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Gutenberg > Otto Ernst >

Tartüff der Patriot

Otto Ernst: Tartüff der Patriot - Kapitel 2
Quellenangabe
typecomedy
authorOtto Ernst
firstpub1909
year1909
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleTartüff der Patriot
created20050115
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Erster Akt.

(Links und rechts vom Zuschauer aus. Reich und elegant ausgestattetes Empfangs- und Besuchszimmer bei Schneidemühls. Bilder und Büsten der deutschen Kaiser, des Landesfürsten [auf einer Staffelei], Bismarcks und Moltkes. Über dem Türbogen zur Veranda in prächtigem Rahmen der Spruch: »Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt.« Im Hintergrunde eine große Veranda, die auf die Straße geht; rechts eine breite und hohe Glastür, die in den Garten führt. Der allgemeine Zugang des Zimmers ist hinten links, eine andere Tür vorn links. Durch die Glastür sieht man blühende Bäume und Büsche; auch das Zimmer zeigt in Vasen und Schalen reichen Blumenschmuck. Es ist früh am Morgen eines sonnigen Frühlingstages.)

1. Szene.

Bruno Bitterich. Später Axel und Dr. Bitterich, noch später Sonja.

Bruno (kommt mit Büchern unterm Arm von der Straße durch die Veranda, blickt suchend im Zimmer umher, öffnet dann die Tür zum Garten und pfeift das Motiv aus der Walküre »Winterstürme wichen dem Wonnemond«. Aus dem Garten ertönt dasselbe Motiv als Antwort, und gleich darauf erscheint Axel, der schon aus dem Garten »Moign!« gerufen hat.)

Bruno. Moign.

Axel (tritt auf, halb freudig:) Allein? Kommt dein Bruder nicht?

Bruno. O ja, wird schon anschwirren.

Axel. Ich hätte nichts dagegen, wenn er sich eine Erholung gönnte.

Bruno (läßt sich an einem Tische vorn links nieder und schlägt ein Buch auf). Da kennst du Hugon schlecht. Tadellose Pflichterfüllung. Reserveoffizier. (Vertieft sich in sein Buch.)

Axel (setzt sich widerwillig). An solchem Morgen Horaz pauken – Gemeinheit. Horaz hätte was andres gemacht, das steht fest. Der konnte sich, was Arbeit anlangt, schändlich beherrschen.

Bruno. Hm.

Axel. Du, komm heut nachmittag mal in unsern Garten; ich bau jetzt einen neuen Apparat. Weißt du, ich will jetzt –

Bruno. Sch–t! Ruhe, ich muß meinen Konjunktiv pauken.

Axel. Oller Streber!

Dr. Hugo Bitterich tritt auf.
(Seiner militärischen Würde sich bewußter Reserveoffizier. Schmucker Kerl von kühlschnodderigem Wesen.)

Axel (ist bei seinem Eintritt aufgesprungen und steht stramm).

Bitterich. Na? Na, Bruderherz? Willste nich ooch die Jüte haben?

Bruno (erhebt sich lässig).

Bitterich. Ach nee, Brunochen; zu Hause sind wir ja freilich Brüder; aber hier bin ich nu mal Vorgesetzter, den du kolossal vorschriftsmäßig zu grüßen hast – na?

Bruno (setzt sich und springt mit Gewalt wieder auf, macht dabei ein sehr finsteres Gesicht).

Bitterich. Moign. (Winkt, daß die beiden sich setzen dürfen, und setzt sich auch, mit dem Gesicht gegen das Publikum.) Wo is denn Sonja?

Axel. Sie wird wohl gleich kommen; ich hab sie eben noch im Garten gesehen.

Bitterich. Na, Brüderchen, wie denkst du denn heute über'n abhängigen Konjunktiv, he?

Bruno (steht auf und beginnt mit großer Entschiedenheit:) Der Konjunktiv kann abhängig sein erstens von . . . .

Bitterich (immer kühl). Nanu, nich so vulkanisch. Warte mal. (Hat in seinem eigenen Buch die Stelle gesucht und gefunden.) So. Nu plaudere mal so'n bißchen über das reizende kleine ut finale. (Er sitzt mit dem Rücken gegen seinen Bruder, der ihm über die Schulter hinweg abliest.)

Bruno. Ut finale steht erstens unabhängig (absolut) in der Bedeutung damit, auf daß, um zu (das letztere, wenn Haupt- und Absichtssatz im Deutschen dasselbe Subjekt haben). Edo, ut vivam, non vivo, ut edam.

Bitterich. Sehr scheene Sentenz. Kannste dir merken.

Bruno. Eingeführt kann dieses ut werden mit demonstrativen Ausdrücken wie ideo, idcirco, propterea (deswegen, zu dem Zwecke usw.), eo consilio, animo in der Absicht, ea condicione . . . . (Er ist seinem Bruder immer näher gekommen.)

Bitterich (wendet plötzlich den Kopf und nickt seinem Bruder ironisch lächelnd zu). Bißchen kleener Druck, was? Nu woll'n wir mal seh'n, ob es ooch so jeht. (Wendet sich ihm zu.) Also wann steht ut finale zweitens?

Bruno. Ut finale steht zweitens, wenn . . . . (bleibt stecken).

Bitterich. Bitte, ohne alle falsche Scham.

Bruno. . . . . wenn . . . .

Bitterich. Sag mal, Brunochen, wat wolltste man noch werden?

Bruno (trotzig). Zoologe.

Bitterich. So, Zoologe. Und da meenste, da brauchste keen Latein.

Bruno (mit jugendlichem, aber natürlichem Pathos). Die Natur redet keine tote Sprache.

Bitterich. Mensch, warum denn mit eins so jeistvoll! Du schpriehst ja Jeist wie Heinrich Heine! Nu will ick dir mal wat sagen, Brunochen: Wer keen Griechisch kann, der is bloß 'n Halbidiot; wer aber das Lateinische ooch nich kann, der is in seiner Art vollkommen.

Bruno. Hä, und dabei gibt es Männer genug, die weder Latein noch Griechisch konnten und die größten Entdeckungen gemacht haben!

Bitterich. Denn haben se Dusel jehabt. Im übrigen haste den Schnabel zu halten. – Na, Axel? Haste Kenntnisse? Wann steht ut finale zweitens?

Bruno. (Hat seine Grammatik aufgeschlagen und hält sie, von Bitterich ungesehen, so, daß Axel ablesen kann.)

Axel. (Hat heimlich ein Pincenez hervorgezogen und liest ab:) Ut finale steht zweitens in der Bedeutung einer beabsichtigten Folge abhängig von den Verben, welche die Absicht des Handelnden, daß etwas geschehen soll, in sich schließen, nämlich: consulo, curo, prospicio, provideo, video, contendo, laboro, nitor, operam do (gebe mir Mühe), id ago (gehe damit um, bin darauf bedacht), id specto (habe im Auge) . . . .

Bitterich (ist aufmerksam geworden, blickt von seinem Buche auf und entdeckt die Manipulation seines Bruders. Immer mit lächelnder Kühle). Hört mal, ihr seid doch 'n paar ideale Verbrechertypen, 'n paar aufjelegte Sozialdemokraten seid ihr doch. Axelchen, Schwager in spe, was wolltest du noch werden?

Axel. Luftschiffer.

Bitterich. Nu ja, det is ja allerdings wat andres. Da haste recht: Verrückt sein kann man ooch ohne Latein.

Sonja (ist mit einem Syringenstrauß in der Hand aus dem Garten gekommen und hat das letzte gehört; lächelnd). Nun, hoffentlich wird er so verrückt wie sein Onkel.

Bitterich (nicht allzu verlegen). Entschuldige – (ist aufgesprungen).

Sonja (ihm die Hand zum Gruße reichend). Bitte, entschuldige du, daß ich zu spät komme. (Sie verteilt Blumen an Bruno und Axel, die sich lebhaft bedanken.) Willst du auch eine?

Bitterich. Danke. (Nimmt die Blume und betrachtet sie mit halb ironischem Lächeln.) Sehr schön. Obwohl Blumen eigentlich nich hierher jehören.

Sonja. Nicht?

Bitterich. Nee. Stell dir mal vor, die Rekruten üben langsamen Schritt und haben dabei 'ne Nelke hinterm Ohr.

Sonja. Sind wir denn hier auf dem Kasernenhof?

Bitterich. Allemal. Latein is Drill. Was denn sonst?

Sonja. Hm. Mir scheint, Blumen und Horaz, das müßte eigentlich zusammengehören. Wir haben doch heute Horaz?

Bitterich. Jewiß doch. Ick mußte man erst das Jemüt dieser Leute uf Konjunktiv untersuchen. Na, Axel, oller Schwede, wir sind vor der neunzehnten Ode stehen jeblieben. Schieß mal los.

Axel (liest, das Versmaß krampfhaft hervorhebend).

»Mater saeva Cupidinum
Thebanaeque iubet me Semelae puer
et lasciva Licentia
finitis animum reddere amoribus.«

Bitterich. Na ja. Wat is denn dat für'n Versmaß, Axel?

Axel. Das asklepiadeische.

Bitterich. Ja ja ja, aber was für eins?

Axel. Das dritte.

Bitterich. Nee, holder Knabe, det is dat vierte. Wo kommt das vierte asklepiadeische Metrum sonst noch vor?

Axel (schweigt).

Bitterich. Weeßte ooch nich. Axelchen, mein Freund, du hast wohl geglaubt, der Horaz wäre zum Vergnügen da? Paß auf, deine Schwester sagt es dir sofort.

Sonja. Ich weiß es allerdings; aber es ist ja ganz gleichgültig, ob man das weiß oder nicht.

Bruno und Axel (halb unterdrückt). Bravo!

Bitterich. Na hör mal –

Sonja. Ich wollte dir schon längst sagen, daß ich zu alledem keine Lust mehr habe.

Bitterich. Na erlaube jefälligst – na, wir reden nachher darüber. Übersetz erst mal, Axel.

Axel (sehr fließend).

Weckst du, Göttin, der Leidenschaft
Wilde Mutter, und du, Knabe der Semele,
Und du, lüsterner Übermut,
Längst verschworene Glut wieder im Herzen mir?

Bitterich. Nanu! Krieg man keene Jefühle! Welchen Schmöker haste denn da benutzt?

Axel. Emanuel Geibel.

Bitterich. Dacht ick mir doch, daß da so 'n jefühlvoller Dichterknabe dahintersteckte.

Sonja. Warum sprichst du immer so verächtlich von den Dichtern? Wir haben es doch hier auch mit einem Dichter zu tun.

Bitterich. Ja, der heeßt aber jefälligst Horaz.

Sonja. Ach so, und mit dem können deutsche Dichter sich nicht vergleichen?

Bitterich. Dat ick nich wüßte.

Sonja. Haha. Weißt du, wie ich mir die Strophe von Horaz übersetze?

Bitterich. Hä?

Sonja (innig und wie entrückt).

Herz, mein Herz, was soll das geben?
Was bedränget dich so sehr?
Welch ein fremdes, neues Leben!
Ich erkenne dich nicht mehr.
Weg ist alles, was du liebtest,
Weg, warum du dich betrübtest,
Weg dein Fleiß und deine Ruh –
Ach, wie kamst du nur dazu?

Bruno (eifrig). Bravo! Und dann die zweite Strophe, die fluscht auch anders als bei Horaz:

Fesselt dich die Jugendblüte,
Diese liebliche Gestalt,
Dieser Blick voll Treu und Güte
Mit unendlicher Gewalt?
Will ich rasch mich ihr entziehen,
Mich ermannen, ihr entfliehen,
Führet mich im Augenblick
Ach, mein Weg zu ihr zurück.

Axel (begeistert).

Und an diesem Zauberfädchen,
Das sich nicht zerreißen läßt,
Hält das liebe lose Mädchen
Mich so wider Willen fest;
Muß in ihrem Zauberkreise
Leben nun auf ihre Weise.
Die Verwandlung, ach, wie groß!
Liebe! Liebe! laß mich los!

Bitterich (hat verdutzt zuerst auf Sonja, dann, sich wendend, auf Bruno und endlich, sich abermals wendend, auf Axel gesehen, schiebt jetzt langsam beide Hände in die Hosentasche und sagt): Det is woll 'ne kleene Verschwörung, wat?

Sonja. Gewissermaßen – ja. Wir drei unterhielten uns gestern und fanden, daß wir Deutschen fast für jede antike Dichtung eine gleich schöne oder schönere besitzen –

Bitterich (ohne zu lächeln). Hihi.

Sonja. – und daß dieses Goethesche Lied zehntausendmal herrlicher ist als (auf den Horaz zeigend) das da.

Bitterich. So. Na, jegen Joethen und Schillern will ick ja weiter nischt sagen; aber was hinterher kommt –

Sonja. Das kennst du ja gar nicht.

Bitterich. Liebe Sonja, erstens mußte bedenken, dat ick für die anwesenden Jünglinge so'ne Art Respektsperson bin –

Sonja. Entschuldige.

Bitterich. Bitte, un zweetens kenne ick meinen Homer und meinen Horaz und noch einige ähnliche Idioten, un det jenügt mir.

Sonja. Kein Mensch nennt deine alten Dichter Idioten. Sie mögen Herrliches geschaffen haben – für ihre Zeit und für ihr Volk, und wenn man ein Leben daran wendet, dringt man vielleicht auch in ihre Seelen ein. Wenn wir aber tun, als wären wir begeistert, dann – dann sind wir eben unwahr – gründlich unwahr.

Bitterich. Kinder, damit woll'n wir diese ersprießliche Lateinstunde schließen. Ihr müßt ins Jymnasium, Jungens, es ist Zeit. (Hat nach der Uhr gesehen.)

Bruno. Ach, wenn du uns wegschickst, weil wir so was nicht hören dürfen – wir reden noch ganz anders.

Bitterich (immer unverändert, Bruno auf die Schulter klopfend). Kann ick mir denken, Brunochen, kann ick mir denken; du bist'n Prolet; aber darum mußte jetzt doch entweichen.

Bruno. Wie kannst du überhaupt für Horaz und Ovid eintreten? Das war doch »welsche Lügenbrut«.

Bitterich. Brüderchen, jetzt machste Beene, sonst brumm' ick dir hundert Verse Homer auf!

Bruno (im Gehen). Adieu, Sonja; heut Abend bring ich dir einen Fackelzug!

Axel. Adieu, Schwesterchen, gib mir einen Kuß. Wenn du nicht meine Schwester wärst, heiratete ich dich! (Bruno und Axel ab.)

2. Szene.

Sonja. Dr. Bitterich.

Bitterich (nach einem Schweigen). Also was vernehmen meine Ohren: du willst meine erquickenden Stunden nicht mehr mitnehmen?

Sonja. Nein, Hugo.

Bitterich. Darf man schüchtern fragen, warum?

Sonja (glücklich überzeugt). Weil ich meine Zeit und Kraft viel, viel besser anwenden kann.

Bitterich. Indem ich schmerzlich schweigend darüber hinweggehe, daß dies für mich kein Kompliment ist, beschränke ich mich auf ein einfaches »Wieso?«

Sonja. Wenn ich eine Stunde Shakespeare lese oder Ranke oder Bismarck, wenn ich eine Stunde Chemie treibe, gewinn ich ja mehr als hier in hundert Stunden!

Bitterich. Ach nee. Du hast doch selbst jewünscht, an den Stunden der beiden Jungens teilzunehmen.

Sonja. Gewiß. Weil man mir sagte: Nur wer die alten Sprachen kennt, ist ein durchgebildeter Geist. Du selbst sagtest so.

Bitterich. Natürlich, is auch so.

Sonja. Nun – bin ich fleißig gewesen?

Bitterich. Der reine Streber.

Sonja. Ist es mir schwer geworden?

Bitterich. Au controleur – du hast sogar 'n philologischen Riecher. Alle Tage kannste dein Abitur machen.

Sonja. Und der Erfolg? Verdummt bin ich.

Bitterich (verbeugt sich).

Sonja. Dies Griechisch und Latein sitzt mir wie Scheuklappen vor den Augen; ich sehe die Welt nicht mehr. Eine Zeitlang war mir's, als dürft' ich nicht auf meine Weise atmen, als müßt' ich mir erst vorstellen, wie die Alten geatmet haben, um es ihnen nachzumachen.

Bitterich. Weeßte, Schatz, was du da sagst, is ja sozusagen Gotteslästerung mit Hochverrat; aber es steht dir, es macht dich noch hübscher, als du schon so bist. Unter rechtlich verlobten Brautleuten war es bisher Brauch, sich'n Kuß zu geben, wenn se »endlich allein« waren – (ist ihr langsam näher gekommen).

Sonja (weicht erschrocken zurück). Nicht heute – nicht jetzt – bitte!

Bitterich. Nanu –? Warum denn heute nich –? – Hab' ich dir was getan?

Sonja. Nein, nein – aber – (als er sich wieder nähert) bitte, laß mich jetzt! (Im selben Augenblick stürzt Julchen herein.)

3. Szene.

Die Vorigen. Julchen.

Julchen Schneidemühl (eine Dame, die gern unzweifelhaft vornehm wäre): Kinder, Kinder, wißt ihr denn schon die große Neuigkeit?

(Gleichzeitig:)

Sonja. Nun?

Bitterich. Hä?

Julchen. Aber was frag' ich! Ihr könnt sie ja garnicht wissen! Denkt euch: Unser Großherzog hat sich verlobt!

Bitterich. Ach, was Sie sagen, liebe Schwiegermama.

Julchen. Und wißt ihr, mit wem? Mit der Prinzessin Lucinde von Holstein-Hadersleben, das ist das dritte Kind – mais non, was sag' ich – das vierte Kind ist sie von dem Prinzen Hans Friedrich von Holstein-Hadersleben und der Luise Amalie von Cleve-Berg. Das erste Kind war ja die Prinzessin Emma Christine, die den Fürsten von Mecklenburg-Neudorf heiratete, und das zweite war der Prinz Theodor, der am Typhus starb. Dann kam das dritte, das war Prinz Emil, der die Schauspielerin heiratete (wo kürzlich das vierte Kind kam), und dann – richtig – dann kommt Prinzessin Lucinde Aurelie Clementine, die sich jetzt mit unserm Großherzog verlobt hat.

Bitterich. Wie Sie das alles wissen, Schwiegermama!

Julchen. Ach, das ist gar nichts; meine Mutter wußte sämtliche deutschen Fürsten und Fürstinnen mit Kindern und Kindeskindern auswendig. Jaa, ach Gott, wir waren ja immer patriotisch!

Sonja. Hat es in der Zeitung gestanden?

Julchen. Nein, darling, die Zeitungen wissen noch nichts; Papa hat es von seinem intimsten Freund, dem Kammerherrn v. Plockhorst, und Baron Plockhorst hat dabei einfließen lassen, daß bei Gelegenheit der Einzugsfeierlichkeiten wohl das Langerwartete zum fait accompli wird.

Bitterich. Was ist das, Schwiegermamachen?

Julchen. Unsere Erhebung in den Adelstand (Begeistert:) Kinder, wenn das junge Paar einzieht – unser Haus muß das schönste in der ganzen Stadt sein – du mußt natürlich ein Gedicht deklamieren, Sonja –

Sonja (erschrocken). Ach!

Julchen. – und unsere Kostüme – ja wart, ich will doch sofort an Stock & Wilckens telefonieren (geht ans Telephon). 364! – – Hier Frau Geheimrat von Schneidemühl!

Sonja. Aber Mama –

Julchen. Was? – Schicken Sie mir sofort die Direktrice; ich brauche drei neue Kostüme. (nachdem sie die Antwort abgewartet und den Hörer eingehängt hat:) Nun – du freust dich wohl gar nicht?

Sonja. O – doch. Wenn unser Großherzog glücklich wird, soll es mich sicherlich freuen –

Julchen. Ach was, warum sollt' er nicht glücklich werden! Die deutschen Prinzessinnen sind immer ideale Frauen gewesen! Na – und »Sonja v. Schneidemühl«? Klingt das nicht anders als »Sonja Schneidemühl«? Freilich, du wirst ja diesen Namen nicht lange mehr tragen – das soll dich aber nicht verletzen, lieber Hugo; man kann auch als Bürgerlicher ein achtbarer Mensch sein.

Sonja (lächelnd). Aber Mama, wir sind doch selbst noch bürgerlich,

Julchen (gekränkt). Daran brauchst du mich nicht zu erinnern, mein Kind. Übrigens sind wir schon so gut wie geadelt. Wenn Herr v. Plockhorst es sagt – du lieber Gott, ich mach' mir gewiß nichts draus; mich freut es ja nur so unendlich Papas wegen. Er hat erst wieder solchen Ärger gehabt mit den verdammten Polacken.

(Gleichzeitig:)

Sonja. Was ist denn –?

Bitterich. Aha. Was jiebt's denn wieder?

Julchen. Ach – in Niemieczkowo haben sie sich zusammengetan und wollen auf unserm Gut nicht mehr arbeiten! Und unserm Verwalter haben sie die Fenster eingeworfen!

Bitterich. Na ja, kann ick den süßen Pollacken jar nicht verdenken. Wenn man se mit Veilchenparfum bejießt, werden se natürlich frech. Statt se uf de Bank zu legen und ihnen 25 'rüberzuziehen –

Sonja. Aber Hugo!

Julchen. Ja ja, das ist ganz meine Meinung, Prügel, das wäre das Richtige –

Sonja. Mit Prügeln wollt ihr sie zu Deutschen machen?

Bitterich. Deutsch wird det Jesindel nie. Möchte mich ooch dafür bedanken, pfui Deibel. Aber parieren soll'n se. Na ja, Sonjachen, ich weiß, du bist fürs »Humane«. (Zu Julchen.) Bloß fürs Humanistische is se nicht, Schwiegermama. Denken Sie sich, meine jeistvollen Stunden will se nicht mehr mitnehmen!

Julchen. Was ist das?

Bitterich. Sie sagt, sie kann ihre Zeit besser anwenden.

Julchen. Aber darling! Etwas Bildenderes als fremde Sprachen gibt es doch gar nicht! Meine ganze Bildung hab' ich von den fremden Sprachen! Unsinn, daraus wird nichts!

Sonja. Aber Mama –

Julchen. Gott, Kind, widersprich mir doch nicht in einem fort. (Zu Bitterich.) Das laß nur meine Sorge sein; ich werde ihr das schon ausreden.

Bitterich. Nee nee, Schwiegermama, so war es nicht jemeint, hetzen is nich meine Sache –

Julchen. I was, sie wird sich schon besinnen –

Bitterich. Soll mich freuen – ich muß jetzt in die Schule; aber (sieht nach der Uhr) wie jesagt: Sonja soll (mit Betonung und einem Blick auf Sonja) in jeder Hinsicht tun, was sie will. Adieu, Schwiegermama. (Küßt ihr die Hand.) Adieu, Sonjachen! (Er reicht ihr die Hand und macht Miene, sie zu küssen; sie bietet ihm die Stirn, die er küßt. Ab.)

4. Szene.

Julchen. Sonja.

Julchen. Sonja, was hast du? Du bist so seltsam gegen Hugo – habt ihr euch gezankt?

Sonja. O nein!

Julchen. Ja, was sind denn das für Einfälle! Du willst an seinen Stunden nicht mehr teilnehmen? Du hast doch selbst danach verlangt! Du wolltest die alten Dichter in der Ursprache genießen!

Sonja. Ich habe eben eingesehen, daß man das nicht kann.

Julchen. Wieso? Hugo hat mir mehr als einmal gesagt, daß du für fremde Sprachen fabelhaft begabt seist.

Sonja. Selbst wenn ich das wäre – das kann eben niemand.

Julchen. Was kann niemand?

Sonja. Niemand kann in einer Sprache empfinden, in der er nicht lebt.

Julchen. Das lernt sich eben.

Sonja. Wenn man mit den fremden Nationen lebt – lange lebt – vielleicht.

Julchen. Mais quelle bêtise! Ich bin weder in England noch in Frankreich gewesen und lese Englisch und Französisch wie Deutsch!

Sonja. Laß uns darüber nicht streiten, Mama. Es ist ja am Ende kein Verbrechen, eine nutzlose Sache aufzugeben.

Julchen. So. Und daß du Hugo damit kränkst, das bedenkst du nicht.

Sonja (sehr ernst, mit einem Seufzer). Ich fürchte, daß ich ihn noch anders kränken muß.

Julchen. Wieso?

Sonja. Liebe Mama – einmal muß es ja doch gesagt werden –: ich kann Hugo nicht heiraten.

Julchen (fährt auf, wie von einer Nadel gestochen): Sonja! Unterlaß solche unschicklichen Redensarten!!

Sonja. – Unschicklich –?

Julchen. Ich liebe solche Scherze nicht. Wenn Hugo davon hört – er ist sehr empfindlich.

Sonja. Er ist eitel, ja. Und eben weil er nichts ist als eitel, korrekt und kalt, eben deshalb kann ich ihn nicht zum Manne nehmen.

Julchen. Sonja, soll ich das für Ernst nehmen? Ein Mann wie Hugo, nach dem sich alle Mädchen die Hälse ausrecken, – ein tadelloser Beamter – Leutnant der Reserve, der über kurz oder lang anderthalb Millionen erbt!

Sonja. Damit hast du seine sämtlichen Vorzüge aufgezählt.

Julchen. Na, ich denke, das genügt.

Sonja. Zu einer Ehe doch wohl nicht.

Julchen. Ach Quatsch, ich wollte sagen – Torheit! Man gewöhnt sich an einen Mann, wenn man ihn auch anfänglich nicht mag.

Sonja. Mama, fühlst du denn nicht, daß dieses »sich gewöhnen« etwas unsagbar – Gewöhnliches ist?

Julchen. Ach, du willst mich wohl lehren, was vornehm und fein ist?

Sonja (gequält). Nein, Mama –

Julchen. Unfein ist es, einen Mann, mit dem man verlobt ist, nicht zu heiraten, siehst du, das ist gewöhnlich! Eine zurückgegangene Verlobung! – in unsern Kreisen! In unserm Hause! In einer adligen Familie! Na ja, ich weiß, es passiert Schlimmeres in Adelskreisen; aber das ist alter Adel! – Laß bloß Papa nichts davon hören! Wenn ich bloß daran denke, daß er so etwas hörte! Ach, das ist ja gar nicht auszudenken. – Hör', liebes Kind, ich will nichts gehört haben – ich will tun, als hättest du nichts gesagt – aber dafür erwarte ich, daß du mir nie darauf zurückkommst, nie, hörst du? Und nun was andres. Beim Einzug des hohen Paares wirst du als Chorführerin der Ehrenjungfrauen ein Gedicht deklamieren, und dies Gedicht –

5. Szene.

Die Vorigen. Franz Pfeil.

Franz (ist durch die Veranda gekommen, sieht Julchen und ruft laut): Ah, da sind Sie ja, liebe Tante!

Sonja (läßt beim Klange von Franzens Stimme einen Aufschrei des Erschreckens hören und tastet nach einem Stuhl).

Franz. O Verzeihung, Cousinchen, hab' ich Sie erschreckt?

Julchen (fast gleichzeitig). Was ist dir, Kind, was hast du?

Sonja (heiter lächelnd). Nichts, nichts – es kam so unerwartet – darum erschrak ich – nur darum – es ist schon alles wieder gut.

Julchen. Na also. (Zu Franz): Du suchtest mich?

Franz (mit der unbefangenen Fröhlichkeit, die sein ganzes Wesen erfüllt): Ja, Tante, ja. Hier (auf ein Buch in seiner Hand schlagend) hab' ich nämlich einen Fund gemacht: etwas Wundervolles für unsern nächstem Leseabend!

Julchen (mißtrauisch). Wirklich?

Franz. Ja, »Tanz und Andacht, Gedichte von Gustav Falke«.

Julchen. Wie heißt der Herr?

Franz. Gustav Falke.

Julchen. Und Gedichte? Mais non, lieber Neffe.

Franz. Nein?

Julchen (verächtlich). Gedichte lesen wir grundsätzlich nicht.

Franz. Aber Sie haben doch neulich selbst welche vorgelesen!

Julchen. Jaa, das waren aber auch Gedichte (himmelnd, aber mit gut deutschem Akzent):

Le vase où meurt cette verveine
D'un coup d'éventail fut fêlé –

Franz (der anfangs ihr Französisch nicht gut verstanden hat). Ach so, Sie meinen »La vase brisé« von Sully Prudhomme! Ja, das ist freilich ein schönes Gedicht. Aber in diesem Buch sind wenigstens zwanzig Gedichte, die ebenso schön oder schöner sind.

Julchen (ungläubig). Haha!

Franz (feurig). Aber gewiß, liebe Tante! (Plötzlich zu Sonja): Kennen Sie das Buch, Cousinchen?

Sonja. Ich kenn' es seit Jahren. Wenn es in Frankreich erschienen wäre, hätten's die Deutschen schon siebenmal übersetzt.

Julchen (geziert). Nein nein, Champagner und Gedichte macht man nur in Frankreich. Nein, ich weiß etwas Besseres für unsern nächsten Abend. Er hat doch ein neues Stück geschrieben, der Engländer – wie heißt er noch – der den Prozeß hatte – Gott, das war ja noch so interessant – der wegen Bigamie verurteilt wurde –!

Franz. Woolwood?

Julchen. Richtig, Woolwood!

Franz. Der kommt ja nächstens her.

Julchen (wie elektrisiert). Was? Der kommt hierher? Ist es möglich? Ach nein!

Franz. Ja ja, zur Einstudierung eines Stückes.

Julchen. Wann ist das, wann ist die Aufführung?

Franz. In 14 Tagen, glaub' ich.

Julchen. Hör', lieber Franz, du mußt uns Platze besorgen, willst du?

Franz. Aber natürlich, Tantchen.

Julchen. Die besten, die zu haben sind, ja? Den muß ich ja sehen, den muß ich ja sehen! Was studiert er denn ein?

Franz. »Brüderchen und Schwesterchen«.

Julchen. Ach, das ist reizend, das kenn' ich. (Zu Sonja): Aber da kannst du nicht mitgehn, Kind. (Zu Franz): Aber er hat etwas ganz Neues, das mußt du uns besorgen.

Franz. Englisch oder deutsch?

Julchen. Für mich natürlich englisch; aber die anderen Herrschaften verstehen nicht genügend Englisch – es ist ja sicher schon übersetzt.

Franz. Sicher.

Julchen. Also das wollen wir lesen. Den Titel hab' ich vergessen; aber das sagt dir ja der Buchhändler –

Franz. Gewiß. – Wollen wir jetzt mit der Probe beginnen?

Julchen. Mit welcher Probe?

Franz. Wir wollten doch heut morgen eine Probe zur »Abgottschlange« haben. In acht Tagen sollen wir's spielen, da wird es Zeit. (Gibt ihr eine Rolle.)

Julchen. Das hab' ich weiß Gott total vergessen. Gott, ich hab' so viel in meinen Kopf zu nehmen.

(Ein Diener tritt ein.)

Diener. Gnädige Frau haben die Schneiderin befohlen. Sie ist da.

Julchen. Da habt ihr's: nun ist wieder die Schneiderin da. – Probiert nur erst eure Szenen; ich komme wieder. (Wirft die Rolle von sich und läuft in größter Geschäftigkeit fort.)

6. Szene.

Sonja. Franz.

Beide (verharren eine Weile in beklommenem Schweigen).

Franz (rafft sich zum Sprechen auf). Wollen wir beginnen?

Sonja (nicht darauf eingehend). Ich habe noch immer Ihren Konrad Ferdinand Meyer. (Nimmt das Buch vom Bord und gibt es zurück.) Vielen Dank.

Franz. Ist es nicht herrlich?

Sonja. Ganz herrlich.

Franz. Nun müssen Sie auch »Huttens letzte Tage« lesen, ich bring's Ihnen.

Sonja. Steht Ihr Name drin?

Franz (halb verwundert). Ja.

Sonja. Dann lassen Sie's lieber. Man hat dies Buch in meiner Hand gesehen und hat darüber gespottet.

Franz. Wer hat gespottet?

Sonja. Lassen wir das.

Franz. – Und wenn ich nun meinen Namen daraus entferne?

Sonja (beklommen). – Auch dann – lieber nicht.

(Dasselbe Schweigen wie vordem.)

Franz. Ist es Ihnen recht, wenn wir jetzt mit der Probe beginnen?

Sonja (wieder darüber hingehend). Warum haben Sie unserm Zirkel noch nicht Ihr eigenes Stück vorgelesen?

Franz. Ich kann mich doch nicht anbieten.

Sonja (eifrig). Aber ich werd' es empfehlen.

Franz. Ihre Mutter wird ablehnen. Denn erstens bin ich so unberühmt wie möglich, und zweitens bin ich ein Deutscher.

Sonja. Kennt es sonst noch niemand?

Franz. Außer meinem Vater – nur Sie.

Sonja. Und was hat Ihr Vater gesagt?

Franz. Es hat ihm gefallen, trotz seiner abweichenden Gesinnungen.

Sonja. Tadelt er Ihre Gesinnungen?

Franz. Er tadelt nichts, was ehrlich und natürlich ist. Er meinte: In deinen Jahren war ich genau wie du und wollte alles umstürzen.

Sonja. Ihr Vater ist ein herrlicher Mann.

Franz (begeistert). Nicht wahr? Sehen Sie, das dank' ich Ihnen – daß Sie das gesagt haben! (Er hat ihre Hand ergriffen und schüttelt sie andauernd; sie sehen einander mit leuchtenden Blicken an, werden plötzlich verlegen, senken die Augen und verfallen von neuem in Schweigen.)

Franz (plötzlich geschäftig). Aber nun müssen wir wirklich anfangen. Hier ist Ihre Rolle!

Sonja. Danke.

Franz. Also Sie kommen hier vom Garten hereingehüpft, Blumen in der Hand, heiter und strahlend; ich sitze hier (rückt einen Sessel zurecht) im Sessel, müde und gebrochen. (Läßt sich in den Sessel fallen.)

Sonja (nimmt Blumen aus einer Vase, geht damit zur Gartentür hinaus und kommt gleich wieder nach Anweisung ihrer Rolle hereingehüpft). »Nun –? wo bleibt denn das Männchen? Das Männchen wollte doch zu seinem Weibchen in den Garten kommen! Das böse Männchen!« (Sie stockt.)

Franz (liest aus seinem Buche). »Sie küßt ihn auf die Stirn.«

Sonja (bang). Müssen wir das heute schon machen?

Franz (ebenso befangen). Ja – wir müssen es wohl endlich einmal wirklich machen – sonst geht es nachher nicht. – Vielleicht fangen wir noch einmal an.

Sonja (geht an die Gartentür zurück, bleibt aber drinnen und beginnt von neuem): »Nun –? Wo bleibt denn das Männchen? Das Männchen wollte doch zu seinem Weibchen in den Garten kommen! Das böse Männchen!« (Sie küßt Franzen auf die Stirn.) »Schau, was ich dir mitgebracht habe!« (Zeigt ihm die Blumen, hüpft damit an den Tisch links und will sie in der Vase ordnen, hält aber bald damit inne und starrt vor sich hin.)

Franz (blickt ebenfalls mit seligem Gesichtsausdruck ins Leere).

Sonja. – Sie kommen jetzt.

Franz (schrickt aus seiner Versunkenheit auf). O Pardon! Jawohl, ich komme. (Aus seiner Rolle, finster): »Wo warst du gestern abend?«

Sonja (noch hinter ihm am Tische stehend). »Gelt, das möchte das Männchen wissen? Aber weil es ungehorsam gewesen ist, bekommt es gar nichts zu wissen!« (Aus der Rolle fallend.) Ist das alles nicht schrecklich stümperhaft?

Franz. O – nein –

Sonja. Doch! Ich finde den Ton nicht. Ich soll eine schöne Spinne sein, die die Männer ins Netz lockt und aussaugt.

Franz. Und ich soll ein Mann sein, der sich das gefallen läßt. Seh' ich so aus?

Sonja (ihn ernst und glücklich betrachtend). Nein.

Franz (mit ironischem Pathos). Aber das macht ja den Schauspieler, daß er seine eigene Natur verleugnen und eine völlig andere annehmen kann. Also: Auf, seien wir Künstler!

Sonja. Ja, Sie können's; Sie sind ein geborener Schauspieler. Was könnten Sie nicht! Aber ich –

Franz. Sie –? Sie können viel, viel mehr – Sie – (sich aus seiner Stimmung reißend). Also bitte, gehen wir noch einmal zurück: »Gelt, das möchte das Männchen wissen?«

Sonja (tritt wieder an den Tisch zurück). »Gelt, das möchte das Männchen wissen? Aber weil es ungehorsam gewesen ist, bekommt es gar nichts zu wissen.«

Franz (knirschend). »Ich will wissen, wo du gewesen bist.«

Sonja (ist an seinem Stuhl zurückgetreten). »Schau, schau, das Rudichen ist wohl gar eifersüchtig?«

Franz (liest mit Herzklopfen). »Sie setzt sich dabei auf die Stuhllehne, stützt den Arm auf seine Schulter und spielt mit seinem Haar.«

Sonja (befolgt diese Anweisung mit Befangenheit, aber ohne Ziererei und wiederholt): »Schau, schau, das Rudichen ist wohl gar eifersüchtig?«

Franz (sie betrachtend). »Ja ja, schön bist du –«

Sonja. »Ja? Bin ich noch schön?«

Franz (umschlingt sie hingerissen mit den Armen und spricht in unterdrückter Glut): Ja, Sonja, ja, du bist schön, aber anders, ganz anders! Sonja – ich hab' dich lieb, Sonja, ich hab' dich lieb – und ich weiß, du hast mich auch lieb – ich weiß es!

Sonja (von dem plötzlichen Ausdruck seiner Leideuschaft erschrocken, bleich und fast sprachlos). O Gott – laß mich – Franz – laß mich – (einem übermächtigen Antriebe ihres Gefühls folgend, schlingt sie plötzlich beide Arme um seinen Hals und ruft glückselig): Franz! Franz!

Franz. Sonja! (Er bedeckt ihr Gesicht mit Küssen.)

Sonja (macht sich endlich von ihm los). Mein Gott – was soll nun werden?

Franz. Was werden soll? Glück soll werden – Jubel und Sonne von Tag zu Tag –

Sonja. Aber Hugo –!

Franz (naiv). Wahrhaftig – den hatt' ich ganz vergessen! Nun, wir treten noch heute Hand in Hand vor deine Eltern und deinen Verlobten –

Sonja. Nein, nein – noch nicht. Ich sprach heute mit Mama –

Franz. Du sprachst –?

Sonja. Ich sagte ihr, daß ich Hugo nicht heiraten könne –

Franz. Und –??

Sonja. Sie war ganz unzugänglich, ganz unzugänglich. Und Papa wird sich noch weniger erbitten lassen.

Franz (nachdenklich). Das glaub' ich selbst. Dein Papa liebt mich nicht, so viel hab' ich gemerkt. (Wieder aufjubelnd.) Aber ich hab' ja dich! Hahaa, die andern werden ja müssen, sie werden ja müssen! Den will ich sehen, der mir dich wieder nimmt, du Liebe, Entzückende – (er reißt sie wieder an sich und küßt sie. Im selben Augenblick wird die Tür links aufgemacht, und Oberst Pfeil tritt ein).

7. Szene.

Die Vorigen. Der Oberst.

Der Oberst (eine militärische Erscheinung von echter Vornehmheit, macht sofort mit drolliger Gewandtheit kehrt, als er das Paar erblickt). Oh Pardon!

(Gleichzeitig:)

Sonja (schreit auf und flüchtet in den Garten)

Franz. Papa!

Oberst (als Sonja verschwunden ist). Darf ich mich jetzt wieder umdrehen?

Franz. Papa! Ich hatte keine Ahnung, daß du –

Oberst. Davon bin ich überzeugt; du hättest sonst anders disponiert.

Franz. Papa, ich habe – wir waren eben – wie soll ich dir das erzählen –

Oberst (lächelnd). Ich verlang' es ja gar nicht, mein Junge. (Legt ihm die Hand auf die Schulter.) Ich weiß vollkommen gewiß, daß mein Junge nie etwas andres sein kann als ein Ehrenmann. Du verstehst mich: ich sage nicht »Kavalier«, sondern »Ehrenmann«.

Franz. Ich verstehe dich vollkommen, Papa.

Oberst. Das weiß ich. Und das andere geht mich nichts an. Liebe ist eigene Angelegenheit des Empfängers, das weiß ich noch von den Soldaten. Und nun: wie geht's dir? Über dein augenblickliches Befinden bin ich genügend unterrichtet, und sonst?

Franz. Mir geht es herrlich, Papa.

Oberst. Herrlich, so. Nun, das genügt ja vorläufig.

Franz. Und du, Papa? Du scheinst mir so aufgeräumt wie lange nicht.

Oberst. Ja, Junge, ja, das bin ich auch. Hab' aber auch Grund dazu! Da, stell dich mal fest auf beide Füße, nein, setz dich lieber, daß du nicht umfällst. Und nun paß auf, wie ich's dir langsam beibringe. Du weißt doch, daß es bei meinem letzten Luftschiff noch mit der Steuerung haperte.

Franz (aufspringend). Ja? Und?

Oberst. Ich hab's 'raus, Junge, ich hab's 'raus.

Franz. Ist es möglich! Papa, dafür muß ich dich küssen!

Oberst. Tu es, mein Junge, tu es. Laß deine Gefühle überströmen. Ich sage dir, mein neues Luftschiff wird lenkbar sein wie ein altes Damenpferd!

Franz. Also ist die Probe glänzend ausgefallen.

Oberst. Eine Probe hab' ich noch nicht gemacht.

Franz (langsam). Ach so – du hast die neue Steuerung noch gar nicht erprobt.

Oberst. Nein, Junge, das ist aber auch nicht nötig. (Mit felsenfester, lachender Sicherheit:) Ich weiß, daß die Sache jetzt klappen wird, ich weiß es!

Franz. Papa – (Lächelnd). Du bist doch ein unverwüstlicher Optimist!

Oberst. Ich? Ein Optimist? (Laut herauslachend.) Junge, das ist die größte Dummheit, die du seit langem gesprochen hast. Ich bin der nüchternste Realitätenmensch, den es je gegeben hat.

Franz. Du – ein nüchterner – Hahahaha – verzeih, Papa, es ist wohl respektlos, daß ich dich auslache –

Oberst (glücklich). Nein nein, mein Junge, lach nur; Lachen hör' ich immer gern, wenn's auch auf meine Kosten geht.

Franz (noch lächelnd). Du ein Realitätenmensch – und hast dein ganzes Vermögen in die Pfanne gehauen!

Oberst. Ja, Junge, das macht ja gar nichts; (mit Humor:) aber das gepumpte Geld ist jetzt auch alle!

Franz (lachend). Wirklich?

Oberst (ebenso). Jawohl! Und wenn das neue Schiff steigen soll, muß ich wieder pumpen. Jetzt kommt dein Onkel dran, mein Bruder Schneidemühl. Er ist ja nicht gerade der Freigebigste, darum hab' ich ihn bisher verschont; aber ich denke doch, daß er's tun wird.

Franz. Hoffentlich.

Oberst. Ich will ihm hunderttausend Mark abknöpfen – ist ja für ihn 'n Trinkgeld.

Franz. Allerdings.

Oberst. Wie gefällt dir's denn hier?

Franz. Oh –

Oberst (seine Antwort zurückhaltend). Jawohl, ich weiß, aber ich denke dabei nicht nur an das weibliche Element – ich meine: so im ganzen.

Franz. O, Tante hat mich sehr liebenswürdig und gastlich aufgenommen –

Oberst. Und dein Onkel?

Franz. Nnna – den bekomm' ich kaum zu Gesicht; wir stimmen wohl nicht recht zueinander.

Oberst. Hahaha – hab' ich mir halbwegs gedacht. Hast du eine Ahnung, wo ich deinen Onkel jetzt finde?

Franz. Wenn er noch nicht in die Fabrik gegangen ist, wird er jetzt in seinem Arbeitszimmer sein – ich will ihn suchen –!

Oberst. Nein, laß nur. Ich habe dich (mit einem Blick nach dem Garten) länger als billig einer Gesellschaft entzogen, die ein alter Oberst beim besten Willen nicht ersetzen kann. Ich werd' ihn schon finden. (Will gehen.)

8. Szene.

Die Vorigen. Julchen.

Julchen. Ah, te voilà! Guten Tag, Konrad. Du mußt entschuldigen; aber dein Telegramm ist eben erst eingetroffen –

Oberst. Macht nichts, Julchen, macht nichts; auf festlichen Empfang war es nicht abgesehen; ich möchte deinen Mann sprechen.

Julchen. Er wird in seinem Zimmer sein –

Oberst. Gut, dann werd' ich hinaufgehen. Laß dich, bitte, nicht im geringsten stören.

Julchen. Nicht wahr, du entschuldigst mich auf einen Augenblick; ich hab' so viel um die Ohren –

Oberst. Gewiß, gewiß, auf Wiedersehen, mein Junge.

Franz. Auf Wiedersehen. Papa!

9. Szene.

Julchen. Franz.

Julchen. Denk dir, Franz, ich hab' eine große Idee! – Wo ist denn Sonja?

Franz. Sie ist einen Augenblick hinausgegangen – sie wird wohl gleich wiederkommen.

Julchen. Ja denk dir, mir ist etwas Großartiges eingefallen!

Franz. Wirklich?

Julchen. Und du, lieber Franz, mußt mir einen großen, großen Gefallen tun! (Sehr liebenswürdig.) Willst du?

Franz. Aber gewiß, liebe Tante, wenn es in meiner Macht steht –

Julchen. O, es steht gewiß in deiner Macht. Du mußt uns den Mister Woolwood hierherschaffen!

Franz. Hierher?

Julchen. Ja, hierher, in unser Lesekränzchen. Ich werde dir eine Einladung für ihn geben, die schickst du ihm und dabei mußt du ihm so lange zusetzen, bis er einwilligt.

Franz. Ja aber –

Julchen. Du mußt ihm begreiflich machen, daß unsre Familie hier in der Stadt einen ungeheuren Einfluß hat und daß er überhaupt einer Dame nichts abschlagen darf. Die Engländer sind darin ja viel vornehmer als die Deutschen. Du hast doch jedenfalls Beziehungen zu ihm.

Franz. Ich hab' einmal einen Brief mit ihm gewechselt –

Julchen. Na also! Das ist ja großartig. Daran kannst du ja anknüpfen! Womöglich liest er gar etwas Eigenes vor! Das wäre ja einfach – ach, das wäre ja unbeschreiblich! Nicht wahr, lieber Neffe, du besorgst das, ich rechne ganz bestimmt darauf, daß du ihn uns herschaffst! Und nun müßt ihr mich für heute entschuldigen; ich hab' noch sehr viel mit der Schneiderin zu besprechen; die Person begreift nichts. (An der Tür:) Also, lieber Franz, wenn dir das gelingt – und es muß dir gelingen –, dann hast du einen großen Stein mir im Brett. (Ab.)

10. Szene.

Franz. Gleich darauf Sonja.

Franz (sieht ihr nach und blickt dann sinnend vor sich hin). Hm hm.

Sonja (aus dem Garten). Ist Mama schon wieder fort?

Franz (eilt auf sie zu, mit wiedererwachendem Jubel). Sonja, Sonja, meine –

Sonja (ihn liebevoll abwehrend). Nicht, nicht, lieber Franz. Wir haben uns einmal vergessen – nun dürfen wir's nicht mehr tun. Solange ich noch – die Braut eines andern bin. –

Franz (ihr die Hand hinstreckend). Verzeih – ich verdiene deinen Tadel.

Sonja. O, kein Tadel! Ich fühle ja ganz wie du –

Franz (wieder ausbrechend, als wollte er sie umarmen). Ja, tust du das?! – Ach so.

Sonja. Was wollte Mama?

Franz (auflachend). Ach – ich soll ihr den Woolwood herschaffen.

Sonja. Wen?

Franz. Mr. Woolwood, den berühmten englischen Bigamisten und Dichter, soll ich in unsern Lesezirkel nötigen, und wenn möglich, soll er etwas – (stockt plötzlich und starrt vor sich hin).

Sonja. Was ist –?

Franz (verharrt wie oben).

Sonja. Franz, was ist dir?

Franz. Sonja – Sonja – ich hab' ja eine Riesenidee!

Sonja. Nun?

Franz. Deine Mama nannte die Einladung Woolwoods eine große Idee; aber ich – Sonja – ich hab' ja eine Idee von mammutartiger Größe!

Sonja. Was ist es denn?

Franz (nimmt sie bei der Hand und führt sie nach vorn rechts). Deine Mama soll ihren Woolwood haben, aber einen nachgemachten. »Ich will selbst den Woolwood machen.« Ich war lange genug in England. Dieser Pseudo-Woolwood wird sein neuestes Stück vorlesen, und dieses Stück ist natürlich kein anderes als das meinige.

Sonja. – Und was versprichst du dir davon?

Franz. Dieses Stück wird deine Mama unfehlbar herrlich finden, bezaubernd, hinreißend, gigantisch, genial – und wenn sie im höchsten Trance ist, tret' ich vor und sage schlicht und groß: Dieses Genie bin ich. Dann kann sie nicht zurück.

Sonja. Aber die Täuschung wird sie erzürnen!

Franz. Dann hol' ich den echten Woolwood herbei – auch dafür weiß ich jetzt einen Weg – und lege den auf die Wunde. Vorläufig aber hat sie erkannt, daß es auch deutsche Dichter gibt und daß ich einer von ihnen bin. Ja – soll ich dir meine ganze Eitelkeit gestehen? Ich glaube – nein, ich weiß, daß in meinem Werk ein Blutstrom ist, der in andere Herzen überschwillt, und ich hoffe, ich hoffe, daß er auch das Herz deiner Mutter erfüllen und für uns beide gewinnen wird. Haben wir erst deine Mutter für uns, dann –

Sonja. Ja – dann fehlt noch viel!

Franz. Ja, dann fehlt noch der großmächtige Herr Papa. Er liebt mich nicht. »So spricht kein deutscher Mann«, sagte er gestern zu mir. Er sprach mir sogar die Vaterlandsliebe ab. Und dabei wett' ich, daß er – – (starrt wieder vor sich hin) – still, Sonja, still –

Sonja. Ich sage gar nichts!

Franz. Sch–t! Meine Idee wächst – hörst du sie wachsen?

Sonja (lächelnd). Nein.

Franz. Merk auf: Dein Vater will sein Gut in Posen verkaufen, nicht wahr?

Sonja. Ja.

Franz. Er steht bereits in Unterhandlungen mit der Ansiedlungskommission, die ihm eine Million geboten hat.

Sonja. Ich glaube – jawohl.

Franz. Vortrefflich. In solchen Momenten pflegen polnische Güteragenten aufzutauchen. Wenn du hier also einen polnischen Makler auftauchen siehst – das bin ich auch!

Sonja. Du willst –

Franz. Ein geborner Schauspieler wär' ich, hast du gesagt. Gut, ich will mein Meisterstück versuchen. Ich will dieses auswattierte Deutschtum ein wenig an der Nase herumführen!

Sonja. Ich weiß nicht – mir ist angst dabei.

Franz. Keine Furcht! Was haben wir zu verlieren? Mißlingt es, so ist es nur eine wohlverdiente Rache – gelingt es aber, so ist es unser Triumph.

Sonja. Weißt du was?

Franz. Nun?

Sonja. Wir ziehen den alten Neumann ins Vertrauen!

Franz. Wen?

Sonja. Den alten Neumann, Papas Sekretär. Er ist mir blindlings ergeben und tut, was ich will.

Franz (sie mit zärtlichem Blick überfliegend). Das läßt sich denken. Aber wenn's an den Tag kommt, wird der alte Mann seine Stellung verlieren.

Sonja. O nein, den entläßt Papa nicht.

Franz. Gut also. Suchen wir ihn auf! Sonja, Sonja, einst wird kommen der Tag, da dein Vater alles zurücknimmt und deine Hand in die meine legt!

Sonja (die ihn schwärmend betrachtet). Jetzt siehst du deinem Vater unsagbar ähnlich!

Franz. Wie das –?

Sonja. Sonnenkinder seid ihr – einer wie der andere. Zwei Optimisten von ansteckender Glaubenskraft –

Franz. Optimist – ich? Hahahaha! Liebes Lieb – Mein Vater – ja; aber ich – eher das Gegenteil! Aber warum hältst du mich für optimistisch? Hältst du nichts von meinem Plan?

Sonja (sieht ihn an und reicht ihm lächelnd die Hand). Ich steige in dein Boot. Sieh – ich war immer furchtsam auf dem Wasser und bestieg nie ein Fahrzeug, wenn ich es nicht von kundiger Hand geleitet wußte. Aber eines Tages ludst du mich zu einer Kahnfahrt, und ohne Besinnen sprang ich ins Boot, obwohl ich von deiner Seefahrerkunst nichts wußte. Du wirst es schwer mit mir haben, ich bin eine Kopfhängerin. Bevor du kamst, konnt' ich nicht hoffen und glauben. Seit du hier bist, kann ich es, will ich es wenigstens. Wenn man dich ansieht, kann man nicht anders. Ich steige in dein Boot.

Franz (leidenschaftlich, indem er sie umschlingen will). Und ich verspreche dir – (faßt sich plötzlich, reicht ihr still die Hand, die sie ergreift, und spricht ernst und fest): und ich verspreche dir, uns beide ans Ufer zu bringen. – Komm, ich höre Stimmen.

(Beide ab durch die Veranda.)

11. Szene.

Neumann. Der Oberst. Gleich darauf Schneidemühl.

Neumann (eisgrauer alter Herr mit einer Mappe unter dem Arm). Wenn ich Herrn Oberst bitten dürfte, hier einen Augenblick einzutreten; der Herr Geheimrat muß jeden Augenblick kommen und läßt Herrn Oberst bitten, ihn hier erwarten zu wollen.

Oberst. Schön. Ich danke Ihnen.

Neumann. Bitte. Da ist der Herr Geheimrat schon.

Schneidemühl (betont wie seine Gattin in seinem Äußern und seinem Auftreten den Aristokraten von unnahbarer Vornehmheit). Was haben Sie, Neumann? Guten Tag, lieber Konrad (zu Neumann). Kommen Sie in einer halben Stunde wieder.

Neumann (mit Verbeugung ab).

Schneidemühl. Du mußt verzeihen, daß ich dich habe warten lassen; ich wurde in die Fabrik gerufen –

Oberst. Bitte, bitte, hat nichts zu sagen.

Schneidemühl. Hast du deinen Sohn schon gesprochen?

Oberst. Ja, und ihn in bester Verfassung angetroffen. Sag mal: ist das nicht ein Staatskerl geworden? Hättet ihr ihn wiedererkannt?

Schneidemühl. Nein. Wir haben ihn ja in acht Jahren nicht gesehen.

Oberst. Sind das acht Jahre? Wetter nochmal. Na, er befindet sich hier offenbar wohl und ist euch dafür dankbar wie ich.

Schneidemühl. Bitte bitte, das ist doch nicht der Rede wert. Es kann uns doch nur eine Freude sein –

Oberst (glücklich-stolz). Ist es das?

Schneidemühl. Äh – gewiß; er ist ja ein wohlerzogener junger Mann, (schnell): selbstverständlich!

Oberst. Aber –?

Schneidemühl. Wieso aber?

Oberst. Du scheinst doch eine Einschränkung machen zu wollen.

Schneidemühl. Hm. – Nun ja – wenn ich ganz offen sein soll, ich habe gelegentlich bei ihm Anschauungen entdeckt, die in unsere Gesellschaftsschicht schlechterdings nicht hineinpassen.

Oberst. Ja siehst du, das gefällt mir gerade an ihm, daß er nicht fragt, ob seine Ansichten irgendwo hin »passen«, daß er sie nicht behutsam beschneidet, damit sie ihm Frucht tragen, sondern daß er sie nach Gottes Willen wachsen läßt.

Schneidemühl. Nach Gottes Willen dürfte das schwerlich sein.

Oberst. Na höre, lieber Paul, du weißt, daß ich reichs- und königstreu bis auf die Knochen bin; aber den lieben Gott halt' ich doch immer noch für parteilos. Er ist ja der einzige, der sich's leisten kann. Was ist denn Franzens Verbrechen? Er will die Armen und Elenden glücklich machen, und zu diesem Ende will er Staat und Gesellschaft ein wenig auf den Kopf stellen. Das wollten wir doch alle, als wir jung waren.

Schneidemühl (pikiert). Daß ich nicht wüßte.

Oberst. Du nicht? Verzeih, dann täuscht mich wohl mein Gedächtnis. Aber Bismarck z. B. wollte dergleichen. Wenn wir älter werden, halten wir's mit Goethe und erkennen, daß die Welt am schnellsten fortschreitet, wenn wir sie sich ruhig entwickeln lassen. Aber wertvollere Geschöpfe sind wir alten Knöppe darum nicht. Mir ist die Jugend lieber.

Schneidemühl. Ich sehe, daß du mit dem »holden Leichtsinn«, der dich auszeichnet – pardon! – diese Dinge auf die leichte Achsel nimmst. Du darfst es mir nicht übel nehmen, daß ich die Sache ernster ansehe. In Dingen des Patriotismus versteh' ich nun einmal keinen Spaß.

Oberst (horcht hoch auf). »Des Patriotismus?« Hast du bei meinem Jungen Mangel an Patriotismus entdeckt?

Schneidemühl. Verzeih – ich finde diese Frage beinah' erheiternd. Du kennst doch seine Ansichten.

Oberst. Vollkommen.

Schneidemühl. Er will die Monarchie beseitigen –

Oberst. Wollte Bismarck auch –

Schneidemühl. – die Vorrechte des Adels und der Besitzenden – den Krieg will er sogar abschaffen! Vereinigte Staaten von Europa will er gründen – allgemeiner Völkerverbrüderungsdusel: Seid umschlungen, Millionen!

Oberst. Ja – pardon – ich halte ja auch alle diese Forderungen für verkehrt oder mindestens für verfrüht – aber was hat das mit dem Patriotismus zu tun?

Schneidemühl. Erlaube, was das –?

Oberst. Sieh mal, lieber Paul, die Seele meines Jungen liegt offen vor mir wie eine Blumenwiese am hellen Frühlingstag. Er verhehlt mir nichts, was ich von ihm wissen will. Er will seinen Mitmenschen und seinem Vaterlande helfen, und er denkt dabei mit keinem Gedanken an seinen Vorteil – er würde auch jedes Opfer bringen – ich denke, das ist die Summe des Patriotismus.

Schneidemühl. Das ist weitherzig.

Oberst (lachend). Ja, seien wir doch weitherzig!

Schneidemühl. Bedaure, mein Patriotismus heißt: »Mit Gott für König und Vaterland« – einen andern kenne ich nicht.

Oberst. Das ist einseitig.

Schneidemühl. Wir werden uns darüber wohl nicht einigen.

Oberst (lachend und immer liebenswürdig). Nein, das ist auch meine Meinung. Aber es freut mich, daß ich dich in patriotischer Stimmung finde. Ich will nämlich Geld von dir haben.

Schneidemühl. – Entschuldige, ich habe dir noch nicht einmal eine Zigarre angeboten. (Tut es.)

Oberst. Danke, danke – aber damit kommst du diesmal nicht los.

Schneidemühl. So – du willst also – du brauchst Geld.

Oberst. Ja, ich habe dich auf hunderttausend Mark eingeschätzt. Wenn du mir aber das Doppelte geben willst, soll es mir dreimal so lieb sein.

Schneidemühl. Und welche Sicherheit – ich weiß, du deutest mir die Frage nicht falsch; ich habe ja Pflichten gegen meine Familie – welche Sicherheit könntest du mir dafür geben?

Oberst. Mein Luftschiff.

Schneidemühl. Welches Luftschiff? Das ist doch verunglückt.

Oberst. Nicht das verunglückte – das neue, das jetzt gebaut wird. Du kannst dein Geld gar nicht sicherer anlegen.

Schneidemühl. – – Entschuldige, aber hier ist ein abscheulicher Zug; du erlaubst wohl, daß ich das Fenster schließe.

Oberst. Bitte bitte.

Schneidemühl (geht in die Veranda, schließt sehr langsam ein Fenster und kommt sehr langsam wieder nach vorn). Mein lieber Konrad – ich muß endlich einmal ein offenes Wort mit dir reden.

Oberst (heiter). Ein offenes Wort – das bedeutet eine geschlossene Börse.

Schneidemühl. Bitte, laß mich doch ausreden. Ich glaube, du weißt, wie ich über deine Beschäftigung denke.

Oberst (wie oben). Beschäftigung ist hübsch gesagt.

Schneidemühl. Nun ja – sagen wir also deine Idee – dein Projekt. Du weißt aber, glaub' ich, nicht, wie andere Leute darüber reden und was ich als dein Bruder von diesen Leuten, die nicht so rücksichtsvoll sind wie ich, zu hören bekomme.

Oberst. O ja, das weiß ich alles. »Kindischer Greis«, »Verrückter Optimist«, »Wolkenoberst« usw. Aber du kannst dich ja darauf berufen, daß wir nur Halbbrüder sind.

Schneidemühl (empfindlich). Bitte, wenn du dich nur als meinen Halbbruder betrachtest – ich habe stets als Bruder für dich empfunden.

Oberst (einlenkend). Gewiß, gewiß, ich scherze ja nur.

Schneidemühl. Ich habe mit tiefem Schmerze gesehen, wie du dein ganzes schönes Vermögen deinen – Ideen geopfert hast – ohne an deinen Sohn zu denken –

Oberst. Der verlangt solche zarten Rücksichten nicht.

Schneidemühl. Nun ja – schließlich war es ja dein Geld und ich hatte kein Recht, darein zu reden. Du bist aber weiter gegangen und hast dich obendrein in Schulden gestürzt –

Oberst. Ja.

Schneidemühl. – die du nie bezahlen kannst –!

Oberst. Wieviel willst du wetten?

Schneidemühl. Ach! – Ich kann dir sagen, Kämpfe hab' ich durchgemacht, Kämpfe, ob ich das länger mit ansehen dürfte, ob es nicht meine Bruderpflicht wäre, dich zu warnen, dich aufzuwecken aus deinem unseligen Traum –

Oberst (glücklich und schlicht:) O, es ist eine selige Wirklichkeit –

Schneidemühl. Na ja, es wäre ja vergeblich gewesen – ich hab's auch nicht übers Herz gebracht; aber jetzt –

Oberst. Jetzt!

Schneidemühl. Ja, jetzt würd' ich es für ein Verbrechen halten, noch länger zu schweigen. Du wirst dich mit diesen wahnwitzigen Spielereien zugrunde richten und uns alle kompromittieren. 'n Mensch kann nicht fliegen und wird niemals fliegen, weder so noch anders.

Oberst. Wer sagt dir das?

Schneidemühl. Das sagt mir der gesunde Menschenverstand!

Oberst (trocken). So'n verfluchter Kerl: mir hat er das Gegenteil gesagt.

Schneidemühl. Ebenso gut kannst du nach dem Mars telegraphieren – mein Gott, es ist ja lächerlich, daß man einem Mann in deinem Alter das erst sagen muß –

Oberst. Nein nein, sag's nur, es wird dir wohltun. (Ihm vertraulich auf die Schulter klopfend.) Übrigens: nach dem Mars telegraphiert wird auch noch. Geht ihr im Sommer wieder nach Marienbad?

Schneidemühl. – Hör mal – diese nonchalante Art und Weise –

Oberst. Was denn?

Schneidemühl. Deine Gemütsruhe hat etwas Beleidigendes.

Oberst (lachend). Ja, lieber Paul, alles kannst du von mir haben, nur nicht, daß ich verzweifle. Du willst nicht, also hol' ich mir das Geld anderswo.

Schneidemühl. Nun, ich hoffe – ja, warum soll ich es nicht sagen – in deinem Interesse wünsche ich, daß du keinen Pfennig mehr bekommst.

Oberst. O, da unterschätzest du den Patriotismus unserer Deutschen doch beträchtlich.

Schneidemühl (fährt auf). Schon wieder dein Patriotismus – was hat das mit Patriotismus zu tun!

Oberst. Weißt du das nicht?

Schneidemühl (höhnisch). Nein, das ist mir verborgen.

Oberst (trocken). Das wundert mich. – Nun, wenn mein Luftschiff seine Rundreise über Deutschland macht, dann wirst du's sicher begreifen.

Schneidemühl. Dann werd' ich's nie begreifen.

Oberst. Ja, dann liegt es aber nicht an dem Luftschiff. Ich lade dich hiermit ein zur ersten Rundfahrt.

Schneidemühl. Haha, dazu kann ich mich ruhig verpflichten.

Oberst. Topp. Und nun Adieu.

Schneidemühl. Willst du nicht zum Frühstück bleiben?

Oberst. Nein, schönen Dank!

Schneidemühl. Und zum Diner womöglich? Ja, wenn du ein paar Tage ausspannen willst – wir würden uns ja unendlich –

Oberst – freuen, ich weiß, ich weiß; aber ich darf nicht ausspannen; mein Luftroß stampft ungeduldig vor der Tür und erhebt die Vorderbeine zu den Wolken. Gehab dich wohl. Grüß mir dein Weib, deine Kinder, meinen Jungen. (Ab.)

Schneidemühl (blickt ihm nach und sagt mit gläubiger Überlegenheit:) Schwachkopf!

12. Szene.

Schneidemühl. Gleich darauf Neumann.

Schneidemühl (geht an die Tür links und ruft) Neumann!

Neumann (tritt ein).

Schneidemühl. Was gibt es?

Neumann (holt ein Aktenstück aus seiner Mappe). Der Verwalter auf Niemieczkowo hat über den Polenkrawall ausführlichen Bericht erstattet. Die Tumultuanten haben sogar versucht, an die Ställe und Scheunen Feuer zu legen.

Schneidemühl. Na warte – euch Schweinehunde werd' ich kriegen. Hat er dem Staatsanwalt Anzeige erstattet?

Neumann. Jawohl. Im übrigen rät er in geziemender Ehrerbietung, das Gut baldmöglichst zu verkaufen.

Schneidemühl. Baldmöglichst, was heißt das? Ist denn die Ansiedelungskommission mit ihrer Schätzung fertig?

Neumann. Noch nicht –

Schneidemühl. Na natürlich nicht!

Neumann. Aber er glaubt, daß sie jetzt nur noch einige Wochen brauchen werde –

Schneidemühl (ironisch). »Nur noch einige Wochen« – ist ja kolossal!

Neumann. Er meint freilich, daß die Kommission über ihren Voranschlag, nämlich eine Million Mark, schwerlich hinausgehen werde.

Schneidemühl (grimmig). So. 'ne ganze Million! Haha! Und das nennen diese Regierungsesel dann »Förderung des Deutschtums in den Ostmarken«. Bei Gott, wenn man nicht aus Prinzip deutsch wäre – diese Feder- und Pfennigfuchser könnten's einem verleiden!

Neumann. Es ist auch noch ein anderer Reflektant da.

Schneidemühl (aufmerksam). Wer ist das?

Neumann. Ein polnischer Agent. Er läßt fragen, ob der Herr Geheimrat ihn empfangen wolle.

Schneidemühl. Jawohl. Mit der Hundepeitsche. Der »edle Polle« soll sich nur erfrechen, seinen Fuß auf meinen Grund und Boden zu setzen! Er soll's nur wagen!

Neumann. Sehr wohl. Übrigens will er das Gut für einen ehemaligen deutschen Offizier haben.

Schneidemühl. Ja, kennen Sie denn den Trick nicht? Man verkauft sein Gut einem strohblonden Germanen und nach vier Wochen liefert es dieser Strohgermane für ein hübsches Trinkgeld den Polen aus.

Neumann (sich dumm stellend). Nicht möglich. Ja, die Polen sind schlaue Kerle. Das merkt man an seinem Angebot.

Schneidemühl. Was? Sogar geboten hat er schon?!

Neumann. Er meinte – natürlich ohne Verbindlichkeit – 1½ Millionen werde das Gut wohl wert sein.

Schneidemühl (fährt herum). Was??! – Ach, Unsinn. Das ist'n Schreibfehler.

Neumann. Er hat gar nicht geschrieben. Ich hab' mit ihm gesprochen.

Schneidemühl. Was? Er war hier?

Neumann. Ja, soeben. Er will nachher wiederkommen.

Schneidemühl. Hä. – Frechheit! (Wird nachdenklich und geht auf und ab.) Frechheit von dem Kerl. Er glaubt, wenn er nur danach  –. Übrigens: sprechen will ich doch mal mit dem Burschen. Wenn er kommt, lassen Sie ihn nur vor – werde dem Biedermann mal 'ne deutsche Weise geigen.

Neumann. Sehr wohl.

Schneidemühl. Sonst noch was?

Neumann. Der Redakteur Dr. Braumann, der auf Ihre Veranlassung wegen Majestätsbeleidigung verurteilt wurde, hat seine Strafe verbüßt und ist aus dem Gefängnis entlassen worden. Bei dieser Gelegenheit bringt das Tageblatt wieder einen sehr scharfen Artikel gegen Sie.

Schneidemühl. Sind juristisch faßbare Beleidigungen drin?

Neumann. Leider nein.

Schneidemühl. So. Na, ich kann's ja begreifen, daß die Herren mich recht unbequem finden; aber das soll mich nicht abhalten, diesem Gesindel auch fernerhin auf dem Nacken zu sitzen und ihnen das Vergnügen, Thron und Altar mit Dreck zu bewerfen, nach Möglichkeit zu versalzen.

Neumann. Hm. Wünschen Sie den Artikel?

Schneidemühl. Ja, legen Sie mir den Wisch auf'n Schreibtisch. – Noch was?

Neumann. Nein.

Schneidemühl. Dann hören Sie. Unser Großherzog hat sich verlobt und in etwa einem Monat dürfte die feierliche Einholung der Braut stattfinden. Machen Sie mir wieder einen Entwurf zur Ausschmückung meines Hauses; Sie verstehen sich ja darauf. Der Kostenpunkt ist vollständig Nebensache; mein Haus muß weitaus das schönste der ganzen Stadt werden, verstehen Sie?

Neumann. Vollkommen.

Schneidemühl. Weitaus das schönste! Sparen Sie in keiner Hinsicht; Seine Königl. Hoheit hat sehr viel Sinn für dergleichen. – In der Hauptsache denke ich mir zwei riesige Triumphbögen, einen am Eingang meines Grundstückes, einen am Ausgang. Natürlich alles mit Blumen übersät. Abends Illumination – Haus und Garten müssen in einem Meer von bunten Lampen verschwinden. Vom Schloß aus übersieht man nämlich mein ganzes Haus.

Neumann. Ich weiß, Herr Geheimrat, ich weiß.

Schneidemühl. Und oben auf dem Dach wird ein Feuerwerk abgebrannt – setzen Sie sich mit dem Feuerwerker in Verbindung; er soll das Äußerste leisten, was er kann.

Neumann. Hm. Soll ich wieder Sprüche anbringen?

Schneidemühl. Selbstverständlich. Überall, wo Platz ist, bringen Sie patriotische Kernsprüche an. Über dem ersten Triumphbogen z. B.: »Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt«. Über dem zweiten – na, warten Sie mal –

Neumann. Vielleicht: »Ans Vaterland, ans teure schließ dich an –«?

Schneidemühl. Nein, das ist zu süßlich, zu allgemein. Ein strammes Kraftwort, na, Sie werden schon was finden.

Neumann. Gewiß, Herr Geheimrat.

Schneidemühl. Übrigens eine Idee für die Illumination. Wir arrangieren die Lampen so, daß sie lauter Gewehrpyramiden bilden, und über jeder Pyramide eine Pickelhaube –

Neumann. Aha! Das ist dann zugleich ein Symbol unserer Fabrik –

Schneidemühl. Ja, aber daran hab' ich nicht mal gedacht – ich will's nur, weil es schön ist – und dann – (Es klopft). Herein.

Ein Diener. Ein Herr möchte den Herrn Geheimrat sprechen.

Schneidemühl (unwillig). Was für ein Herr?

Diener. Er nennt sich Treumeyer, spricht aber wie ein Pole.

Neumann. Ja, das ist der – (mit einem andeutenden Blick) Betreffende –

Schneidemühl. – Alle Wetter, das ist doch – der hat's ja eilig. (Geht längere Zeit auf und ab und sagt endlich): Lassen Sie ihn herein.

Diener (mit einer Verbeugung ab).

13. Szene.

Schneidemühl. Franz.

Franz (als höchst elegant gekleideter, aalgewandter Pole, der ein tadelloses Deutsch mit stark polnischem Akzent spricht). Errgebensten guten Morgen, Herr Gehe–imrat. Ich bin Ihnen äußerst dankbarr, daß Sie mir e–inen Augenblick Ihrer kostbarren Zeit zur Verfiegung stellen wollen.

Neumann (wechselt noch mit Franz einen Blick des Einverständnisses und geht ab).

Schneidemühl (sehr kühl). Bitte, womit kann ich dienen? (Setzt sich rechts.)

Franz (nimmt ebenfalls einen Stuhl und setzt sich links). Ich habe zunächst die Erre und das Vergniegen, Ihnen Grieße zu bestellen von Ihrem Bruder, dem Herrn Obbersten.

Schneidemühl (schnöde). Wenn das der Zweck Ihres Besuches war, so kommt er zu spät. Mein Bruder war soeben selbst hier.

Franz. Ganz recht, das heerte ich. Ist er schon wieder fort?

Schneidemühl (schroff). Ja. Woher kennen Sie denn überhaupt meinen Bruder?

Franz. Oh, wir sind schon viele Jarre miet einanderr befre–undet. Err hat mich schon als kle–inen Jungen auf se–inen Knien re–iten lassen.

Schneidemühl. Ach!!

Franz. E–in charmanter, e–in herrlicher Mann, Ihr Herr Bruder!

Schneidemühl. Hm. Jawohl. Immerhin wundert es mich bei seiner deutschen Gesinnung, daß er –

Franz. Herr Gehe–imrat, Ihr Herr Bruder ist ein de–utscher Patriott, und iech bien ein polnischer Patriott; eben deswegen begeggnen wir uns mit geggense–itiger Achtung.

Schneidemühl. So. Sie sind also ein polnischer »Patriot«. Wenn ich nicht irre, sind Sie aber Untertan des deutschen Kaisers.

Franz. Sie habben vollkommen recht, Herr Gehe–imrat, wir siend Untertannen Sr. Majestät des deutschen Kaisers und Keenigs von Preußen und wollen es ble–iben, werrden es auchble–iben; wir wollen nur unseren Glauben, unsere Sprache und Nationalität bewarren –

Schneidemühl. Hahaha!

Franz. Herr Gehe–imrat! Sie sind we–it und bre–it bekannt als e–in Mann von serr vaterländischer Gesinung, und mit Recht, das sieht man ja. (Auf die Bilder an den Wänden deutend.) Ka–iser Wielhelm, der Großherzog, Moltke, Biesmarck (bei diesem Bilde verweilend) das iest niecht von Lenbach!

Schneidemühl (unhöflich). Nein.

Franz. Das sieht man sofort! Er warr niecht unser Fre–und, der First Biesmarck, aber ein serr grosser Mann und Patriott –

Schneidemühl. Also doch!

Franz. Oh, werr kennte das leugnen. Wenn iech e–in Deutscher wärre, wirde ich gennau so denken wie Sie – (halb für sich) oder ähnlich – abber warum sollen wir armen Pollen niecht die Sprache reden, die Gott uns gegeben hat? Die Deutschen sind eine grosse, edle, gewaltige Nation – wir siend nur die Trimmer e–ines Volkes – was kennen wirr geggen das allmächtige Deutsche Re–ich?

Schneidemühl. Na, so ganz hoffnungslos scheinen Sie ja nicht zu sein. Sonst würden Sie nicht so eifrig bemüht sein, deutschen Grundbesitz in polnische Hände hinüberzuspielen.

Franz. Herr Gehe–imrat, Ihr Herr Sekkretär wierd Ihnen, vermute ich, beriechtet haben, daß ein Herr von de–itschem Adel, ein Majorr a. D., Ihr Gut zu kaufen winscht –

Schneidemühl. Ja. Nur merkwürdig, daß dieser deutsche Edelmann sich eines polnischen Agenten bedient.

Franz. Vermutlich we–iß er das Geschäft von der Pollitik zu trennen.

Schneidemühl. Das wissen Sie aber nicht, wollen's auch nicht. Nach 4 Wochen würde mein Gut in den Händen der Polen sein.

Franz (zieht die Schultern hoch und sieht Schneidemühl an). Wie me–inen –

Schneidemühl. Ach bitte! Das machen Sie doch immer so.

Franz. Biette, Herr Gehe–imrat – iech vermiettle den Verrkauf als ährlicher Mackler – was der Ke–ifer miet dem Gut macht, iest se–ine Sache. Ich we–iß niechts, als daß Herr Majorr von Lehmann Ihr Besitztum für 1½ Milionnen kaufen mechte.

Schneidemühl. Hm. – Ich ziehe vor, es zum gleichen Preise der deutschen Ansiedlungskommission zu überlassen.

Franz. Verze–ihung, ich sehe, Herr Gehe–imrat wiessen noch niecht, daß die Ansiedlungskommissionn heggstens e–ine Milionn zahlen wirde.

Schneidemühl. Ah – Spione haben Sie auch?

Franz. O ne–in, ich habb es von me–iner Braut, die iebrigens e–ine De–itsche iest –

Schneidemühl (macht kurz und höhnisch): Hm!

Franz. – und die hat es von ihrem Vater, der wohl Beziehungen zu der Kommissionn hat.

Schneidemühl. Na, kurz und gut, ich verkaufe nicht an Polen.

Franz. Hm. Herr Gehe–imrat, iech we–iß und alle Welt we–iß, daß Geld auf Ihre Entschließungen ke–inen Einfluß hat; abber als Bäauftraggter des Herrn Majorrs bien iech eben gäzwungen, Ihnen zu sagen, daß er noch ¼ Milionn drauflegen wierde.

Schneidemühl (wendet sich ab und blickt, mit sich kämpfend, durchs Fenster. Dann, noch abgewendet): Der Käufer ist wirklich ein Deutscher?

Franz. Ein so guter Deutscher wie Sie, Herr Gehe–imrat.

Schneidemühl. Offizier?

Franz. Obberst a. D.

Schneidemühl. Vordem sagten Sie Major.

Franz. Das war er frieher. Er iest dann serr schnell avanciert.

Schneidemühl. Und er heißt?

Franz (versehentlich mit deutschem Akzent): Lehmann.

Schneidemühl. Hm. (Er geht auf und ab, sieht dann Franzen an und sagt): Nein. Ich lehne ab. Die Sache ist erledigt.

Franz. Serr wohl, Herr Gehe–imrat. Bätrachten Sie es biette nur als die Erfüllung me–iner Pflicht, wenn ich als letztes Wort meines Mandanten bämerke: Er wierde auch 2 Milionnen zahlen. Das iest allerdings das E–ißerste, wozu er bere–it wärre.

Schneidemühl (hat bei Nennung der Summe eine Art Schreck bekommen, bleibt wieder jählings stehen und blickt vor sich hin. Plötzlich geht er an die Türen und versichert sich, daß niemand ihn hört. Dann tritt er rasch an Franzen heran). Gut, ich willige ein.

Franz. Serr wohl, Herr Gehe–imrat.

Schneidemühl. Ich stelle aber die Bedingung, daß ich binnen 14 Tagen noch zurücktreten kann.

Franz (zuckt die Achseln). Ja, Herr Gehe–imrat –, ob me–in Auftraggeber darrauf e–ingeht –

Schneidemühl. Daß muß er! Sonst –

Franz. Serr wohl, serr wohl, Herr Gehe–imrat, dann mießte ich aber wennigstens die Siecherheit habben, daß Sie das Gut bis dahin niecht anderweitig verkaufen, wenn Sie niecht merr dafier bekommen.

Schneidemühl. Das sichere ich Ihnen zu.

Franz. Serr wohl. Wenn Sie mir das biette schriftlich betätigen –

Schneidemühl (nahe vor ihm, mit zermalmender Würde): Eines Deutschen Wort ist so gut wie ein Vertrag.

Franz (sieht ihn verblüfft an, verbeugt sich dann und sagt): Herr Gehe–imrat, das habben Sie so schönn gesagt, daß es mich ieberzeigt. Ich habbe die Ehre, mich zu empfellen.

Schneidemühl. Adieu. –

14. Szene.

Schneidemühl. Gleich darauf Neumann.

Schneidemühl (geht in starker Bewegung einige Male auf und ab, eilt plötzlich an die Tür, als wolle er den Agenten zurückrufen, kehrt aber wieder um und klingelt).

Ein Diener (erscheint).

Schneidemühl. Ist Herr Neumann noch da?

Diener. Jawohl, Herr Geheimrat.

Schneidemühl. Rufen Sie ihn.

Diener (ab. Gleich darauf erscheint Neumann).

Schneidemühl. Über den Besuch dieses Treumeyer wird vollkommenes Stillschweigen bewahrt, verstanden?

Neumann. Natürlich.

Schneidemühl. Selbstverständlich hab' ich sein Anerbieten entrüstet zurückgewiesen.

Neumann. Hm.

Schneidemühl. Aber einerlei: Zu keinem Menschen ein Wort darüber!

Neumann. Gott, Herr Geheimrat, Sie wissen doch, daß ich schweigen kann, sonst hätte ich doch längst erzählt, daß . . . .

Schneidemühl (unangenehm berührt). Schon gut, schon gut.

Neumann. Übrigens ist mir inzwischen auch ein Spruch für den zweiten Triumphbogen eingefallen, Herr Geheimrat.

Schneidemühl (kaum hinhörend). Ja?

Neumann.

Der Deutsche, bieder, fromm und stark,
Beschützt die heil'ge Landesmark.«

Schneidemühl. Sehr gut, sehr gut. Das ist das Richtige. (Ab durch die Veranda.)

Neumann (ihm nachsehend). Ja, du und die Landesmark. Die Reichsmark ist dir lieber.

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