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Tantris der Narr

Ernst Hardt: Tantris der Narr - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleTantris der Narr
authorErnst Hardt
year1918
firstpub1907
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleTantris der Narr
pages159
created20180111
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Szene

Isolde wendet sich hastig um, denn ihr Page tritt durch die rechte Tür ein. Er trägt ein Schachbrett und setzt es auf den Tisch vorn.

Isolde. Knabe Paranis, ward das Träumen dir
Zu heiß, daß du die Sonne überholst
Und müde starrst mit großen, wachen Augen?

Paranis. Verzeiht mir, Frau Isolde, doch ich konnte
Nicht schlafen! Königin, was war das heute
Für eine Nacht! Ich bebe noch!

Brangäne.                                       Die Nacht
War wild!

Paranis.         Wie aufgepeitschtes Meer! Der Sturm
Blies mir die Laken weg vom Leib, Geäste
Stießen zu Häupten meines Betts gleich schweren
Sturmböcken an die Mauer, und die Eulen
Stöhnten im dröhnenden Gebälk, wie Kranke
Tun! Gott, und Husdent! Hörtet Ihr den Husdent?
So hörte ich noch niemals einen Hund!

Isolde. Der Husdent winselt jede Nacht, seit er
Den Herrn verlor!

Paranis.                     Heult jede Nacht? Und dabei
Kann König Marke schlafen?

Isolde.                                         Marke schläft
So wie ein Held, Paranis: wann er will!
Wir andern müssen um den Schlaf wie Bettler
Betteln. Den Spiegel, bitte, und das Tuch.

Paranis tritt ans Fenster.
Warum nur reisten wir nach Sankt Lubin,
Frau Isot, wir zusammen mit dem König
Von Tintajol nach Sankt Lubin! Der Wald
Um diese Burg ist fürchterlich. Ich sah
Noch niemals einen solchen Wald, Frau Isot.

Isolde. Der Wald in diesem Land ist schwarz und schwer.
Gib mir ein wenig Öl auf meine Lippen,
Brangäne. Tränen beizten sie die Nacht.

Paranis. In Tintajol lag blauer Himmel auf dem
Hafen, ein fremdes Segel, das am Morgen
Einlief, gerad als wir die Tore ließen,
War wie aus Gold, so schien die Sonne drauf.
Ich habe Heimweh nach dem goldnen Segel!
Hier fahren schwarze Wolken dicht am Boden
Wie riesige Gespenster, und die Erde
Riecht schaurig dumpf und feucht . . .

Isolde ist zu ihm ans Fenster getreten und legt ihren Arm um seinen Hals.
                                                              Nicht heute! Sieh,
Der Tag will strahlen. Heute gießt die Sonne
Von ihrem Wein auch übers Morois.
    Sie beugt sich hinaus, so daß ihr Kopf von der Sonnenflut draußen übergossen wird.
Wie ist das warm!

Paranis wirft sich in die Kniee.
                              Frau Isot, wollet doch
Das Zauberhündchen Petikrü zum Trost
In Eure Hände nehmen . . . Seht . . . mir brennt
Seit unserm Ritt von Tintajol ein Fragen
Die Seele wund, und Euere Brangäne
Sagt ja, Ihr weintet stets bei diesen Dingen!
Und dennoch möcht ich fragen, Königin:
Ich habe solches ja noch nie erlebt!

Isolde. Ich wachte hier die ganze Nacht, Paranis,
Und nahm den Petikrü doch nicht ans Herz.
Frag nur, mir sind die Augen ausgetrocknet
In dieser Nacht! Sie ist an den Putztisch zurückgegangen.

Paranis.                   Ist dies der Wald, wie man
Erzählt, der Eure und des Herren Tristan
Wohnstatt gewesen einst auf Eurer großen Flucht?

Isolde. Dies war der Wald, Paranis.

Paranis am Fenster.                           Dies der wilde,
Grausame Wald, darinnen Ihr, Isote
Von Irland mit dem blonden Haar, und Euer
Herr Tristan einst geflohen seid, wie müdes,
Gehetztes Wild vorm Jäger flieht?! Es hängen
Noch Fetzen wohl von Euren Tüchern im
Geäst, und Blut von Euren Füßen färbt
Die wirren Wurzeln noch! Dies war der Wald . . .

Isolde erhebt sich.
Und dies das Schloß . . .

Brangäne nimmt ihr den Putzmantel ab und hilft ihr in ein weites, hüllendes Gewand. Ihr Haar ist im Gebinde unter der sammetnen Kronkappe verborgen.

Paranis tritt in großem Staunen zu ihr.
                                        Wo Ihr und Herre Tristan
Unseligen Vertrag mit Marke, Eurem
Gemahl, eingingt um Leib und Leben? . . . Gott,
Mir graust vor diesem Schloß!

Brangäne.                                     »Und wenn Herr Tristan,
Mein lieber Neffe, je von diesem Tag an
Sein Wappen blicken läßt in Kurnwal, soll er
Zusammen mit Isolde, meiner Frau
Von Irland, Todes sterben.«

Isolde.                                       . . . Unsre Namen
Mit Blut darunter stehn . . .

Sie geht nach dem Tisch rechts hinüber, wo sie die Figuren des Schachbrettes aufstellt. Paranis setzt sich ihr zu Füßen auf ein Kissen nieder. Brangäne räumt den Putztisch ab.

Paranis.                                     Seit jenem Tage
Habt Ihr gar viel geweint, Frau Königin!

Isolde. Du weißt – und fragst!

Brangäne.                               Frag nicht zu viel, Paranis.
Es möchte sein, daß dir das heiße Wissen
Um solche Dinge deine junge Seele
Noch ärger brennt!

Paranis.                         Sie sagen mehr noch, doch
Ich wills nicht glauben!

Isolde.                                 Was, Paranis?

Paranis.                                                     Sie
Sagen, Herr Tristan habe Euch, seit er
Euch ließ um Euer Leben und um seines,
Vergessen. So vergessen, daß er fern
Im Land Arund sich einem Weib vermählt.

Isolde.
Isolde Weißhand wirds genannt, Paranis . . .

Stille.

Paranis. Wenn ich die Sporen trage, Königin,
Will ich Euch treuer lieben, als Herr Tristan
Getan!

Isolde.     Wie alt bist du, Paranis?

Paranis.                                         Dreizehn
Ward ich, da man mich Euch zu eigen gab.
Nun bin ich vierzehn. – Wann ich träume, träum ich
Mich älter, Frau Isot, und liebe Euch
Mit ritterlicher Liebe, und mein Schwert
Trägt schwer und tiefe Scharten all um Euch,
Und meine Wangen werden blaß und rot
Vor Euch – und manchmal sterb ich auch für Euch . . .
Und wann ich aufgewacht, dann wein ich sehr,
Daß ich nicht älter bin.

Isolde.                                 Paranis, hör,
Es sind zwei Jahr, da kam einmal ein Spielmann
An Markes Hof und spielt' ein Lied. Versteh,
Ich sage nicht, daß es geschah bei uns,
Ein Spielmann, sagt ich, kam – und sang ein Lied
Von einer Königin und ihrem Knaben,
Der liebte sie mit ritterlicher Liebe,
Und seine Blicke gingen all nach ihr,
Und seine Wangen wurden blaß und rot
Vor ihr, und als der König diese Blässe
Und Röte sah, erschlug er mir den Knaben
Und nahm sein Herze rot und blaß – und briets
Und gabs beim Mittagsmahl der Königin für einen
Vogel zu speisen, den sein Falke fing.

Paranis. Darf man auch Lieder machen, Frau Isolde,
Wenn man die Sporen trägt?

Isolde.                                         Ja, es ist adlig!

Paranis. O Frau Isolde, seht, dann will ich lieber
Singen als kämpfen. Herren Tristans argen
Verrat an Euch will ich in Strophen setzen
Und an den Höfen singen, daß sie alle
Heiß weinen müssen, so wie Ihr getan.
Das Lied vom Herzen, das der König briet,
Hat mir gefallen.

Isolde.                       Merk dirs gut, Paranis.
Brangäne kann die Weise auch dazu,
Sie solls dir singen.

Brangäne am Fenster.   König Marke ist
Erwacht, ich hör ihn nach den Hunden rufen.

Isolde. Dann geh, Paranis, ihn von mir mit gutem,
Mit morgenlichem Gruß zu grüßen. Melde,
Ich schlief die Nacht vorzüglich, sei vergnügt
Und freue mich des guten Wetters! – Eile,
Die gälischen Barone werden bald
Zur Huldigung ins Burgtor reiten. Geh!
Und wenn der König dir die Sporen schenkt,
Will ich, Paranis, vorher selber in die
Rüstkammer gehn und dir die schönsten wählen.
Und innen soll mein Name tief ins Gold
Gegraben sein. – Geh nun und grüß den König.

Paranis küßt den Saum ihres Gewandes und geht.

 

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