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Tausend und eine Nacht. Band I

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band I - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band I
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
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Geschichte des Lastträgers und der drei Schwestern.

In der Stadt Bagdad lebte einmal ein lediger Lastträger, der eines Tages auf dem Markt an seinen Korb gelehnt dastand, als eine Dame, gehüllt in einen seidenen, goldgestickten und goldumrandeten IsârDer Isâr ist der große Schleier, welcher von den moslemischen Frauen bei den Ausgängen getragen wird. Derselbe fällt von der Stirn über den Kopf nach hinten bis auf die Erde und wird vorn mit der Hand zusammengehalten, so daß er die ganze Gestalt bis auf das Gesicht verhüllt, welches letztere durch einen andern Schleier mit Ausnahme der Augen völlig bedeckt ist. von MossulerDie bekannte Stadt Mossul in der Nähe der Ruinen des alten Ninive war wegen ihrer feinen Gewebe berühmt und lieferte im Mittelalter die nach ihr benannten Muslingewebe. Fabrikat, an ihn herantrat und den Schleier lüftete, unter welchem schwarze Augen mit schmalen Brauen und langen Wimpern von freundlichem Ausdruck, und vollendet schöne Züge sichtbar wurden. Mit süßer Stimme redete sie den Lastträger an: »Nimm deinen Korb und folge mir!« Der Lastträger, der es kaum hatte erwarten können, nahm den Korb und folgte ihr, bis sie an der Thür eines Hauses anhielt und pochte, worauf ein Christ zu ihr herunterkam und ihr ein Maß Öl gab, für welches sie ihm einen Dinar bezahlte. Sie stellte dann das Öl in den Korb und sagte zum Lastträger: »Folge mir!« Da rief der Lastträger: »Das ist, bei Gott, ein gesegneter Tag!« und folgte ihr mit dem Korb auf dem Kopf, bis sie vor dem Laden eines Obsthändlers anhielt und dort syrische Äpfel, osmanische Quitten, Pfirsiche von Oman, Jasmin von Aleppo, Wasserlilien von Damaskus, Wassermelonen vom Nil, ägyptische Limonen, Sultanscitronen, duftige Myrten, Henna, Kamillen, Bergtulpen,Tulipa montana, eine Anemonenart. Veilchen, Granatblüten und Jerichorosen kaufte. Nachdem sie alles in den Korb des Lastträgers gelegt hatte, sagte sie wieder zu ihm: »Lad's auf!« Der Lastträger lud den Korb auf und folgte ihr, bis sie bei einem Fleischer anhielt und zu ihm sagte: »Schlag' mir zehn Pfund Fleisch ab!« Darauf wickelte sie das Fleisch in ein Bananenblatt, legte es in den Korb und sprach zum Lastträger: »Lad' es auf, Lastträger!« Er lud es auf und folgte ihr nun, bis sie bei einem Dörrobsthändler anhielt. Als sie dort von allen Sorten etwas eingekauft hatte, befahl sie wieder dem Lastträger: »Lad' es auf und folge mir!« Er lud den Korb auf und folgte ihr bis sie bei einem Zuckerbäcker vorsprach, wo sie eine Platte mit allerlei Kuchen und Konfekt kaufte und sie ebenfalls in den Korb stellte. Da sagte der Lastträger: »Wenn du mir das vorher gesagt hättest, hätte ich ein Maultier für alle diese Sachen mitgenommen.« Sie lächelte und sprach dann noch bei einem Parfümeur vor, von dem sie zehnerlei Wasser kaufte, Rosenwasser, Orangenblütenwasser, Weidenblütenwasser u. drgl., ferner ein großes Stück Zucker, eine Flasche Rosenwasser mit Moschus zum Besprengen, Wacholderharz, Aloeholz, Ambra, Moschus und alexandrinische Kerzen. Nachdem sie auch dies alles in den Korb gepackt hatte, sagte sie: »Lad' deinen Korb auf und folge mir!« Er lud den Korb auf und folgte ihr, bis sie nunmehr zu einem hohen und schönen, auf Säulen ruhenden Haus mit goldbeschlagener Doppelthür aus Ebenholz, vor der sich ein weiter Vorhof erstreckte, ankam. Auf ihr leises Pochen öffneten sich sogleich die beiden Thürflügel, in denen der Lastträger ein anderes Mädchen von schlankem Wuchs und schwellendem Busen, voll Schönheit und Liebreiz und im schönsten Ebenmaß erblickte; mit einer Stirn gleich dem leuchtenden Halbmond, mit Gazellenaugen und Augenbrauen, die der Mondsichel im Monat Ramadan glichen, mit Wangen wie Bergtulpen und einem Munde wie das Siegel Salomonis, mit einem Antlitz wie der Vollmond beim Aufgang, mit Brüsten wie zwei gleiche Granatäpfel und einem Leib, der unter den Kleidern ähnlich einer Pergamentrolle zusammengefaltet erschien, so daß der Lastträger bei ihrem Anblick, seiner Sinne beraubt, beinahe den Korb vom Kopfe fallen ließ und rief: »In meinem Leben habe ich keinen gesegneteren Tag als heute gesehen.« Hierauf sagte die Pförtnerin zur Einkäuferin und dem Lastträger: »Willkommen!« worauf sie eintraten, bis sie in einen weiten und schönen, reichdekorierten Saal gelangten, der mit Holzschnitzereien, Springbrunnen, Bänken, Sitzen und Nebengemächern, vor denen Vorhänge niederhingen, ausgestattet war. In der Mitte dieses Saales stand ein marmornes, mit Gold und Edelsteinen besetztes und mit einem Moskitonetz aus rotem Satin behangenes Sofa, auf welchem ein Mädchen mit babylonischenBabylon gilt den Arabern als Ursitz aller Zauberei; babylonisch bedeutet demnach bezaubernd, verführerisch. Augen und schlank wie ein AlifDer Buchstabe Alif, der erste des arabischen Alphabets, hat die Form einer geraden, senkrechten Linie. saß, deren Antlitz das strahlende Sonnenlicht beschämte, so daß sie einem der glitzernden Sterne glich oder einer arabischen Fürstin, und das Dichterwort von ihr galt:

Wer deinen Wuchs mit dem schmiegsamen Reis vergleicht,
Verbreitet Lüge und Verleumdung über dich.
Bekleidet finden wir nichts schöneres als das grüne Reis,
Doch nackend ist nichts herrlicher denn du.

Nun erhob sich das dritte Mädchen von dem Sofa, trat einige Schritte zu ihren Schwestern vor und sagte: »Was steht ihr da? Nehmt doch dem armen Lastträger die Last herunter.« Dann half sie der Pförtnerin, die von hinten und der Einkäuferin, die von vorn Hand anlegten, bis sie den Korb dem Lastträger abgenommen und den ganzen Inhalt des Korbes entleert und jedes Ding an seinen Platz gelegt hatten. Hierauf gaben sie dem Lastträger zwei Dinare und sagten zu ihm: »Du kannst gehen, Lastträger.« Der Lastträger stand jedoch in Betrachtung der Mädchen, die schöner waren als alle, die er bisher gesehen hatte, versunken da. Bei ihrer Schönheit und ihrem feinen Wesen fiel es ihm auf, daß kein Mann bei ihnen war, und wie er nun noch seine Augen über all den Wein, die Früchte, Wohlgerüche und andere Dinge gleiten ließ, vergaß er in seiner Verwunderung ganz fortzugehen, so daß das dritte Mädchen ihn fragte: »Warum gehst du nicht fort? Dünkt dir dein Lohn etwa zu gering?« Sich darauf zu ihrer Schwester wendend, sagte sie: »Gieb ihm noch einen Dinar.« Der Lastträger erwiderte jedoch: »Bei Gott, meine Herrin, mein Lohn beträgt nur zwei Halbe;Nämlich: Dirhem ich bin zufrieden, doch waren mein Herz und meine Gedanken mit euch und eurer Lage beschäftigt, indem ihr allein ohne einen Mann und einen, der euch mit seiner Gesellschaft unterhält, lebt, da ihr doch wisset, daß ein Minaret vier Grundmauern haben muß. Euch aber fehlt der vierte, und das Glück der Frauen wird erst durch die Männer vollkommen, wie das Dichterwort hier angepaßt gilt:

»Schaue vier Dinge bei mir im Verein:
Die Harfe, die Laute, die Zither und die Flöte.«

Ihr aber seid nur drei und entbehret des vierten, der ein gescheiter, scharfsinniger Mann sein muß, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hat und Geheimnisse bei sich zu behalten versteht.« Die Mädchen versetzten darauf: »Wir fürchten als Mädchen unser Geheimnis einem anzuvertrauen, der es nicht bewahrt und haben auch irgendwo den Vers gelesen:

»Verbirg einem andern dein Geheimnis; gieb es nicht weiter
Wer ein Geheimnis weiterspricht, hat es verloren.«

Als der Lastträger sie so sprechen hörte, entgegnete er: »Bei euerm Leben, ich bin ein gescheiter und zuverlässiger Mann; ich habe manche Bücher gelesen und manche Chroniken studiert. Ich thue das Gute kund, ich verhehle das Schlechte und verfahre nach dem Dichterwort:

»Nur ein vertrauenswürdiger Mann bewahrt ein Geheimnis,
Bei den besten der Menschen ruht es verborgen.
Bei mir ruht das Geheimnis wie in einem verriegelten Haus,
Zu dessen Pforten die Schlüssel verloren sind.«

Hierauf erwiderten ihm die Mädchen, die durch seine Verse und seine gebildeten Reden ganz für ihn eingenommen waren: »Du weißt, daß wir für diesen Ort eine beträchtliche Geldsumme ausgegeben haben; hast du etwas uns zu entschädigen? Denn nur unter der Bedingung, daß du zu den Kosten etwas beiträgst, können wir dir, falls du Lust dazu hast, erlauben, hierzubleiben, unser Tischgenosse zu sein und unsere hübschen Gesichter zu betrachten.« Die Hausherrin setzte dann noch hinzu: »Freundschaft ohne Geld wiegt leichter als ein Körnchen,« und die Pförtnerin sagte: »Hast du nichts, zieh' ab mit nichts!« Die Wirtschafterin meinte jedoch: »Schwester, wir wollen ihn zufrieden lassen, bei Gott, er hat sicherlich heute nicht zu wenig für uns geleistet, ein anderer hätte nicht so viel Geduld mit uns gehabt; den Anteil, der auf ihn fällt, übernehme ich.« Da rief der Lastträger erfreut: »Bei Gott, mein erstes Geld löste ich heute von dir.« Nun sagten sie zu ihm: »Sitz' nieder und sei willkommen!« Darauf erhob sich die Wirtschafterin, schürzte ihre Kleider auf, ordnete die Flaschen, klärte den Wein und machte den Tisch an der Seite der Fontaine zurecht. Hierauf brachte sie alles, dessen sie bedurften, stellte den Wein vor sie und setzte sich samt den Schwestern und dem Lastträger, der zwischen ihnen Platz nahm und zu träumen glaubte. Nun trug sie einen Krug mit Wein auf, füllte einen Becher und leerte ihn, desgleichen einen zweiten und einen dritten, und füllte ihn dann wieder und reichte ihn erst der einen und dann der andern Schwester. Dann füllte sie ihn von neuem und reichte ihn dem Lastträger, der den Becher aus ihrer Hand nahm und dabei die Verse sprach:

»Trinken will ich den Wein und genesen,
Denn dieser Trank heilt alle Krankheit.«

Hierauf küßte er ihnen die Hände und trank; dann wendete er sich zur Hausherrin mit den Worten: »Meine Herrin, ich bin dein Sklave, dein Mamluk und Diener,« und sang:

»Vor der Thür steht einer deiner Sklaven,
Der deine Freigebigkeit und Huld und den Dank dafür kennt.«

Die Hausherrin erwiderte ihm: »Trink' es zum Wohlsein in die Kanäle der Gesundheit!« Da nahm er den Becher, küßte ihr die Hand und sang die Verse des Dichters:

»Ich reichte ihr etwas, das ihren Wangen glich,
Das rötlich funkelte wie ein Feuerbrand;
Und sie nahm es lächelnd und fragte mich:
Wie kannst du die Wangen der Menschen den Menschen zu trinken reichen?
Trinke nur, sagte ich, meine Thränen sind's, die mein Blut so rot gefärbt hat.
Und mein Odem hat sich damit im Becher vermischt.«

Nun nahm die Hausherrin den Becher, leerte ihn und reichte ihn ihrer Schwester weiter. In dieser Weise verbrachten sie mit dem Lastträger die Zeit, tanzten, sangen und genossen die Wohlgerüche, und der Lastträger umarmte und küßte sie, während die eine mit ihm redete, die andere ihn zupfte und die dritte ihn mit duftenden Blumen schlug, bis der Wein ihnen zu Kopf stieg und die Nacht sie überraschte.

Zehnte Nacht.

Da sagten sie zum Lastträger: »Geh' fort und zeig' uns die Breite deiner Schultern!« Der Lastträger antwortete jedoch: »Bei Gott, leichter fiele es mir, meinen Geist als euere Gesellschaft aufzugeben; lasset uns doch die Nacht mit dem Tage verbinden, worauf ein jeder von uns seines Weges gehen mag.« Darauf sagte die Wirtschafterin: »Bei meinem Leben, lasset ihn bei uns schlafen! er giebt uns zu lachen, da er ein witziger Liederjahn ist.« Infolgedessen sagten sie: »Steh' auf und lies, was über der Thür geschrieben steht!« Er trat an die Thür und fand dort in Goldschrift darüber geschrieben: »Sprich nicht über Dinge, die dich nicht angehen, damit du nicht Dinge hörst, die dir nicht gefallen.« Als er es gelesen hatte, sagte er: »Ich bezeuge es, ich werde über das, was mich nichts angeht, nicht sprechen.« Alsdann stand die Wirtschafterin auf und machte ihnen etwas Essen zurecht, worauf sie aßen und tranken und die Wachskerzen und das Aloeholz anzündeten, als sie plötzlich jemand an die Thür pochen hörten. Ohne zu stören ging eine von ihnen an die Thür und kam dann mit der Nachricht wieder: »Unser Vergnügen wird heute Nacht vollkommen; an der Thür stehen drei Fremde mit geschorenen Bärten, die alle durch ein wunderbares Zusammentreffen auf dem linken Auge blind sind. Sie sind alle drei Fremde, die eben erst aus dem Lande Rûm angelangt sind und lächerliche Trachten und Gestalten haben. Wenn sie eintreten dürfen, giebt's für uns etwas zum Lachen.« In dieser Weise ließ sie nicht ab ihren Gefährtinnen zuzureden, bis sie zu ihr sagten: »Laß sie unter der Bedingung eintreten, daß sie nicht über Dinge sprechen, die sie nichts angehen, damit sie nicht Dinge hören, die ihnen nicht gefallen.« Da ging sie erfreut hinaus und kam mit den drei Einäugigen wieder, welche das Kinn glatt geschoren, die dünnen Schnurrbärte gedreht und langgezogen hatten und Bettler waren. Als sie den Gruß gesprochen hatten, hielten sie sich im Hintergrund zurück, die Mädchen aber erhoben sich vor ihnen und forderten sie auf Platz zu nehmen. Wie die drei Bettler nun den Lastträger erblickten und merkten, daß er betrunken war, und ihn näher ins Auge faßten, glaubten sie, daß er zu ihnen gehöre, und sagten: »Das ist gleich uns ein Bettler und wird uns mit seiner Gesellschaft unterhalten.« Als der Lastträger aber ihre Worte vernahm, stand er auf, rollte die Augen und fuhr sie an: »Sitzet still und werdet nicht ausfallend; habt ihr nicht gelesen, was über der Thür steht?« Da lachten die Mädchen und sagten zu einander: »Diese Bettler und der Lastträger geben uns zu lachen.« Darauf setzten sie ihnen Speise und Trank vor und aßen und tranken zusammen, indem die Pförtnerin den Mundschenk machte. Als der Becher unter ihnen die Runde gemacht hatte, sagte der Lastträger zu den Bettlern: »Brüder, habt ihr keine Geschichte oder sonst etwas Merkwürdiges zu erzählen, womit ihr uns unterhalten könnt?« Da sie nun der Wein nach und nach warm gemacht hatte, verlangten sie Musikinstrumente. Die Pförtnerin brachte ihnen ein Mossuler Tamburin, eine Iraker Laute und eine persische Harfe, und die Bettler erhoben sich, der eine von ihnen griff zum Tamburin, der andre nahm die Laute, der dritte die Harfe und schlugen sie, während die Mädchen sie mit heller Stimme begleiteten.

Plötzlich pochte wieder jemand an die Thür, und die Pförtnerin erhob sich, um nachzusehen, wer draußen wäre. Mit dem Pochen verhielt es sich aber folgendermaßen: Es war nämlich in jener Nacht der Chalife Hārûn er-Raschîd, begleitet von seinem Wesir Dschaafar und Mesrûr, dem Träger des Schwertes seiner Rache, nach seiner Gewohnheit in Kaufmannstracht in die Stadt gegangen, um zu sehen und zu hören, was es neues gäbe. Als sie auf ihrem Wege auch an diesem Hause vorüberkamen und die Musik vernahmen, sagte der Chalife zu Dschaafar: »Wir wollen in dieses Haus gehen und die Inhaber dieser Stimmen kennen lernen.« Dschaafar entgegnete: »Diese Leute hat der Wein schon trunken gemacht, deshalb besorgen wir, es könnte uns von ihnen übel ergehen.« Der Chalife erwiderte jedoch: »Wir müssen hinein, und du sollst eine List erdenken, daß wir hineinkommen.« Darauf antwortete Dschaafar: »Ich höre und gehorche,« trat an die Thür und pochte. Als die Pförtnerin nun herauskam und öffnete, sagte er zu ihr: »Meine Herrin, wir sind Kaufleute aus Tiberias und weilen erst zehn Tage in Bagdad; wir führen Waren mit uns und sind im ChanHerberge. für die Kaufleute eingekehrt. Heute Abend waren wir zu einem Kaufmann, der uns eingeladen hatte, gegangen; nachdem er uns aber bewirtet hatte, und wir gegessen und getrunken und die Erlaubnis nach Hause zu gehen von ihm erhalten hatten, verfehlten wir in der Nacht, da wir fremd sind, den Chan, in welchem wir herbergen, und erwarten nun von eurer Güte, daß ihr uns für diese Nacht bei euch aufnehmt; Gott wird's euch lohnen.« Nachdem Dschaafar so gesprochen hatte, betrachtete sie die Pförtnerin, und als sie sah, daß sie wie Kaufleute gekleidet waren und ein respektvolles Äußere hatten, ging sie wieder zu ihren Gefährtinnen hinein, die zu ihr nach kurzer Beratschlagung sagten: »Führ' sie herein!« Als sie deshalb wieder zurückkehrte und die Thür öffnete, und sie sie fragten: »Dürfen wir mit deiner Erlaubnis eintreten?« antwortete sie: »Tretet ein!« Da traten der Chalife, Dschaafar und Mesrûr ein. Bei ihrem Anblick erhoben sich die Mädchen vor ihnen, bedienten sie und sprachen: »Wir entbieten unsern Gästen ein herzliches Willkommen, doch stellen wir euch die Bedingung, daß ihr nicht über Dinge sprecht, die euch nichts angehen, damit ihr nicht Dinge hört, die euch nicht gefallen.« Sie antworteten: »Gut.« Hierauf setzten sie sich zum Wein bei der Trinkgesellschaft nieder. Wie der Chalife jedoch die drei Bettler ansah und bemerkte, daß sie alle auf dem linken Auge blind waren, verwunderte er sich darüber, noch viel mehr aber erstaunte er, wie er die Schönheit und den Liebreiz der Mädchen gewahrte. Sie fuhren nun fort zu pokulieren und sich zu unterhalten und setzten auch dem Chalifen Wein vor. Er sagte jedoch: »Ich bin ein Hādschi,«Einer, der die Pilgerreise nach Mekka vollzogen hat und dadurch gewissermaßen heilig geworden ist. An den heiligen Stätten werden die Vergehen gebüßt und Gelübde für die Zukunft abgelegt, Fehltritte zu vermeiden, zu welchen der Genuß von Wein gehört. und sonderte sich von ihnen ab. Da stand die Pförtnerin auf, legte ein Tuch aus Goldbrokat vor ihn, stellte eine Porzellanschüssel darauf, goß Weidenblütenwasser hinein, schmolz etwas Schnee darin und vermischte es mit Zucker. Der Chalife bedankte sich hierfür bei ihr und sprach bei sich: »Ich muß sie morgen für ihr gutes Werk belohnen.«

Hierauf setzten sie ihr Gelage weiter fort; als aber der Wein seine Kraft ausübte, erhob sich die Hausherrin und faßte, nachdem sie sie bedient hatte, die Wirtschafterin bei der Hand und sagte zu ihr: »Steh' auf, Schwester, daß wir unsere Pflicht erfüllen.« Sie antwortete: »Gut.« Nun erhob sich auch die Pförtnerin und ließ, nachdem sie die Mitte des Saales geräumt hatte, die Bettler ihnen gegenüber bei der Thür Platz nehmen; dem Lastträger aber riefen sie zu: »Wie gering ist deine Liebe! Du bist kein Fremder sondern gehörst zum Haus.« Da sprang der Lastträger auf, gürtete sein Gewand und fragte: »Was befehlt ihr?« Sie antworteten: »Bleib' stehen, wo du bist.« Dann stand die Wirtschafterin auf und sagte zum Lastträger: »Hilf mir.« Da sah er, daß sie zwei schwarze Hündinnen an Ketten hielt; er nahm sie ihr ab und führte sie mitten in den Saal. Nun erhob sich die Hausherrin, streifte den Ärmel über ihr Handgelenk zurück, ergriff eine Peitsche und rief dem Lastträger zu: »Bring' eine Hündin her!« Nachdem er eine Hündin an der Kette zu ihr geschleift hatte, wobei das Tier seinen Kopf zu dem Mädchen drehte und heulte, fiel das Mädchen mit Schlägen über die Hündin her und peitschte sie trotz ihres Geschreis so lange, bis ihr der Arm erlahmte, und sie die Peitsche aus der Hand warf. Dann drückte sie die Hündin an ihre Brust, wischte ihr die Thränen ab und bedeckte ihren Kopf mit Küssen. Darauf befahl sie dem Lastträger: »Nimm sie fort und bring' mir die andre!« worauf sie mit derselben ganz wie mit der ersten verfuhr. Während dies vor sich ging, wurde dem Chalifen das Herz unruhig und die Brust beklommen: er winkte Dschaafar zu sie zu fragen, Dschaafar gab ihm jedoch gleichfalls durch Zeichen zu verstehen: »Schweig' still!«

Hierauf wendete sich die Hausherrin zur Pförtnerin und befahl ihr: »Steh' auf, deine Pflicht zu erfüllen!« Sie antwortete: »Gut.« Dann setzte sich die Hausherrin auf ein Sofa aus Alabaster mit Gold- und Silbereinlagen und sagte zur Pförtnerin und Wirtschafterin: »Bringt eure Sachen her!« Die Pförtnerin setzte sich darauf an ihre Seite auf ein Sofa, die Wirtschafterin aber holte aus einem Nebenraum einen mit grünen Fransen besetzten Beutel aus Satin, trat dann vor die Hausherrin und schüttelte eine Laute aus dem Beutel. Nachdem sie die Saiten der Laute gestimmt hatte, trug sie folgende Verse vor:

»Gebt wieder meinen Lidern den Schlaf, der mir geraubt ist,
Und bringt mir Kunde von meinem Verstand, wohin er geflohen.
Als ich die Liebe zu meiner Wohnung erkor, da erkannt' ich,
Daß der Schlummer auf meine Lider erzürnt war.
Sie sprachen: sonst sahen wir dich recht wandeln, was hat dich irre geleitet?
Ich sagte: Der Glanz seiner Augen hat mich bethört.
Um mein Blut, das vergossene, bitte ich ihn um Vergebung,
Ich war es ja selbst, die ihn plagte, bis er's vergoß.
Auf den Spiegel meiner Gedanken warf er die Sonne seiner Gestalt,
Ihr Abglanz entfachte die Lohe in meiner Brust.«

Als die Hausherrin das Lied vernommen hatte, sagte sie: »Gott mache dich angenehm!« zerriß ihre Kleider und sank in Ohnmacht. Da sprang die Pförtnerin auf, sprengte ihr Wasser ins Gesicht und brachte ihr ein ander Kleid. Der Chalife aber wendete sich zu Dschaafar und sagte: »Ich kann hierzu nicht stillschweigen und habe nicht eher Ruhe als bis ich weiß, wie es sich in Wahrheit mit diesem Mädchen und den beiden Hündinnen verhält.« Dschaafar entgegnete jedoch: »Mein Gebieter, sie haben uns eine Bedingung gestellt, nämlich, daß wir über Dinge, die uns nichts angehen, nicht sprechen, damit wir nicht Dinge hören, die uns nicht gefallen.«

Nun nahm die Wirtschafterin die Laute zum zweitenmal, ließ ihre Finger darüber gleiten und sang:

»Wenn wir der Liebe Leid klagen, was sollen wir sagen?
Wenn uns die Sehnsucht verzehrt, wo bleibt ein rettender Weg?
Wenn wir auch Boten senden als Mittler unsrer Gefühle,
Wo nähme ein Bote das Leid des Liebenden mit?
Und wenn wir geduldig uns fügen, ach! nach dem Verlust des Geliebten
Währt das Leben nur kurz; nur Seufzer und Trauer verbleibt uns
Und rinnende Thränen die Wangen entlang!
Die ihr so fern nun weilt dem Blick meiner Augen,
Und doch in meinem Herzen für immerdar wohnet,
Habt ihr auch Treue bewahrt dem Bund eines Liebenden,
Der in der Zeiten Dauer von ihm nicht wankt?
Oder vergaßt ihr in der Fremde des Liebenden ganz,
Dessen Leib nach euch hinschmachtet und siecht?
Am Tag der Versammlung, der uns wieder vereint,
Will ich vom Herrn ein säumig Gericht erflehen.«Nämlich, damit sie nicht zu schnell durch das Gericht wieder getrennt werden.

Als die Wirtschafterin das Lied beendet hatte, zerriß das zweite Mädchen, wie vorhin das erste, ihre Kleider, schrie auf und fiel ohnmächtig zu Boden; indem sich hierbei ihr Leib entblößte, wurden an ihr die Narben von Geißelhieben sichtbar, so daß der Chalife bestürzt wurde, und die Bettler meinten: »Ach, daß wir dieses Haus doch nie betreten und lieber in den Aasgruben genächtigt hätten! Unser Quartier hier ist durch ein Unglück heimgesucht, das einem das Rückgrat zerschneidet.« Da wendete sich der Chalife zu ihnen und fragte sie: »Warum das?« Sie antworteten: »Unser Inneres ist über diese Vorgänge in Unruhe versetzt.« Der Chalife fragte sie nun: »Gehört ihr denn nicht zu diesem Hause?« Sie entgegneten: »Nein; wir glaubten, daß dieser Ort dem Manne da neben euch gehört.« Darauf sagte der Lastträger: »Bei Gott, ich habe diesen Ort heute Abend zum erstenmal gesehen! aber daß ich die Nacht doch lieber in den Aasgruben als hier zugebracht hätte!« Nun meinten alle: »Wir sind sieben Mannspersonen, sie aber nur drei Frauen, wir wollen sie zur Rede stellen und, wenn sie uns nicht willig Antwort geben, so wollen wir sie dazu zwingen.« Alle bis auf Dschaafar kamen hierin überein, welcher allein sagte: »Der Rat ist nicht gut; laßt sie doch thun, was sie wollen. Wir sind ihre Gäste und sind überdies von ihnen zu einer Bedingung verpflichtet. Wir wollen derselben auch Folge leisten; zudem ist von der Nacht nur noch wenig übrig, dann geht jeder von uns wieder seines Weges.« Dann winkte er noch dem Chalifen zu und sagte: »Es ist ja nur noch eine Stunde übrig; morgen wollen wir sie vor dich bringen und sie nach ihrer Geschichte befragen.« Der Chalife wollte es jedoch nicht, sondern entgegnete: »Ich kann es nicht aushalten so lange zu warten, ohne zu wissen, was dies alles bedeutet.« So ging die Rede unter ihnen hin und her, bis sie sagten: »Wer soll sie fragen?« Einer von ihnen meinte: »Der Lastträger.«

Da fragten die Mädchen, die sie untereinander verhandeln hörten: »Ihr Leute dort, worüber redet ihr?« Der Lastträger erhob sich darauf vor der Hausherrin und sprach: »Meine Herrin, ich befrage dich und beschwöre dich bei Gott, gieb mir Auskunft, weswegen du die beiden Hündinnen gestraft und dann wieder geküßt hast, ferner warum deine Schwester Geißelhiebe empfangen hat? Das ist meine Frage; Frieden sei mit dir!« Da fragte die Hausherrin die andern Anwesenden: »Ist das wahr, was er von euch spricht?« Alle, außer Dschaafar, welcher schwieg, antworteten: »Jawohl.«

Als das Mädchen ihr Wort vernommen hatte, sagte sie: »Bei Gott, ihr Gäste, ihr habt uns schwer gekränkt, da wir euch doch zuvor die Bedingung stellten, daß, wer von Dingen spräche, die ihn nichts angehen, auch Dinge hören müßte, die ihm nicht gefallen. Ist's nicht genug, daß wir euch in unser Haus aufnahmen und euch unser Brot zu essen gaben? Aber es ist weniger eure Schuld als die Schuld dessen, der euch zu uns geführt hat.« Dann streifte sie ihren Ärmel übers Handgelenk zurück und stampfte dreimal auf die Erde, worauf sich die Thüren eines Seitengemaches aufthaten, und sieben Sklaven mit bloßen Schwertern in der Hand heraustraten. Sie rief ihnen zu: »Knebelt diesen hier die Hände auf dem Rücken, die zu viel gesprochen haben, und bindet sie einen an den andern!« Nachdem die Sklaven ihren Befehl vollzogen hatten, sagten sie: »O Verschleierte, erlaub' uns, ihnen den Kopf abzuschlagen.« Sie antwortete: »Gebt ihnen noch eine Gnadenfrist, daß ich sie frage, wer sie sind, bevor ihnen der Kopf abgeschlagen wird.«

Nun bat der Lastträger: »Um Gott, meine Herrin, töte mich nicht um der Schuld der andern willen! Alle haben gesündigt und sich vergangen, nur ich nicht. Bei Gott, unsere Nacht wäre so angenehm verlaufen, wenn wir von diesen Bettlern verschont geblieben wären, die selbst eine bevölkerte Stadt zur Einöde machen könnten.« Dann sang er:

»Wie gut steht's einem Mächtigen an zu verzeihen,
Besonders einem, der keinen Helfer hat!
Bei der Heiligkeit unsrer Liebe beschwör' ich dich,
Töte nicht einen für fremde Schuld!«

Elfte Nacht.

Bei diesen Versen des Lastträgers lachte das Mädchen und sagte, indem sie näher zu ihnen herantrat: »Gebt mir über euch Auskunft, euer Leben zählt nicht mehr als eine Stunde; wenn ihr nicht Mächtige und Angesehene eures Volkes oder gar Gouverneure wäret, würde eure Strafe beschleunigt werden.« Darauf sagte der Chalife: »Wehe dir, Dschaafar, sag' ihr, wer wir sind, sonst läßt sie uns umbringen.« Dschaafar erwiderte: »Was wir auch zum Teil verdient haben.« Doch der Chalife entgegnete ihm: »In ernster Stunde soll man nicht scherzen; alles zu seiner Zeit.«

Nun trat das Mädchen zu den Bettlern heran und fragte sie: »Seid ihr Brüder?« Sie antworteten: »Nein, bei Gott, wir sind fremde Fakire.« Darauf wendete sie sich an einen von ihnen und fragte ihn: »Bist du von Geburt an einäugig?« Er entgegnete: »Nein, bei Gott, doch hat es mit dem Verlust meines Auges eine wunderbare Bewandtnis. Es hat sich damit eine Geschichte zugetragen, die mit Nadeln in die Augenwinkel geschrieben werden sollte, um allen denjenigen, die sich belehren lassen, zu einer Lehre zu dienen.« Darauf fragte sie den zweiten und den dritten, die ihr ebenso wie der erste antworteten und hinzufügten: »Wir sind alle aus einem andern Lande, unsere Geschichte ist wunderbar und unsere Erlebnisse sind seltsam.« Infolgedessen sagte das Mädchen zu ihnen: »Jeder von euch soll seine Geschichte erzählen und weshalb er in unser Haus kam; dann mag er mit der Hand über den Kopf fahren und seines Weges gehen.«

Der erste, der nun vortrat, war der Lastträger: »Meine Herrin,« erzählte er, »ich bin ein Lastträger; die Wirtschafterin da hat mich beladen und mich hierhergeführt; dann erlebte ich mit euch, was ihr wißt. Das ist meine ganze Geschichte; Frieden sei mit euch!« Sie erwiderte: »So streich' mit der Hand über den Kopf und geh' deines Weges!« Er sagte jedoch: »Bei Gott, ich gehe nicht eher fort, als ich die Geschichte meiner Gefährten vernommen habe.«

Darauf trat der erste Bettler vor und erzählte:

 

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