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Tausend und eine Nacht. Band I

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band I - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band I
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
projectidbbb389ae
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Geschichte des Königs Jûnân und des Hakîms Rûjân.

»Wisse, Ifrît, in alter Zeit und längstvergangenen Tagen lebte einmal in der Stadt der Perser im Lande RûmânDie Stadt der Perser im Lande Rûmân ist ein Widerspruch, da unter Rûmân das griechische Gebiet Kleinasiens zu verstehen ist. ein König Namens Jûnân, welcher reich und tapfer war und Kriegsmacht und Leibgarden aller Art hatte. Er war jedoch mit Aussatz behaftet, und keiner der Ärzte und Gelehrten hatte es vermocht ihn trotz aller Medizinen, Pulver und Salben davon zu heilen. Nun war in die Stadt des Königs Jûnân auch ein großer hochbetagter Hakîm gekommen, der Hakîm Rûjân, welcher die Schriften der alten Griechen, der Perser, der Neugriechen, Araber und Syrer gelesen, Medizin und Astrologie studiert hatte, und nicht nur die Prinzipien dieser Wissenschaften, sondern auch die Regeln zu ihrer nützlichen und schädlichen Anwendung kannte; außerdem war er aber auch mit den nützlichen und schädlichen Eigenschaften der Pflanzen, der trockenen Kräuter sowohl wie der frischen Gräser, vertraut und hatte Philosophie studiert, so daß er sowohl die medizinischen als auch alle andern Wissenschaften völlig beherrschte.

Als dieser Hakîm in der Stadt einige Tage verweilt hatte und von dem Aussatz des Königs hörte, mit dem ihn Gott geprüft hatte, und auch vernahm, daß die Ärzte und Gelehrten ihn nicht zu heilen vermocht hatten, brachte er die Nacht über mit Arbeiten zu; als der Morgen aber anbrach und sein Licht verbreitete, und die Sonne den Schmuck des GutenDer »Schmuck des Guten« ist Mohammed; der Prophet sagte: »Die Sonne geht niemals auf, ohne mich zu begrüßen.« begrüßte, legte er seine beste Kleidung an und begab sich zum König Jûnân. Zur Audienz zugelassen, küßte er die Erde vor ihm und erflehte ihm dauernde Macht und beständiges Glück in einer aufs beste gesetzten Rede. Darauf that er ihm kund, wer er wäre, und sprach: »O König, mir ist von der Plage deines Körpers zu Ohren gekommen, und auch, daß keiner der vielen Ärzte das Mittel fand sie zu beseitigen. Ich aber will dich heilen, o König, ohne dir eine Medizin zum Einnehmen zu geben oder dich mit Salben einzureiben.« Als der König Jûnân diese Worte vernahm, sagte er verwundert: »Wie willst du das fertig bringen? Aber, bei Gott, machst du mich gesund, so mache ich dich reich bis auf Kind und Kindeskind, ich beschenke dich und erfülle dir jeden deiner Wünsche; auch sollst du mein Tischgenosse und Freund sein.« Hierauf verlieh er ihm ein EhrenkleidDie Verleihung von Ehrenkleidern entspricht etwa unsern Ordensdekorationen, nur daß die Ehrenkleider durch ihren Edelsteinbesatz oft einen fabelhaften Wert erreichten. nebst andern Geschenken und fragte ihn: »Wirst du mich wirklich von dieser Krankheit ohne Medizin und ohne Salben heilen?« Er antwortete: »Ja, ich werde dich heilen ohne deinem Körper irgend welche Beschwerden zuzufügen.« Da geriet der König außer sich vor Erstaunen und fragte: »Hakîm, was du da gesagt hast, zu welcher Zeit und Stunde wird es geschehen? Eile dich, mein Sohn!« Er antwortete: »Ich höre und gehorche.« Darauf verließ er den König und mietete sich ein Haus, wohin er seine Bücher, Medizinen und Spezereien schaffte. Dann destillierte er dieselben und verfertigte eine Keule mit einem hohlen Griff, in welchen er den Extrakt hineingoß, und machte geschickt einen Ball dazu. Als er mit allem fertig war, begab er sich am nächsten Tage wieder zum König, küßte die Erde vor ihm und befahl ihm nach der Rennbahn zu reiten und dort mit dem Ball und der Keule zu spielen. Wie der König nun mit den Emiren, den Kämmerlingen, Wesiren und den Großen des Reiches auf der Rennbahn erschien, trat der Hakîm Rûjân zu ihm heran, übergab ihm die Keule und sprach: »Nimm diese Keule und fasse sie so, wie ich es dir jetzt zeige, an, begieb dich auf die Rennbahn und schlage den Ball mit ihr so stark du kannst, bis deine Hand und dein ganzer Körper in Schweiß gerät; dann wird die Arzenei von deiner Hand in den ganzen Körper eindringen. Bist du fertig mit dem Ballspiel und spürst du die Arzenei in dir, so kehre ins Schloß zurück, begieb dich ins Bad, wasche dich und leg' dich schlafen; du bist dann gesund. Frieden mit dir!« Hierauf nahm der König Jûnân vom Hakîm die Keule, faßte sie mit festem Griff an und bestieg sein Schlachtroß. Der Ball wurde vor ihm hergeworfen, und er sprengte hinterdrein, bis er ihn einholte und aus Leibeskräften mit der Keule schlug, die er fest in der Hand hielt. In dieser Weise schlug er den Ball, bis seine Hand und sein ganzer Körper in Schweiß gerieten, und die Arzenei aus dem Griff in ihn eindrang. Wie der Hakîm Rûjân dieses nun merkte, befahl er ihm ins Schloß zurückzukehren und sogleich ins Bad zu gehen.

Der König Jûnân kehrte auf der Stelle um und befahl das Bad zu verlassen, damit er selber baden könne, und die Kammerdiener und Mamluken eilten um die Wette, dem König sein Zeug in Bereitschaft zu setzen, während er sich ins Bad begab und sich tüchtig wusch. Als er sich wieder angekleidet hatte, ritt er ins Schloß und legte sich schlafen. Wie er nun wieder erwachte und seinen Körper beschaute, und allen Aussatz verschwunden und seinen Körper rein wie weißes Silber sah, erfaßte ihn übermächtige Freude, daß sich seine Brust vor Lust dehnte.

Als er am andern Morgen den Diwan betrat und sich auf den Thron des Reiches setzte, und die Kämmerlinge und Großen des Reiches vor ihm erschienen, trat auch der Hakîm Rûjân ein, küßte die Erde vor ihm und sprach in Beziehung auf den König die Verse:

Hell strahlte der Rede Kunst, da man dich ihren Vater hieß,
Wollte sie je einen andern so nennen, er lehnte es ab.
O du, des Angesichtes hellleuchtender Glanz
Des widrigsten Geschickes Finsternis auslöscht,
Immerdar möge es leuchten und schimmern,
Daß wir das Antlitz der Zeit nicht gerunzelt schauen.
In deiner Güte hast du uns mit Wohlthaten überhäuft,
Wie die Regenwolke das sandige Hochland;
Den größten Teil deiner Schätze gabst du dahin in dem Streben nach Adel,
Bis du dein Ziel von der Zeit erreichtest.

Als der Hakîm seine Verse beendet hatte, erhob sich der König vor ihm von seinem Throne, umarmte ihn, hieß ihn an seiner Seite Platz nehmen und verlieh ihm prachtvolle Ehrenkleider. Gleich darauf wurden Tische mit Speisen vor ihnen hingesetzt, und der König speiste und trank mit ihm den ganzen Tag. Zum Abend aber schenkte er dem Hakîm zweitausend Dinare, außer den Ehrenkleidern und sonstigen Geschenken, und ließ ihn auf seinem Schlachtroß nach Hause reiten, während er sich noch immer über seine Heilung verwunderte und sagte: »Dieser hat von außen meinen Körper gesund gemacht, ohne mich mit Salben einzureiben; bei Gott, das ist eine außerordentliche Kunst! Solchen Mann muß ich mit Geschenken und Ehren überhäufen und ihn mein Lebenlang zu meinem Freunde und Vertrauten machen.«

Voll Freude und Fröhlichkeit über seine Genesung und Erlösung von seiner Krankheit verbrachte der König Jûnân die Nacht und ließ am nächsten Morgen, als er den Thron bestieg, und die Großen des Reiches vor ihm standen, und die Emire und Wesire zu seiner Rechten und Linken saßen, wieder den Hakîm Rûjân kommen. Als er eintrat und die Erde vor ihm küßte, erhob sich der König wieder vor ihm, hieß ihn an seiner Seite Platz nehmen, speiste mit ihm und wünschte ihm langes Leben. Darauf beschenkte er ihn wieder mit einem Ehrenkleid und andern Kostbarkeiten, unterhielt sich mit ihm bis zur Nacht und verordnete ihm fünf Ehrenkleider und tausend Dinare, worauf der Hakîm dankerfüllt für den König nach Hause ging.

Nun befand sich unter den Wesiren des Königs auch ein Wesir von häßlichem Äußern und unheilbringendem Gestirn, ein schmutziger, geiziger und neidischer Mensch, dem Neid und Bosheit angeboren waren. Als dieser Wesir sah, wie der König den Hakîm Rûjân so sehr auszeichnete und ihm alle diese Gunsterweisungen zu teil werden ließ, beneidete er ihn deshalb und trachtete ihn zu verderben, wie es im Sprichwort heißt: Jede Seele ist eine Neideshöhle, oder auch: Gewaltthätigkeit lauert in jeder Seele; der Starke zeigt sie, aber der Schwache verbirgt sie.

Infolgedessen trat der Wesir am nächsten Tage, als sich der König wieder in den Diwan begeben hatte und im Kreise seiner Emire, Wesire und Kammerherren saß, an denselben heran, küßte die Erde vor ihm und sprach: »O König der Zeit, dessen Huld die Menschen umfaßt, ich habe dir einen guten Rat von großer Wichtigkeit mitzuteilen; verhehlte ich ihn dir, so wäre ich ein Bastard; gebietest du es mir, so thue ich ihn dir kund.« Der König, durch die Worte des Wesirs in Unruhe versetzt, fragte: »Wie ist dein guter Rat?« Er antwortete: »Ruhmreicher König, die Alten haben gesagt: »Wer nicht das Ende bedenkt, hat am Schicksal keinen Freund«; ich aber sehe den König auf unrechtem Wege, insofern er seinen Feind, der nach dem Ende seiner Herrschaft trachtet, beschenkt, ihn mit Gunst- und Ehrenbezeugungen ohne Grenzen überhäuft und ihn zum nächsten Vertrauten gemacht hat; ich bin deshalb besorgt um den König.« Da ward der König bestürzt, wechselte die Farbe und fragte ihn: »Wer, meinst du, ist mein Feind, dem ich meine Gunst bezeuge?« Der Wesir antwortete: »O König, wenn du schläfst, so erwache! Ich meine den Hakîm Rûjân.« Der König entgegnen ihm: »Das ist ja mein Freund, und mir am wertesten von allen Menschen, weil er mich durch ein Ding, das ich mit der Hand anfaßte, behandelte, und mich von meiner Krankheit heilte, an welcher sich die Ärzte umsonst abgemüht hatten; einen Mann wie ihn giebt's in dieser Zeit nicht mehr auf der Welt, weder im Abend- noch im Morgenlande. Wie kannst du das von ihm behaupten? Ich werde ihm von heute ab Gehalt und Einkünfte festsetzen und ihm monatlich tausend Dinare geben; wollte ich jedoch selbst das Reich mit ihm teilen, so wäre es noch für ihn zu wenig. Ich glaube du sprichst nur aus Neid und willst, daß ich ihn hinrichten lasse und es hernach bereue, wie der König Sindbad es bereute, seinen Falken getötet zu haben.« Der Wesir fragte: »Wie geschah das?« Der König erzählte:

 

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