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Tanzpalast Granada

Ravi Ravendro: Tanzpalast Granada - Kapitel 16
Quellenangabe
authorRavi Ravendro
titleTanzpalast Granada
publisherVerlag Peter J. Oestergaard G. m. b. H.
year1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170224
projectidea1e2f5f
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XIV.

Im Wagen der Kommission waren alle möglichen Hilfsmittel vorhanden, unter anderem auch eine Schreibmaschine, die nun auf dem runden Tisch im Salon stand. Oberwachtmeister Feurig saß davor. Außerdem hatten auch Mansfeld und Eisler dort Platz genommen.

»Fräulein Körber«, begann Mansfeld und wandte sich an Marianne, die auf einem Sessel in der Nähe saß, »Sie haben eine große Verantwortung, denn von Ihren Aussagen hängt viel ab. Ich möchte Sie daher bitten, sich jetzt nicht von Sympathien oder Vorurteilen beeinflussen zu lassen. Überlegen Sie sich genau, was Sie sagen, denn es geht um Leben oder Tod von Menschen, die in den Fall verwickelt sind.«

Marianne nickte.

»Ich will mir die größte Mühe geben.«

Zu Kommissar Eisler hatte sie sofort Vertrauen gefaßt, aber Mansfelds energisches Auftreten schüchterte sie ein. Er fühlte das auch und bat Eisler, die Vernehmung durchzuführen.

»Am besten ist es, wenn Sie der Reihe nach berichten. Zunächst erzählen Sie uns einmal, wie Sie mit Herrn Perqueda bekannt wurden«, sagte Eisler.

»Ich stehe sehr gut mit Herrn Rohmer, dem Personalchef unserer Firma. Ab und zu lädt er mich zum Abendessen ein, und einmal sind wir nachher noch in den Tanzpalast Granada gegangen. Dort hat er mich Herrn Perqueda vorgestellt.«

»Und Herr Perqueda hat Sie dann für die Abendvorstellungen engagiert?«

»Ja.«

»Aber dazu mußten Sie doch ausgebildet sein?«

»Ich habe mehrere Jahre an den Abendkursen der Wiegant-Schule teilgenommen und auch viel geturnt. Perqueda merkte das gleich, als er einige Male mit mir tanzte. Am nächsten Sonntag lud er mich in den Granada-Palast ein. Ich mußte ihm einiges vortanzen, und er war so zufrieden, daß er mich sofort engagierte. Er wollte, daß ich meine Stellung bei der Firma aufgeben sollte, aber dazu konnte ich mich damals noch nicht entschließen.«

Sie erzählte nun, wie sich alles weiterentwickelte, und daß sie am vergangenen Sonntag versprochen hatte, mit ihm nach Paris zu fahren, wo er ihr einen Vertrag bei einer namhaften Bühne verschaffen wollte.

»An dem Abend soll es auch zu einem Zusammenstoß zwischen Peters und Perqueda gekommen sein«, bemerkte Feurig.

»Ja, es war ein sehr unangenehmer Auftritt«, gab Marianne zu und berichtete die Einzelheiten.

»Herr Rohmer hat sich also eingemischt und Herrn Peters beruhigt? Der verkehrt wohl viel im Granada?«

»Ja, er war fast jeden Tag dort.«

»Hat Herr Perqueda Ihnen auch Zuwendungen gemacht und Kleider und ähnliches geschenkt?«

»Nein. Aber ich habe durch mein Auftreten gut verdient und konnte mir daher bessere Kleider leisten. Ich habe mich auch weiter ausbilden lassen und Fecht- und Sprachunterricht genommen.«

»Ist Ihnen denn niemals der Verdacht gekommen, daß Perquedas Verhalten doch sehr ungewöhnlich war?«

»Nein. Alle Leute bestätigten mir, daß ich Außergewöhnliches leiste, und ich hielt die Bezahlung für gerecht und angemessen. In der Ansicht wurde ich noch mehr bestärkt, weil im Büro alle neidisch und eifersüchtig waren – vor allem Herr Peters.«

»Wie standen Sie denn zu ihm?«

Sie wiederholte, was sie schon Feurig auf dieselbe Frage geantwortet hatte.

»Und heute um sieben Uhr einundzwanzig wollten Sie mit Perqueda nach Paris fahren? Er holte Sie vom Bahnhof Zoo ab, dann fuhren Sie hierher, weil er in seiner Wohnung noch Verschiedenes zu erledigen hatte und packen wollte. Wann kamen Sie hier an?«

»Etwa um Viertel nach sechs.«

»Bitte, erzählen Sie möglichst genau, was dann geschah.«

Marianne kam der Aufforderung nach. Als sie erwähnte, daß Perqueda die Fahrscheinhefte, Pässe und die Brieftasche auf den Tisch legte, unterbrach sie Kommissar Eisler.

»Haben Sie bereits ein Fahrscheinheft Köln – Paris – Le Havre an sich genommen?«

Sie sah ihn erstaunt an.

»Nein.«

»Ich dachte, Perqueda hätte es Ihnen vielleicht gegeben. Also wissen Sie genau, daß er die beiden Fahrscheinhefte zu den Pässen, den Passageanweisungen und der Brieftasche legte?«

»Ja.«

»Das ist aber merkwürdig. – Bitte, unterstreichen Sie das, Feurig.«

Marianne erzählte weiter von den beiden Telephongesprächen.

»Kennen Sie diesen José?«

»Nein.«

»Wissen Sie, in welchen Beziehungen er zu Perqueda stand?«

»Er sagte mir nur, daß es ein Bekannter wäre, mit dem er geschäftlich viel zu tun hätte.«

»Und später hat dann noch Herr Peters angerufen? Was sagte der?«

»Perqueda packte im Nebenzimmer. Ich nahm den Hörer ab und sprach zuerst mit Peters. Er wollte nicht haben, daß ich mit Perqueda abreisen sollte.«

»Hat er sonst etwas geäußert?«

Marianne zögerte, und ein leichtes Rot färbte ihre Wangen.

»Er sagte, daß Perqueda ein – gemeingefährlicher Verbrecher und ein Mädchenhändler wäre.«

Mansfeld richtete sich interessiert auf. Auch Eisler und Feurig sahen sie gespannt an.

»Hat Ihnen denn das nicht zu denken gegeben?« mischte sich Mansfeld plötzlich ein.

»Ich habe im Augenblick nicht viel darauf gegeben, denn ich sagte mir, daß Peters in seinem Haß gegen Perqueda ungerecht und zu allem fähig war.«

»Fräulein Körber, bitte, bleiben Sie unparteiisch in Ihrem Urteil«, mahnte Eisler freundlich. »Was geschah dann?«

»Ich verbat es mir. Perqueda kam aus dem Nebenzimmer und nahm mir den Hörer aus der Hand. Er protestierte dagegen und sagte, daß er ihn nicht mehr sprechen könnte. Dann hängte er ein.«

»War er sehr aufgebracht und scharf?«

»Nein. Ich war erstaunt, daß er so höfliche Ausdrücke gebrauchte. Aber er hatte immer ein so liebenswürdiges, entgegenkommendes Wesen«, fügte sie leise hinzu und drückte das Taschentuch an die Augen.

»Wie ging es weiter?« fragte Eisler, nachdem er ihr Zeit gelassen hatte, sich zu fassen.

»Kurz darauf kam Madame Perault. Perqueda hatte mir vorher schon gesagt, daß er sie sprechen und ihr Anweisungen und Geld geben müßte. Dann bat er mich, daß ich während der Unterredung ins Wohnzimmer gehen möchte.«

»Wer ist denn Madame Perault?«

»Die erste Angestellte Perquedas. Sie vertritt ihn im Granada, und ihr unterstehen alle anderen, auch der Geschäftsführer.«

»Wissen Sie vielleicht, wo sie wohnt?«

»In der Fasanenstraße – in den Räumen über dem Tanzpalast.«

»Haben Sie Madame Perault heute abend hier gesehen?«

»Ja. Als ich durch die Diele zum Wohnzimmer ging, kam sie gerade die Treppe herauf.«

»Wann war das?«

»Zehn Minuten nach halb sieben.«

»Woher wissen Sie das so genau?«

»Perqueda fiel es auf, daß sie sich etwas verspätete, und ich sah auf die Uhr, weil wir fünf Minuten vor sieben wegfahren wollten. Ich rechnete mir aus, daß bis dahin noch eine Viertelstunde Zeit war.«

»Um sechs Uhr vierzig haben Sie also Perqueda zum letztenmal gesehen?«

»Ja«, schluchzte Marianne.

Es klopfte, und auf das Herein des Kommissars Eisler trat Landgerichtsarzt Dr. Berger ein.

Die Herren begrüßten sich kurz. Kommissar Eisler unterbrach die Vernehmung und führte den Arzt ins Arbeitszimmer, wo Perqueda lag. Nachdem er ihn kurz über die Sachlage aufgeklärt hatte, wandte er sich an einen der Beamten.

»Nun, haben Sie Fingerabdrücke gefunden?«

»Ja – wir sind bald fertig.«

»Waren Spuren an dem Griff der Waffe?«

»Nein, er ist abgewischt worden. Oder der Täter hat Handschuhe benutzt.«

»Ich sehe Sie ja nachher wieder«, sagte Eisler noch zu dem Arzt, dann ging er ins Wohnzimmer zurück und setzte die Vernehmung fort.

»Um sechs Uhr vierzig kam Madame Perault. Sie stellten das Radio an, und sechs Minuten vor sieben wollten Sie ins Arbeitszimmer hinübergehen. Dabei entdeckten Sie, daß Sie eingeschlossen waren. Was nachher geschah, ist bereits protokolliert worden. Bitte, lesen Sie die Aussagen von Fräulein Körber noch einmal vor«, wandte er sich an Feurig.

»Haben Sie nichts gehört, während Sie in diesen beiden Zimmern waren?« fragte Mansfeld, als das geschehen war. »Ich meine, von der Diele her. Haben Sie nicht gehört, daß Madame Perault fortgegangen ist?«

»Nein.«

»Wann sind Sie denn zum Fenster hinausgeklettert?«

»Kurz vor sieben.«

»Wie lange haben Sie wohl gebraucht, bis Sie vorn zu der Bank kamen?«

»Das weiß ich nicht – ich hatte zu große Schmerzen.«

»Feurig, vielleicht können Sie aushelfen. Wann haben Sie Fräulein Körber auf der Bank getroffen?«

»Punkt sieben – die Turmuhren schlugen gerade.«

»Und wieviel Zeit verging, bis Sie den Mord entdeckten?«

»Fünf bis zehn Minuten.«

»Dann muß die Tat also zwischen sechs Uhr vierzig und sieben Uhr verübt worden sein«, meinte Mansfeld.

»Kurz vor Ankunft des Oberwachtmeisters haben Sie beobachtet«, wandte sich Eisler wieder an Marianne, »daß ein Mann aus dem Haus eilte. Haben Sie sein Gesicht gesehen?«

»Nein.«

»Woran glauben Sie dann Herrn Peters erkannt zu haben?«

»An dem grauen Mantel und dem grauen Hut. Außerdem an seinem Gang und seinen Bewegungen.«

»Das wäre im Augenblick wohl alles, Fräulein Körber. Oder haben Sie noch weitere Fragen zu stellen?« Eisler sah seinen Kollegen an.

Bevor Mansfeld erwidern konnte, wurde die Tür aufgerissen, und Dr. Berger stürzte herein.

»Der Mann lebt ja noch!«

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