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Tantris der Narr

Ernst Hardt: Tantris der Narr - Kapitel 21
Quellenangabe
typedrama
booktitleTantris der Narr
authorErnst Hardt
year1918
firstpub1907
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleTantris der Narr
pages159
created20180111
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfte Szene

Marke. Was bringt ihr mir?

Die erste Wache.                 Herr Marke, deine Boten
Haben die Bürgen des Vertrags zu spät
Erreicht. Sie fingen einen Mann im Wald
Und senden ihn. Er ward verwundet, weil
Er floh, als man ihn rief. Sein Pferd blieb tot.
Es ist ein fremder Mann, den niemand kennt!

Marke. Mein Gott, wie strafst du mich, dies Blut floß schuldlos!

Die erste Wache. Dem Manne ist der Tod sehr nah, Herr Marke.
Er sagt, er möchte vor dem Sterben Frau
Isolde schaun. Dies tät ihm not.

Gimelle.                                           Der Arme!

Marke. Führt ihn herein! Wie geht dies aus, mein Gott!
Es ist nicht heimlich heut auf meinem Schloß!
Erst stand ein Narr und dann ein Toter kalt
Vor meiner Tür! Ich bitt euch, Herrn, habt Mitleid
Mit mir!

Paranis.       Dort kommt der todeswunde Mann!

Der fremde Ritter wird vor Isolde geführt. Er geht fest und aufrecht.
. . . Ihr seid Isolde Blondhaar! . . . Gott vergeb Euch!

Der fremde Narr kauert teilnahmlos auf der Bank.
Mein armer Schwager Kuerdin! Wir gingen
Auf eine böse Fahrt zusammen aus . . .
Du dauerst mich!

Der fremde Ritter wendet sich nach ihm um und betrachtet ihn starr.

Ganelun unterdrückt, heftig.
                              Sperrt dir der Tod denn nicht
Einmal den Mund, du Tier!

Marke.                                       Kennst du den Mann?

Der fremde Narr. Du hörst es ja! Ich will auch bei ihm sitzen,
So er nun stirbt. Ich bin ein guter Priester!

Der fremde Ritter. Haltet den blöden Narren ab von mir,
Sein Schwätzen schändet meinen Tod.

Dinas.                                                         Herr Marke,
Mich dünkt, dies ist der Mann, den ich heut morgen
Im Walde sah. Doch trug er einen Schild,
Drauf glaubte ich des Herren Tristan Wappen
Zu sehn!

Marke.         Wer bist du, unglückseliger Mann?

Der fremde Ritter ruhig und leise.
Einer, der gut zu sterben weiß. Legt mich
Dort hin und schlagt mir meinen Mantel um.

Man legt ihn neben den Kamin auf die Steinbank nieder, dort liegt er wie das Bildwerk auf einem Sarkophag.

Marke zur ersten Wache.
Wo ist der Schild?

Der fremde Ritter.     Ich trug den Schild des Herren
Tristan von Lonnois, weil wir die Waffen
Aus großer Liebe wechselten. Der Herre Tristan
Ist meiner Schwester Ehgemahl . . . Er läßt
Euch grüßen, König Marke.

Marke auf ihn zu, leidenschaftlich.   Sprich, wo ist
Herr Tristan? Sprich! Erlöse mich! Gott kanns
Dir lohnen bald!

Der fremde Ritter stöhnend.
                            Bei seiner Fraue, die
Er liebt.

Der fremde Narr.   Du logst und logst auch nicht, Herr Schwager.

Marke. Gott spielt mit mir, ihr Herrn. Gott spielt mit mir!

Der fremde Narr. Ich will die Nacht hier bei ihm sitzen und
Die Totenwache halten.

Ganelun.                             Schweig, du Geier!

Die erste Wache. Der Ritter trägt an seiner linken Hand
In Gold gebettet einen Edelstein.
Soll er ihn aufbehalten – denn er starb!

Der fremde Narr reißt den Ring an sich.
Der Ring ist mein. Ich gab ihn ihm!

Ganelun stößt ihn.                                   Hinweg,
Verruchter Dieb!

Der fremde Narr.     Der Ring ist mein! So glaubts
Mir doch! Mein Lieb hat ihn mir einst geschenkt
Und schwur dabei! Jetzt will ich ihn Frau Isot
Als Narrengabe schenken. Nehmt ihn, Frau . . .

Isolde hält den Ring einen Augenblick, sieht ihn an, läßt ihn fallen und wankt.

Werft ihn nicht fort!

Brangäne.                     Die Königin wird krank.

Isolde in äußerster Erregung.
Erlöse mich, mein Gott. Ich weiß nicht, ob
Ich zwischen Leichen und Gespenstern noch
Lebendig bin. Es geht ein Wimmern durch
Das Schloß!
    Sie flieht nach der Treppe.
                    Laßt mich hinauf! Brangäne, komm!
Gimelle! Kommet beide!
    Sie dreht sich auf halber Treppe um.
                                        Zürnt mir nicht,
Herr Marke, denn Ihr habt ein widerlich
Gespenst zum Spiel und Eurer Lust auf mich
Gehetzt, daß mir die Seele friert! Kommt, meine
Frauen, und steht mir bei. Mich schauderts!
    Sie eilt hinauf.

Der fremde Narr springt auf den Tisch, um ihr nachzusehen
O süße Frau Isolde, habet Mitleid
Mit mir und meiner armen siechen Seele!

Ganelun. Du Rabe, schweige!

Der erste Baron.                     Schlagt ihn tot und speit
Nach ihm!

Der zweite Baron.   Es ist ein widerlich Gewürm!

Marke. Packt mir den Narren, haltet ihn mir gut!
Du frecher, toller Hund, was kränkest du
Mit deinem Aberwitz mir meine Fraue
So bitterlich!

Der fremde Narr.   Nehmt euch in acht!

Der erste Ritter faßt von hinten seine Handgelenke
                                                              Ich halt ihn.

Marke. Die Wachen sollen diesen tollen Gaukler
Mit Peitschen streichen für sein freches Spiel
Und von der Mauer werfen. Hetzt die Hunde
Auf ihn, wenn er nicht läuft und meine Burg
Wie brennend Feuer flieht. – Schleppt ihn hinaus!

Ugrin in äußerster Hast und Erregung.
Herr Marke, guter König Marke, sieh,
Er ist ein Bruder doch von mir, ein armer
Geschlagner, toller Tropf, der sich nichts Übles
Gedacht bei seinen Späßen. Seht ihn an,
Er sieht gar mißlich aus und wollte nur
Euch lachen machen so wie ich. Vergebt
Ihm doch und jagt ihn nicht wie einen schlechten
Räudigen Hund aus Eurem Haus ins Finstre.
Er hungert auch. Ihr habt ihm nichts zu essen
Gegeben unter Eurem königlichen
Dache und nichts zu trinken! Seht, ich bin
Ein alter Mann, und dieser ist mein Bruder,
Ein Narr wie ich. Er dauert mich. – Laßt mich
Ihn hier behalten diese Nacht. Ich will
Ihn neben mich auf meine Decke nehmen,
Dort mag er schlafen, und des Morgens, wenn
Die Sonne ihm den Weg erhellt, dann soll
Er gehn und sich ein Unterkommen suchen.
Ihr habt ihn selber ja gereizt zu Späßen.
Meßt sein und Eure Schuld nach gleichem Maß!
Er ist ein dummer tölpelhafter Narr,
Gewiß, doch straft ihn nicht und laßt ihn hier
Bei mir ein wenig schlafen, daß er sich
Erholen mag . . . Er sieht nicht lustig aus.

Marke. Ugrin, mein alter Bursch. – Dies ist was Neues
An dir!

Ugrin.       Mein Dienst ist Narrentum, Herr Marke,
Ihr kennt nur meinen Dienst!

Marke.                                         So kann ich doch
Zu Abend heut noch jemanden erfreun!
Behalt den Tölpel bei dir! Doch du haftest
Für ihn, daß er nicht Feuer anlegt oder
Sonst Unheil noch in seiner Tollheit stiftet.

Der Ritter läßt den Narren los. Der Narr kauert sich auf den Tritt.

Ugrin. Herr Marke, seht, Ihr seid fürwahr ein guter
Und lieber Vetter. Gute Nacht, mein Vetter.
Geh, schlaf dich aus. Du hast es nötig. Und . . .
Vergiß mir auch die neue Weisheit nicht!

Marke. Ihr Herrn, ich wünsch euch gute Ruh nach diesem
Verwirrten Tag. Morgen wollen wir
Den Toten dort in ritterlichen Ehren
Bestatten, denn er starb wohl ohne Schuld!

Ganelun. Schlaft wohl, Herr Marke.
    Geht die Treppe hinauf.

Der erste Baron.                               Gott beschütze Euch!

Die Barone gehen hinauf, die Wachen und Ritter hinaus. Die Schenke löschen die Ölflammen bis auf wenige.

Marke auf der Treppe.
Dinas, komm du und wache noch ein wenig
Bei mir. Mir ist nicht wohl zumut.

Dinas steigt ihm nach.                           Ich bleibe
Mit dir bis an den Morgen, wenn du willst!

Ugrin ruft ihnen nach.
Daß ihr euch nicht erkältet, liebe Vettern!

Alle haben die Bühne verlassen; der Mond wirft den Schatten des Gitters in die Halle; der fremde Narr kauert regungslos. Ugrin wendet sich zu ihm.

 

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