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Tanzpalast Granada

Ravi Ravendro: Tanzpalast Granada - Kapitel 7
Quellenangabe
authorRavi Ravendro
titleTanzpalast Granada
publisherVerlag Peter J. Oestergaard G. m. b. H.
year1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170224
projectidea1e2f5f
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V.

Carola Schöller ging gerade zum Mittagessen in die Kantinenräume, als ihr die Sekretärin des Personalchefs begegnete. Beide nahmen am selben Tisch Platz.

»Wissen Sie schon das Neueste?« fragte die Sekretärin. »Die Körber hat einen frechen Brief geschrieben, daß sie ihre Stellung bei der Firma aufgibt – sogar auf ihr Gehalt hat sie verzichtet! Sie geht, weil – Sie können es unmöglich raten!«

»Gott, die wird sich jetzt von ihrem reichen Freund aushalten lassen! Da braucht man nicht lange zu raten. Sie hätten nur das Getue im Granada-Palast einmal sehen sollen!«

»Nein, diesmal haben Sie nicht recht. Sie hat einen Vertrag mit einer der ersten Bühnen im Ausland!«

Carola sah sie sprachlos an, denn das überstieg selbst ihre Vermutungen. Aber sofort wurde ihr klar, daß dadurch eine endgültige Trennung zwischen Peters und Marianne herbeigeführt wurde.

»Dann hat sie allerdings fabelhaftes Glück! Was sagt denn Herr Rohmer dazu? Der war doch immer so entzückt von ihr und wollte sie Direktor Bachwitz als Privatsekretärin andrehen, wenn Ilse Kaun jetzt heiratet?«

»Ach, der hat nur gelacht und gesagt: ›Aus Kindern werden Leute!‹ Sie kennen ihn ja. Der kann überhaupt nichts ernst nehmen.«

»Das könnte ich eigentlich nicht von ihm behaupten. Am letzten Freitag habe ich ihn im Granada getroffen, und er hat sich lange sehr liebenswürdig mit mir unterhalten – auch über ernste Dinge.«

Die Sekretärin sah Carola neidisch an und schwieg einige Zeit. Plötzlich herrschte eine gewisse Spannung zwischen den beiden.

»Was ist nur mit Herrn Peters los?« fragte die Sekretärin schließlich etwas spitz. Sie wußte, daß sich Carola sehr um ihn bemühte. »Herr Rohmer hat ihn heute morgen angerufen und lange mit ihm gesprochen. Ich kam während der Unterhaltung in sein Büro, aber er schickte mich wieder fort.«

»Ich wüßte wirklich nicht, was mit Herrn Peters sein sollte. Ich habe gestern einen Tagesausflug nach Potsdam mit ihm gemacht, und da ging es ihm sehr gut. Wir haben uns ausgezeichnet unterhalten!«

»Merkwürdig. Ich habe doch mit eigenen Ohren gehört, daß der Personalchef sagte: ›Mein lieber Peters, die Geschichte von gestern abend müssen Sie sich nicht so sehr zu Herzen nehmen.‹ Ich kam gerade herein und legte ihm die Briefe zum Unterschreiben vor.«

»Das kann nicht stimmen. Vielleicht ist es auch ein Mißverständnis von Herrn Rohmer. Als wir uns gestern abend trennten, war Herr Peters in bester Laune.«

»Still, da kommen die beiden.«

Fritz Rohmer und Hans Peters traten ein und setzten sich an einem entfernten Ecktisch nieder, der gerade frei geworden war. Peters machte ein düsteres Gesicht. Rohmer legte ihm aufmunternd die Hand auf die Schulter, dann bestellte er eine Flasche Wein, was sehr selten vorkam.

Carola Schöller blieb noch einige Zeit, denn sie war neugierig geworden und hätte zu gern die beiden weiter beobachtet, aber es war schon verhältnismäßig spät geworden. In ihrem Büro machte sie sich sofort wieder an die Arbeit, aber zwischendurch überlegte sie doch immer wieder, was das alles zu bedeuten hätte. Sicher war Peters gestern nicht in der rosigsten Stimmung gewesen, aber das konnte doch nicht bis heute mittag anhalten. Es schien noch etwas anderes vorgefallen zu sein.

Eine halbe Stunde verging, und schließlich wurde eine Dreiviertelstunde daraus. Carola sah nach der Zeit und wunderte sich, daß Peters noch nicht herunterkam. Als sie nach einer Weile wieder einen Blick auf ihre Armbanduhr warf, zeigte diese halb drei.

Gleich darauf klingelte das Tischtelephon. Carola war allein im Büro, die beiden anderen Stenotypistinnen hatten einige Tage in der Registratur zu tun.

»Hier Apparat siebenundvierzig.«

»Könnte ich vielleicht Herrn Prokuristen Peters sprechen?« fragte eine fremde Damenstimme.

»Ja – wen kann ich melden?«

»Fräulein Hirt.«

»Bitte, warten Sie einen Augenblick.«

Carola legte den Hörer auf den Schreibtisch, um den Eindruck zu erwecken, daß sie im Nebenzimmer nachsähe.

»Herr Peters ist augenblicklich zum Mittagessen gegangen. Kann ich etwas ausrichten?« erwiderte sie kurz darauf.

»Ja, bitte. Sagen Sie ihm, daß Fräulein Hirt – nein, sagen Sie ihm besser, daß Fräulein Flora angerufen hat.«

Carola horchte auf.

»Ja, ich werde es ihm bestellen«, entgegnete sie kühl und geschäftsmäßig.

»Wird Herr Peters bald ins Büro zurückkommen?«

»Das ist anzunehmen, aber es ist unbestimmt.«

»Sagen Sie ihm doch bitte noch, daß ich ihn dringend um drei Uhr dreißig im Café Vaterland sprechen möchte. Es ist sehr wichtig.«

Carola war es, als ob der Boden unter ihren Füßen wankte. Nie hätte sie geglaubt, daß Peters sich zu einem solchen Don Juan entwickeln würde.

»Ja, er soll alles pünktlich erfahren«, erwiderte sie eisig und legte den Hörer zurück, ohne darauf zu warten, ob Flora noch etwas zu sagen hatte.

Dann überlegte sie. Wahrscheinlich würde Peters auch eher fortgehen, wenn er eine Verabredung zu drei Uhr dreißig hatte. Um vier wurde geschlossen. Wenn sie sich sehr beeilte, konnte sie mit ihren Arbeiten eher fertig werden. Neugierde und Unruhe quälten sie, und sie beschloß, ebenfalls im Vaterland eine Tasse Kaffee zu trinken. Sie wollte feststellen, wer diese Flora war. Was für ein Gesicht würde er wohl machen, wenn sie ihm jetzt mitteilte, daß ihn eine Dame mit dem verdächtigen Namen Flora im Café Vaterland treffen wollte?

Aber Peters blieb noch immer aus. Was hatte Rohmer nur so lange mit ihm zu besprechen? Der Personalchef hatte ihn schon immer bevorzugt, sonst hätte Hans mit so jungen Jahren nicht einen solchen Vertrauensposten bekommen. Es war ein offenes Geheimnis in der Firma, daß Rohmer ihn dazu vorgeschlagen hatte.

Endlich kam Peters und machte die Tür etwas stürmisch zu.

Carola hatte die fertigen Briefe bereits zusammengelegt, und als er in seinem Büro verschwunden war, das nebenan lag, sah sie schnell in den Spiegel ihrer Handtasche und zupfte die Locken zurecht. Dann nahm sie die Mappe unter den Arm und klopfte an seine Tür.

»Es ist ein dringender Anruf für Sie gekommen«, sagte sie, als sie eintrat, und berichtete möglichst sachlich, was sie am Apparat gehört hatte.

Peters erschrak und sah fast ängstlich zu ihr auf. Verlegen wurde er allerdings nicht, also schien es doch keine neue Liebschaft zu sein.

Das Telephon läutete, bevor er etwas erwidern konnte, und er nahm den Hörer ab.

»Jawohl, Herr Direktor, ich komme sofort«, sagte er, dann wandte er sich an Carola. »Bachwitz will mich sprechen – Sie müssen mir nachher noch genauer berichten, was die Dame gesagt hat.«

Hastig griff er nach einem Aktenstück und verließ das Büro.

Carola kehrte zu ihrer Schreibmaschine zurück. Sie hatte die Armbanduhr neben sich gelegt und saß wie auf Kohlen. Wenn Peters zu Bachwitz gerufen wurde, dauerte es gewöhnlich ziemlich lange. Vielleicht konnte er dann die Verabredung im Vaterland nicht einhalten, und sie hätte sich doch zu gern diese Frau einmal näher angesehen.

Nun hatte sie sich in dem Brief schon zum viertenmal verschrieben! Ärgerlich riß sie den Bogen heraus und begann die Seite noch einmal. Sonst ließ sie sich doch nicht so leicht aus der Ruhe bringen!

Als Peters nach einer Viertelstunde wieder erschien, war sie eifrig an der Arbeit. Er ließ die Tür auf, und sie hörte, daß er die Korrespondenzmappe vornahm und in aller Eile die Briefe unterschrieb.

»Haben Sie noch mehr Post fertig?« fragte er dann. Offenbar hatte er inzwischen vergessen, daß er noch mehr über Floras Anruf hatte wissen wollen.

Carola brachte ihm noch einige Schreiben.

»Das andere kann bis morgen bleiben – ich muß jetzt gehen.«

Sie verzog keine Miene und wartete einige Minuten, bis sie sicher sein konnte, daß er das Haus verlassen hatte, dann schlüpfte sie in ihren Mantel, setzte die Kappe auf und eilte aus dem Haus.

*

Peters stand am Rand des Gehsteigs und hielt Ausschau nach einer freien Taxe. Aber es wollte keine kommen, und schließlich ging er zu dem Halteplatz an der nächsten Straßenecke.

Erst zehn Minuten nach halb vier kam er im Café Vaterland an. Schnell sah er sich in dem Lokal um, aber erst als er auf die Galerie kam, entdeckte er Flora, die sich so gesetzt hatte, daß man sie von unten und vom Eingang aus nicht beobachten konnte. Es fiel ihm auf, daß sie sehr aufgeregt war und geweint haben mußte.

Er entschuldigte sich höflich wegen der Verspätung.

»Ach, das macht nichts – ich muß nur um vier Uhr im Granada zum Tanztee sein. Ich will Ihnen schnell alles erzählen – es ist inzwischen etwas Wichtiges geschehen.«

Gespannt nahm er an ihrem Tisch Platz, und der Kellner mußte sich erst bemerkbar machen, bevor Peters daran dachte, daß er etwas bestellen mußte.

»Was ist denn passiert? Haben Sie den Brief von Ihrer Freundin dabei? Die zweihundertundfünfzig Mark habe ich bei mir. Wir wollen das Geld nachher sofort aufgeben.«

»Das ist nicht mehr notwendig. Denken Sie, Fanny ist heute morgen nach Berlin gekommen –«

Peters sah sie erstaunt an.

»Sie hat Furchtbares durchgemacht. Aber geben Sie mir noch einmal Ihr Wort, daß Sie mich nicht verraten. Alles, was ich Ihnen jetzt sage, dürfen Sie nicht von mir erfahren haben.«

Er reichte ihr schweigend die Hand.

»Ich hatte es schon immer vermutet, aber jetzt weiß ich es: Perqueda ist ein Mädchenhändler!«

Er schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Also doch!«

»Nicht so laut«, mahnte ihn Flora.

Dann neigte sie sich näher zu ihm und berichtete ihm eingehend.

Nach einer Weile fiel ihr Blick auf die Uhr, und sie erschrak.

»Es ist ja schon zwei Minuten vor vier – ich muß fort – ich hätte schon längst aufbrechen müssen!«

Peters half ihr in den Mantel. Eilig zahlte er den Kellner und brachte sie dann in einer Taxe zur Fasanenstraße.

»Aber, Fräulein Hirt, Sie müssen diese Sache unbedingt sofort der Polizei melden?« drängte er unterwegs.

»Das kann ich nicht. Beim Tanztee darf ich nicht fehlen, und bis halb sieben muß ich im Lokal bleiben. Sie glauben ja gar nicht, wie streng die Perault darauf achtet, daß keiner von uns vorher geht. Und um acht fängt der Abendbetrieb an.«

»Aber es muß etwas geschehen!«

»Deshalb habe ich doch Ihnen alles erzählt. Sie sind unabhängig, Sie können die Polizei verständigen. Für mich ist es viel zu gefährlich. Wer weiß, ob die Beamten schnell eingreifen. Nachher wollen sie mich als Zeugin vernehmen, dabei kommt heraus, daß ich Perqueda verraten habe, und er wird sich entsetzlich an mir rächen.«

»Sicher handelt die Polizei sofort, wenn sie von diesem Fall erfährt.«

»Das ist möglich, aber Sie müssen mich aus dem Spiel lassen. Ich wollte Ihnen aber noch etwas anderes sagen. Wir erfahren es gewöhnlich kurz vorher, wenn Perqueda auf einige Wochen verreist. Gestern war nun wieder die Rede davon, und ich glaube bestimmt, daß er mit Marianne in zwei bis drei Tagen abfährt. Und noch wichtiger, als zur Polizei zu gehen, ist es, daß Sie das Mädchen zur Vernunft bringen. Meiner Meinung nach müßte sie doch Perqueda durchschauen, wenn sie alles hört, was ich Ihnen gesagt habe. Außerdem glaube ich nicht, daß man Perqueda so leicht etwas nachweisen kann, sonst müßte er doch schon längst gefaßt worden sein. Der kann sich aus jeder Lage herauslügen. Und Fanny ist leider so zusammengebrochen, daß man ihr im Augenblick keine weiteren Aufregungen und Anstrengungen zumuten darf. Ich habe sie vorläufig zu Bett bringen müssen, und es wird wohl noch lange dauern, bis sie wieder unter Menschen gehen kann.«

Das Auto hielt, und beide waren erstaunt, daß sie schon am Ziel angekommen waren. Peters sprang aus dem Wagen, half Flora heraus und zahlte den Chauffeur.

»Wo sehe ich Sie später?« rief er ihr nach, als sie den Eingang erreicht hatte. Aber sie drehte sich nicht um, denn sie hatte die Worte nicht mehr gehört.

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