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Tanzpalast Granada

Ravi Ravendro: Tanzpalast Granada - Kapitel 12
Quellenangabe
authorRavi Ravendro
titleTanzpalast Granada
publisherVerlag Peter J. Oestergaard G. m. b. H.
year1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170224
projectidea1e2f5f
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X.

Unruhig saß Marianne im Wartesaal des Bahnhofs Zoo. Es war fünf Uhr fünfzig, und Viertel vor sechs hatte Perqueda sie hier treffen wollen. Bis jetzt war er immer sehr pünktlich gewesen.

Die Sekunden und Minuten dehnten sich, und es kamen ihr sonderbare Gedanken. Perqueda fuhr immer so schnell – sollte er einen Zusammenstoß gehabt haben? War er vielleicht verunglückt? Aber nein, das konnte nicht sein, denn er steuerte überlegen und sicher.

Zum erstenmal, seitdem sie ihn kannte, kamen ihr Zweifel. Warum mußte die Abreise plötzlich so beschleunigt werden? Welche Umstände bestimmten ihn zu dieser Änderung? Sie hatte ihn als einen zielsicheren, ruhigen und entschlossenen Mann kennengelernt, der nichts ohne Grund tat.

Aber dann ärgerte sie sich über sich selbst. Wie konnte sie nur auf so abwegige Gedanken kommen, wenn sie ihrem größten Glück entgegenging?

Sie nahm einen Gepäckschein aus der Handtasche und betrachtete ihn. Vier Stück hatte sie abgegeben. Vorsichtig schob sie den Zettel zurück und sah nach der großen Uhr, deren Stundenzeiger sich der Sechs näherte.

Schon fürchtete sie, daß aus der Abfahrt um neunzehn Uhr einundzwanzig nichts werden könnte, als Perqueda endlich in der Tür erschien. Er kam rasch auf sie zu, aber er sah verärgert aus.

»Was hast du, Juan? Hast du Verdruß gehabt?«

»Ich hätte beinahe vergessen, die Pässe vom amerikanischen Konsul abzuholen, und es hat auch sonst noch unvorhergesehene Aufenthalte gegeben.«

»Hast du alles regeln können?«

»Ja«, erwiderte er kurz, aber sie fühlte, daß er ihr etwas verschwieg.

»Bringen Sie mir einen Whisky-Soda«, sagte er zu dem Kellner, der nähergekommen war. »Aber bitte schnell, wir haben wenig Zeit.«

Der Mann brachte das Getränk. Perqueda zahlte sofort und leerte das Glas.

Dann gingen beide hinaus und stiegen ins Auto. In Renntempo fuhren sie zur Hubertusallee.

»Ich muß noch schnell meine Sachen packen«, sagte er unterwegs. »Dazu bin ich bis jetzt noch nicht gekommen.«

»Wirst du auch fertigwerden? Kann ich dir helfen?«

»Danke, das ist nicht notwendig. Meine Sachen liegen so geordnet, daß ich rasch alles greifen kann. Fünf Minuten vor sieben müssen wir spätestens abfahren, und bis dahin bleibt noch allerhand Zeit.«

Aber er machte doch die größte Anstrengung, möglichst bald nach Hause zu kommen.

Es war siebzehn Minuten nach sechs, als er mit Marianne in sein Arbeitszimmer trat.

»Ach, wie angenehm«, sagte sie und atmete den Duft ein, den der kleine Springbrunnen vor der Venusstatue verbreitete. Dann ließ sie sich in einem Sessel nieder und sah zu Perqueda auf. Er neigte sich über sie und küßte sie.

»Ach, Juan, als ich auf dich warten mußte und du nicht kamst, hatte ich entsetzliche Furcht, es könnte dir etwas zugestoßen sein. Aber nun bist du ja wieder bei mir, und es ist alles gut. Jetzt bleiben wir für immer zusammen.«

Er trat an den Schreibtisch und nahm den Hörer vom Haustelephon, das zur Chauffeurwohnung über der Garage führte.

Frau Janowski meldete sich.

»Schicken Sie Ihren Mann herüber.«

»Der ist in die Stadt gegangen. Er wollte ein neues Mundstück für den Reinigungsschlauch kaufen.«

Das war Perqueda unangenehm, aber er hatte dem Chauffeur selbst diesen Auftrag gegeben.

Er nahm seine Brieftasche heraus und öffnete sie.

»Sieh her, Marianne, hier sind unsere Pässe.«

Er schlug die Seite auf, die das amerikanische Visum trug, dann legte er die Hefte neben das Schreibzeug auf den Tisch.

»Dies sind unsere Fahrscheinhefte und dies die Anweisungen für die Schiffspassage. Und hier habe ich das nötige Geld.« Er wies auf englische Hundertpfundnoten und französische Scheine. »Es sind im ganzen über dreitausend Pfund, fünfzigtausend Franken und ein paar hundert Mark. Madame Perault muß ich das deutsche Geld und einen Teil der Franken geben.«

»Kannst du denn soviel Devisen über die Grenze mitnehmen?« fragte sie erstaunt.

»Selbstverständlich. Als ich das letztemal von Paris zurückkam, habe ich große Beträge in englischen und französischen Devisen nach Deutschland mitgebracht. Ich habe mir das an der Grenze bescheinigen lassen und kann nun ebensoviel wieder ausführen. Ich lasse Papiere und Geld auf dem Schreibtisch liegen – erinnere mich bitte daran, daß ich sie einstecke, bevor wir gehen. Und jetzt muß ich dich eine Weile allein lassen – es wird Zeit, daß ich mich umziehe und packe. Die Tür lasse ich auf, dann können wir uns trotzdem miteinander unterhalten.«

Er ging ins Nebenzimmer, und Marianne hörte, daß er verschiedene Schubladen aufzog und den Kleiderschrank öffnete. Sie stand auf, schaltete die Wechselbeleuchtung des Springbrunnens ein und drehte die anderen Lichter aus. Dann setzte sie sich wieder in den Sessel und schaute zu dem märchenhaften Farbenspiel hinüber. Langsam änderten sich die einzelnen Töne und ließen die prachtvolle Statue aus carrarischem Marmor in immer neuem Licht aufglühen.

»Juan«, sagte sie plötzlich, »mir kommt ein Gedanke. Diese Statue mit der Fontäne könnte das Motiv für einen wundervollen Tanz abgeben.«

»Aber, Kind, du willst doch nicht etwa als unverhüllte Venus auf der Bühne erscheinen?«

Ehe sie antworten konnte, klingelte das Telephon.

»Nimm doch bitte das Gespräch an«, bat er.

Sie schaltete das Licht wieder ein und ging an den Apparat.

»1466 – wer ist dort, bitte? ... Einen Augenblick, ich werde ihm Bescheid sagen ... Juan, José möchte dich sprechen.«

»Er soll ein wenig warten, ich komme gleich.«

Gleich darauf erschien Perqueda im Morgenrock.

»Was willst du denn schon wieder?« rief er barsch in den Schalltrichter. »Es ist ja gut und schön, wenn du mich dringend sprechen mußt, aber ich habe jetzt keine Zeit. Das Geld bekommst du bestimmt. Ich fahre um acht Uhr vom Bahnhof Friedrichstraße mit dem Nordexpreß. Zehn Minuten vor Abgang bin ich dort, dann kannst du mir alles mitteilen, was du auf dem Herzen hast. Also, bis später.«

Damit hängte er ein.

»Aber, Juan«, rief Marianne, »wir fahren doch um sieben Uhr einundzwanzig vom Zoo ab!«

»Natürlich, Liebling. Rege dich nur nicht auf.«

»Warum hast du ihm denn eben etwas Falsches gesagt?«

»Ach, José ist ein furchtbarer Schwätzer. Wenn der jetzt herkommen würde, versäumten wir bestimmt den Zug. Außerdem habe ich Madame Perault herbestellt. Ich muß ihr noch Geld geben, und sie kann ihm dann eine Summe auszahlen. Man kann nicht allen Leuten gerecht werden – manchmal muß man eben zu einer kleinen Notlüge greifen.«

Marianne schaute nachdenklich auf den Teppich, und Perqueda sah, daß sie stutzig geworden war. Rasch setzte er sich zu ihr auf die Armlehne und nahm ihre Hand.

»Hast du denn noch niemals eine Ausrede gebraucht?«

Sie blickte auf und lächelte ihm wieder zu.

»Aber natürlich – wie dumm von mir, Juan!«

»Wenn es möglich wäre, würde ich ihn ja gern sprechen, aber man kann sich doch vor Liebenswürdigkeit anderen Menschen gegenüber nicht selbst umbringen!«

Sie zog seinen Kopf zu sich und küßte ihn.

»Jetzt muß ich aber endlich weiterpacken, sonst werden wir nicht fertig«, sagte er und machte sich von ihr frei.

Gleich darauf hörte sie, daß er einen Koffer abschloß und auf den Boden stellte.

»Hoffentlich hast du nicht zuviel Gepäck – Frauen führen ja im allgemeinen immer einen Möbelwagen voll unnötiger Dinge mit –«

Wieder klingelte das Telephon.

»Höchste Zeit, daß wir abreisen, sonst haben wir den ganzen Abend weiter nichts zu tun, als den Apparat zu bedienen. Frage doch bitte einmal nach, wer es ist.«

Gleich darauf erwähnte Marianne am Apparat Peters' Namen.

Perqueda fluchte leise. Was hatte dieser Idiot hier anzurufen?

Wenige Sekunden später fielen die Worte »Gemeingefährlicher Verbrecher« und »Mädchenhändler«.

Die Sache wurde gefährlich – er mußte persönlich eingreifen.

Rasch schaltete er das Licht aus, brachte den Koffer ins Arbeitszimmer, nahm Marianne den Hörer aus der Hand und brachte das Gespräch gewandt zu Ende.

»So, den wären wir los«, sagte er, nachdem er eingehängt hatte. Dann warf er einen Blick auf die Schreibtischuhr. »Ich verstehe nicht, daß Madame Perault noch nicht hier ist. Hoffentlich verspätet sie sich nicht. Wenn sie –«

Es klingelte an der Haustür.

Er drückte auf einen Knopf am Schreibtisch, mit dem er sie öffnen konnte.

»Geh bitte jetzt gleich nach drüben ins Wohnzimmer«, wandte er sich an Marianne. »Ich habe geschäftliche Dinge mit Madame Perault zu besprechen, die dich doch nur langweilen würden.«

Er machte die Tür für sie auf, und sie ging durch die kleine Diele in den gegenüberliegenden Raum. Dabei sah sie, daß die Französin die Treppe heraufkam. Bevor Marianne die Tür hinter sich schloß, winkte sie Perqueda noch einmal zu, der sie freundlich anlächelte.

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