feuer aus Nüstern und Augen. Aus Furcht zu Tode verbrannt zu werden, wollten wir nun ins Wasser untertauchen, als der Ifrît auch schon, aus dem Feuer schreiend, auf uns zu auf den LîwânDer Lîwân ist derjenige Teil im Saal, welcher um eine Stufe über den Boden erhöht liegt. gestürzt kam und uns Feuer ins Gesicht blies. Das Mädchen holte ihn jedoch ein und blies ihm ebenfalls Feuer ins Gesicht, so daß wir sowohl von ihren als seinen Funken getroffen wurden. Ihre Funken schadeten uns nichts, doch traf von seinen Funken einer mein Auge und zerstörte es, ein anderer traf den König ins Gesicht und verbrannte die untere Hälfte, das Kinn samt dem Barte und den Zähnen, ein dritter Funken traf den Eunuchen auf die Brust und verbrannte ihn auf der Stelle. Unsers Todes sicher und ohne Hoffnung noch mit dem Leben davon zu kommen, hörten wir plötzlich jemand rufen: »Gott ist groß, Gott ist groß, er hat Sieg und Beistand verliehen, und den Ungläubigen im Stich gelassen, der nicht glaubte an Mohammed, den Herrn der Menschheit!« Der aber diese Worte rief war die Tochter des Königs, welche den Ifrît verbrannt hatte, und den wir nun als Aschenhaufen daliegen sahen. Darauf trat das Mädchen zu uns heran und sagte: »Bringt mir eine Schüssel mit Wasser.« Als man sie ihr gebracht hatte, sprach sie etwas darüber, das wir nicht verstanden, und bespritzte mich dann mit dem Wasser, indem sie dazu sprach: »Sei durch die Kraft der Wahrheit und des Namens des höchsten Gottes befreit und nimm deine frühere Gestalt wieder an!« Da ward ich wie zuvor ein Mensch, nur daß mein eines Auge zerstört blieb.

Plötzlich schrie das Mädchen: »O mein Vater, das Feuer, das Feuer! Ich kann nicht weiter leben, ich bin dem Tode verfallen. Wäre er ein Mensch gewesen, hätte ich ihn gleich im Anfang getötet. Ich ermüdete auch nicht eher, bis ich den Granatapfel außer acht ließ und beim Aufpicken der Kerne den einen Kern, in welchem das Leben des Dschinnî steckte, vergaß. Hätte ich diesen aufgepickt, wäre er sofort tot gewesen, aber nach dem Schicksal und Verhängnis sah ich ihn nicht, und hatte deshalb sogleich einen hitzigen Kampf mit ihm unter der Erde, in der Luft und im Wasser zu bestehen. So oft er einen neuen Zauber gegen mich versuchte, wendete ich einen noch größeren Zauber gegen ihn an, bis er zum Feuer griff. Selten nur kommt einer, gegen den dieser Zauber angewendet wird, mit dem Leben davon; das Schicksal half mir jedoch gegen ihn, daß ich ihm zuvorkam und ihn verbrannte, nachdem ich ihn zuvor noch zwang sich zum Islam zu bekennen. Nun aber sterbe ich und Gott sei euch mein Ersatz!« Hierauf rief sie in einem fort um Hilfe gegen das Feuer, als plötzlich ein schwarzer Funke auf ihre Brust und dann auf ihr Gesicht stieg; als er das Gesicht berührte, weinte sie und sprach: »Ich bezeuge es, daß es keinen Gott giebt außer Gott, und bezeuge, daß Mohammed der Gesandte Gottes ist.« Wie wir sie darauf ansahen, lag sie als Aschenhaufen neben dem Aschenhaufen des Ifrît. Da trauerten wir über ihren Tod, und ich wünschte, daß ich an ihrer Stelle wäre, und daß ich nie das liebliche Gesicht dieses Mädchens gesehen hätte, das mir diesen großen Dienst erwiesen hatte und nun zu Asche geworden war; doch Gottes Ratschluß ist unabänderlich.

Wie nun der König seine Tochter als Aschenhaufen daliegen sah, riß er sich den Rest seines Bartes aus, schlug sich das Gesicht und zerriß seine Kleider; desgleichen that ich, und wir beweinten sie beide. Als darauf die Kämmerlinge und die Großen des Reiches wieder eintraten und den Sultan bewußtlos neben zwei Aschenhaufen liegen sahen, umstanden sie ihn bestürzt, bis er sich wieder erholte und ihnen mitteilte, was sich mit seiner Tochter und dem Ifrît zugetragen hatte. Ihr Leid wurde groß, und die Frauen und Sklavinnen jammerten und betrauerten sie sieben Tage lang. Dann befahl der König über der Asche seiner Tochter ein hohes Mausoleum zu errichten und Kerzen und Lampen darin zu brennen, die Asche des Ifrîts jedoch in die Luft zu streuen und dem Fluche Gottes anheimzugeben. Gleich darauf erkrankte der König auf den Tod, und es währte einen Monat, ehe er von seiner Krankheit wieder genas. Dann aber ließ er mich kommen und sprach zu mir: »Junger Mann, wir verbrachten unser Leben auf die angenehmste Weise und sicher vor den Wechselfällen der Zeit, bis du kamst und das Unheil uns nahte. Hätten wir dich und dein abscheuliches Gesicht doch niemals gesehen, um dessentwillen wir so unglücklich geworden sind. Zuerst habe ich meine Tochter verloren, die hundert Männer wert war, zum zweiten wurde mir das halbe Gesicht verbrannt und verlor ich dazu noch meine Zähne, und schließlich verlor mein Diener das Leben. Aber nicht deine Hand, sondern der Ratschluß Gottes hat es über uns alle verhängt; Lob sei Gott, daß meine Tochter dich befreit hat, auch wenn sie dabei ihr Leben verloren hat. Nun aber, mein Sohn, geh fort aus meinem Land, denn was uns um deinetwillen betroffen hat, ist genug, obwohl alles das über dich und über uns verhängt gewesen ist; ziehe hin in Frieden!«

So zog ich denn nun, meine Herrin, von dem König fort, ohne an meine Rettung zu glauben und ohne zu wissen, wohin ich mich wenden sollte. Alle meine Schicksale kamen mir wieder in den Sinn, wie ich zuerst auf dem Wege heil entkommen war und einen Monat hatte wandern müssen, bis ich in der Stadt als Fremdling anlangte und mit dem Schneider zusammentraf; wie ich dann das Mädchen unter der Erde fand und wie ich vom Ifrît loskam, nachdem er mich, anstatt zu töten, verzaubert hatte, kurz, was mir von Anfang bis Ende widerfahren war; ich lobte Gott und tröstete mich damit, daß das Auge noch nicht das Leben wäre. Nachdem ich dann ins Bad gegangen war und mir den Bart geschoren hatte, durchzog ich betrübt weite Länder und viele Städte, bis ich in Bagdad, der Stätte des Friedens, anlangte, um zum Fürsten der Gläubigen Zutritt zu erhalten und ihm meine Geschichte zu erzählen. Als ich hier zur Nacht eintraf, sah ich diesen meinen ersten Bruder ratlos dastehen. Ich sprach zu ihm: »Frieden sei mit dir!« und unterhielt mich mit ihm, als plötzlich unser dritter Bruder zu uns trat und sprach: »Frieden sei mit euch, ich bin ein Fremdling.« Wir antworteten ihm: »Auch wir sind hier fremd und erst in dieser gesegneten Nacht eingetroffen.« Hierauf gingen wir drei, ohne daß einer des andern Geschichte kannte, zusammen weiter, bis uns das Schicksal zu dieser Thür führte, und wir bei euch eintraten.

Das ist der Grund, weswegen ich mir den Bart geschoren und weshalb ich mein Auge verloren habe.«

Da sagte die Hausherrin zu ihm: »Deine Geschichte ist wunderbar, darum streich' mit der Hand über den Kopf und zieh deines Weges!« Er antwortete jedoch: »Ich möchte nicht eher fortgehen, als ich die Geschichte meines Gefährten vernommen habe.«

Indem trat der dritte Bettler vor und erzählte:

 

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