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Tantris der Narr

Ernst Hardt: Tantris der Narr - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleTantris der Narr
authorErnst Hardt
year1918
firstpub1907
publisherInsel-Verlag
addressLeipzig
titleTantris der Narr
pages159
created20180111
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Akt

Isoldens Gemach auf Schloß Lubin.

Erste Szene

Ein senkrecht auf einige Meter in den Raum vorspringender Wandteppich sondert den linken dritten um eine Stufe erhöhten Teil des Gemaches ab, die Hinterwand dieses Drittels besteht aus einer breiten, doppelbogigen Fensteröffnung. Der Blick streicht über mächtige Kiefernkronen, darüber grenzenloser Himmel. – Vor einem Ruhebett ein runder Tisch mit einem großen goldenen Bauer; darinnen sitzt das Zauberhündchen Petikrü, ein Spielzeug aus Erz und Edelstein. Dicht daneben ragt ein brennender Ölkandelaber vom Boden auf. Der große Raum rechts von dem Gobelin ist fast leer, vorn steht ein Tisch, und den Boden bedeckt ein mit Wappenschilden verzierter Teppich. In der Mitte und rechts breite Flügeltüren. Isolde sitzt in einem weiten, pelzverbrämten Hausgewand vor dem Bauer auf dem Ruhebett, und Brangäne löst ihr das in zwei Zöpfen geflochtene Haar. Das kalte, trübe Licht wächst allmählich, die aufgehende Sonne färbt die Baumkronen und gießt ihre Glut rot und golden darüber hin.

Isolde singt:
Du Hündchen aus Purpur, aus Safran,
Hündchen aus Gold und Smaralt,
Dich schuf der Riese Urgan
In Avaluns Zauberwald.
Purpur und Safran,
Gold und Smaralt,
Im Monde gegossen,
Hat Zaubergewalt,
Wo wer aus Liebe weint.

Herr Tristan
Der liebende, treue
Schlug den Urgan zu Tod
Und raubte Petikreue
Für sehnende Liebesnot.

Herr Tristan der gütige wollte
Daß ich nicht weinend schier
Vor Tränen vergehen sollte.
Drum sandt er das Hündchen mir.

Herr Tristan ist untreu worden . . .
Gott soll es strafen an ihm,
Daß er mich will ermorden.
Doch sterbend noch küss ich ihn.

Isot die Blonde,
Wie Gold und Smaralt,
Hat liebend vorm Tode
Wohl Zaubergewalt,
Wann einst Herr Tristan stirbt.

Isolde steht auf, löscht das Licht und tritt überflutet von ihrem Haar ans Fenster. Brangäne öffnet eine Truhe, nimmt Gewänder heraus, Kämme, Spiegel, Dosen, und bereitet einen Putztisch vor.

Isolde. Nun schwillt das Licht im Land. Die schwarzen Wipfel
Träufen vom Sturm zerwühlt ins Moos hinab
Mit tausend Funken, tausend Tropfen, kalt
Und blank. – Ein Tag, ein neuer Tag, und stets ein
Neuer – und wieder Nacht nach jedem Tag, und also
Rinnet die Kette aus den schwarz und weißen
Perlen an mir vorbei – endlos und gleich . . .
    Sie wendet sich und streift ihr Hausgewand ab.
Den neuen weißen Mantel gib, Brangäne,
Und kämme mich. Mich schmerzt mein Haar.

Brangäne wirft ihr einen Putzmantel über. Isolde setzt sich vor den bereiteten Tisch, und Brangäne kämmt sie, indem sie ihr Haar in einzelne Strähnen teilt und die gekämmten nach vorn über Isoldens Schulter hängt.

Brangäne.                                                             Der Kamm
Zischt wie ein Kiel, die schmalen Zinken finden
Nicht Grund noch Ufer in dem blonden Meer.
Nie war dein Haar so schwer und voll, Isolde,
Sieh doch das goldne Gold! sieh her!

Isolde.                                                       Mich schmerzts . . .

Brangäne. Hier ist es feucht, als hätt es heimlich viele
Tränen getrocknet in der letzten Nacht!

Isolde. Ich dachte, ob Herr Tristan wohl bei seinem
Weib war in dieser Nacht und ob er ihr
Dieweil so süße Namen gab wie mir.
Vielleicht saß er auf ihrem Bett, erzählte
Von mir, und beide lachten. Ob sie wohl
Schön ist, des Herren Tristan Bettgenoß . . .

 

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