Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Hardt >

Tantris der Narr

Ernst Hardt: Tantris der Narr - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
booktitleTantris der Narr
authorErnst Hardt
year1918
firstpub1907
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleTantris der Narr
pages159
created20180111
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Dritte Szene

Isolde. Dem Namen blieb Herr Tristan treu! Nun klag
Ich schon ins zehnte Jahr um ihn und hab in
Nächten endloser Qual gebüßt den Jubel
Der andren Nächte, habe in verhärmten
Tagen gebüßt für alles Lachen, das
Je mir die Lippen bog. Herr Tristan, wahrlich,
Übel habt Ihr an mir getan, mein Freund!
Gott soll Euch strafen!

Brangäne kniet sich schluchzend zu ihr und birgt ihren Kopf in Isoldens Gewand. Isolde richtet sie auf.

                                      Komm, du Liebe, Treue,
Ich leide, Schwester, hilf mir doch! – Brangäne,
Es sprechen alle Mauern, alle Wände
Auf Schloß Lubin. Es rauscht der schwarze Wald
Um Schloß Lubin. Der Husdent heult auf Schloß
Lubin. Hier sah ich meinen Freund zuletzt,
Hier schwur er mir! – »Mein Freund,« so sprach ich, »hier
Nehmt diesen Ring aus Gold und grünem Stein,
Und so mir einer diesen Ring in Eurem
Namen erweist, soll mich kein Turm, kein Schloß,
Kein Riegel hindern, Euch, mein Freund, zu Willen
Zu sein.« – »O Freundin,« sprach er, »habet Dank,
Und so mich einer ruft bei Eurem Namen,
Will ich ihm Rede stehn an allen Orten,
Bei Tage und bei Nacht.« – Dann ritt er hin . . .

Brangäne. Isot, ich möchte sterben, denn ich Arge
Trage die Schuld! Wie war ich stets bereit
Zu Heimlichkeiten und verhüllten Wegen!

Isolde. Am Leben und am Sterben, groß und wild,
Das ich in Herren Tristans Armen fand,
Trägt keiner Schuld! Als du mir einst dein weiß
Hochzeitlich Hemde liehst zu meiner Brautnacht
Mit Marke, weil das meine schon zerrissen
Nach Kurnwal kam, da hast du wettgemacht
Getreu, was du vordem vielleicht versahst
Als meine Hüterin. Du sollst nicht weinen,
Weil ich jetzt weine. Herren Tristans schwarze
Treulosigkeit ist sein, nicht unser. Und
Des ist zu weinen!

Brangäne.                   Ist er treulos, Schwester?
Was wissen wir von ihm und seinem Los?

Isolde. Er hat ein Weib genommen!

Brangäne.                                         Sieh, es heißt
Isolde!

Isolde.   Daß die Zunge ihm am Gaumen
Vor Schauder nicht gefriert, wenn er sie ruft!
Mich ekelt, wenn ichs denke.

Brangäne.                                   Hör, Isolde,
Es sprach ein Instmann Markes grad davon,
Ich wollts verschweigen, doch nun sag ich es:
Denkst du des großen Segels noch, das wir
Vor Anker sahen dicht bei Tintajol?
Er sagt, es seien Handelsleute aus
Arund. Wir wollen ihrer einen rufen
In Tintajol und hören, ob er was
Von Herren Tristan zu erzählen weiß.

Paranis läuft herein und schwingt sich auf die Fensterbrüstung.
Es kommen drei der gälischen Barone,
Dinas von Lidan ist voran!

Brangäne eilt zu ihm.               Isolde,
Komm an das Fenster, daß wir Dinas sehn,
Den treuen Dinas, Tristans Freund.

Paranis.                                                 Der Letzte
Im Kettenhemd, kannst du ihn sehn, Brangäne?
Wer ist der Mann?

Brangäne.                   Bei Gott, Denovalin,
Der Totenvogel! Isot, komm!

Isolde.                                         Arund ?
Du sagst, ein Schiff kam aus Arund, Brangäne?
Das große goldne Segel, sagst du, kam
Von dorten übers Meer nach Tintajol?
Ein Schiff! Mit Handelsmännern aus Arund?
Du sprichst Arund und stehst ganz still vor mir?
Brangäne, hör, du quälst mich. Sag, du hast
Die Handelsmänner rufen lassen?! Sind sie
Schon hier? – Um Gott, Brangäne, quäl mich nicht!

Brangäne. Ich sagte ja, ein Instmann König Markes
Sprach so, obs wahr ist, weiß ich nicht. Wir müssen
Zurück erst sein in Tintajol.

Isolde in steigender Hast.             Zurück sein?
Wir sollen warten? Erst in Tintajol
Die Handelsmänner sprechen! Noch drei Tage,
Sagst du, Brangäne, harren? Nein, o nein,
Ich will nicht länger warten. Saß ich deshalb
Zehn lange Jahre lang in Tintajol am
Turmfenster bang und stumm und zählte unten
Die Segel auf dem großen grünen Spiegel
Und folgte ihnen bebend mit den Augen
Von einem Rand des Himmels bis zum andern?
Schickt ich Paranis deshalb täglich in
Den Hafen, zählte die Minuten, bis
Er wiederkam – und dann von Schiffen und
Von Ländern sprach, die mir gleichgültig waren
Wie einer Fliege Leben? Jetzt, sagst du,
Liegt dort ein Schiff! Ein großes goldnes Segel
Liegt angebunden jetzt an unsre Erde
In Tintajol – und drinnen atmen Männer,
Die sprechen können, und wenn man sie fragt:
»Wo kommt ihr her?« – so sagen sie: »Arund«?
Ich bitte dich, Brangäne, schick von meinen
Getreuen einen gleich nach Tintajol,
Daß er die Handelsmänner hergeleitet
Bis über Nacht. Ich brauche Spitzen, Seide,
Pfellel und weißen Pelz und was sie sonst noch
Haben, und kaufe gerne alles, was sie
Haben, nur reiten müssen sie!

Brangäne.                                     Wie Krämer tun!
Doch will ich Gawein schicken, da dus wünschst,
Er soll noch einen zweiten mit sich nehmen.

Paranis. Laßt mich mit Gawein reiten, Frau Isolde!
Ich will den Handelsmännern meinen Dolch
Von hinten auf den Rücken setzen, daß sie
Vor Angst herfliegen sollen wie die Störche . . .

Isolde. Nicht doch, Paranis, bleibe du bei mir.
Doch hilf Brangäne jetzt den Gawein finden!

Brangäne und Paranis öffnen die Tür hinten und treten rechts und links zurück, um Marke und die drei Barone einzulassen.

Brangäne. Der König kommt!

Brangäne und Paranis ab.

 

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.