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Tausend und eine Nacht. Band I

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band I - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band I
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
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Geschichte des versteinerten Prinzen.

»Wisse, o König, mit diesen Fischen hat es eine wundersame Bewandtnis. Würde es mit Nadeln in die Augenwinkel geschrieben, es wäre eine Lehre für alle, die sich belehren lassen.

So vernimm denn, mein Herr, daß mein Vater König in der Stadt, die hier stand, war und Mahmud hieß, der Herr der schwarzen Inseln und der Herr jener vier Berge. Nachdem er siebzig Jahre regiert hatte, segnete er das Zeitliche, worauf ich an seiner Statt Herrscher ward und mich mit meiner Base verheiratete, welche mich so innig liebte, daß sie, wenn ich einmal fern von ihr war, weder aß noch trank, bis sie mich wieder sah. Fünf Jahre hatte sie so unter meiner Obhut verbracht, als sie eines Tages zum Bade ging, während ich dem Koch befahl uns das Abendessen zuzurichten, und mich dann in dieses Schloß begab, um an meiner gewöhnlichen Ruhestätte zu schlafen. Ich befahl hier zwei Sklavinnen mir das Gesicht zu fächeln, worauf sich die eine mir zu Häupten, die andere zu Füßen setzte. In Unruhe jedoch über ihre Abwesenheit vermochte ich nicht einzuschlafen; mit geschlossenen Augen, aber wachem Geiste, hörte ich nun, wie die Sklavin, die mir zu Häupten saß, die andere Sklavin zu meinen Füßen anredete und sprach: »Ach, Masûde, unsers Herrn Jugend ist doch arm; wie leid er mir thut um unserer verworfenen, sündigen Herrin willen!« Darauf antwortete die andere: »Gott verfluche alle ehebrecherischen Weiber! Aber einer wie unser Herr mit solchen Eigenschaften paßt nicht für diese Dirne, die jede Nacht fern von seinem Lager zubringt.« Nun sagte wieder die Sklavin, die mir zu Häupten saß: »Unser Herr ist doch sehr sorglos, daß er sie nicht zu Rede stellt,« worauf die andere erwiderte: »Weh dir, weiß unser Herr denn, was sie treibt, oder verläßt sie ihn etwa mit seinem Willen? Im Gegenteil; sie vermischt den Trank, den er jede Nacht vor dem Schlafengehen zu sich nimmt, mit Bendsch,Schlafmittel, das aus dem Gartenhanf gewonnen wird. so daß er fest schläft und nicht weiß, was vorgeht, wohin sie geht und was sie treibt. Denn, nachdem sie ihm den Trank gereicht hat, legt sie ihre Kleider wieder an und geht aus. Erst in der Morgendämmerung kommt sie wieder und brennt ein Räucherwerk vor seiner Nase ab, daß er aus dem Schlaf erwacht.«

Als ich dieses Zwiegespräch der beiden Sklavinnen hörte, ward das Licht vor meinem Angesichte Finsternis, und konnte ich kaum die Nacht erwarten. Wie nun meine Base aus dem Bade zurück kam, breiteten wir das Tischtuch aus, aßen und saßen noch eine Zeitlang beim Wein wie gewöhnlich, worauf ich meinen üblichen Trank vor dem Schlafengehen verlangte. Als sie ihn mir gereicht hatte, wendete ich mich ab und that, als ob ich ihn wie gewöhnlich trank, goß ihn aber in den Ärmel, und legte mich sofort nieder. Da sagte sie: »Schlaf'! ach, daß du doch nie mehr erwachtest! Bei Gott, mich ekelt vor dir und deiner Gestalt, und meine Seele ist deiner Gesellschaft überdrüssig.« Dann stand sie auf, legte ihre besten Kleider an, parfümierte sich, gürtete sich ein Schwert um, öffnete das Schloßthor und schritt hinaus. Sofort erhob ich mich und folgte ihr aus dem Schloß durch die Straßen der Stadt, bis sie beim Stadtthor anlangte. Hier sprach sie einige unverständliche Worte, worauf die Schlösser abfielen und die Thore sich öffneten. Ich folgte ihr auch hier, ohne daß sie es merkte, bis sie zwischen den AasgrubenIn der Umgebung der orientalischen Städte befinden sich weite Plätze, welche als Ablagerung für allerlei Schutt, Unrat und Tierkadaver dienen; dieselben sind hier gemeint. zu einem Kastell mit einer aus Lehm errichteten Kuppel anlangte, in dessen Thür sie eintrat, während ich auf das Dach der Kuppel stieg, von wo ich auf sie hinunterschauen konnte. Ich sah nun, wie sie bei einem schwarzen Sklaven eintrat, der in elendem Zustande auf einem Rohrbündel lag und mit seinen Lippen, von denen eine über die andere hing, den Sand vom Boden auflas. Wie sie vor ihm die Erde küßte, hob der Sklave den Kopf nach ihr und sagte: »Wehe dir, wo hast du bis jetzt gesteckt? Die Schwarzen waren mit ihren Liebsten hier und zechten, ich aber hatte deinetwegen keine Lust zum Trinken.« Darauf antwortete sie: »Ach, mein Herr und Geliebter meines Herzens, weißt du nicht, daß ich mit dem Sohn meines Oheims vermählt bin, dessen Anblick mir verhaßt ist, und dessen Gesellschaft meine Seele verabscheut? Wäre ich nicht um deinetwillen besorgt, hätte ich die Stadt längst zu Trümmern verwandelt, in denen Eulen und Raben krächzen, und ihre Steine hinter den Berg KâfEin fabelhaftes Gebirge, welches die Erde umgiebt. geschafft.« Der Sklave antwortete ihr jedoch: »Du lügst Dirne! Ich aber schwöre dir bei der Ehre der Schwarzen, so wahr die Mannhaftigkeit der Schwarzen höher steht als die der Weißen, bleibst du noch einmal bis zu solch später Stunde aus, so werde ich keinen Umgang mehr mit dir pflegen und dich nicht mehr bei mir ruhen lassen. Verräterin, hast du mich nicht deiner Lüste willen allein gelassen? Du stinkende, gemeinste aller Weißen!«

Als ich diese Worte zwischen ihnen vernahm und mit eigenen Augen ansah, was sich zwischen ihnen zutrug, ward die Welt vor mir Finsternis, und ich vergaß, wo ich mich befand. Meine Base aber stand weinend und sich demütigend da und bat ihn: »Ach mein Geliebter und Frucht meines Herzens, ich habe außer dir niemand mehr; willst du mich auch verstoßen, dann wehe mir, o mein Geliebter, mein Augenlicht!« So weinte sie und demütigte sich in einem fort, bis er sich zufrieden gab. Da wurde sie wieder froh, legte ihre Kleider ab und fragte ihn: »Mein Herr, hast du etwas für deine Sklavin zu essen?« Er antwortete: »Nimm den Deckel vom Becken, du findest darunter Knochen von gesottenen Mäusen, iß sie und nage sie ab; dann geh zu jenem Topf und trink' von dem Bier, das darin ist!« Nun aß und trank sie, wusch sich die Hände und legte sich an seine Seite auf das Rohr, mit seinen Lumpen und Fetzen sich zudeckend. Wie ich alles dies von meiner Base sah, ward ich ganz von Sinnen; ich stieg von der Kuppel hinunter, trat bei ihnen ein und faßte das Schwert meiner Base, um beide zu ermorden. Zuerst versetzte ich dem Sklaven einen Hieb in den Hals und glaubte schon es ihm heimgezahlt zu haben da er schwer röchelte, doch hatte ich ihm nur die Kehle, die Haut und das fette Fleisch durchschlagen. –

Achte Nacht.

Als sich meine Base nun regte, ging ich fort; sie aber stand auf, steckte das Schwert an seinen Platz, kam wieder in die Stadt und legte sich im Schloß auf mein Lager zur Ruhe. Am nächsten Morgen bemerkte ich, daß sich meine Base das Haar abgeschnitten und Trauerkleider angelegt hatte. Zur Erklärung sagte sie zu mir: »Vetter, schilt mich nicht darüber, ich habe Nachricht bekommen, daß meine Mutter gestorben, mein Vater im Glaubenskrieg gefallen, einer meiner beiden Brüder durch Schlangenbiß umgekommen und der andere verschüttet ist; es ist daher wohl meine Pflicht zu weinen und zu trauern.« Nach längerem Schweigen sagte ich zu ihr: »Thue nach deinem Belieben, ich werde dich nicht hindern.« Darauf verbrachte sie ein ganzes Jahr mit Weinen und Trauern, und sagte dann nach Ablauf des Jahres zu mir: »Ich möchte mir in deinem Schlosse ein Mausoleum errichten, um dort in stiller Zurückgezogenheit zu trauern, und will es das Trauerhaus benennen.« Ich antwortete ihr: »Thue, was dir beliebt.« Darauf baute sie sich ein Trauerhaus mit einer Kuppel und einem Grabgewölbe, und ließ den Sklaven daselbst hinunterschaffen, der sehr schwach war und ihr von keinem Nutzen mehr sein konnte, obwohl er noch Getränke zu sich nahm, und seit dem Tage, da ich ihn verwundet hatte, nicht mehr sprechen konnte, sondern nur lebte, weil seine Zeit noch nicht abgelaufen war. Jeden Tag ging sie nun in der Frühe und des Abends zu ihm ins Mausoleum, um bei ihm zu weinen und zu trauern und brachte ihm Getränke und Brühen bis zum Ablauf des zweiten Jahres, ohne daß ich es ihr in meiner Langmut wehrte. Eines Tages aber ging ich ihr unbemerkt nach und fand sie, unter Thränen sich das Gesicht schlagend, folgende Verse sprechen:

Fern von euch lebt nimmer meine Seele unter den Menschen,
Denn mein Herz hat niemanden geliebt als euch.
So nehmt denn großmütig meinen Leib mit euch mit
Und bettet mich euch gegenüber zur Ruh'.
Werdet ihr dann an meinem Grabe meinen Namen aussprechen.
So wird eurem Ruf mein Gebein seufzend Antwort erteilen.

Als sie ihre Verse beendet hatte, sprach ich zu ihr, in der Hand das entblößte Schwert: »Das sind die Worte treuloser Weiber, welche rechtmäßigen Umgang und Verkehr verschmähen und verabscheuen,« und wollte sie niederschlagen. Wie ich aber das Schwert hob, sprang sie auf, da sie nunmehr wußte, daß ich den Sklaven verwundet hatte, sprach etwas, das ich nicht verstand, und rief dann: »Gott verwandle dich durch meinen Zauber zur Hälfte zu Stein,« worauf ich so wurde, wie du mich siehst, daß ich nicht stehe und nicht liege, nicht tot bin und nicht lebe. Hierauf verzauberte sie die ganze Stadt mit ihren Straßen und Feldern zu einem See und ihre Bevölkerung, die aus vier Zünften bestand, nämlich Moslems, Christen, Juden und Magiern,Es sind hiermit die persischen Feueranbeter, die Anhänger Zoroasters, gemeint. zu Fischen, so daß die Moslems zu weißen, die Magier zu roten, die Christen zu blauen und die Juden zu gelben Fischen wurden, und die vier Inseln zu vier Bergen um den See. Jeden Tag giebt sie mir seit jener Zeit mit einer Geißel aus Riemen hundert Schläge, bis mir das Blut niederrieselt, und bekleidet darauf meinen Oberkörper unter diesen Gewändern mit einem härenen Hemd.«

Nach dieser Erzählung hob der junge Mann wieder zu weinen an und sprach die Verse:

Geduld, mein Gott, für deinen Spruch und dein Verhängnis!
Ich will's ertragen, wenn so dein Wohlgefallen geschieht.
Wohl bin ich bedrängt durch das Schicksal, das mich befiel,
Doch des begnadeten Propheten Haus legt Fürsprache für mich ein.

Hierauf sprach der König zu dem jungen Mann: »Du hast meinen Kummer vermehrt, doch, sag' an, wo ist jenes Weib?« Er antwortete: »In jenem Mausoleum, in dem der Sklave liegt. Jeden Tag in der Morgenfrühe, bevor sie ihn besucht, kommt sie zu mir und verabfolgt mir mit der Geißel die hundert Schläge, nachdem sie mich entblößt hat. Ich schreie und weine, kann mich jedoch nicht regen, um sie von mir abzuwehren. Nach meiner Züchtigung bringt sie dann dem Sklaven Getränke und Brühen.«

Der König antwortete darauf: »Bei Gott, junger Mann, ich will dir einen Freundschaftsdienst erweisen, der mein Gedächtnis fortpflanzen soll, und eine Gefälligkeit, welche man in spätere Chroniken eintragen wird.« Alsdann setzte sich der König und unterhielt sich mit ihm bis zur Nacht. Dann stand er auf und wartete bis das Morgengrauen anbrach, worauf er seine Kleider ablegte, sein Schwert umschnallte und zu dem Ort ging, an welchem sich der Sklave befand. Er sah dort die Kerzen und Lampen, das Räucherwerk und die Salben, schritt jedoch geradeswegs auf den Sklaven los und hieb ihn nieder. Darauf lud er ihn auf seinen Rücken und warf ihn in einen Brunnen im Schloßhof. Dann stieg er wieder in das Gewölbe hinunter und legte sich die Sachen des Sklaven an, das blanke Schwert zur Seite. Nach einer Weile kam die buhlerische Zauberin, entkleidete ihren Vetter und geißelte ihn. Der König hörte, wie er schrie: »Ach, laß dir an meinem Zustand genügen, hab' Erbarmen mit mir!« Sie aber entgegnete ihm: »Hast du etwa mit mir Erbarmen gehabt und meinen Geliebten verschont?« Nachdem sie ihm dann das härene Hemd und darüber die linnenen Kleider angezogen hatte, stieg sie mit einem Becher voll Wein und einer Schale Brühe zu dem Sklaven ins Mausoleum hinunter und rief unter Weinen und Wehklagen: »Ach, mein Herr, sprich doch zu mir, ach, mein Herr, rede doch! und sang:

Wie lange noch dieses Abwenden und diese Grausamkeit?
Ist nicht die Qual meiner Liebe schon groß genug?
Ach, wie lange schon fliehst du mich unerbittlich.
War deine Absicht meines Neiders Freude, so hast du sie erreicht.

Nach diesen Versen weinte sie wieder und rief: »Ach, mein Herr, sprich doch zu mir, ach, mein Herr, rede doch!« Nun entgegnete der König mit dumpfer, hohlklingender Stimme in der Aussprache der Schwarzen: »Ach! ach! Keine Macht und keine Kraft außer bei Gott!« Als sie seine Worte vernahm, schrie sie vor Freude auf und sank in Ohnmacht. Nachdem sie wieder zu sich gekommen war, fragte sie: »Ist mein Herr vielleicht gesund?« worauf der König wieder mit dumpfer, schwacher Stimme sprach: »Du Buhlerin verdienst gar nicht, daß ich mit dir rede.« »Und warum nicht?« fragte sie. »Weil du den ganzen Tag über deinen Gatten schlägst; sein Klagegeschrei und seine Hilferufe hindern mich vom Abend bis zum Morgen am Schlaf. Dein Gatte hört nicht auf dich demütig anzuflehen und dich zu verfluchen, so daß er mir dadurch lästig wird; ohne dies wäre ich schon längst gesund geworden, und darum habe ich auch bisher dir keine Antwort gegeben.« Darauf sagte sie: »Mit deiner Erlaubnis werde ich ihn aus seinem Zustande befreien.« Der König antwortete ihr: »Befreie ihn und verschaffe uns beiden Ruhe!« Sie erwiderte: »Ich höre und gehorche,« und ging aus dem Mausoleum ins Schloß zurück. Nachdem sie dort eine Schale mit Wasser gefüllt und darüber einige Worte gesprochen hatte, daß das Wasser wie in einem siedenden Topf brodelte, besprengte sie damit ihren Gatten, indem sie dazu sprach: »Bei der Wahrheit dessen, was ich gesprochen habe, verlaß diese deine Gestalt und nimm wieder deine frühere Gestalt an!« Da schüttelte sich der Jüngling, sprang auf die Füße und rief vor Freude über seine Befreiung: »Ich bezeuge es, es giebt keinen Gott außer Gott und Mohammed – Gott segne ihn und spende ihm Heil! – ist der Gesandte Gottes.« Sie aber schrie ihn an: »Mach', daß du fortkommst und kehre nie wieder hierher zurück, sonst büßt du es mit dem Leben!« Darauf ging er von ihr fort, sie aber begab sich wieder zum Mausoleum und rief: »Ach, mein Herr, steig' doch zu mir herauf, daß ich dich schauen kann.« Der König antwortete jedoch mit schwacher Stimme: »Was hast du gethan? Du hast mir vor dem Aste Ruhe verschafft, aber noch bleibt die Wurzel übrig.« Da fragte sie: »Ach, mein Geliebter, was verstehst du unter der Wurzel?« Er antwortete: »Das Volk dieser Stadt und der vier Inseln. Jedesmal um Mitternacht heben die Fische den Kopf hoch und verfluchen mich und dich; das ist der Grund, warum ich nicht gesund werden kann. Befreie sie und komm' dann hierher und reich' mir die Hand, daß ich aufstehe, denn schon bin ich der Genesung nahe.« Als sie die Worte des Königs, den sie für den Sklaven hielt, vernahm, sagte sie erfreut: »Ach, mein Herr, auf meinen Kopf und mein Auge!d. h. sehr gerne. Im Namen Gottes!« sprang fröhlich auf und eilte zum See.

Neunte Nacht.

Dort angelangt, schöpfte sie ein wenig Wasser und sprach einige unverständliche Worte darüber, worauf die Fische sich tummelten, die Köpfe heraussteckten und sogleich wieder zu Menschen wurden. Der Zauber über den Bewohnern der Stadt brach, die Stadt wimmelte wieder von Menschen, die Bazare standen aufgeschlagen, ein jeder ging wieder seiner Beschäftigung nach, und die Berge verwandelten sich zu Inseln wie vordem.

Hierauf kehrte die Zauberin stracks zum König zurück und rief: »Ach, mein Geliebter, reiche mir deine geehrte Hand, daß ich sie küsse.« Der König antwortete mit hohler Stimme: »Tritt näher herzu!« Als sie nun nahe an ihn herantrat, hatte er auch schon das Schwert gefaßt und ihr die Brust durchbohrt, daß die Spitze auf dem Rücken herauskam. Darauf spaltete er sie mit einem Streich und schritt hinaus zu dem jungen Mann, der ihn draußen erwartete. Nachdem er ihn zu seiner Errettung beglückwünscht, und der junge Mann ihm die Hand geküßt und gedankt hatte, fragte ihn nun der König: »Willst du in deiner Stadt bleiben oder mit mir in meine Stadt ziehen?« Der Jüngling antwortete: »O König der Zeit, weißt du wohl, wie weit der Weg von hier nach deiner Stadt ist?« Der König versetzte: »Zwei und einen halben Tag,« aber der Jüngling erwiderte: »O König, wenn du schläfst, so erwache! Zwischen dir und deiner Stadt liegt ein Jahr für einen rüstigen Wanderer. Du wärest nicht in zwei und einem halben Tag hierhergekommen, wäre die Stadt nicht verzaubert gewesen. Ich meinerseits aber, o König, werde dich keinen Augenblick mehr verlassen.« Der König sprach, über seine Worte erfreut: »Lob sei Gott, der dich mir geschenkt hat! Du sollst hinfort mein Sohn sein, weil mir während meines ganzen Lebens kein Sohn zu teil ward.« Darauf umarmten sich beide und gingen in höchster Freude ins Schloß, wo der entzauberte König den Großen seines Reiches kundthat, daß er die heilige Pilgerfahrt unternehmen wolle. Nachdem sie ihm dann alles zur Reise Erforderliche zugerüstet hatten, machte er sich mit dem Sultan auf den Weg, dessen Herz nach seiner Stadt, von der er ein Jahr getrennt sein sollte, in Sehnsucht brannte. Mit vielen Geschenken und einem Geleite von fünfzig MamlukenDie Mamluken sind weiße Sklaven. reisten sie ununterbrochen Tag und Nacht ein ganzes Jahr, bis sie sich der Stadt des Sultans näherten, und der Wesir mit den Truppen ihnen entgegenkam, nachdem sie schon die Hoffnung auf seine Rückkehr aufgegeben hatten. Als die Truppen vor dem König hielten, küßten sie die Erde vor ihm und beglückwünschten ihn zu seiner Rettung, er aber zog in die Stadt ein, setzte sich auf den Thron und teilte dem Wesir die Geschichte des jungen Mannes mit, worauf derselbe diesen ebenfalls zu seiner Errettung beglückwünschte. Nachdem dann alles wieder zur Ruhe gekommen war, machte der Sultan vielen seiner Unterthanen Geschenke und befahl dem Wesir den Fischer, der die Fische gebracht hatte, und so die Ursache der Befreiung der Stadt und ihrer Bewohner geworden war, vorzuführen. Als er erschienen war, verlieh ihm der Sultan ein Ehrenkleid und befragte ihn nach seinen Verhältnissen und ob er Kinder hätte. Wie er von ihm vernahm, daß er einen Sohn und zwei Töchter hätte, heiratete der König die eine und gab die andere dem jungen Mann zur Frau; den Sohn aber nahm er zu sich und machte ihn zum Schatzmeister. Hierauf entsandte er den Wesir zu der Stadt des Jünglings, der Stadt der schwarzen Inseln, und belehnte ihn mit der Herrschaft über sie; desgleichen schickte er die fünfzig Mamluken, die mit ihm hergekommen waren, mit dem Wesir zurück und gab ihm viele Ehrenkleider für die Emire daselbst mit. So küßte denn der Wesir seine Hände und zog fort, während der junge Mann beim Sultan zurück blieb; der Fischer aber wurde der reichste Mann seiner Zeit, und seine Töchter lebten als Gattinnen von Königen, bis der Tod sie heimsuchte.

Doch ist diese Geschichte nicht wunderbarer als die Geschichte des Lastträgers.

 

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