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Tanzpalast Granada

Ravi Ravendro: Tanzpalast Granada - Kapitel 11
Quellenangabe
authorRavi Ravendro
titleTanzpalast Granada
publisherVerlag Peter J. Oestergaard G. m. b. H.
year1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170224
projectidea1e2f5f
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IX.

Peters hatte einen anderen Erfolg seiner Anzeige bei der Polizei erhofft und erwartet, daß sofort Schritte unternommen würden. Enttäuscht ging er die Steintreppe hinunter.

Vielleicht war Marianne jetzt zu Hause. Er trat in die nächste Fernsprechzelle und wählte ihre Nummer. Aber wieder meldete sich niemand.

Eine unheimliche Angst überkam ihn. Zwar sagte er sich, daß Marianne wahrscheinlich bei Perqueda war, aber trotzdem stiegen seine Unruhe und seine Aufregung immer mehr.

Er entschloß sich, zu ihrer Wohnung zu fahren. Wenn er Marianne nicht traf, mußte doch ihre Wirtin zum Abendessen heimkommen.

Zuerst wollte er zur Untergrundbahn gehen, aber dann winkte er einem Taxenchauffeur.

»Kaiser-Wilhelm-Platz vierzig, Schöneberg!« rief er dem Mann zu.

Die Turmuhren schlugen sechs, als das Auto an der ersten Verkehrssperre auf dem Alexanderplatz hielt. Hilflos sah er aus dem Fenster auf die vielen Fahrzeuge, die neben ihm standen, und atmete erleichtert auf, als das grüne Licht endlich aufblitzte und die aufgestauten Wagenmassen wieder in Bewegung kamen.

Dauernd hatte er die Uhr in der Hand. Eine schwere Niedergeschlagenheit bemächtigte sich seiner, und die Ungewißheit quälte ihn furchtbar.

Endlich hatte sich der Chauffeur aus dem dichten Verkehr herausgearbeitet und nahm nun seinen Weg durch Seitenstraßen, in denen er unbehelligt fahren konnte. Aber Peters dauerte es trotzdem zu lange.

Nach einer Fahrt, die ihm endlos erschien, las er auf einem Schild ›Bahnstraße‹. Nun mußte der Wagen gleich vor der Haustür halten. Aber noch im letzten Augenblick war die Einfahrt zum Platz gesperrt, und wieder mußte der Chauffeur auf das grüne Licht warten. Das Fahrgeld hatte Peters schon abgezählt und hielt es bereit, um nicht aufgehalten zu werden.

Rasch überquerte er den Gehsteig, und an der Haustür wäre er beinahe mit Frau Nüßlein, Mariannes Wirtin, zusammengestoßen, die am Nachmittag Besorgungen in der Stadt gemacht hatte. Sie kannte ihn, da er Marianne mehrmals persönlich abgeholt hatte.

Frau Nüßlein, die einen freundlichen, mütterlichen Charakter hatte, meinte es mit allen Leuten gut, besonders mit Hans Peters, den sie ins Herz geschlossen hatte. Ohne daß er es wußte, vertrat sie seine Sache bei Marianne, so oft sich dazu Gelegenheit bot.

Sie ging mit ihm nach oben.

»Ach, Fräulein Marianne ist in letzter Zeit so ganz anders!« klagte sie. »Früher war sie doch oft mit Ihnen zusammen, aber nachdem Sie auf Urlaub gegangen waren, hat sie einen anderen Herrn kennengelernt. Von dem schwärmt sie mir jetzt immer vor, und sein Bild steht auch in ihrem Zimmer –«

Sie konnte nicht weitersprechen, da ihr das Treppensteigen schwerfiel.

Bald hatten sie die Wohnungstür erreicht, und Frau Nüßlein schloß auf.

»Es ist niemand zu Hause, sonst müßte doch Licht im Gang brennen. Legen Sie bitte ab, Herr Peters, und kommen Sie zu mir ins Wohnzimmer.«

Die freundlichen Worte taten ihm wohl. Er hängte Mantel und Hut auf, dann setzte er sich Frau Nüßlein gegenüber, die in ihrem bequemen Lehnstuhl Platz genommen hatte.

»Denken Sie doch nur, Herr Peters, heute morgen ist sie nicht ins Büro gegangen und hat mir freudestrahlend erzählt, daß sie die Firma gekündigt hätte. Aber das werden Sie sicher auch schon wissen.«

Er nickte.

»Ja. Seit sie die Bekanntschaft dieses Perqueda gemacht hat, hat sie anscheinend jeden Sinn für die Wirklichkeit verloren.«

»Der muß ihr vollständig den Kopf verdreht haben. Heute morgen fiel sie mir doch um den Hals, wirbelte mit mir im Zimmer herum und konnte sich gar nicht lassen vor Freude! Aber das Schlimmste von allem – sie will mit diesem Mann nach Paris fahren!«

Sie warf ihm einen mitfühlenden Blick zu. Es war ihre stille Hoffnung, daß Marianne sich mit Hans Peters verheiraten würde.

»Hat sie gesagt, wann sie abreisen will?« fragte er schnell.

»Ja. Übermorgen wird sie wahrscheinlich schon fahren.«

»Ich muß sie unbedingt sprechen. Haben Sie eine Ahnung, wann sie nach Hause kommt?«

»Nein. In den letzten Wochen ist sie viel ausgegangen und manchmal erst sehr spät nach Hause gekommen. Aber ich will einmal in ihr Zimmer gehen – gewöhnlich legt sie mir einen Zettel auf den Tisch, wenn ich ihr etwas zum Abendessen machen soll.«

Sie stand auf.

»Dieser Spanier ist auf seine Art ja auch ein ganz schöner Mensch – ich habe ihn öfter gesehen. Er hat sie mehrmals im Auto abgeholt.«

Peters begleitete sie in Mariannes Zimmer. Im Eingang blieben beide erstaunt stehen, denn in dem Raum herrschte größte Unordnung. Peters sah einen Brief auf dem runden Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand, und trat schnell näher. Das Kuvert war an Frau Nüßlein adressiert. Er nahm es auf und reichte es ihr.

Ungeduldig wartete er, daß sie es öffnen und die Mitteilung lesen sollte.

»Wir müssen ins Wohnzimmer zurückgehen«, sagte sie betroffen. »Ohne Brille kann ich nicht lesen.«

Am liebsten hätte Peters ihr den Brief aus der Hand gerissen, aber er beherrschte sich.

Endlich hatte Frau Nüßlein die Brille gefunden und aufgesetzt. Sie war aber so aufgeregt, daß ihre Hände zitterten.

»Ich werde Ihnen den Brief vorlesen«, sagte er und nahm ihr das Blatt aus der Hand.

Sie ließ es geschehen.

Hastig überflog er die wenigen Zeilen, dann stöhnte er laut und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die arme Frau Nüßlein erschreckt in die Höhe fuhr.

»Was schreibt sie denn?« fragte sie, zu Tode erschrocken.

»Liebe Frau Nüßlein«, begann er, heiser vor Erregung, »nun kommt die Trennung doch noch früher, als ich dachte. Schade, daß Sie heute nicht zu Hause waren, als ich zurückkam. Ich bin ja so glücklich! – Noch heute fahre ich mit Juan nach Paris. Er ist der beste, liebste Mensch, den es auf Erden gibt. Ich habe meine Sachen gepackt, kann aber nicht alles mitnehmen. Was noch in meinem Zimmer ist, schenke ich Ihnen, die Miete für einen Monat – statt der Kündigung – liegt in der großen Schale auf der Kommode.

Leben Sie recht wohl, liebe Frau Nüßlein. Eines Tages sehen wir uns sicher wieder, wenn ich nach Deutschland zurückkomme.

Mit den herzlichsten Grüßen – Ihre glückliche Marianne Körber.«

»Was, sie ist schon fort?« rief Frau Nüßlein gebrochen, während Tränen in ihre Augen traten. Sie nahm ihr Taschentuch aus der Handtasche.

Peters saß dumpf brütend und starrte auf die bunte Tischdecke. Nun wußte er, was die ganze Zeit so schwer auf ihm gelastet hatte. Seine Gedanken jagten, obwohl er sich die größte Mühe gab, klar zu denken.

»Ich muß sofort telephonieren!« sagte er plötzlich und sprang auf.

Er zog seine Brieftasche und nahm einen Zettel heraus, auf dem Perquedas Nummer stand. Dann trat er schnell in den Gang, wo sich das Telephon befand. Eigentlich war er davon überzeugt, daß die beiden Berlin schon verlassen hatten, und war daher freudig bestürzt, als er Mariannes Stimme am Apparat hörte.

»Hier 1466 – wer ist dort, bitte?«

»Peters. Marianne, ich muß Sie dringend sprechen!«

»Ich wüßte nicht, was wir uns noch zu sagen hätten, Herr Peters«, entgegnete sie kühl.

»Glauben Sie mir bitte – es ist für Sie selbst ungeheuer wichtig, daß ich mit Ihnen rede. Wo kann ich Sie sehen?«

»Wenn Sie mir etwas mitzuteilen haben, dann tun Sie es am Apparat. Ich habe wenig Zeit.«

»Marianne, ich habe eben Ihren Abschiedsbrief an Frau Nüßlein gelesen, und ich beschwöre Sie, nicht mit diesem Perqueda ins Ausland zu fahren. Sie stürzen sich ins Unglück – er ist ein gemeingefährlicher Verbrecher – ein Mädchenhändler –«

»Das nehmen Sie sofort zurück!« unterbrach sie ihn hitzig. »Wie dürfen Sie es wagen, meinen Verlobten einen gemeingefährlichen Verbrecher und Mädchenhändler zu nennen!«

Peters hörte durch das Telephon, daß sich Schritte näherten, und gleich darauf vernahm er die Stimme des Brasilianers.

»Herr Peters, ich würde mich an Ihrer Stelle doch etwas mehr zusammennehmen. Ich kann ja verstehen, daß Sie sehr aufgeregt sind, aber solche Äußerungen tut man auch in der Erregung nicht. Fräulein Marianne hat sich nun einmal für mich entschieden, damit müssen Sie sich abfinden. Seien Sie doch ein Mann.«

»Herr Perqueda, ich kann beweisen, was ich gesagt habe. Ich muß Sie vor Ihrer Abfahrt noch sehen – es ist in Ihrem eigensten Interesse und von größter Wichtigkeit!«

»Ich habe so viel zu tun, daß das nicht mehr möglich ist.«

Perqueda hängte ein.

Peters stand zuerst regungslos, dann legte auch er den Hörer auf den Apparat und sah auf seine Uhr. Es war zwanzig Minuten vor sieben. Er konnte und wollte nicht untätig bleiben, während Marianne blindlings ins Verderben rannte. Aber was sollte er tun?

Schnell zog er den Mantel an, nahm den Hut und ging zu Frau Nüßlein, die noch in Tränen aufgelöst war.

Sie schaute auf, und als sie sein verstörtes Gesicht sah, erschrak sie und trocknete hastig ihre Augen.

»Wohin wollen Sie denn? Was wollen Sie tun?«

»Ich muß fort – vielleicht gelingt es mir noch, die beiden in Perquedas Wohnung zu erreichen. Sie darf mit diesem Halunken nicht fortreisen!«

Ohne sich weiter zu verabschieden, stürzte er aus der Wohnung und eilte die Treppe hinunter. Dann lief er quer über den Fahrdamm zur Taxenhaltestelle an der Ecke der Bahnstraße. Beinahe wäre er von einem Lastwagen überfahren worden, und der Verkehrspolizist machte schon Miene, den Sünder festzustellen, aber Peters sprang in das letzte Mietauto.

»Hubertusallee – fahren Sie, so schnell Sie können!«

»Na, na, immer sachte mit de jungen Gäule«, erwiderte der Chauffeur.

Peters riß das Verbindungsfenster auf und steckte ihm ein Fünfmarkstück zu.

»Ich gebe Ihnen nachher noch einmal soviel, wenn Sie das Letzte aus Ihrem Motor herausholen.«

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