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Tanzpalast Granada

Ravi Ravendro: Tanzpalast Granada - Kapitel 23
Quellenangabe
authorRavi Ravendro
titleTanzpalast Granada
publisherVerlag Peter J. Oestergaard G. m. b. H.
year1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170224
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XXI.

Der neu eingerichtete Fernschnelltriebwagen Berlin – Köln hatte eben Essen verlassen, die letzte Station vor dem Endpunkt. In einer Dreiviertelstunde würde er sein Ziel erreicht haben.

Im Flug ging es an hellerleuchteten Fabrikgebäuden, Eisenwalzwerken, Hochöfen und anderen großen industriellen Anlagen vorbei, in denen sich unermüdlich Tag und Nacht schaffende Hände regten.

Madame Perault lehnte sich in ihren Ecksitz zurück und schaute zum Fenster hinaus. Mit großer Erleichterung dachte sie daran, daß sie nun bald nach Köln kam und dort in den Zug nach Paris steigen konnte.

Wie hatte nur diese Fanny Schmidthals aus Rio entkommen können? Ihr plötzliches Auftauchen in Berlin hatte alle Pläne über den Haufen geworfen. Wenn es Perqueda wenigstens gelungen wäre, die Frau zu fassen und unschädlich zu machen!

Madame Perault hatte ihn sofort danach gefragt, als sie ihn am Abend sprach. Widerwillig und mürrisch hatte er zugegeben, daß er keinen Erfolg gehabt hatte. Und davon hing doch soviel ab! Aber es war kaum anzunehmen, daß Fanny Schmidthals sich schon bei der Polizei gemeldet hatte. Immerhin würde sie es wahrscheinlich morgen oder an einem der nächsten Tage tun. Aber auch dann war noch lange nicht alles verloren. Perqueda hatte seine Pläne so schlau eingefädelt, daß es der Polizei große Mühe machen würde, ihm ein Vergehen nachzuweisen.

Wenn sie nur erst die französische Grenze passiert hätte! In Paris war sie gut bekannt und hatte genug Freunde.

Ob sie nur bis Aachen mit der Bahn fahren und dort ein Auto nehmen sollte? An der Dreiländerecke gab es einzelne Wege über die Grenze, die nicht ständig bewacht wurden. Aber das wäre zu auffällig und verdächtig gewesen. Am einfachsten konnte sie hinüberkommen, wenn sie einen gewöhnlichen D-Zug nahm.

Ungeduldig holte sie das Kursbuch aus dem Koffer und blätterte hastig darin. Aber dann zwang sie sich gewaltsam zur Ruhe. Sie durfte nicht nervös werden – sie konnte sich doch sonst so gut beherrschen!

Sie stand auf, um zum hinteren Ende des Wagens zu gehen, aber der Zug lief gerade über eine Weichenstelle, und so setzte sie sich wieder.

Plötzlich fiel ihr ein, daß sie nicht soviel Geld über die Grenze mitnehmen durfte, als sie bei sich führte.

Die Abreise war aber auch zu plötzlich gekommen. Eugenie Perault hatte nicht einmal mehr Zeit gefunden, sich die üblichen zehn Mark in Franken einzuwechseln und sich diese in ihren Paß eintragen zu lassen.

Das würde auffallen. Aber sie konnte es ja in Köln oder in Aachen nachholen. Achtzehn Minuten nach Mitternacht kam der Zug in Köln an, und um ein Uhr zwei ging ein gewöhnlicher D-Zug weiter. In der Dreiviertelstunde mußte die Sache erledigt werden. In Aachen blieb dazu nicht mehr genügend Zeit.

Sie lehnte sich wieder in die Polster zurück und grübelte nach. Aber nach einer Weile richtete sie sich energisch auf. Es war doch nicht das erstemal, daß sie mehr als die erlaubte Summe an Devisen über die Grenze brachte. Im allgemeinen hatte sie immer einen Ausweis über einen gewissen Betrag, aber bei dieser schnellen Abreise hatte sie ihn nicht mehr mitnehmen können.

Sie steckte sich eine Zigarette an, um sich zu beruhigen, und während sie dem Rauch nachsah, der zur Decke stieg, wurden ihre Gedanken klarer.

Pünktlich lief der Zug auf dem Hauptbahnhof ein. Mit raschen Schritten wandte sie sich zur Sperre und fragte einen Beamten nach der Wechselstube.

Er sagte ihr Bescheid.

»Aber ob die jetzt mitten in der Nacht noch aufhaben, ist sehr fraglich.«

Der Schalter der Wechselkasse war geschlossen. Sie fragte weiter, und von einem anderen Beamten erfuhr sie, daß erst gegen acht Uhr wieder geöffnet wurde.

»Aber versuchen Sie es doch einmal am Schalter für Auslandsfahrkarten. Die haben gewöhnlich fremde Geldsorten und wechseln auch während der Nacht.«

Madame Perault atmete erleichtert auf, als sie die zehn Mark gewechselt und die Eintragung in ihren Paß erhalten hatte.

Ungeduldig saß sie dann im Wartesaal und trank Mokka, bis sie an den Lichtzeichen der Abfahrtstafel sah, daß ihr Zug bereitstand.

Er war nicht stark besetzt, und sie fand ein Abteil für sich. Kurz nach der Abfahrt überzeugte sie sich noch einmal, daß die beiden angrenzenden Abteile leer waren, und wartete, bis der Schaffner ihren Fahrtausweis kontrolliert hatte. Dann trat sie in den Gang hinaus.

Nach einer Stunde hielt der Zug in Aachen. Inzwischen hatte sich Madame Perault überlegt, was sie mit ihrem überflüssigen deutschen Geld machen wollte.

Sie stand am Fenster, beobachtete, was auf dem Bahnsteig vorging, und sah, daß die verschiedenen Kontrolleure, teils in Uniform, teils in Zivil, einstiegen.

Endlich setzten sich die Wagen wieder in Bewegung.

Sie hatte nur einen kleinen Handkoffer bei sich, den sie auf das Sitzpolster dicht neben der Tür stellte. Sie selbst trat wieder aus dem Abteil hinaus.

Langsam schlenderte sie den Gang entlang nach vorne, denn von dorther mußte die Kontrolle kommen.

Als sie um die Ecke bog, bemerkte sie, daß in dem vorhergehenden Wagen die Pässe geprüft wurden, und ging wieder zurück.

Ihr Paß war in Ordnung. Ein Zivilbeamter verlangte ihr den Ausweis ab und nickte ihr freundlich zu, als er sah, wie oft sie die Reise nach Paris schon gemacht hatte.

Ebenso harmlos verliefen die Zollabfertigung und die anderen Nachforschungen.

Nur die Devisenkontrolle stand noch aus.

Vorsichtig ging Madame Perault wieder nach dem vorhergehenden Wagen. Der Beamte schien es sehr genau zu nehmen. Sie schaute nach der Uhr. Wie wollte der Mann nur fertigwerden? In sieben Minuten mußte der Zug in Herbesthal sein.

Wieder steckte sie sich eine Zigarette an, dann zog sie den kleinen Spiegel aus ihrer Handtasche, stellte sich mit dem Rücken nach der Richtung, aus der der Beamte kommen mußte, und beobachtete hin und wieder durch den Spiegel, was geschah.

Jetzt bog er um die Ecke. Geschickt ließ sie den Spiegel verschwinden, sonst rührte sie sich nicht.

Der Kontrolleur grüßte höflich und fragte, ob sie Devisen oder Geld bei sich hätte.

Sie zeigte ihm ihren Paß und die wenigen Franken, die sie in Köln eingewechselt hatte. Dann machte sie ein schuldbewußtes Gesicht.

»Verzeihen Sie«, sagte sie höflich, »ich möchte Sie um einen Rat bitten. Meine Abreise kam nämlich so plötzlich, daß ich vergaß, mein überflüssiges deutsches Geld zurückzulassen.«

»Das muß ich leider beschlagnahmen. Tut mir leid. Wieviel ist es denn?«

»Ungefähr siebzig Mark.«

»Ich sehe ja aus Ihrem Paß, daß Sie häufiger die Grenze passieren. In Herbesthal stelle ich Ihnen eine Bescheinigung über die Summe aus, und wenn Sie das nächstemal nach Deutschland kommen, können Sie das Geld wieder abheben.«

Sie öffnete ihre Handtasche und reichte ihm einige Banknoten.

»Ich wünschte, alle Leute wären so offen, dann hätten wir viel weniger Ärger«, sagte er verbindlich.

»Wollen Sie meinen Koffer durchsuchen?«

Sie trat einen Schritt vor und war im Begriff, ihn zu öffnen.

Aber er wehrte lächelnd ab.

»Nein, danke, das ist nicht nötig, meine Dame.«

Während er sprach, kam der Schaffner den Gang entlang. Der Kontrolleur verabschiedete sich durch eine leichte Verbeugung, und sie sah ihm noch nach. Dann trat sie langsam in ihr Abteil und setzte sich. Erleichtert atmete sie auf und war froh, daß sie diese Prüfung glücklich hinter sich hatte.

Aber gleich darauf erschien der Beamte wieder in Begleitung des Schaffners. Er lächelte nicht mehr verbindlich wie vorher.

»Bitte, kommen Sie einmal mit mir ins nächste Abteil«, forderte er sie kurz auf.

Ihre Unruhe stieg aufs höchste. Was hat das zu bedeuten?

»Dieses Kissen war es«, erklärte der Schaffner und zeigte auf ein Polster.

Mit einem kurzen, festen Griff zog der Beamte das Polster heraus. Dann öffnete er sein Taschenmesser, schnitt eine Naht auf, faßte in die Füllung und nahm ein Paket englischer Banknoten heraus.

»Gehört dieses Geld Ihnen?« fragte er scharf.

»Nein«, erwiderte sie bestimmt, und ein kaltes Lächeln legte sich wie eine Maske über ihre Züge.

»Ich habe aber gesehen, daß Sie das Polster zugenäht haben«, erklärte der Schaffner hitzig.

Madame Perault schwieg, während der Beamte das Geld zählte. Sie stand in der Nähe der Tür, und unmerklich schob sie sich rückwärts.

Der Zug fuhr langsamer, schon waren die Lichter von Herbesthal zu sehen ...

»Zweihundert Pfund –«

»Halt!« rief der Schaffner.

Madame Perault war blitzschnell in den Gang gesprungen, hatte ihre Handtasche gepackt und eilte nun zu dem nahen Ausgang. Der Schaffner stürzte ihr nach, stieß dabei aber mit dem Kontrolleur zusammen. Als die beiden die offene Tür erreicht hatten, war Madame Perault verschwunden. Der Schaffner lehnte sich aus dem Zug und sah, daß sie über die Schienen lief.

Die Bremsen kreischten, der Zug mußte jeden Augenblick zum Stehen kommen. Der Schaffner sprang ab, und der Kontrolleur folgte ihm.

»Halt – halt!« schrie er.

Aber Madame Perault blieb nicht stehen. Durch das laute Rufen war jedoch das andere Zugpersonal aufmerksam geworden, und mehrere Beamte beteiligten sich an der Verfolgung.

Selbst als ein Schuß fiel, versuchte Madame Perault immer noch, zu entkommen. Aber ihre Bemühungen waren vergeblich, denn einige Leute kamen ihr direkt entgegen. Sie konnte nicht mehr ausweichen und wurde festgenommen.

»Ihre Flucht war äußerst töricht«, sagte der höhere Beamte, dem sie im Stationsbüro vorgeführt wurde. »Sie erschweren doch durch solche Geschichten nur Ihre Lage. Am besten ist es, wenn Sie wenigstens jetzt die Sache ruhig zugeben. Ich frage Sie also noch einmal: Haben Sie das Polsterkissen aufgetrennt, das Geld hineingesteckt und das Kissen wieder zugenäht?«

»Nein.«

»Dann muß ich Sie verhaften.«

Es folgte ein längeres Verhör, aber Madame Perault blieb standhaft.

»Haben Sie noch weitere Devisen versteckt?«

»Nein.«

»Körpervisitation!« befahl er.

Auf einen Wink wurde sie fortgeführt. Eine Zollbeamtin ging mit ihr in eine Zelle, und Madame Perault mußte sich entkleiden. Die Frau nahm es sehr genau, untersuchte die Frisur, sah nach, ob die Schuhe Einlagen hatten, und brach einen Absatz ab, aber sie fand nichts.

Auch bei der Durchsuchung des Handgepäcks entdeckte man keine Devisen mehr.

Der Oberinspektor schüttelte den Kopf.

»Das zeigt einem wieder einmal, daß man sich nicht genug vorsehen kann«, meinte der Kontrolleur. »Ich hätte doch jeden Eid darauf geleistet, daß die Frau sich nichts hat zuschulden kommen lassen.«

»Schön ist sie, und Mut hat sie auch, aber –«

Madame Perault wurde wieder hereingeführt.

»Es ist nichts gefunden worden«, meldete der begleitende Beamte pflichtschuldig.

»Würden Sie die Liebenswürdigkeit haben, Ihre Leute zu veranlassen, daß mein Schuh repariert wird? Er ist bei der Visitation leider beschädigt worden«, sagte sie und lächelte den Oberinspektor bezaubernd an.

Unwillkürlich milderte sich sein strenger Blick. Sie hatte von Anfang an großen Eindruck auf ihn gemacht.

»Bitte, nehmen Sie Platz«, sagte er bedeutend höflicher, nahm ihren Paß, las die Personalien durch und blätterte in dem Heft.

»Sie fahren so oft über die Grenze, müssen also doch die strengen Vorschriften kennen. Ich muß doch annehmen, daß Sie in der letzten Zeit deutsche Zeitungen gelesen haben und wissen, wie schwer Devisenvergehen bestraft werden.«

»Ja, das ist mir bekannt. Ich habe aber eine Devisenausfuhrbewilligung. Als ich das letztemal die Grenze passierte, habe ich dreihundert Pfund nach Deutschland mitgebracht.«

»Dann geben Sie also zu, daß die zweihundert Pfund Ihnen gehören, und daß Sie das Geld über die Grenze schmuggeln wollten?«

»Das Geld gehört mir«, erklärte sie mit einer Selbstverständlichkeit, die ihn fast sprachlos machte. »Aber über die Grenze schmuggeln wollte ich es nicht. Das ist entschieden eine falsche Behauptung. Ich sagte Ihnen doch eben, daß ich eine Genehmigung habe.«

»Warum in aller Welt zeigen Sie uns dann diese Bewilligung nicht rechtzeitig? Das ist doch unglaublich! Sie hätten sich und uns all diesen Ärger ersparen können! Und wozu machen Sie überhaupt dieses Theater und nähen die Devisen in ein Kissen ein, wenn Sie gar keine Ursache dazu haben? Also, zeigen Sie den Schein.«

»Ich habe ihn leider nicht bei mir.«

Die anwesenden Beamten sahen sich fassungslos an. Sie hatten mit Frauen in dieser Beziehung schon viel erlebt, aber ein solcher Fall war ihnen doch noch nicht vorgekommen.

»Warum denn nicht? Das ist doch das Wichtigste, wenn Sie über die Grenze reisen und Devisen mitnehmen wollen!«

»Ich habe ihn in der Eile vergessen.«

Ungläubiges Erstaunen, Ärger und Empörung drückten sich in den Gesichtern aus, und den Inspektor packte wilde Wut, weil er sich von dieser Frau ebenso hatte fangen lassen wie der Kontrolleur.

»Mit solchen Ausreden kommen Sie bei uns nicht durch!« schrie er sie an.

»Das ist keine Ausrede. Die Bescheinigung –«

Die Tür wurde aufgerissen, und ein Beamter trat eilig herein.

»Herr Oberinspektor, hier ist ein dringendes Telegramm an die Bahnhofspolizei.«

Der Oberinspektor nahm das außergewöhnlich lange Telegramm und las es.

»Gestatten Sie, daß ich rauche?« fragte Madame Perault, die offenbar noch immer in bester Laune war.

Er sah zornig auf und wollte es ihr schroff abschlagen, aber als sich ihre Blicke trafen, besiegte sie ihn wieder.

»Ja«, erwiderte er unsicher.

»Die Personalbeschreibung stimmt genau«, sagte der Polizeibeamte, der das Telegramm gebracht hatte.

Der Oberinspektor schlug wieder den Paß auf und verglich die einzelnen Angaben.

»Madame Perault«, sagte er dann in amtlichem Ton, »wir haben eben telegraphische Anweisung erhalten, Sie an der Grenze anzuhalten und so schnell wie möglich nach Berlin zurückzuschicken. Unter diesen Umständen ist es besser, daß wir das Verhör abbrechen. In Berlin wird dann auch diese Devisenangelegenheit genauer untersucht werden.«

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