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Tanzpalast Granada

Ravi Ravendro: Tanzpalast Granada - Kapitel 34
Quellenangabe
authorRavi Ravendro
titleTanzpalast Granada
publisherVerlag Peter J. Oestergaard G. m. b. H.
year1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170224
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XXXII.

Kommissar Eisler wurde von dem Hausinspektor des Achenbachkrankenhauses am Fuß der Treppe begrüßt.

»Das war ja eine unheimlich interessante Sache – und was für ein Bombenerfolg für Sie, daß Sie die Mädchenhändlerbande erwischt haben!«

»Ja, es hat aber auch angestrengte Arbeit gekostet. Ich wollte schon seit langem einmal nach unserem Patienten sehen, bin aber leider nicht dazu gekommen. Wie geht es ihm denn?«

»Danke, ganz gut. Heute ist er zum erstenmal aufgestanden. Das ist natürlich so eine Art Feiertag für ihn. Schwester Helga pflegt ihn brav wieder gesund. Sie können ruhig nach oben gehen, es sind schon allerhand Leute da. Er hat viel Besuch. Wieviel Blumen der Mann bekommt! Und die Post sollten Sie erst sehen! Seitdem vor kurzem alles in der Zeitung stand, reißen sich die Leute direkt um ihn. Schwester Helga sagte mir neulich im Vertrauen, daß er schon eine ganze Menge Heiratsanträge bekommen hätte.«

»Man könnte ja ordentlich neidisch werden«, meinte Eisler lächelnd, obwohl er ein überzeugter Junggeselle war.

»Den Weg kennen Sie ja, Herr Kommissar. Ich habe hier unten noch zu tun.«

Hans Peters hatte durch das lange Krankenlager viel von seiner gesunden Farbe verloren, und Eisler sah sofort, daß der junge Mann in den letzten Wochen bedeutend gereift war. Das feingeschnittene Gesicht hatte einen etwas schwermütigen Ausdruck bekommen, aber die Augen blickten klar und ruhig.

Direktor Bachwitz und Frau Nüßlein saßen schon bei Peters und tranken Kaffee. Eigentlich war das ja im Krankenhaus nicht gestattet, aber Schwester Helga hatte Kaffee und Geschirr aus der Küche heraufgeschmuggelt. Die Oberschwester und der Hausinspektor drückten ein Auge zu.

Der Kommissar wurde von allen herzlich begrüßt.

»Ich sehe, daß es Ihnen wieder recht gut geht, Herr Peters«, sagte er. »Schon längst wollte ich Sie besuchen, aber die Untersuchung gegen Madame Perault und ihre Bande hat immer größeren Umfang angenommen. Ihrer Anzeige verdankt die Berliner Polizei den größten Erfolg auf diesem Gebiet, den sie seit zehn Jahren hatte. Nun, was machen Sie denn?«

»Ach, ich lasse mich hier verwöhnen und gesund pflegen.«

Es klopfte und der Hausmeister trat herein.

»Eine schöne Empfehlung von Fräulein Carola Schöller. Sie hat eben diese Torte für Herrn Peters abgegeben. Als sie hörte, daß schon Besuch da wäre, sagte sie, sie würde ein andermal vorsprechen.«

»Fabelhaft, die kommt gerade zum Kaffee zurecht«, rief Bachwitz, der für Süßigkeiten schwärmte. »Dürfen wir sie gleich anschneiden?«

»Selbstverständlich«, erwiderte Peters.

»Lassen Sie doch erst einmal sehen«, sagte Eisler und betrachtete den Zuckerguß. »Das ist ja eine Alpenlandschaft! Und darunter steht: ›Dem Bergkönig!‹ Sind Sie damit gemeint, Herr Peters?«

»Ich glaube schon«, entgegnete der Patient und lächelte gerührt.

»Ja, ja, der Weg zur Liebe des Mannes führt durch den Magen«, philosophierte Bachwitz.

Frau Nüßlein war diese Wendung gerade nicht angenehm, denn sie hegte immer noch die stille Hoffnung, Marianne und Peters wieder zusammenzubringen.

»Was macht eigentlich Fräulein Körber?« fragte Bachwitz, als ob er ihre Gedanken erraten hätte.

Sie strahlte. Dauernd hatte sie schon nach einer Gelegenheit gesucht, unauffällig das Gespräch auf Marianne zu bringen. Nun wurde das endlich möglich.

»Die Sache hat sie furchtbar angegriffen, weil sie sich alles so sehr zu Herzen genommen hat. Zuerst hatte ich Sorge um ihre Zukunft, aber als der Fall bekannt wurde, war es gerade, als ob die Menschen verrückt geworden wären, so viele Angebote von Theatern und Varietés bekam sie. Aber sie hat alles abgelehnt und ist Lehrerin an der Wiegant-Schule geworden. Sie würden sie gar nicht mehr wiedererkennen, so ruhig und zurückhaltend ist sie jetzt. Das arme Kind!«

Sie drückte das Taschentuch an die Augen.

»Schade«, meinte Bachwitz. »Ich hoffte, sie würde zu uns zurückkommen. Ich habe immer noch keine neue Privatsekretärin.«

Eisler bemühte sich, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, weil er sah, daß Peters sich dabei nicht wohlfühlte.

»Lieber Herr Peters, ich muß Ihnen noch gratulieren, daß alles so gut ausgelaufen ist«, sagte er. »Zu Anfang sah die Sache sehr düster und gefährlich für Sie aus. Als wir annehmen mußten, daß Sie geflohen waren, wurde selbst mein Vertrauen zu Ihnen erschüttert.«

»Ende gut, alles gut«, meinte Bachwitz, dem Schwester Helga eben das größte Stück Torte aufgelegt hatte.

»Aber ich verstehe die Zusammenhänge immer noch nicht«, erwiderte Peters. »Die Zeitungen brachten ja manches, aber man konnte sich kein richtiges Bild machen.«

»Zuerst standen wir vor einem unentwirrbaren Rätsel. Die einzelnen Aussagen und Tatsachen zusammenzufügen, war sehr schwer. Dazu kam, daß Madame Perault und Fritz Rohmer ihre Geständnisse widerriefen. Damit begann der eigentliche Kampf erst. Ein Glück, daß wir eine Zeugin haben, die die Tat beobachtet hat. Das Zusammentreffen der einzelnen Personen ist nun schließlich aufgeklärt.«

»Ach, erzählen Sie uns doch bitte den genauen Verlauf«, bat Bachwitz, der sich für den Fall Perqueda aufs höchste interessierte.

Frau Nüßlein sah auch gespannt zu dem Kommissar hinüber.

»Wenn es den Patienten nicht zu sehr aufregt –«

»Nein, durchaus nicht«, erwiderte Hans Peters und lachte. »Ich bin darüber hinweg, und es ist mir, als ob die Sache schon mehrere Jahre zurückläge.«

»Nun gut. Ich will damit beginnen, daß Marianne Körber und Perqueda um sechs Uhr fünfzehn in der Villa in der Hubertusallee ankamen. Sie hatten die Absicht, kurz vor sieben zum Bahnhof Zoo zu fahren. Um sechs Uhr fünfundzwanzig telephoniert Rohmer alias José Perenna an und fordert Geld. Die Ereignisse überstürzen sich. Kaum hat Perqueda den Hörer hingelegt, da rufen Sie an, Herr Peters.

Um sechs Uhr vierzig tritt Madame Perault ein, die seit sechzehn Jahren mit Perqueda verheiratet war. Er schickt Marianne Körber ins Wohnzimmer, dann kommt es zu einem Zusammenstoß zwischen ihm und seiner Frau. Sie ist empört darüber, daß er Marianne Körber einen kostbaren Schmuck geschenkt hat, der ihr gehört – eine Halskette mit einem gelben Diamanten als Anhänger. Er hatte ihr versprochen, ihn zurückzugeben, aber im Augenblick weigert er sich, das zu tun, und vertröstet sie auf Paris.

Auch wegen der Verteilung des Geldes geraten sie hart aneinander, und schließlich sieht Madame Perault die beiden Passageanweisungen für die Luxuskabinen auf der Normandie für Hin- und Rückfahrt. Das ist für sie der schwerste Schlag, denn plötzlich erkennt sie, daß ihr Mann Marianne Körber gar nicht nach Südamerika verkaufen will. Sie selbst ist einundvierzig Jahre alt und hat schon immer gefürchtet, daß er sie eines Tages im Stich lassen würde, besonders da sie seit einigen Monaten auf äußerst gespanntem Fuß standen.

Sie glaubt, daß Marianne Körber ihren Platz einnehmen soll, und lange zurückgedrängter Haß entlädt sich plötzlich. Als Perqueda, der im Zimmer auf und ab geht, ihr gerade den Rücken wendet, packt sie wütend das Dolchmesser und sticht ihn nieder. Der Stoß ist mit außerordentlicher Heftigkeit geführt worden, da nur noch der Griff aus der Wunde ragte.

Einen Augenblick ist sie bestürzt, aber sofort gewinnt ihr scharfsinniger Verstand wieder die Oberhand. Sie hört, daß Marianne Körber das Radio angestellt hat, schleicht vorsichtig über die Diele zur Wohnzimmertür, dreht den Schlüssel um und zieht ihn leise ab.

Dann geht sie ins Arbeitszimmer zurück, wischt mit dem Taschentuch den Griff des Dolches ab und rafft das Geld an sich. Aber sie überlegt, daß sie das zu sehr belasten würde, und legt die Hälfte der englischen Banknoten zurück, nachdem sie auch die Scheine sorgfältig abgewischt hat. Ebenso läßt sie das deutsche Geld in der Brieftasche.

Bevor sie aus dem Zimmer geht, sieht sie sich noch einmal um, und ihr Blick fällt auf den Telephonapparat. Sie sagt sich, daß die Tat bald entdeckt werden wird. Um aber einen möglichst großen Vorsprung zu haben, nimmt sie die Papierschere und schneidet die Zuleitung durch. Aber in der Aufregung entfällt ihr das Ding und rutscht unter den niedrigen Schreibtisch. Sie sucht die Schere, kann sie aber nicht finden und gibt es schließlich auf, da sie fürchten muß, daß jeden Augenblick Leute dazukommen.

Perqueda hat ihr gesagt, daß sie mit dem Nordexpreß fahren soll, aber in ihrer Angst vor Entdeckung hat sie nicht mehr den Mut, so lange zu warten. Ein Blick auf die Uhr sagt ihr, daß sie den Fernschnelltriebwagen um neunzehn Uhr einundzwanzig noch erreichen kann. Ohne Überlegung nimmt sie das eine Fahrscheinheft und stürzt hinaus. Aber das ist ein schwerer Fehler, und ebenso verkehrt ist es, daß sie mit Perquedas Auto zum Zoo fährt und es dort stehen läßt.

Fräulein Schöller beobachtet sie, so daß wir gleich bei Beginn der Untersuchung von der Flucht erfahren. Andererseits konnte José auf die Weise unbeobachtet ins Haus kommen.

Zehn Minuten vor sieben flieht Madame Perault. Der Mord muß also einige Minuten vorher geschehen sein. Inzwischen wird Marianne Körber stutzig, weil Perqueda so lange ausbleibt. Sie will ihn erinnern, findet die Tür verschlossen und ruft. Bevor sie aus dem Fenster klettert, klopft sie an die Verbindungstür, weil sie dort ein Geräusch gehört hat.

Fanny Schmidthals hat sich bereits um sechs Uhr ins Haus geschlichen, um Perqueda zur Rechenschaft zu ziehen, und hat die Tat vom Schlafzimmer aus beobachtet. Sie ist im höchsten Grad aufgeregt und nervös, und als Marianne an die hintere Tür klopft, wird sie von panischem Schrecken gepackt und flieht durch das Fenster des Verbindungsganges in den Garten. Sie glaubt sich entdeckt, verbirgt sich hinter den Sträuchern und entkommt, ohne erkannt zu werden, auf die Straße.

Fräulein Körber stürzt ab, verstaucht sich dabei den Fuß und muß sich auf der hinteren Bank ausruhen. Etwa fünf bis zehn Minuten vergehen, bis sie die Bank vor dem Haus erreicht.

In ihrer Aufregung hat sie nicht gehört, daß José inzwischen ins Haus eingedrungen ist. Er kennt Perqueda zu gut, mißtraut ihm und kommt sofort, um ihn noch zu treffen und Geld von ihm zu erhalten. Er entdeckt Perqueda am Boden und glaubt, der Mann sei tot. Gleich darauf findet er die Brieftasche mit dem Geld auf dem Schreibtisch und nimmt sich den größten Teil. Er wird aber von Panik gepackt, als er draußen Schritte auf dem Kiesweg hört. Auf keinen Fall darf er mit dem Toten zusammen gefunden werden. Da ihm der Ausweg aus der Haustür abgeschnitten ist, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich auf dem Dachboden zu verstecken. Als er auf dem Treppenabsatz ankommt, öffnet sich die Haustür, und er sieht noch, daß Herr Peters ins Haus tritt.

Das Übrige wissen Sie ja. Der Zufall ist uns zu Hilfe gekommen. Wäre Madame Perault nicht wegen Devisenschmuggels an der Grenze festgehalten worden, so hätten wir sie wahrscheinlich überhaupt nicht gefaßt, denn sie ist schon mehrmals der Polizei entkommen. Die Papierschere hatte einen breiten Flansch, auf dem sich ihre Fingerabdrücke abgezeichnet hatten, und die Scharte an den beiden Schneiden war deutlich zu erkennen.

Sie war die eigentliche treibende Kraft, die den Mädchenhandel immer weiter ausdehnte. Sie hatte ihre eigenen Bankkonten, und von jedem Handel bekam sie den gleichen Anteil wie Perqueda ausgezahlt. Eine kalt berechnende, geldgierige Frau, die ihre Geschäftsgewinne in Schmuck und kostbaren Steinen anlegte. In Paris ist in ihrem Safe beim Crédit Lyonnais ein großes Vermögen an Juwelen beschlagnahmt worden.

Als wir uns mit der Kriminalpolizei anderer Hauptstädte in Verbindung setzten, stellte sich heraus, daß Perqueda und Madame Perault schon längst in Warschau, Wien, London, Bukarest und so weiter gesucht wurden.

Wenn sie auch von ihrem Mann getrennt lebte, wußte sie sich doch zu trösten. Unter anderem unterhielt sie ein Verhältnis mit José. Als sie nach ihrer Verhaftung erfuhr, daß er ein Geständnis abgelegt hatte, ließ sie ihn fallen und versuchte, ihm alle Schuld zuzuschieben. Das gelang ihr natürlich nicht, aber ich muß sagen, daß ich selten bei einer Frau soviel Geistesgegenwart und Scharfsinn gefunden habe.«

Kommissar Eisler schwieg, und es dauerte einige Zeit, bis die Unterhaltung wieder in Gang kam.

Direktor Bachwitz verzehrte gedankenverloren das dritte Stück Torte.

»Auch in unserer Firma hat es dadurch mehrere Veränderungen gegeben«, sagte er dann. »Bevor Sie kamen, Herr Kommissar, hatte ich gerade Herrn Peters mitgeteilt, daß er an Rohmers Stelle Personalchef wird. Und der junge Mann hat das auch gleich ausgenutzt. Ich habe ihm versprechen müssen, für Flora und Fanny Schmidthals zu sorgen. Auf seine Fürsprache hin werden die beiden also in unser Geschäft übernommen. Erst müssen sie ausgebildet werden, und dann soll Flora die Leitung einer unserer Filialen in einem Vorort Berlins erhalten. Für Fanny ist von den verschiedensten Seiten soviel Geld gestiftet worden, daß sie zur Erholung nach Berchtesgaden geschickt werden kann. Später soll sie dann als Verkäuferin bei ihrer Freundin Flora eintreten.«

Wieder klopfte es, und Schwester Helga ließ den Hausdiener herein.

»Hier ist ein Brief und ein Strauß für Herrn Peters abgegeben worden«, sagte der Mann.

Die Pflegerin nahm beides in Empfang, wickelte die Blumen aus dem Seidenpapier und gab Peters den Brief.

»Glutrote Rosen ...«, summte Direktor Bachwitz, obwohl es mattgelbe, wundervolle Teerosen waren, und reichte Frau Nüßlein die Tasse, damit sie ihm noch einmal einschenken sollte.

»Von wem ist denn der Brief?« fragte Frau Nüßlein neugierig, denn die Farbe des Kuverts kam ihr bekannt vor.

»Von Marianne Körber«, erwiderte Peters leichthin, und weder sein Gesichtsausdruck noch seine Stimme verrieten, ob er sich darüber freute, oder ob es ihn gleichgültig ließ.

*

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