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Tausend und eine Nacht. Band I

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band I - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band I
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
projectidbbb389ae
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Fünfte Nacht.

Der König Sindbad und sein Falke.

»Man erzählt, daß einmal ein König in Persien lebte, der das Vergnügen und die Erholung, die Jagd und den Fang liebte und einen Falken hatte, den er selber aufgezogen hatte und von dem er sich weder bei Nacht noch bei Tage trennen konnte, so daß er die Nacht über mit dem Falken auf der Hand schlief. Ging er aber auf die Jagd, so nahm er den Falken mit und ließ ihn am Halse einen goldenen Napf tragen, aus welchem er ihm zu trinken gab. Eines Tages nun trat der Oberstfalkonier wieder an den König heran und sprach: »O König der Zeit, dies ist die Stunde um auf die Jagd zu gehen.« Der König machte sich bereit, nahm den Falken auf die Hand und ritt mit ihnen aus, bis sie in ein Thal gelangten, wo sie das Netz aufstellten. Nicht lange währte es, da fiel auch schon eine Gazelle ins Netz, und der König rief: »Jeden, der die Gazelle entwischen läßt, den köpfe ich.« Als sie nun die Fangstricke immer enger und enger um die Gazelle zogen, kam sie plötzlich auf den König zu und stellte sich auf die Hinterfüße, während sie die Vorderfüße auf ihre Brust legte, als ob sie die Erde vor dem König küssen wollte. Wie nun aber der König sein Haupt vor ihr neigte, setzte sie plötzlich über seinen Kopf hinweg und sprang fort ins offne Feld. Als der König sich darauf zu seinem Gefolge umwandte, sah er wie sie einander zublinzten; er fragte deshalb seinen Wesir: »Was wollen die Leute damit sagen?« Der Wesir antwortete: »Sie deuten damit auf dein Wort hin, daß jeder, der die Gazelle entwischen läßt, geköpft werden soll.« Der König erwiderte: »Bei meinem Kopf, ich setze ihr so lange nach, bis ich mit ihr zurückkomme!« Darauf setzte er der Spur der Gazelle nach und verfolgte sie in einem fort, während der Falke ihr mit den Flügeln so lange auf die Augen schlug, bis er sie geblendet hatte, und sie schwindlig wurde, worauf der König sie mit seiner Eisenkeule niederschlug. Darauf stieg er ab, durchschnitt ihr die Kehle, zog ihr das Fell ab, und hängte sie an den Sattelknopf. Es war nun aber heiß geworden, der Ort wüst und ohne Wasser, und der König und sein Roß durstig. Da erblickte er beim Suchen nach Wasser einen Baum, von welchem eine fettige Flüssigkeit niedertropfte; der König, der Handschuhe trug, nahm deshalb den Napf vom Hals des Falken, ließ ihn von jener Flüssigkeit volllaufen und stellte ihn vor sich; da kam der Falke herangeflogen und stieß den Napf mit dem Flügel um. Der König nahm den Napf zum zweitenmal, ließ ihn volllaufen und stellte ihn, im Glauben daß der Falke durstig sei, vor ihn hin, aber der Falke stieß ihn zum zweitenmal mit dem Flügel um. Ergrimmt über den Falken nahm er den Napf zum drittenmal und setzte ihn seinem Pferd vor, aber der Falke stürzte ihn zum drittenmal mit den Flügeln um. Da rief der König: »Gott straf dich, Unglücksvogel! Du hast mich, dich und das Pferd am Trinken verhindert,« zog sein Schwert und hieb ihm die Flügel ab; der Falke aber hob seinen Kopf, um ihm dadurch zu verstehen zu geben: »Sieh', was oben auf dem Baume ist.« Als der König nun seine Augen erhob, sah er auf dem Baum eine Schlange, deren Gift niedertropfte, und bereute es, dem Falken die Flügel abgeschlagen zu haben. Hierauf stieg er wieder aufs Pferd und ritt mit der Gazelle an den alten Platz zurück; dort angelangt übergab er die Gazelle dem Koch und befahl ihm: »Nimm und brate sie!« Dann setzte er sich auf seinen Stuhl mit dem Falken auf der Hand; der Falke aber schrie plötzlich auf und fiel tot zu Boden; und der König klagte laut vor Kummer und Schmerz, daß er den Falken, der ihn vor dem Verderben gerettet, getötet hatte.

 

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